12 Beispiele für unendliche Klangwelten
Heute widmen wir uns dem Thema Drones, womit natürlich keine maschinellen Flugkörper gemeint sind. Drones, im Folgenden immer als Drone Sounds bezeichnet, sind im Ambient-Bereich weit verbreitet und kommen vor allem auch bei Film und Gaming sehr häufig zum Einsatz. Wie man einen Drone Sound definiert und vor allem selbst erstellt, wollen wir uns im folgenden Workshop genauer ansehen.
Worum geht es? Ein Workshop zum Sounddesign von Drone Sounds – von Grundlagen über Klangquellen bis zu Synthesizern, Effekten und kreativen Produktionstechniken.
- Grundlagen: Der Artikel erklärt, was Drone Sounds ausmacht und warum sie in Ambient, Film und Gaming so beliebt sind.
- Klangquellen: Drone Sounds lassen sich aus Synthesizern, Samples, Feedback-Loops oder akustischen Quellen erzeugen.
- Synthesizer: Vorgestellt werden spezielle Drone Synthesizer sowie modulare Setups und Software-Lösungen.
- Effekte: Reverb, Delay, Granulareffekte und Time-Stretching spielen eine zentrale Rolle im Sounddesign.
- Praxis: Zwölf Beispiele zeigen konkrete Wege zu atmosphärischen, düsteren oder meditativen Klanglandschaften.
Inhaltsverzeichnis
- Was ist ein Drone Sound?
- Formen und Ursprünge von Drone Sounds
- Spezifische Drone Synthesizer
- Beispiel 1 – Zwei Oszillatoren & Reverb
- Beispiel 2 – spezifischer Drone Synthesizer (Oneiroi)
- Beispiel 3 – Binaurales Drone-System (Warp & Quasar)
- Beispiel 4 – Kostenloser Drone Synthesizer (VCV Rack)
- Beispiel 5 – Audio-Rate (Moog DFAM & Behringer BDS-3)
- Beispiel 6 – Granularsynthesizer (Arbhar)
- Beispiel 7 – Freezed Reverb (Valhalla Supermassive)
- Beispiel 8 – Feedback Loop 1 (No Input Mixer)
- Beispiel 9 – Time-Stretching 1 (PaulXStretch)
- Beispiel 10 – Time-Stretching 2 (Sampler)
- Beispiel 11 – Geophon & Reverb
- Beispiel 12 – Feedback Loop 2 (No VCO)
- Zusammenfassung und weitere Beispiele
Was ist ein Drone Sound?
Drone Sounds können sehr subtil und zugleich düster oder auch heiter klingen. Aber auch große und brachiale Varianten sind möglich. Sie werden als lang anhaltende Töne oder Klänge definiert und dauern oft mehrere Minuten oder sogar Stunden an. Im Prinzip könnte man einen Sinusoszillator mit langsamer Modulation bereits als einen Drone Sound bezeichnen. Ein vorbeifliegender Helikopter könnte beispielsweise ebenfalls als inspirierende Klangquelle dienen. Der Reiz liegt jedoch darin, interessante Texturen aus verschiedenen Klangquellen und mit unterschiedlichen Techniken zu erzeugen.
Da es auch immer um Kunst gehen soll, sind melodische und harmonische Elemente selbstverständlich nicht gänzlich ausgeschlossen. Selbst in Arrangements mit Drums und Harmonien können Drone Sounds ihre Wirkung beibehalten. Sie sollten nur so minimalistisch eingesetzt werden, dass man dem Ergebnis noch etwas Meditatives zuschreiben kann und genügend Platz zur Entfaltung gegeben ist. Sie dürfen aber natürlich auch harsch klingen, wie sie vor allem in Horrorfilmen immer wieder eingesetzt werden.
Formen und Ursprünge von Drone Sounds
Drone Sounds haben ihren Ursprung bereits in traditioneller Musik und werden dort als Bordun bezeichnet. Ein Bordun ist ein dauerhaft gehaltener Grundton, über dem dann Melodien gespielt werden. Klassische Instrumente hierfür sind beispielsweise der Dudelsack oder die Tanpura.

