Workshop: Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

15. Mai 2019

ROLI Seaboard Block am Modularsystem

Workshop: Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

Workshop: Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

Roli Modular – ist das überhaupt sinnvoll? Die Roli Seaboards kennt wohl mittlerweile jeder, ebenso die Roli Block-Serie, die ebenfalls ein Mini-Seaboard mit zwei Oktaven bietet. Aber modular? Was soll das damit zu tun haben? Es stellt sich nämlich heraus, dass das eine ganz potente Verbindung ist.

Ausdrucksstark

Wenn man sich das ROLI Block Seaboard anschaut, so gilt das Gleiche wie für alle MPE (MIDI Polyphonic Expression) Controller: Man hat einfach mehr Spielhilfen an einem Platz als bei üblichen Controllern. Aftertouch und Velocity gibt es ja auch bei zahlreichen anderen normalen Keyboards, ist aber deswegen gerade ein gutes Beispiel für die These. Anstatt mit einem anderen Körperteil zu einem Stick, Pedal, Blaswandler zu greifen, hat man den zusätzlichen Controller direkt unter dem Finger, der auch die Note spielt. Ergebnis – die anderen Extremitäten bleiben frei für Weiteres.

Die MPE-Controller erweitern dieses Konzept, meistens um mindestens zwei Ebenen. Zum einen können sie die vertikale Position des Fingers ablesen und daraus weitere Controller-Daten generieren. Soll heißen, durch Rutschen mit dem Finger auf der Tastatur kann man z. B. ein Filter öffnen und schließen. Die zweite Ebene ist die Horizontale. Es ist, als könnte man mit der Taste wackeln (habt ihr gehört, Hersteller von Standard-Tastaturen?) und dadurch Pitchbend-Werte erzeugen.

Controller-hungrig

Auf der anderen Seite stehen da die Modularsysteme, deren vornehmstes Merkmal es ist, unzählig viele Ein- und Ausgänge zu besitzen – und genau da besteht die potente Verbindungsmöglichkeit. Um die Stärken eines Modularsystems auch ausnutzen zu können, muss man vor allem viele Modulationen benutzen können und das mit möglichst geringem Aufwand. Wenn ich also mit einem Finger gleich fünf Parameter (Velocity, Aftertouch, vertikale Position, horizontale Position und Tonhöhe) steuern kann, sollte es ein Einfaches sein, ausdrucksstarke Sounds zu kreieren. Und da man ja noch eine ganze Hand frei hat, übernimmt diese natürlich allerlei Schraub- und Justierungsarbeiten am Modularsystem vor – wenn man möchte. Dabei sind abgeleitete Controller-Daten noch gar nicht mit einbezogen. Man könnte ja auch einen LFO in der Periode modulieren, abhängig von der Zeitspanne zweier aufeinanderfolgender Noteneingaben.

Hochzeitsvorbereitungen

OK, die Idee eines ROLI Modular scheint vielversprechendes hervorbringen zu können – wie setzt man das aber jetzt um? Es gibt mehrere Möglichkeiten, das ROLI Seaboard Block auszulesen und diese Daten in Kontrollspannungen umzuwandeln, die das Modularsystem versteht. Dabei kommen einem die Expert Sleepers Silentway Module in den Sinn. Eine DAW nimmt die MIDI-Daten des MPE-Controllers an, und die SilentWay-Plugins wandeln das in zunächst digitale Controller-Daten um. Über ein ExpertSleepers-Eurorack-Modul (z. B. das ES-3) wird dann aus der virtuellen Spannung eine reale und kann an die Synth-Komponenten im Eurorack verteilt werden.

Ganz ohne DAW?

Was aber, möchte man den Rechner ganz aus der Gleichung nehmen? Dann kann die Wahl eigentlich nur auf das Modul Endorphines Shuttle Control fallen. Eigentlich Teil des Shuttle-Modular-Systems von Endorphines kann man das Modul auch einzeln erwerben. Was prädestiniert das Modul nun so für die geplante Hochzeit? Es nimmt den Rechner tatsächlich (beinahe) vollständig aus der Gleichung und wird mit Werks-Presets ausgeliefert, die man auch wirklich sinnvoll einsetzen kann. Endorphines Shuttle Control bietet zwei USB-Host Eingänge, um Keyboards und Controller anzuschließen und einen to device Eingang, mit den man das Modul entweder an einen Rechner anschließen kann, um es zu konfigurieren oder um mehrere Endorphines Shuttle Control zu kaskadieren.

Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

Ausgangsseitig bietet das Modul satte 16 CV-Ausgänge, die beliebige Aufgaben übernehmen können wie Gate-, LFO- oder V/Okt-Ausgang. Das alles legt man in der Konfiguration fest, bei der man zwingend einen Rechner braucht, wenn man von den Voreinstellungen abweichen möchte. Für mich ein Manko: Es gibt keine Standalone-Software dafür. Man ist gezwungen, einen Browser einzusetzen, der die MIDI-API unterstützt. Da bleiben eigentlich nur Google Chrome oder Opera.

Das ist in diesem Fall aber erst mal egal, denn die erwähnten Werks-Presets sind mit besonderem Augenmerk auf MPE-Controller gewählt worden. Also immer rein damit dem ROLI Seaboard Block und gleich das erste Preset (start up preset monophonic general setup) gewählt, das ganz auf eine Synth-Stimme ausgerichtet ist. So einfach geht ROLI Modular? Und tatsächlich kommen bei allen Bewegungen, die man auf dem Controller macht, an den Buchsen CV-Signale raus. Das kann man sofort sehen, denn auch ganz ohne Patch zeigen die rot/grünen LEDs an, ob eine Ausgangsspannung anliegt und welche Polarität sie hat.

Roli Block Seaboard steuert modulares Eurorack

Also schnell die vier Standardmodule für eine Synth-Voice geschnappt und rein damit ins Rack. Benötigt werden:

  1. VCO
  2. VCA
  3. VCF
  4. ADSR

Der Hüllkurvengenerator kann auch ein anderer sein, wichtig ist aber, dass er eine Sustain-Phase bietet, damit der Ton auch gehalten werden kann.

Im konkreten Fall fiel die Wahl auf:

  1. ACL Variable Sync VCO
  2. ½ Doepfer A-132-3 Dual VCA
  3. Erica Synth Polivocks VCF
  4. Rossum electro-music Control Forge in ADSR Konfiguration

Als nächstes müssen wir die Konfiguration des Endorphines Shuttle Control herausfinden. Obwohl man das auch seht gut durch Spielen auf dem ROLI Seaboard Block herausbekommt, bietet die Anleitung dankenswerterweise eine Dokumentation der Werks-Presets an.

Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

Endorphines Shuttle Control – Factory Preset 1

Der erste Patch

Beginnen wir mit den offensichtlichen Sachen:

Steuerspannungen (1)

  • Ausgang 9 (Gate) kommt in den Gate-Eingang des ADSRs.
  • Ausgang 1 (V/Okt) kommt in den V/Oct-Eingang des VCOs.

Audiosignal

  • Da wir auch die Pulsbreitenodulation nutzen werden, verbinden wir den Rechteck-Ausgang des VCOs zunächst mit dem Filtereingang.
  • Vom Filter geht es dann in den Signal-Eingang des VCAs, dessen Ausgang dann zum Audiointerface geht.

Zu simpel

Vorausgesetzt, man hat das Filter auf und die Hüllkurve und den VCA richtig eingestellt, erklingt bereits jetzt ein Ton. Aber irgendwie langweilig, da man nur die Tonhöhe spielen kann, ohne jeglichen Ausdruck. Da wirkt ROLI Modular fade. Interessant wird es, wenn man nun die erwähnten Spielhilfen mit einbaut.

Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

ROLI Modular – Patch 1

Steuerspannungen (2)

  • Ausgang 3 (vertikale Fingerposition) kommt in die erste Cutoff-Steuerung des VCFs.
  • Ausgang 12 (Aftertouch) kommt in den PWM-Eingang des VCOs.
  • Ausgang 15 (horizontale Fingerposition) kommt in einen exponentiellen FM-Eingang des VCO.

So kommen wir der Sache schon näher. Jetzt lässt sich bereits jede denkbare Fingerbewegung auch in eine Änderung des Klangs umsetzen. Natürlich sind das hier nur Vorschläge, warum nicht Filter-Cutoff mit Aftertouch steuern und die PWM mit der vertikalen Fingerposition? Oder das Filter über Velocity steuern, die noch gar nicht angeschlossen wurde. ROLI Modular – we have contact!

Da geht noch mehr

Aber mit dem Werks-Preset liegen zwei besondere CV-Ausgänge vor. Diese erzeugen ihre Spannung nicht direkt über eine Fingerbewegung, sondern leiten ihre Ausgabe ab. Da wäre zunächst Ausgang 14. An diesem liegt ein Sinus-LFO an, der seine Frequenz von zwei aufeinanderfolgenden Noteneingaben ableitet. Je kürzer die Zeit zwischen diesen ist, desto schneller schwingt der LFO. Ich habe ihn zunächst einmal mit der zweiten Cutoff-Steuerung des VCFs verbunden und diese nur leicht aufgedreht.

