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Workshop: NI Guitar Rig 2 / Teil 2


Workshop: Guitar Rig

Nachdem sich der erste Teil des Native Instruments Guitar Rig Workshops (siehe AMAZONA.de Archiv) ausschließlich mit dem Zusammenspiel von Verstärker, Box und Mikrofon beschäftigt hat, soll nun die Effekt- und Dynamiksektion genauer unter die Lupe genommen werden. Wie versprochen, werden auch alternative Einsatzmöglichkeiten von Guitar Rig anhand einer Vocalspur und einer E-Piano Simulation gezeigt. Zunächst nehmen wir uns aber zwei unterschiedliche Gitarrenspuren vor und setzen diese klanglich in Szene.

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Die Gitarrensounds
Zu Beginn befassen wir uns mit der Klanggestaltung einer Rhythmus Gitarre. Da hier für zwei verschiedene Verstärker verwendet werden sollen, wählen wir unter dem Komponentenfenster „Tools“ das Split Gerät aus. Dieses teilt das Eingangssignal in zwei Wege und ermöglicht dadurch eine individuelle Soundausrichtung pro Kanal. Das Gerät gliedert sich in drei Teile: Split A, Split B und Split Mix. Entsprechend einfach ist die Anwendung. Alle für Channel A bestimmten Komponenten werden unter dem Split A Balken eingefügt, das Gleiche gilt für Channel B. Summiert, gemischt und im Panorama verteilt werden beide Wege natürlich im Split Mix. Alle Geräte die wieder die Summe bearbeiten sollen, werden logischerweise unter dem Split Mix Balken eingesetzt.
In unserem Fall wählen wir zwei verschiedene Comboamps aus. Die Simulation eines Vox AC30 fügen wir in Channel A ein. Dieser Verstärker verfügt über zwei  Kanäle (Normal und Brillant), von denen wir lediglich den Brillant Kanal verwenden, der durch die Regler Treble und Bass kontrolliert werden kann. Diese Regler bringen wir in ein ausgewogenes Verhältnis und deaktivieren die Tremolo Sektion. Da die Vox AC30 Simulation vorerst in unserem Sound die Verzerrung übernehmen soll, wird der Brillant Kanal auf drei Uhr gestellt. Anschließend nehmen wir die 2 x 12“ Speaker mit einem Dynamik 57 Mikrofon aus der „Off Axis“ Position ab. Das Ergebnis ist ein warmer und mittiger Verzerrsound, die recht britisch klingt.
Unter dem Split B Balken wird nun der Twang Reverb Amp eingefügt, der erst einmal für den cleanen Anteil im Sound bestimmt ist. Auch hier wird der Effektanteil (Reverb und Vibrato) komplett ausgeschaltet, der Equalizer in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht und der Volume Regler zu Dreiviertel aufgedreht. Die 2 x 12“ Tweed Cream Lautsprecher werden von einer U87 Emulation aus größerer Entfernung („Far“) abgenommen.  Der fast cleane Sound ist anschließend angenehm basslastig und nicht zu aufdringlich in den Mitten, da diese ja schon von der AC-Box in Channel A bedient werden.
Nun stellen wir im Split Mix die Summenverteilung der beiden Verstärker ein. Das Lautstärkeverhältnis bleibt gleichermaßen verteilt, allerdings wandert der erste Amp im Panorama nach links und der zweite nach rechts.

 GR2_Workshop     Rhythm Guitar 1 (Hörbeispiele alle unten im Text)

Das Ergebnis ist schon ganz nett, aber es klingt noch etwas trocken und muffig. Daher setzen wir nun hinter die Split Mix Komponente als Hall den Spring Reverb. Dessen Bassanteil wird ein wenig abgesenkt, die Hallfahne auf knapp drei Sekunden gestellt und der Effektanteil zu 22% berücksichtigt.