Shubha Mudgal beim Spielen einer Tanpura (Quelle: Wikipedia, Urheber: Sajal Kayan, Creative Commons Attribution 2.0)
Die Äolsharfe, auch als Windharfe bezeichnet, ist ebenfalls ein sehr altes Konzept für Drone Sounds. Eine Äolsharfe besteht aus einem Resonanzkörper und mehreren Saiten, die nur durch Windkraft beziehungsweise aerodynamische Verwirbelungen angeregt werden. Der Klang variiert je nach Windstärke. Ich habe solch ein Instrument vor einigen Jahren das erste Mal im Berliner Musikinstrumentenmuseum gesehen. Es gibt aber Dutzende solcher Windharfen in verschiedensten Formen und Größen im ganzen Land verteilt. Die Website „Windklangkunst“ hat diese anschaulich zusammengefasst.

Eine Äolsharfe (Quelle: Wikipedia, Urheber Simon Speed, CC0 1.0)
Im heutigen Zeitalter schreibt man Drone Sounds vor allem zwei spezifischen Musikrichtungen zu. Zum einen der Ambient-Musik und zum anderen dem Bereich der Rockmusik, hier spezifischer als Drone Metal oder Drone Doom bezeichnet. Die verbreitetste Anwendung ist sicherlich im Film. Auch für Klanginstallationen werden sie gerne verwendet.
Pioniere im Ambient-Bereich sind unter anderem Éliane Radigue (Ruhe in Frieden) und La Monte Young. Im Drone-Metal-Bereich bin ich nicht so tief verankert. Als bekannte Interpreten sind hier jedoch Earth und Sunn O))) zu nennen. Auch Künstler wie William Basinski haben das Genre stark geprägt, dessen Arbeiten jedoch erst um die 2000er-Jahre bekannt wurden. Ebenso fällt der Name Brian Eno hier häufig, den ich allerdings weniger auf puristische Drone Sounds beschränken würde.
Auch heute gibt es noch zahlreiche Musiker, die sich von hypnotischen Klanglandschaften angezogen fühlen. Mir persönlich fallen immer direkt Tim Hecker und Abul Mogard ein und ich würde mich freuen, ein paar eurer Favoriten in den Kommentaren lesen zu dürfen.
„Wenn ein Stein im Fluss bewegt wird, ändert sich der Fluss nicht, aber nach langer Zeit wird er zu etwas völlig anderem“
Éliane Radigue
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Spezifische Drone Synthesizer
Heute gibt es spezifische Drone Synthesizer wie Sand am Meer, vor allem im Hardware-Bereich. Von kleinen und einfachen DIY-Projekten und Boutique Synthesizern bis hin zu komplexen und umfangreichen Geräten hat der Markt so einiges zu bieten. Die folgende Auflistung soll nur einmal einen kleinen Überblick über die Bandbreite solcher Drone Synthesizer darstellen:
- SOMA Lyra-4 / Lyra-8
- Eltar Music Solar 42N / 42F
- Neutral Labs Elmyra
- Make Noise Strega (semi-modular)
- Landscape Stereo Fields
- Lumanoise V5
- Stylophone CPM DS-2
- Befaco Oneiroi (semi-modular)
Manche der hier genannten Synthesizer gehen über das Drone-Prinzip hinaus und lassen sich auch fernab davon verwenden. Es gibt natürlich auch Software in diesem Bereich, allerdings deutlich weniger spezifische.
Ein weiteres wichtiges Hilfsmittel sind Hallgeräte. Optimal sind solche mit Modulationsoptionen oder der Möglichkeit, Hallfahnen „einzufrieren“ (Freeze-Reverb). Auch hier gibt es im Hard- und Software-Bereich mehr als genug Optionen. Mein aktueller Plug-in-Favorit hierfür ist Space Blender von Soundtoys.
Anmerkung: Die meisten der folgenden Beispiele sind sehr puristisch, da ich versucht habe, alle möglichen Techniken, einen Drone Sound zu erstellen, im Einzelnen aufzuzeigen. Um solche Beispiele etwas stärker wirken zu lassen, hilft manchmal auch einfach ein Video ohne Ton, das dabei läuft, beispielsweise von einer Drohnenfahrt über ein Gebirge oder einer langsamen Kamerafahrt durch einen dunklen Flur. Am Ende des Workshops gibt es aber nochmals zwölf weitere Beispiele, die größtenteils etwas umfangreicher sind.