Ausgang 13 des Endorphines Shuttle Control stellt einen Rechteck-LFO bereit, der seine Frequenz mit der vertikalen Fingerposition ändert – und das bis in den Audiobereich. Das bietet sich natürlich auch für die Filter oder die Pulsbreitensteuerung an. Durch die vertikale Position kann man dann am ROLI Modular den zusätzlichen Anteil an Harmonischen steuern.

Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

ROLI Modular – Patch 2

Erst der Anfang

Dieser Patch und dessen Variationen sind sicherlich erst der Anfang, zeigt aber schon sehr gut, dass die Verbindung von MPE-Controllern mit dem Modularsystem ein großes Feld an der Umsetzung von Expression in Klang eröffnet. Sicherlich ist das hier Gezeigte nicht nur für Keyboard-Spieler interessant, sondern auch für Sequencer-orientiere Musik nutzbar – die Notenposition könnte dann die Sequenz transponieren, ein zusätzliches Filter steuern oder unzählige andere Dinge kontrollieren.

Aber gerade für Keyboard-Spieler eröffnet sich die Möglichkeit, einen ganz eigenen und unverwechselbaren Sound zu entwickeln, der ein Alleinstellungsmerkmal ist. Im Gegensatz zu anderen modularen Patches wird man dann eher ein festes Setup zusammenstellen, das man nur noch in Nuancen verändert, z. B. Cutoff mit PWM tauscht wie oben beschrieben. Das geht auch zwischen zwei Songs und mit ein paar Schaltmodulen sogar während eines Lieds.

Mit Roli Block Seaboard Modularsystem steuern

ROLI Modular – Patch 3

Mir macht das Lust auf mehr ROLI Modular. Und genau das haben sich die Leute bei Endorphines auch gedacht. Die nächsten Programme des Modules tragen die Namen: duophonic preset configuration, 3 voices polyphonic configuration etc. Hier werden dann die Polyphoniemöglichkeiten des ROLI Seaboard Block ausgenutzt und man kann analoge Akkord-Bretter vom Feinsten zimmern. Dazu aber ein anderes Mal.

Patches im Detail

Bei den Klangbeispielen kam der beschriebene Basis-Patch zum Einsatz und wurde nur leicht variiert. Um das Ganze ein wenig ansprechender zu gestalten, kamen noch ein C-Drone und ein Pfund Reverb zum Einsatz. Für das Video habe ich mich dann für Variation 3 entschieden.

Variation 1

  • PWM über Aftertouch

  • Filter-Cutoff über vertikale Fingerposition

  • Filter-Cutoff über Tap-LFO

Variation 2

  • PWM über Rechteck-LFO via vertikaler Fingerposition

  • Filter-Cutoff über vertikale Fingerposition

  • Filter-Cutoff über Tap-LFO

Variation 3

  • PWM über Tap-LFO
  • Filter-Cutoff über Rechteck-LFO via vertikaler Fingerposition

  • Filter-Cutoff über vertikale Fingerposition

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    JensBee

    Hallo,
    vielen Dank für die Inspiration. Ich bin Besitzer des Shuttle Control Moduls, aber nicht auf die Möglichkeit gekommen.
    Meines Wissens ist aber nur ein Host Anschluß nutzbar. Den anderen kann man als Sttromversorgung nutzen.

    Gruß Jens

    • Profilbild
      t.goldschmitz  RED

      Besten Dank!
       
      Würde gerne auch noch über was Polyphones schreiben, mal sehen wie der Artikel hier ankommt…
       
      Beste Grüße,
      Thilo

  2. Profilbild
    Marcel Halbeisen  

    Hollaholla…. Es gibt Artikel die sind interessant, es gibt solche die faszinieren mich und es gibt solche die mich direkt ansprechen. Ich wusste aber nicht, dass es Artikel gibt, bei denen man meint sie seien extra dazu geschrieben um etwas zu lösen, an das ich gar noch nicht gedacht habe. Mein Seaboard mit meinen modularen Lieblingen verbinden? Natürlich habe ich da schon mal daran gedacht und auch schon Informationen gesucht. Aber bisher war es alles für mich zu kompliziert, zu unsicher und damit evt. auch zu teuer wenn ich dann doch das falsche versucht hätte. Vielleicht wäre es auch der gänzliche falsche Ansatz gewesen, daher verdrängte mein Selbstsicherungssystem den Gedanken ganz weit hinten in meine Hirnwindungen. Hier aber scheint es ein Volltreffer zu sein, den ich einfach umsetzen muss.
    Ganz herzlichen Dank Thilo, genau das was ich nicht mehr suchte, aber eigentlich immer noch gesucht habe.

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