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Workshop Modular Synthesizer: Pulsbreitenmodulation und mehr

Monophone Synthesizer waren das Beste, was Oxygéne und Equinoxe passieren konnte. Monsieur Jarre hatte keine Möglichkeiten, sich bombastischen Klangteppichen oder übertriebenen Leadsounds hinzugeben, ganz im Gegenteil. Er musste sich um jede Stimme, beinahe um jeden Ton, bemühen. Er bastelte seine Akkorde (von der Eminent Orgel oder dem frühen Korg Polyphonic Ensemble abgesehen) mühsam aus vielen Melodielinien zusammen. Und gesetzt den Fall, dass mit einigen Eminent-Streichern die Akkordwelt der Komposition tatsächlich ausreichend erschöpft war, musste das dennoch vorherrschende klangliche Vacuum erst durch interessante Hintergrundsequenzen oder kleine Melodiefetzen ergänzt werden. Ohne diese Vielschichtigkeit, ohne Überlagerung von Melodien zur Schaffung von Akkorden hätte es Oxygéne nie gegeben.

Die berühmte Laser-Harp triggert einen Elka Synthex-Sound. Obwohl das Instrument 8-stimmig ist, kommt es - wie hier - häufig nur monophon zum Einsatz

Die berühmte Laser-Harp triggert einen Elka Synthex-Sound. Obwohl das Instrument 8-stimmig ist, kommt es – wie hier – häufig nur monophon zum Einsatz

Polyphone Möglichkeiten boten sich nur im kleinen Rahmen. Die dürftigen Sounds aus Orgeln und String-Machines wurden mit Phaser noch etwas verschönert, und auch Yamahas CS-60 konnte seines wenig stimmstabilen Charakters wegen als polyphones Instrument sicher nicht wirklich punkten.

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Was blieb, war das weite Feld der monophonen Klangerzeuger. Ob ARP-2600, EMS VCS3, AKS, Oberheim SEM oder andere Exoten – sie machten letztlich die Würze in der Suppe und die Musik zum Erfolg. Zwar ist Jean-Michel Jarre vielen seiner wichtigsten monophonen Weggefährten bis heute treu geblieben, doch ihr Einsatz änderte sich schon nach kurzer Zeit. Mit zunehmend polyphonen und modernen Synthesizern erledigten „große Kaliber“ (Fairlight, Elka Synthex, JD-800, u.a.) das Thema der Klangteppiche und Bombastik, während ARP-2600 & Co. fast ausschließlich nur noch als Effektmaschinen und für rhythmisch-impulsive Sequenzen verwendet wurden. So blieb eine gewisse, charakteristische „Hülle“ erhalten, doch der musikalische Inhalt – und damit der Gesamteindruck vieler neuerer Werke – war ein deutlich anderer…

Was hat dies nun mit dem Thema der Oszillator-Schichtung und dem Doepfer A-100 zu tun? Mehr als man denkt: Die Grundproblematik und der mögliche Lösungsansatz rund um „Monophonie als Baustein und Schlüssel zur echten Polyphonie“ sind gerade bei einem Modularsystem allzu deutlich vorhanden…

Monophonie als Basis zur ‚echten‘ Polyphonie

Es macht eben einen Unterschied, ob man 4-stimmige Akkorde auf einem polyphon ausgelegten Instrument (sagen wir einem Access Virus) greift, oder ob man mittels des A-100 Modularsystems 4 einzelne Tonspuren mit jeweils einer Stimme anlegt, die dann erst in Summe den gewünschten mehrstimmige

n Akkord ergeben.

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Der Nachteil hierbei ist natürlich das deutlich umständlichere Handling. Man muss sich die einzelnen Tonlinien innerhalb der Akkorde erst überlegen oder gar notieren, jede Spur dann einzeln aufnehmen und schließlich alles mischen. Der Vorteil allerdings ist eben genau (!) diese Prozedur. So kann man im Zuge der Mehrfach-Aufnahme individuell jeder Stimme eine leicht geringfügig variierende Klangfarbe geben (oder sie gar mit völlig anderen Klängen besetzen), hie und da ein Vibrato einbauen, einzelne Spuren minimal höher/tiefer justieren (verstimmen), „nur“ der obersten Stimme – der Melodielinie innerhalb der Akkorde – ein schönes Delay verpassen, etc. Auch wird es – im freien Spiel – nicht gelingen, alle Stimmen wirklich rhythmisch exakt einzugeben – geringfügige zeitliche Verschiebungen innerhalb der Akkordtöne sind also garantiert. Doch gerade das ist ein wichtiges Wesensmerkmal der Musik! Je „natürlicher“ der Gesamteindruck ist, umso angenehmer und „interessanter“ ist das klangliche Geschehen. Das musikalische Resultat ist folglich nicht (nur) die Frage des Ideenreichtums eines Künstlers, sondern auch eine Frage der technischen Umsetzung! Und die beginnt im Bewußtsein, was Poly-Phonie in ihrem Kern wirklich bedeutet…

Der A-110 VCO als monophone Klang-Basis zur Polyphonie. Abbildung: Das (Frequenz) Range-Poti lässt sich über den markierten Bereich weiterschalten...

