Workshop: Pedale für Keyboarder, Teil 3: Rotary Speaker & Distortion

Geschichte und Geräteklassiker

Bevor es zu elektronischen Rotary Speaker Effektgeräten kam, gab es ja erstmal mechanische. Los ging’s in den 40er Jahren, als die ersten Hammond Orgeln unters Volk gebracht wurden. Don Leslie war es, der die Idee hatte, deren Sound ein bisschen mehr Raumfülle zu verleihen. Look und Aufbau: Eine große Holzbox mit rotierenden Schallabstrahlern vor den meist als Zweiwege konstruierten Systemen. Schlitzöffnungen im Holzgehäuse ermöglichen den Schallaustritt. Ein altes Werbefoto haben Sie oben ja schon gesehen. Hier ein Blick ins Innere:

 

Grafik Credits: Berndt Mayer

Grafik Credits: Berndt Mayer

Größe, Gewicht und viele mechanische Teile – Grund genug für eine Neuausrichtung mittels moderner Technik. Zudem ist bei geringer Verstärkerleistung die zusätzliche Abnahme mit drei Mikrofonen notwendig (eins am Tieftöner, zwei in 180° Position auf das Hochtonhorn gerichtet), um es bei einer größeren Live-Veranstaltung über die PA wiederzugeben. Da unter diesen Bedingungen mechanischer Verschleiß keine Seltenheit ist, waren schon bald Alternativen gefragt. Die ersten elektronischen Lösungsansätze kamen in den frühen 80ern auf den Markt und wurden im Laufe der Zeit erheblich verbessert, sprich: einigermaßen authentische Clones. Bekanntes Modell ist das Dynacord CLS22 sowie dessen Nachfolger CLS222.

DynacordXCLS22XProspektfoto

Zu jener Zeit waren viele Effektgeräte im 19“ Rackformat, so auch die von Dynacord. Alles was es davor gab, etwa das Shin-ei bzw. Univox Uni-Vibe Ende der 60er Jahre, ist eher als Versuch einzustufen, der einem echten Rotary Speaker Cabinet Effekt kaum entspricht.

Kommen wir zum nächsten Effektgerät:

Der Distortion

Wie schon bei Rotary Speaker Cabinet erwähnt, ist der Ursprung des Verzerrers (= Distortion) im Röhrenamp verortet. Hat man keinen, dann liegt ein solcher Bodentreter nahe. Der Einsatz ist für verschiedene Sounds interessant, nicht nur um einem Leadgitarristen Konkurrenz machen zu wollen. In bestimmten Dosierungen eignet sich das neben Orgel auch für E-Piano, Leadsynths, Bässe und Soundeffekte.

Es gibt harmonische und nicht-harmonische Verzerrungen, und sie sind Folge von übersteuerten Verstärkern. Mit den Distortion Bodentretern wird das mittels Schaltungen nachgeahmt. Da es auf die verwendete Technik ankommt, unterscheidet man genau genommen in Distortion, Overdrive, Fuzz, Booster und gelegentlich kommen auch fantasiereiche Begrifflichkeiten wie Tube Screamer und Power Drive vor. Bei ganz raffinierten Konstruktionen werden nicht nur Amps, sondern auch gleich die Eigenschaften der Speaker elektronisch simuliert.

Zwar kommen einfache Bodentreter mit gerade mal zwei Reglern aus, nämlich Level und Distortion (oder eben Overdrive etc.), doch das ist für manche Musiker nur der halbe Spaß. Gestaltungsmöglichkeiten sind je nach Modell auch Tone (für Klangfarbe), unterschiedliche Signalwege, Gain oder auch strukturierter Einfluss auf bestimmte Frequenzbereiche wie Bässe, Mitten und Höhen. Die Methoden der Hersteller unterscheiden sich teils gravierend, und es gibt wohl kaum eine Untergruppe bei den Bodentretern, die eine ähnlich zahlreiche Vielfalt an Geräten offeriert. Hier ist selber testen definitiv unerlässlich. Bei den Preisen geht es los bei handzahm für kaum 20,- Euro und Schluss ist so in der Gegend 400,- Euro oder etwas darüber. Damit Ihnen der Einstieg leichter fällt, folgen einige repräsentative Beispiele.

Aktuelle Referenzmodelle

Ebenso wie bei anderen Bodentretern greifen wir drei Modelle verschiedener Hersteller heraus, um Ihnen das beim Typ Distortion nahezubringen.

BOSS DS-1

BOSSXDS1XDraufsichtXdiagonal

Ein Klassiker des Genres und ein guter Einstieg dann, wenn es richtig fetzen darf. Die Verzerrung klingt ziemlich aggressiv und rau. Da der DS-1 einen Tone Regler hat, können Sie deutlichen Einfluss auf die Klangfarbe nehmen. Das gebotene Spektrum ist angesichts der recht günstigen 55,- Euro angemessen.

 

BOSSXDS1XDraufsicht

Man kann den DS-1 mit 9-Volt Blockbatterie betreiben, dafür befindet sich ein leicht zugängliches Fach unter dem großflächigen Fußtaster. Um es zu öffnen, braucht es auch keinen Schraubendreher, einfach nur die vorn angebrachte Rändelschraube aufdrehen, schon kann der Deckel hochgeklappt werden.