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Da wir nun den Sound noch knackiger haben wollen, bedienen wir uns an der Dynamikfraktion. Der Graphic Equalizer wird hinter dem Hall eingefügt und ihm folgt der Stomp Compressor. Bei beiden klappen wir den Custom Modus aus, mit Hilfe des kleinen Pluszeichens, das sich jeweils am rechten Geräterand befindet. Das Frequenzspektrum des Equalizers verbreitern wir über den Max Freq Regler, so dass man von 100 Hz bis 10000 KHz Veränderungen vornehmen kann. Die oberen Mitten und Höhen werden ein wenig angehoben, hingegen werden die Bässe um 120 Hz und die Mitten zwischen 800 Hz und 1200 KHz abgesenkt. Der Stomp Compressor sorgt anschließend mit kurzer Attack und etwas längerer Release für eine nicht zu aufdringliche Kompression.

 GR2_Workshop     Rhythm Guitar 2

Nun wollen wir aber auch noch die Option haben den gesamten Sound mehr zu verzerren. Dazu setzen wir vor den Split A Balken das Screamer (Ibanez Tube Screamer) Verzerrpedal, welches bei der Verwendung eines Fußcontrollers umso mehr Freude bereitet, wenn man es einem Taster zuweist. Dann kann man nämlich, wie bei einem echten Pedal, zum Beispiel vor einem Refrain oder Solo den Gesamtsound boosten.
Den Drive Wert stellen wir hierbei recht niedrig ein, so dass er etwa auf neun Uhr  steht. Um die zusätzliche Verzerrung und das damit einhergehende Rauschen zu bändigen, fügen wir hinter den Screamer noch das Noise Reduction Tool ein. Dieses wird per Hand auf –13,9 DB gestellt. Der Learn Modus ist an dieser Stelle nicht sehr hilfreich, da er stets gar keinen Sound mehr durchlässt…

 GR2_Workshop     Rhythm Guitar 3

Für den zweiten Gitarrensound benutzen wir eine eher funkige Gitarrenspur. Auch hier verwenden wir das Split Tool für zwei verschiedene Verstärker die im Panorama verteilt werden. Channel A wird mit einem Fender Bassman (Tweedman) versehen, dessen Klang leicht angezerrt ist. Unter dem Split B Balken setzen wir den Jazz Amp (Roland JC-120), der wegen seines klaren Transistor Sounds geliebt wird. Diesen gestalten wir allerdings etwas rotziger durch die Abnahme mit einem  Röhrenmikrofon.
Auf die Summe der beiden Amps wird zunächst der Studio Reverb gelegt. Das Preset Roomy wird ausgewählt und individuell verändert. Zu erst verringern wir den Mix Anteil und die Raumgröße und anschließend fügen wir ein leichtes Pre-Delay und ein bisschen mehr Treble hinzu.
Danach durchläuft es, wie bei dem ersten Klangbeispiel, den Graphic Equalizer und den Stomp Compressor, die den Sound frischer und knackiger machen.

 GR2_Workshop     Funk Guitar 1

Ziel des nächsten Schritts, ist den Klang durch Modulation etwas lebendiger zu kriegen. Daher schalten wir nun vor den Jazzamp das Autofilter, welches auf Bandpass gestellt wird. Über den Custom Modus verringern wir die Attack und Release und lassen ein wenig des Originalsignals mit durchkommen, in dem wir den Wet Wert auf 83 % runter regeln. Als Ergebnis haben wir nun auf dem rechten Kanal eine leichte Modulation.

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Um ein bisschen mehr Groove in den Sound zu bringen wird jetzt das Psychedelay vor den Studio Reverb gesetzt. Wir aktivieren die Reverse Funktion, setzten das Timing auf Einviertel, stellen einen kurzen Feedbackwert ein und geben dem Effekt einen Anteil von 15 %.
Durch das kurze umgekehrte Delay fängt der Sound mehr an zu grooven. Besser würde es allerdings noch klingen, wenn man bei der Aufnahme der Gitarrenspur bereits das Psychedelay hört, da man dann mit dem Delay spielen und noch mehr Groove heraus holen kann.