Beispiel 1 – Zwei Oszillatoren & Reverb
Wir beginnen mit der einfachsten Art, einen Drone Sound zu kreieren, indem wir zwei Oszillatoren leicht unterschiedlich stimmen und diese in einen Reverb schicken. Für das Beispiel habe ich den Moog DFAM gewählt. Es lässt sich aber selbstverständlich auch mit anderen Hard- oder Software-Synthesizern nachbilden.
Der Moog DFAM besitzt zwei separate Ausgänge für seine beiden Oszillatoren, die in einem Mixer mit einem Send-Reverb versehen werden. Als Reverb habe ich Plateau von Valley Audio (kostenlos in VCV Rack erhältlich) benutzt. Wichtig ist es, sich einen möglichst großen Raum mit langer Hallfahne zu gestalten, die bestenfalls noch etwas moduliert wird.
Die beiden Oszillatoren sollten nicht synchronisiert sein, damit sie unabhängig voneinander gestimmt werden können. Zu Beginn des Klangbeispiels hört man nur den ersten Oszillator, danach beide zusammen, wobei der zweite noch hörbar höher gestimmt ist. Danach habe ich den zweiten Oszillator tiefer gestimmt, bis eine leichte Schwebung (rhythmische Schwingung) zustande kam.
Um das Ergebnis noch etwas abwechslungsreicher zu gestalten, habe ich den FM-Amount-Regler benutzt. Somit wird die Frequenz des zweiten Oszillators vom ersten moduliert.
Beispiel 2 – spezifischer Drone Synthesizer (Oneiroi)
Der Befaco Oneiroi ist ein Drone Synthesizer und Audioprozessor im Eurorack-Format. Mit drei Oszillatoren, einem Looper, einem externen Eingang, vier Effekten und einem flexiblen Modulator benötigt man im Prinzip keinerlei weitere Gerätschaften.
Ich habe versucht, das Beispiel so einfach wie möglich zu halten und nur den Looper und den Supersaw-Oszillator benutzt, der dem Oszillator des Roland JP-8000 nachempfunden ist. Der Looper kann wahlweise mit einer externen Quelle oder dem eigenen Ausgangssignal des Befaco Oneiroi bespielt werden.
Zur Aufnahme habe ich mit dem Looper begonnen und kurz danach den Supersaw-Oszillator beigemischt. Filter, Echo und Ambience waren direkt zu circa 50 % aktiv. Der Modulator kontrolliert das Filter und die Geschwindigkeit des Loopers, um einen leichten Tape-Effekt zu erzeugen. Nach circa 37 Sekunden ist der Resonator zu hören. Bis zum Ende habe ich noch ganz leicht die Modulation verstärkt und sowohl Echo als auch Ambience etwas stärker wirken lassen.
Beispiel 3 – Binaurales Drone-System (Warp & Quasar)
Auch manche nicht spezifischen Drone Synthesizer lassen sich dennoch als solche einsetzen. Für das nächste Beispiel habe ich die beiden Eurorack-Module Warp und Quasar von Neuzeit Instruments benutzt. Warp ist eine komplette, vierstimmige Synth-Voice mit einer Hybridtechnologie aus Additiv- und Wavetable-Synthese. Eine der beiden Hüllkurven besitzt einen Drone-Parameter, der von 0 bis 100 % die Lautstärke der vier Stimmen kontinuierlich regeln kann.
Einige Parameter habe ich für das Beispiel sowohl mit internen als auch externen Quellen moduliert und den Stereoausgang zu Quasar geschickt. Quasar ist ein binauraler Prozessor zur räumlichen Klangabbildung, insbesondere für Kopfhörerwiedergabe, lässt sich aber ebenso effektiv in klassischen Stereo-Setups einsetzen. Weiterhin gibt es ein Delay, das hier im Reverse-Modus mit einer Delay-Zeit von über acht Sekunden zunächst eher subtil wirkt. Während der Aufnahme habe ich ein paar Mal die Oktavlage des Warp geändert, was dank des Delays weniger sprunghaft klingt.