 

Bei BOSS so üblich: Rändelschraube des Fußschalters aufdrehen, Deckel vom Batteriefach hochklappen - da gehört der 9-Volt Block rein

Bei BOSS so üblich: Rändelschraube des Fußschalters aufdrehen, Deckel vom Batteriefach hochklappen – da gehört der 9-Volt Block rein

Die Handhabung ist dennoch ein bisschen fummelig. Ein Netzgerät ist die gute Alternative. BOSS Effektgeräte sind robust gebaut und genügend massiv für Bühnenbetrieb.

Electro Harmonix Soul Food

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Diese als Overdrive bezeichnete Stompbox des Industrieveteranen Electro Harmonix ist bei Gitarristen bekannt und beliebt. Auch für Keyboardsounds macht dieser ganz simpel aufgebaute Soul Food eine gute Figur. Es gibt nur drei Regler, man kann nicht viel falsch machen: Volume, Drive, Treble. Das Klangspektrum ist dadurch zwar überschaubar, aber kann dennoch durch geschickte Reglerjustierung insbesondere auf persönlichen Geschmack getrimmt werden.

 

EHXXSouldXFoodXDraufsicht

Die kleine leichte Box wird wahlweise mit 9-Volt Blockbatterie oder mitgeliefertem Netzgerät betrieben. Für den Batteriewechsel müssen die vier Kreuzschlitzschrauben der Bodenplatte entfernt werden, nicht gerade die bequemste Lösung. Der Soul Food kostet 85,- Euro.

Fulltone GT500

FulltoneXGT500XDraufsichtXdiagonal

Deutlich mehr Möglichkeiten gibt’s hier: Distortion und Overdrive in einer Box, jeweils regelbar mit Volume und Effektintensität. Die Distortionabteilung wartet zudem mit High und Bass Reglern auf, bei Overdrive kommt noch Mids dazu. Mittels Schalter kann man beide Kanäle auch unabhängig voneinander verwenden.

 

FulltoneXGT500XDraufsicht

Das massive und robust gebaute Gerät wird mit Batteriesatz ausgeliefert, optional ist ein Netzgerät. Die Verarbeitung ist prima, die großen Regler arbeiten sehr geschmeidig und sitzen fest auf den Potiachsen. Man muss 149,- Euro bezahlen und erhält dafür einen recht vielseitigen Apparat. Die Klangregler sind vielleicht etwas puppig geraten, was gerade bei der ergiebigen Mittenregelung ein bisschen Fingerspitzengefühl bei der Einstellarbeit abfordert.

Geschichte und Geräteklassiker

Schon 1925 hatte Julius Edgar Lilienfeld das erste Patent zum Prinzip des Transistors angemeldet, es dauerte aber noch bis in die späten 40er Jahre, bis bei den Bell Laboratories der erste funktionierende Bipolartransistor entwickelt wurde. In der Folge war das beim Verstärkerbau eine Alternative zur Röhre. Der Sound von Transistoramps war hinsichtlich gewünschter Verzerrungen dem Röhrenamp zunächst unterlegen. Einige Zeit später gab es die ersten Verzerrer, und in den 60ern hatten insbesondere Gitarristen so erstmals Gelegenheit, ganz unabhängig vom Verstärker und Speakersystem mit diesem Effekt zu hantieren.

 

Schaller Verzerrer aus den 60er Jahren

Schaller Verzerrer aus den 60er Jahren

Verfeinert wurde das in den 70er Jahren, ein Klassiker dieser Zeit ist der Ibanez TS-808 Tube Screamer sowie der Boss OD-1 Overdrive und DS-1 Distortion. Auch Electro Harmonix hat mit dem Big Muff einen gewissen Kultstatus erlangt. Keyboarder haben sich der Sache ebenfalls angenommen und das Prinzip verzerrter Sounds ausprobiert. Einer der ersten bekannten Vertreter ist Garth Hudson, der Organist von The Band. Er spielte eine Lowrey Orgel und prägte mit diesen Methoden seinen Sound. Interessiert? Dann hören Sie mal rein:

Viele weitere folgten und Distortioneffekte sind seitdem eine beliebte Masche für aggressive Klänge bei Keyboards aller Art.

Session Takes

Abseits der laborartigen Bedingungen in den obigen Audio Tracks habe ich Rotary Speaker und Distortion Effekte auch mal in kurzen Solo Sessions eingesetzt. Hier die Takes mit verschiedenen Instrumenten, zuerst Rotary Speaker und danach Distortion:

E-Orgel:

 

Piano:

 

E-Piano:

 

E-Gitarre Sample, clean:

 

Clavinet:

 

Analog Synth, Take 1:

 

Analog Synth, Take 2:

 

Credits

Ergänzend zu den Credits in Teil 2 Delay & Phaser diesmal mein besonderer Dank an Neo Instruments für die freundliche Unterstützung dieser Workshopserie mit einem Leihgerät.