 GR2_Workshop     Funk Guitar 2

Nun wollen wir die zahlreichen Modulationsmöglichkeiten noch weiter ausnutzen und setzen vor den Tweedman Amp das TalkWah. Dieses wird moduliert von einem dahinter geschalteten Analog-Sequenzer. Kinderleicht gestaltet sich die Zuweisung des Modulationsziels. Man klickt einfach auf das Assign Feld an dem linken Rand des Sequenzers, hält die Maustaste gedrückt und wandert zu dem beliebigen Parameter, der moduliert werden soll. In unserem Fall ist das natürlich der Mouth Regler des Talkwahs. Über die einzelnen Schieberegler kann nun die Höhe oder Tiefe der Modulation pro Step bestimmt werden.

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Genau auf diese Art kann man alle MDF Komponenten zur Modulation verwenden, sei es nun der Envelope, Sequenzer oder LFO. Das bietet einem natürlich unzählige Möglichkeiten der Klangveränderung, da man fast alles mit einander verbinden kann. Will man allerdings das TalkWah im klassischen Sinne ohne Wiederholungen freier  nutzen, empfiehlt es sich auf jeden Fall ein Expressionpedal, wie das des Rig Kontrols, zu verwenden.

 GR2_Workshop     Funk Guitar 3

Der Telefonsound
Bei dem nächsten Klangbeispiel handelt es sich um eine Sprachaufnahme, die wir mit dem beliebten und häufig benutzten Telefonsound versehen wollen. Hierfür hören wir erst einmal die Spur ohne Guitar Rig.

 GR2_Workshop     Telephone Vocal 1

Jetzt schicken wir die Stimme zuerst durch den Tweedman Amp, wobei der Bassanteil zurückgenommen wird und der Klang nur leicht verzerrt ist. Um dem Sound ein wenig mehr Bahnhofsatmosphäre zu verleihen, wird der Comboamp aus größerer Entfernung („Far“) mit dem Condensator 87 Mikrofone abgenommen.
Anschließend kommt der wichtigste Teil zum Einsatz, der Pro-Filter. Dieser wird auf Bandpass gestellt, wobei der Cutoff bei circa 860 Hz steht und die Resonanz nur leicht erhöht ist. Der Pro Filter ist ausschlaggebend für den eigentlichen Telefonsound, da er bis auf den Mittenteil alle anderen Frequenzen wegschneidet.

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Etwas druckvoller aber auch dreckiger macht der darauf folgende Tube Compressor den Sound. Versehen wird er mit einer recht langen Attack, aber dafür kurzen Release und für die Verzerrung sorgt der Gainregler. Gegen die Trockenheit wirkt das letzte Glied in dieser Kette und verbreitet dabei schönen Retrocharme: der Spring Reverb.

 GR2_Workshop     Telephone Vocal 2

Wem dieser Sound noch nicht rotzig genug ist, und wer gerne mal einen richtigen LoFi Klang haben will, sollte sich an der Distortion Einheit bedienen und seine Wahl vor den Amp schalten. In unserem Fall nehmen wir das Verzerrpedal Cat (aka Rat). Um den Sound allerdings nicht völlig eskalieren zu lassen, stellen wir nur eine geringe Distortion ein und schneiden mit der Filter Sektion die fies beißenden Höhen und oberen Mitten weg.
Fertig ist der LoFi Sound!

 GR2_Workshop     Telephone Vocal 3

Der E-Pianosound
Gerade durch die heute weit verbreiteten digitalen Möglichkeiten, kann ein Sound schnell mal zu steril wirken. An dieser Stelle kann Guitar Rig gute Dienste erweisen.
Unser nächstes und letztes Beispiel ist die Simulation eines klassischen E-Pianos (MK 1), dass durch Guitar Rig mehr Wärme, Schmutz und Authentizität erhalten soll.
Zunächst hören wir uns aber erst die Rohversion ohne Guitar Rig an.