Das Signal ging am Ende wieder in den für Drone Sounds obligatorischen Reverb. Die Aufnahme habe ich in der DAW in ein weiteres Reverb geschickt, genauer gesagt in den Shimmer-Reverb von Eventide. Dessen Mix-Regler habe ich langsam von Anfang bis beinahe zum Ende über eine Automation auf bis zu 50 % hochgeregelt.
Anmerkung: Quasar kann auch den Haas-Effekt nachbilden, den ich hier durchaus sinnvoll hätte einsetzen können. Der Effekt eignet sich zur breiteren räumlichen Abbildung von Signalen, wodurch ein diffuserer, atmosphärischer Eindruck entstehen kann, ähnlich wie bei den eingangs erwähnten Helikoptergeräuschen.
Beispiel 4 – Kostenloser Drone Synthesizer (VCV Rack)
Moffenzee Modular hatte mit dem Stargazer und The Runner zwei limitierte Drone Synthesizer im Angebot, die sie nun auch kostenlos für VCV Rack zur Verfügung gestellt haben. Beide Module sind leicht zu bedienen und liefern sofort eine hervorragende Basis für stundenlange Drone Sounds. Da lohnt sich eine Installation von VCV Rack, auch wenn man sich nicht zu tief mit der Modular-Thematik auseinandersetzen möchte.
Vor allem der Stargazer hat durch seinen dualen Wavetable-Oszillator, zwei resonanzfähige Multimode-Filter, Sample- und Bitreduktion und drei LFOs eine immens große Klangvielfalt. Die LFOs steuern in dem Beispiel die Parameter Wave, Mix, Detune und den Cutoff des zweiten Filters.
Um den Stargazer noch größer und breiter klingen zu lassen, habe ich einen zusätzlichen Supersaw-Oszillator als externe Quelle benutzt. Als Send-Effekt habe ich mich für den Soundtoys Space Blender entschieden und die Regler für Mix und Modulation mit den LFOs des Stargazer moduliert.
Beispiel 5 – Audio-Rate (Moog DFAM & Behringer BDS-3)
Mit einem Oszillator oder einem sehr schnellen Taktgenerator lassen sich auch Synthesizer aller Art, die einen Sync-Eingang besitzen, in einen Drone-Synthesizer verwandeln. Hier steuert der Trigger-Ausgang des Moog DFAM mit einer Geschwindigkeit von circa 7.000 bpm (das Maximum beträgt 10.000 bpm) einen Behringer BDS-3. Somit bewegen wir uns vollständig im Audiobereich. Da der Behringer BDS-3 eigentlich ein Drum-Synthesizer ist, kann man hier tatsächlich von einer Verwandlung sprechen.
Über ein Pedal habe ich die Tonhöhe angesteuert. Die Volume-Regler der vier Kanäle des BDS-3 habe ich zur Aufnahme manuell kontrolliert. Das Signal wurde zusätzlich durch den Granularprozessor Mutable Instruments Clouds leicht bearbeitet.
Beispiel 6 – Granularsynthesizer (Arbhar)
Granularsynthesizer oder -sampler können ebenfalls auf verschiedenste Art und Weise für Drone Sounds herangezogen werden. Für das folgende Beispiel habe ich Arbhar von Instruō gewählt, das aber prinzipiell identische Parameter zu beinahe allen anderen Granularsynthesizern aufweist und sich somit gut auf andere Granularsynthesizer oder -sampler übertragen lässt.
Um etwas Abwechslung in den Workshop zu bekommen, habe ich das aufgenommene Sample mal etwas weniger tief gestimmt. Zu Beginn bewege ich zur Verdeutlichung die Abspielposition des Samples einmal vom Anfang zum Ende und wieder zurück. Danach kommt der interne Hall bereits etwas ins Spiel. Länge und Dichte der Grains, hier „Length“ und „Intensity“ genannt, sind auf ein Maximum eingestellt, sodass die Grains ohne Pausen zu hören sind.