Zum Abschluss ein wichtiger Hinweis:

Die Menge an AMAZONA.de-Artikeln rund um Effektpedale, ist enorm umfangreich. Hier eine kleine Auflistung der wichtigsten Reportagen und Workshops zu den beliebten Effekt-Pedalen – sowohl für Gitarristen, aber auch für Keyboarder und Liebhaber modularer Systeme.

Klangbeispiele
Forum
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    TobyB  RED

    Hallo Klaus,

    sehr genial, die Soundbeispiele sind wieder grosses Kino.
    Das dreigestrichene Echolot von Pink Floyd ist für mich genauso wichtig wie die Sequenz von „On the run“ oder der Seagull Wah Wah auf Ummagumma. Man muss nicht viel Equipment auffahren um seinen Sound zu finden, nur wissen wie ich dahin kommen kann.

  2. Profilbild
    costello  RED

    Vom Neo Ventilator hätte ich früher geträumt: dieses wunderbare „wub-wub-wub“ eines aus der Nähe mikrofonierten Leslies, herrlich. Ich hab’s – wie an anderer Stelle schon mal berichtet – mit Small Stone und genau dem hier vorgestellten orangefarbenen Boss DS 1 nachgebaut und das Ergebnis war gar nicht übel. Auch dem Ventilator 2 ist ja in Ergänzung zum Drive des Vorgängermodells noch ein Distortion-Effekt spendiert worden. Ich muss vielleicht mal meinen Neo 1 mit dem DS 1 kombinieren :) Ansonsten möchte ich mich Toby anschließen: auch der dritte Teil ist wieder super interessant und hat tolle Soundbeispiele. Danke!

  3. Profilbild
    iggy_pop  AHU

    Hammond-Orgeln wurden schon vor den 40er Jahren unters Volk gebracht. Hammonds hatten ihre eigenen Lautsprecherkabinette, die aber ziemlich bieder und nicht besonders imposant von den klanglichen Möglichkeiten her waren — als Don Leslie seine Produkte auf den Markt brachte, versuchte Hammond sogar zu Anfang, diese Fremdprodukte zu boykottieren — vergeblich, wie wir heute wissen. Und Gottseidank.

  4. Profilbild
    Organist007  

    ich hatte vorerst den dynacord rotor, später rotosphere von H& K, Digitech RP und Ventilator 1.
    nun bin ich beim GSI BURN gelandet und SEHR zufrieden….ich denke bei dem Sound bleibe ich.

  5. Profilbild
    k-langwerkstatt  

    Wenn ich im Studio meine Hammond A100 aufnehme, benutze ich meistens den Venti1. Super Teil! Im Vergleich zu meinem Leslie 247 ist es superschnell einsatzbereit und die Mikrofonierei entfällt, ausserdem hab ich keine Übersprecher von anderen Instrumenten. Ich würde mir keinen Blindtest zwischen Ventialtor und Leslie zutrauen. Das klingt schon richtig gut.

  6. Profilbild
    Florian Anwander  RED

    Hallo Klaus,

    wiedermal ein prima Artikel und aussagekräftige Klangbeispiele. Danke dafür!

    Was die Leslie-Emulationen angeht, bin ich auch seit Jahrzehnten (Huch! Bin ich alt geworden…) auf der Suche. Der NeoVenitlator ist schon wirklich ziemlich gut – wenn es um Aufnahmen geht. Aber sobald man das in einem Club neben einem echten Rotationslautsprecher hört, verblasst er leider. Was mich letzthin aber wirklich umgeblasen hat (auch fast im wörtlichen Sinne) ist das Motion Sound Pro 3. Das ist quasi ein mechanisches Leslie im Aktentaschenformat, mit einer wirklich ordentlichen Verzerrerstufe vorne dran. Die Wirkung im Raum ist immer noch unübertroffen.
    Das ganze gibts sogar als Modell R-3 als Rackeinheit mit eingebauten Mikrofonen, aber da das in einem geschlossenen Rack-Gehäuse sitzt, ist der eigentliche Witz schon wieder durch.

    Gruß
    Florian

  7. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Die meisten Distortion-Effekte klingen für mich am Synthesizer eher nur noch kaputt. Trotzdem habe ich welche gefunden, die für mich sehr gute Ergebnisse liefern.
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    Der bisher beste ist für mich der EHX Muff Overdrive. Das Teil soll für Gitarristen nahezu unkalkulierbar sein, da es auf feine Nuancen im Spiel mit krassen Klangänderungen reagiert. Am Synthesizer (bei mir ein Little Phatty) macht er aber einen sehr guten Job, in dem er den Sound anrauht, ohne in völlig zu zerfetzen.
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    Dann bin ich großer Fan vom Dark Matter von tc.electronic, der den breiten 70er-Jahre-Verzerrersound produziert, und ihn auch auf Synthesizer legen kann.
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    Als Überraschung hat sich der hier erwiesen: Ein Behringer TO100. Den Overdrive habe ich mal für 10 Euro (Neupreis!) en passent mitgenommen. Der TO100 macht ein schönes bluesiges Kratzen auf den Synthesizersound.

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