Der A-110 VCO als monophone Klang-Basis zur Polyphonie. Abbildung: Das (Frequenz) Range-Poti lässt sich über den markierten Bereich weiterschalten…

Es gibt in der Musiktheorie übrigens einen Begriff für jene Mehrstimmigkeit, die Wesensmerkmale von Mono- und Polyphonie in sich vereint. Man spricht von „Homophonie“, einer Sonderform der Mehrstimmigkeit, die vor ca. 450 Jahren rund um die Entstehungszeit der Oper in Mode kam und in der alle Stimmen denselben Rhythmus haben. Der Name leitet sich vom griechischen homophōnía „Gleichklang“ ab. Es ist eine Satztechnik, in der die Melodiestimme (die Gesangsstimme) führt, während die anderen Stimmen (Begleitinstrumente) dieser untergeordnet sind. Damit die Sprachverständlichkeit des Gesangs erhalten bleibt, müssen alle beteiligten Stimmen (Gesang und Instrumente) denselben Rhythmus haben. Auch vollgriffige und gleichzeitig gespielte Akkorde haben in vielen Fällen melodischen Charakter und erklingen genau genommen homophon. Doch wird der Begriff im modernen Musikjargon meist durch „Polyphonie“ ersetzt, auch wenn es nicht ganz korrekt ist…

Klangbeispiel Nr. 14 widmet sich ganz gezielt der Gegenüberstellung von Monophonie – Homophonie – Polyphonie. In diesem Fall wurde ausnahmsweise der Elka Synthex bemüht, um sein BandPass-Filter und vor allem seinen 4-Spur Sequenzer zum Einsatz zu bringen. Dem Hörbeispiel liegt eine einfache, zerlegte Sechzehntel-Sequenz – ein einziger Takt – zugrunde, der geloopt wird.

Es beginnt mit der „Vorstellung des Themas“ – einstimmig: Monophonie. Dann setzen nach und nach 3 weitere Stimmen im selben Rhythmus ein: Homophonie. Als Rückbesinnung folgt wieder eine kurze einstimmige Phase, die in Folge neuerlich von den 3 Stimmen überlagert wird – diesmal jedoch verschoben und somit in einem unterschiedlichen Rhythmus: Polyphonie. Schließlich endet das Hörbeispiel wieder monophon, die Musik kehrt quasi zu ihrem Ursprung – zum (einstimmigen) Thema – zurück.

Das Erstaunliche daran ist, dass für solch unterschiedlichen Klangeindrücke wie in diesem Hörbeispiel nur EIN einziger Takt an musikalischem „Grundmaterial“ benötigt wird. Letztlich ist es bloß eine simple Tonfolge mit 9 Schritten. Der gezielte Einsatz von Mono-, Homo- und Polyphonie macht daraus aber ein sehr weites Feld an musikalischen Impressionen…

Ein VCO – polyphone Musik?

Natürlich benötigt es NICHT mehrere (gleichzeitige) Stimmen, um mehrstimmige Musik machen zu können. Hier sei Klangbeispiel Nr. 13 quasi als Beweismittel empfohlen, das nur mit einem einzigen (!) A-110 VCO entstanden ist. Mehrspur-Aufnahmen machen es eben möglich. Sie sind heute sogar einfacher denn je und auf Wunsch kostenlos: Zum Einsatz kam hier die Audio-Freeware Audacity (daher wohl auch der eine oder andere Drop-Out).

So ist es – aus dem Blickwinkel der Musikpraxis – nur bedingt sinnvoll, Modularsysteme nach ihrer Größe, Komplexität oder nach Anzahl ihrer Module zu bewerten. Solche Fakten sagen letztlich nicht viel über das musikalische Endresultat aus. Es genügt bereits ein bescheidenes System mit einem (!) VCO, VCF, LFO, VCA und einer Hüllkurve. Schon damit lässt sich – mit Multi-Tracking – sehr respektable (und lebendige) polyphone Musik erzielen. Spezielle Module wie Ringmodulator oder das A-188-1 BBD Module (eines von Dieter Doepfers Lieblingsmodulen) erweitern die klanglichen Möglichkeiten natürlich um so mehr. Doch die Basis beginnt bei „einer“ gut geformten Stimme rund um VCO-VCF-VCA.

Egal, welche Art elektronischer Klangkunst man nun produziert, es lohnt sich auf alle Fälle, das Bewusstsein „eines gut geführten Tones“ (zumindest im Ansatz) gegen den unbedachten Einsatz polyphoner Klangteppiche auszutauschen. Muss nicht heißen, dass dies als Allheilmittel für musikalisch ansprechende Ergebnisse zu verstehen ist, doch macht es – selbst wenn man sich später wieder den vollgriffigen Akkorden oder Klangteppichen hingibt – im Kopf einen deutlichen Unterschied. Ein kleiner Denkansatz eben, dass gerade polyphone Musik ursprünglich „bei einer Stimme“ beginnt.