Als Nächstes habe ich die Abspielposition, hier als „Scan“ bezeichnet, manuell sehr langsam geändert. Danach habe ich den Spread-Parameter leicht aufgedreht, um etwas mehr Variationen zu erhalten. Dadurch springen die Grains um die Abspielposition herum hin und her. Die Hüllkurve hat etwas Attack- und Release-Zeit, um die Sprünge zwischen den Grains nicht zu hart klingen zu lassen.
Das interne Reverb habe ich bis zum Maximum aufgedreht. Es wird bei Arbhar ausschließlich über CV gesteuert. Dadurch entsteht ein Freeze-Effekt. Doch auch hier dachte ich, dass ein Shimmer-Reverb das Ergebnis wieder etwas aufwerten könnte.
Beispiel 7 – Freezed Reverb (Valhalla Supermassive)
Reverbs und Delays können einen Drone Sound nicht nur vergrößern und ausschmücken, sie können ihn auch selbst generieren. Manche Hallgeräte haben eine Freeze-Funktion und manche Delays lassen einen Klang bei voll aufgedrehtem Feedback sozusagen „stehen“. Bei Letzterem ist es wichtig, dass der Rückkopplungsfaktor nicht über 1 liegt. Ansonsten wird das Signal stetig lauter, je länger das Feedback auf 100 % steht. Das kann, gemäßigt eingesetzt, natürlich auch ein toller Effekt sein, muss aber gut kontrolliert werden.
Für das folgende Beispiel habe ich den Valhalla Supermassive gewählt, der eine Mischung aus Reverb und Delay ist. Hier habe ich den Capricorn-Algorithmus gewählt und das Feedback entsprechend auf 100 % eingestellt. Als Klangquelle diente ein 9-sekündiges Sample aus einem alten Sample-Pack.
Beispiel 8 – Feedback Loop 1 (No Input Mixer)
Drone Sounds lassen sich auch über Feedback-Loops generieren, wobei hier jedoch Vorsicht geboten ist. Ein Limiter am Ende der Signalkette ist absolut empfehlenswert! Für dieses Beispiel habe ich den Grundklang über die No-Input-Mixer-Technik generiert. Hier wird bewusst ein Feedback erzeugt, indem man beispielsweise einen Aux-Ausgang mit einem Kanaleingang verbindet und den Send-Regler vorsichtig aufdreht. Diese Technik kann, je nach Anzahl der Ein- und Ausgänge des Mixers, beliebig fortgesetzt werden. Man sollte sich dafür allerdings einen preiswerten und bestenfalls gebrauchten Mixer suchen, da Feedback-Loops auch Schäden verursachen können.
In meinem Fall habe ich einen alten Tapco Mix120 benutzt, den ich vor einigen Jahren mal für 30,- Euro auf dem Gebrauchtmarkt erworben hatte. Möchte man No-Input-Mixing anwenden, empfehle ich dringend, sich zuvor mit der Technik auseinanderzusetzen. Die so entstehenden Klänge zu kontrollieren, ist allerdings nur schwer bis gar nicht möglich.
Obwohl der Grundklang technisch ein astreiner Drone Sound ist, ist er ohne Effekte allerdings sehr roh und wirkungslos. Dementsprechend habe ich das Signal durch ein Reverb (Eventide Blackhole) und einen Phaser (Soundtoys Phase Mistress) geschickt, wobei vom trockenen Signal nichts mehr übrig geblieben ist.
Beispiel 9 – Time-Stretching 1 (PaulXStretch)
Mittels extremen Time-Stretchings kann man jede erdenkliche Klangquelle zu einem Drone Sound formen. Die kostenlose Open-Source-Software PaulXStretch ist ein Meister darin und lässt extreme Veränderungen zu, ohne unangenehme Artefakte zu erzeugen. Technisch kommt ein FFT-basiertes Time-Stretching-Verfahren zum Einsatz.
