Workshop: Recording Teil 4 (Räumlichkeit im Mix)

31. Juli 2003

Räumlichkeit im Mix

Da im letzten Workshop die Lieblingsspielzeuge der Tontechniker beschrieben wurden, widmen wir uns in diesem Workshop einem eben so interessanten, wie theoretisch vorbelasteten Thema, „Räumlichkeit im Mixdown“. Nun, wer Detroit Techno abmixt, dem dürfte das ziemlich kalt lassen, Effekte räumlicher Art sind hier geradezu verpönt. Umgekehrt gibt es jedoch den einen oder anderen Musikstil, der geradezu vom räumlichen Eindruck lebt.

Bevor wir uns den praktischen Beispielen zuwenden ist es von Nöten, die Theorie der Räumlichkeits-Wahrnehmung darzustellen. Wie nimmt unser Gehör Räumlichkeit überhaupt wahr? Wenn das erklärt ist, können wir dieses Wissen auf unseren Mix anwenden.

1_Workshop 4.JPG

Der Raum

Befinden wir uns in einem Beliebigen Raum, so haben wir immer auch eine Vorstellung von der Größe des Raums. Das liegt aber nicht nur an unserer visuellen Wahrnehmung des Raumes, sondern zum größten Teil an der akustischen Wahrnehmung. Stellen wir uns eine U-Bahn Station vor. Wenn jemand auf unserer Seite des Bahnsteigs spricht, so hört sich das anders an, als wenn jemand auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnsteigs spricht. Warum eigentlich? Wird Schall (in diesem Fall gesprochene Sprache) erzeugt, und man steht in unmittelbarer Nähe der Schallquelle, so hören wir überwiegend direkt diese Schallquelle. Man spricht deswegen auch von Direktschall. Ist die Schallquelle im gleichen Raum, aber weiter entfernt, so nehmen wir die Schallquelle zunächst einmal leiser wahr (Der Schall verliert seine Energie bei seiner Ausbreitung), hinzu kommt dann aber noch ein anderes Phänomen. Dadurch, dass die Schallquelle weiter entfernt ist, legt nicht nur der Direktschall eine größere Strecke zurück. Auf dieser Strecke wird der Schall von verschiedenen Flächen des Raumes, also von Wänden, Decken, Böden, Gegenständen reflektiert. Diese Reflektionen finden ihren Weg zu unserem Ohr, und treffen entsprechend später ein als der Direktschall. Dieser unmittelbar nach dem Direktschall (der ja den kürzesten Weg hat) eintreffende Schall wird als erste Reflektion (engl. early reflections) bezeichnet. Der Schall wird natürlich aber mehr als einmal reflektiert, und bereits reflektierter Schall wird nochmals reflektiert, usw. Daraus erwächst dann ein Schallfeld, welches nicht mehr genau lokalisiert werden kann, dieses wird deshalb auch als diffuses Schallfeld bezeichnet. Abb1 zeigt den Zusammenhang auf der Zeitachse. Die Lautstärken und Verzögerungen dieser Phänomene: Direktschall, erste Reflektionen und Diffusschall sind für jeden Raum charakteristisch (genau: …und finden sich in jedem Hallgerät wieder).

 

Beschaffenheit

Der Klang der ersten Reflektionen, und des Diffusschalls hängt außer von der Geometrie des Raumes entscheidend von einem anderem Faktor ab: der Beschaffenheit des Raumes. Ein Raum mit Betonwänden hat z.B. andere Nachhall Eigenschaften als ein gleichartiger Raum mit Holztäfelung. Jedes Material besitzt die Eigenschaft, dem Schall den es reflektiert, Energie zu entziehen. Dabei sind die Frequenzen die dem Schall entzogen werden für jedes Material charakteristisch. So absorbiert Teppichboden auf Beton hochfrequenten Schall und reflektiert tieffrequenten Schall. Spiegelflächen z.B. reflektieren hingegen hochfrequenten Schall.

Zu guter letzt ist für den Nachhall in einem Raum noch entscheidend, ob in ihm Gegenstände stehen, wie groß diese sind und aus welchem Material. Ist die Ausdehnung eines Gegenstandes größer als die auf ihn treffende Wellenlänge (1/Frequenz) des Schalls, so reflektiert er diese, und es entsteht ein Schallschatten auf der Abgewandten Seite. Anderenfalls wird der Schall um den Gegenstand herum gebeugt. So muss ein Gegenstand z.B. mindestens 3,4 Meter (im Idealfall) hoch, breit und tief sein, damit er eine Frequenz von 100 Hz reflektiert.

Kommen wir noch einmal auf die Geometrie des Raumes zurück. Während bei Räumen mit parallelen Wänden oder Decken der Schall hin und her springt (sog. Springschall), so können bei Räumen mit Kuppeln oder schrägen Wänden Streuungen und Bündelungen des Schalls erfolgen (Man denke an das Prinzip einer Satellitenschüssel, die die parallel eintreffenden Signalwellen auf den Empfänger bündelt).

 

Kopfbezogene Räumlichkeit und technische Realisierung

Klangbeispiele
Forum
  1. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Wow, das sind mal nützliche Tipps zum Thema Recording! Sehr verständlich und kompakt erklärt. Hoffe auf weitere Artikel dieser Serie…

  2. Profilbild
    0gravity  

    Der Autor hat das Thema auf den Punkt gebracht. Dieser Artikel dürfte zumindest für Hobbymusiker lange Zeit als Leitfaden ausreichen.

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.