 GR2_Workshop     E-Piano 1

Nun verwenden wir den Twang Reverb, dessen Hall und Vibrato ausgeschaltet ist. Das Volumen wird zur Hälfte aufgedreht, der Equalizer in eine ausgewogene Einstellung gebracht, wobei der Treble und Mid Wert nicht zu sehr angehoben wird, da der Klang sonst zu penetrant scharf wird.

 
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Hierbei legen wir nun wieder mehr Wert auf die Mikrofonabnahme. Zum einen wird die Box in Off Axis Position von einem Röhrenmikrofon aus 0,6 Meter mit umgekehrter Phase abgenommen. Zum anderen wird ein Mikrofon hinter dem Verstärker in einem Abstand von 18 Zentimetern positioniert. Dieses verhältnismäßig leiser eingestellte Mikrofon sorgt für einen angenehmen Bassanteil, der vor allen Dingen die von dem Röhrenmikrofon hervorgehobene Attack schön untermalt.
Insgesamt wirkt die Spur deutlich organischer als ohne Guitar Rig und auch hier ist der Retrocharme nicht zu leugnen.

 GR2_Workshop     E-Piano 2

Zu guter Letzt schalten wir nun noch vor den Amp den Stoned Phaser, der für eine lange und langsame Modulation sorgen soll. Der Effektanteil wird auf 100 % gestellt und die Anzahl der Schritte der Phasenumkehrung beträgt fünf. Da der Stoned Phaser auf einem berühmten Modell der 1970er Jahre beruht, sorgt auch er für noch mehr Vintagestyle.

 GR2_Workshop     E-Piano 3

Fazit
Nach dem wir im ersten Teil dieses Workshops die rudimentären Grundlagen Guitar Rigs erörtert haben, hat der zweite Teil nun auch Einblick in die enorm umfangreiche Effektsektion geboten. Natürlich kann an dieser Stelle nur eine bestimmte Auswahl  präsentiert werden, trotzdem sind manche Punkte allgemein gültig. Zum Beispiel ist die Handhabung der MDF Komponenten sehr ähnlich. Heißt, wer das hier genannte Beispiel verstanden hat, wird auch mit den anderen MDF-Tools klar kommen. Oder auch die Verzerrpedale – sie klingen alle sehr unterschiedlich, sind aber in der Handhabung fast gleich.
Die Quintessenz soll so somit lauten: Mal ist es sinnig bewusst wenig einzusetzen,  mal kann der bewusste Einsatz von vielen Geräten zum gewünschten Ergebnis führen und mal darf die Signalquelle auch völlig artfremd sein.
Nun aber viel Spaß beim bewussten erstellen neuer Sounds!!!

Klangbeispiele

  1. Avatar
    Ulle

    Guitar Rig ist sicherlich eine excellente FX Board Simulation, aber das Ganze so anzupreisen (nicht nur hier auf Amazona) als das das einen echten Amp ersetzt ist irreführend. Im echten Mix ist das Gutiar Rig Signal, sobald echte Instrumente eingepielt wurden also nicht nur mit PlugIns gearbeitet wird) schlapp, und kaum durchsetzungsfähig. Zumindest für klanglich anspruchsvolle Produktionen ist GR nicht wirklich zu empfehlen.

  2. Avatar
    Paul

    Wahrscheinlich hat Ulle recht, aber wer hat schon ein gut ausgemessenes Tonstudio zu verfügung.
    Ich denke man sollte sich schnell von den Presets wegbewegen und eigenes erstellen, dann setzt es sich auch durch. Wo gibt es denn überhaupt ein
    gutes Gittarren Plug-in ? Außer das von Prominy LPC kenne ich keins. Hier in Deutschland findet es überhaupt keine Erwwähnung. Sehr seltsam.

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