PaulXStretch hieß ursprünglich Paul’s Extreme Sound Stretch und basiert auf einem Open-Source-Algorithmus von Paul Nasca. 2011 machte er zum ersten Mal die Standalone-Version verfügbar und 2018 wurde durch Xenakios das beliebte Tool auch als Plug-in (PaulXStretch) in die DAWs gebracht. Seit 2022 hat Sonosaurus das Ruder übernommen, das GUI angepasst und auch eine Version für iOS veröffentlicht.
Für das Beispiel habe ich lediglich einen GEMA-freien Song meinerseits in das Plug-in geladen, ihn siebenmal langsamer abspielen lassen und die Stimmung geändert. PaulXStretch bietet noch einige Funktionen mehr, wie man deutlich am Beispielbild erkennen kann. Toll ist auch die Looping-Funktion, denn beim Rendern lässt sich eine Anzahl an Loops auswählen. Für mein Beispiel habe ich nur einen Durchlauf gewählt. Die gesamte Datei, die 2:31 Minuten dauerte, hatte bereits eine Spielzeit von knapp 17:30 Minuten.
Beispiel 10 – Time-Stretching 2 (Sampler)
Um per Time-Stretching einen Drone Sound zu erzeugen, benötigt man nicht zwingend so extreme Manipulationen wie beim vorherigen Beispiel, denn mit so manchem Sampler lässt sich ein sehr ähnlicher Effekt erzeugen. Für solche Experimente nutze ich sehr gerne einen Sampler von NYSTHI in VCV Rack. Hierfür gibt es noch ein Expander-Modul, um den Sampler als Bandmaschine zu nutzen. Beide Module sind kostenlos.
Als Sample-Quelle habe ich irgendeine meiner Aufnahmen mit Regengeräuschen verwendet, diese vier Oktaven nach unten transponiert, was bereits zu einer langsameren Wiedergabe führt, und über das Expander-Modul nochmals mit halber Geschwindigkeit rückwärts abgespielt.
Der Ausgang geht in ein Filter und wird an dessen Ausgang aufgeteilt. Zum einen wird er direkt an einen Mixer weitergeleitet, zum anderen zu zwei Resonatoren (linker und rechter Ausgang). Die Resonatoren gehen dann ebenfalls in den Mixer, der die Summe durch einen großen Hall schickt. Einer der beiden Resonatoren wird durch ein zusätzliches Modul hin und wieder verzerrt. Der Verzerrungsgrad und ein paar weitere Parameter der Resonatoren werden von einem sehr langsamen Modulator gesteuert.
Beispiel 11 – Geophon & Reverb
Ein Geophon kann, am richtigen Klang- beziehungsweise Resonanzkörper angebracht, schon für sich alleine als eine Art Drone Synthesizer funktionieren. Doch warum sich nicht den Spaß gönnen, das Signal nach Belieben zu verfremden?
Als Klangquelle diente ein Heizkörper, aufgenommen mit einem Geophon und anschließend in einen Granular-Sampler (Grains von Jeremy Wenworth, kostenlos) in VCV Rack geladen. Das Signal durchläuft ein Tiefpassfilter mit Vorverstärkung und einen Granularprozessor als Reverb.
Auf dem Bild sieht man sehr gut die Abspielposition mit den umliegenden Grains. Die kleine Anhebung ist eine tiefe Frequenz, die ich ganz häufig, aber nicht permanent, für meinen Drone Sound nutzen wollte. Daher moduliert einer der LFOs auch die Abspielposition.
Beispiel 12 – Feedback Loop 2 (No VCO)
Das Spannende an Feedback-Loops ist unter anderem, dass man keinen Klangerzeuger benötigt. Es wird ein System kreiert, das am Ende selbst den Klang erzeugt. Um es so einfach und verständlich wie möglich zu halten, habe ich ein Patch in VCV Rack erstellt. Es besteht lediglich aus einem Delay, einem Mixer, einem Filter, einem LFO und einem Reverb. Der VCA im Patch ist nicht zwingend notwendig, hilft aber, um das Feedback zu unterbinden und den Klangteppich zu starten und zu beenden. Der Limiter dient lediglich zum Schutz, ist aber dringend zu empfehlen.