Polyphonie findet ihre Wurzel in der Monophonie. Erst das Zusammenfügen einstimmiger Linien ergibt in Summe Poly-Phonie im Sinne des Erklingens einzelner – und unabhängiger Stimmen in einem Ganzen. Wenngleich der Aufwand durch notwendige Mehrspuraufnahmen deutlich höher ist, ist das klangliche Ergebnis auch bei weitem lohnenswerter. Durch ihre sensiblen Steuer- und Eingriffsmöglichkeiten eignen sich Modularsysteme wie das Doepfer A-100 sehr gut, um interessante Einzelstimmen und damit – durch Multi-Tracking zusammengefügte – hochwertigste polyphone Musik zu erzeugen.

Die nachfolgenden Klangbeispiele der „Oszillator-Schichtung“ sind mit einer Minimalausstattung des A-100 Modularsystems entstanden: A-110 VCO, A-109 VC Signal Processor (nur 24 dB Filter), A-143-2 Quad ADSR (nur eine Envelope) sowie A-132-3 Dual VCA – unter Verwendung von Mehrspur-Aufnahmen. Es bedarf also nicht viel Aufwand, um ein großes Potenzial an Möglichkeiten selbst für polyphone Musik zur Verfügung zu haben.

Zur Realisierung ansprechender polyphoner Musik genügt bereits ein kleines Modularsystem...

Zur Realisierung ansprechender polyphoner Musik genügt bereits ein kleines Modularsystem…

Damit endet der Basis-Workshop rund um analoge Oszillatoren bzw. rund um den CEM-basierten High-End VCO A-111 sowie den Standard VCO A-110. Die Beiträge sollen im Ganzen aufzeigen, wie wichtig kleinste Gesetzmäßigkeiten der Physik – wie etwa die Schwingungseigenschaft der Schwebung – sind, dass ein Ton (häufig) de facto aus mehreren Tönen / Schwingungen besteht, welch unterschiedliche musikalische Klangbilder sich mittels Oszillator-Synchronisation erreichen lassen (je nach Art und Einsatz der Modulationsquelle), wie gut sich modulare VCOs als CV-Quelle im Studio eignen, über welch enormes klangliches Potenzial eine simple Pulswelle verfügen kann, und wie sich mit der Schichtung monophoner Linien hervorragende (und im wahrsten Sinne „echte“) polyphone Musik erzeugen lässt.

In den nächsten Folgen widmen wir uns den Hüllkurven.

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Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Hallo! Ihr Amazonanier! Ich finde eure Artikel immer genial spannend, aber das von Seite zu Seite geklicke nerwt dann doch unheimlich! Könntet ihr nicht einen Link einbauen wo alles dann gleichzeitig angezeigt wird. Das würde mir auch viel angenehmer machen eure Artikel auf meinem iPhone zu lesen.

    MfG,
    Gilles aka READYdot

    • Avatar
      AMAZONA Archiv

      Ich unterstütze den Antrag! Und wenn man dann noch die Links auf die Soundbeispiele so ändern könnte, dass sie immer in einem neuen Fenster oder Tab aufgehen, wäre das toll.
      Ansonsten: tolle Artikelreihe!

  2. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Prima Artikel mit zunächst etwas überraschenden, dann aber sehr überzeugenden, ja sogar inspirierenden Schwerpunkt zur Klangkunst bzw. elektronischen Klangkomposition. Die Audiobeispiele sind üppig geraten und schön. Danke Theo!

    • Profilbild
      Bloderer  AHU

      Vielen Dank! Ich habe zur Gegenüberstellung von Monophonie – Homophonie – Polyphonie noch ein Soundfile nachgereicht. Im Zuge der Modular-Testreihe wird mir immer klarer, wie wichtig sehr grundlegende Gesetzmäßigkeiten der musikalischen Umsetzung sind. Die Vorstellung vom klanglichen Ablauf beginnt eigentlich im Kopf – da können diverse Analysen und „Gedanken über die Musik“ eine Hilfe sein. Das Gute daran ist, dass die Ideen oder Gedankenansätze „weiterarbeiten“, selbst wenn man gar keine Musik macht – im Alltag sozusagen. Viele Grüße!

  3. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Auch als „nur Software-User“ sage ich Danke für diesen 3-teiligen Beitrag mit den äußerst interessanten Grundlagen der Klangerzeugung und -gestaltung sowie den hervorragenden Audio-Beispielen!

  4. Profilbild
    TZTH  

    Super Artikel!
    Gerade auch wegen dem schönen Exkurs zu Polyphonie etc. Du hast damit möglicherweise wirklich Recht, warum durch die aus der Einschränkung geborenen alten Jarre Sachen dadurch spannender sind. Auch erfreulich, dass Du betonst, dass nicht die Menge an Modulen die Qualität der Musik bestimmt.

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