Das Feedback des Delays ist auf Maximum eingestellt. Da es maßgeblich zur Klangerzeugung beiträgt, wird der Zeitparameter praktisch zum Pitch-Parameter. Das Patch ist im Kern wie folgt aufgebaut:
- Delay (Wet) -> VCA Mixer -> VCA -> VCF -> Delay-Eingang / VCA Mixer
- Delay (Mix) -> Limiter -> Reverb
Solche Patches lassen sich natürlich beliebig erweitern und ändern. Vor allem Resonatoren können hier klanglich für einige Überraschungen sorgen. Kleiner Fun Fact: Direkt nachdem ich das Patch erstellt hatte, sah ich mir die Serie „Something Very Bad Is Going To Happen“ an und dachte für einen kurzen Moment, genau dieses Patch darin zu hören.
Zusammenfassung und weitere Beispiele
Wenn man alle Beispiele herunterbricht, gibt es vier Grundtechniken, um einen Drone Sound zu erstellen:
- statische, elektronische Klangquelle
- zeitliche Verdichtung
- zeitliche Dehnung
- akustische und physikalische Quellen
Und wer nicht genug davon bekommen hat, hier noch eine Playlist mit ein paar Beispielen aus meinen verschiedenen YouTube-Kanälen, die teilweise auch etwas ausgereifter als die hier gezeigten Beispiele sind:
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Drone, das neueste heiße Ding in Sachen Genres bei Gleichgesynthen und DAW-Produzenten, sagen wir mal seit ein paar Jahren. Ganz ehrlich: Meins ist es nicht! Auch die Firmen richten sich aktuell danach aus, entweder ausschließlich oder teilweise. Selbst der Moog Matriarch hat einen Drone-Modus, bei dem der Sound einfach stehen bleibt. Praktisch zum Sounddesignen, da beide Hände frei sind. Allerdings funktionieren dann die Hüllkurven nicht mehr, weil ADSR natürlich keine Wirkung mehr hat. Bei den Firmen ist vermutlich die russische Firma SOMA Laboratory ganz vorne mit dabei. Generell gefällt mir der Solar 42N aber mit am besten, sowohl in Sachen Funktionalität als auch optisch. Wäre ich Fan von Drone-Musik, wäre dieser vermutlich meine erste Wahl. Allein die Spielhilfen sind derart besonders, dass es regelrecht zum Tüfteln einlädt. Der einzige Drone-Synthesizer, den ich besitze, ist der SOMA Rumble of Ancient Times. Ein kleiner Noise-Drone-Synthesizer. Der kann nicht viel, aber das, was er kann, macht er gut.
Danke übrigens auch für die Erklärung der Delay-Freeze-Funktion. Ich habe diese auch beim Pulsar Delay von Plugin Alliance und sie war mir bislang ein Rätsel. Hoffentlich wird Drone kein übermäßiger Trend wie die böhmische Blasmusik. Die kann ich inzwischen nicht mehr hören.
Toller Artikel, vielen Dank!!!
Ich kann mir sowas stundenlang anhören und finde es sehr meditativ! Und habe zufällig gerade das VCV-Rack wiederentdeckt, das ja eine schier endlose Fundgrube für Ideen jeder Art ist. Werde mich gleich sehr motiviert wieder dransetzen.
@RhodesChroma Du bringst es auf den Punkt.
Bin zwar nicht so der Drone Fan, aber zum entspannen und zur Tinnitus-Therapie die beste Wahl.
Danke Herr Hecht🙂
@MPC-User Sehr gerne! :D
@RhodesChroma Das freut mich zu hören, viel Spaß dabei! :)
Hallo! Ein gelungener Artikel, meiner Meinung nach. Auch die Audios gefallen mir.😃👍
Seit Jahren nutze ich auf dem MAC und iPad SoundScaper, um Drones zu generieren aber auch mit Ableton und VCV lassen sich, mit einem „Um-Die-Ecke-Denken“ klanglich super Ergebnisse generieren, wie hier im Artikel schon beschrieben…🫠
Je nach Art des Herangehens wird deutlich, wie viel Erfahrung mit einspielt.🫣
Meine Vermutung: Es ist wie bei jeder Produktionsweise, oder Musikrichtung die einem NICHT SOFORT LIEGT, es lassen sich nur mit Geduld und Spucke die wahren Meisterwerke entdecken! 😱
Ein schnelles „Drüberbügeln“ gibt es hier nicht. Denn auch hier zeigen sich feine und qualitative Unterschiede. Die gilt es herauslesen zu können! 🧐
Was gut gemacht ist, lässt sich dann ziemlich leicht vom „Matsch“ unterscheiden.🫡
@CDRowell Absolut! Vor allem durch die teilweise extrem langsamen LFOs und Hüllkurven sollte man zum produzieren schon etwas Zeit mitbringen, um die Auswirkungen überhaupt beurteilen zu können. Mal schnell ein paar Loops machen und arrangieren funktioniert hier nicht…ist aber super zum Kaffee oder Tee trinken nebenbei ;)
Gibt´s irgendwo die VCV-Rack Beispiele als download?
Ich bin etwas faul und damit ging´s schneller, als das nach Foto nachzubauen.
Mein Tipp dazu noch: Steve Roach
Und natürlich immer genial, auch mit Drones: Martin Stürtzer!!!
@RhodesChroma Bei Martin Stürtzer ist die Katze die Drone, die immer liebevoll behandelt wird…
@StereJo der heimliche Star, allerdings immer mehr sicht- als hörbar
@RhodesChroma Leider nicht, ich kann aber mal nachsehen ob ich die Patches so noch habe…es gab mal ne Seite zum teilen von VCV-Files, zu der ich auch einen Account hatte…wenn mir nur der Name wieder einfallen würde :/
@Jens Hecht Patchstorage.com vermutlich;)
@Heiner Kruse (TGM) Genau! Die hab ich jetzt auch gefunden. Eine riesige Fundgrube, nicht nur für VCV-Rack!!
@RhodesChroma hab zumindest die Patches aus Beispiel 10 und 12 gefunden: https://patchstorage.com/author/audhentik/
@Heiner Kruse (TGM) Danke Heiner!
Karlheinz Stockhausen – Hymnen, 1966/67
https://www.youtube.com/watch?v=uj3g-QOC0U8
ab 53:30
@Dirk Matten Sehr interessant!! Vielen Dank, Dirk!
Da denkt man, man sei ganz vorne dabei, und da ist so ein Werk 60 Jahre alt…..
@RhodesChroma Man kann so etwas statisch und musikalisch eher langweilig bzw. belanglos machen oder wie in diesem Fall emotional berührend. David Johnson, Gründungsmitglied der Musikgruppe CAN war Assistent von Karlheinz Stockhausen und ihm wird ein Großteil an der Realisation von HYMNEN zugeschrieben. Peter Eötvös Anfang der 70er-Jahre zu mir: David Johnson hat Hymnen gemacht.
https://de.wikipedia.org/wiki/David_Johnson_(Komponist)
toller Workshop – sehr neu für mich empfand ich Drone Doom und in Wikipedia den Verweis auf Dylan Carlson (z.B. das Album Conquistador).
Danke für den tollen Artikel!
Mein Favorit in dem Bereich ist Bass Communion, eines der eher unbekannteren Projekte des extrem vielseitigen Steven Wilson. Auf Bandcamp hat er erst gerade einige seiner Werke in unterschiedlichen Abmischungen veröffentlicht und gerade die „immersion version“ sind extrem beeindruckend.
https://basscommunion.bandcamp.com/
Ich habe da gleich die 28 Veröffentlichungen erworben, die mit 30% Rabatt angeboten werden. Da „drone’t“ es jetzt ordentlich um mich herum ;-)
@liquid orange Danke für den Hinweis und den Link! :)
Drones kann man auch gut im Techno einsetzen, wo sie unterschwellig Atmosphäre erzeugen können.
Ist ein Ding, solche Sounds alleine anzuhören (meditativ wurde schon genannt), eine andere diese Drones in Stücke einzubauen, die nicht nur um den Drone arrangiert sind. Da wird dann durch den frequenzmässig breit angelegten Sound leicht alles zugemampft. Einer der Gründe, warum es in Filmen und Games gut funktioniert: dort kannst du sowas ohne weitere Instrumentierung entsetzen.