Workshop: Tipps zum In-Ear Monitoring

12. November 2020

Was es beim drahtlosen In-Ear Monitoring zu beachten gibt

Workshop: Tipps zum In-Ear Monitoring

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Nur wenige Produkte haben sich in den letzten Jahren so stark zu einem Bühnen-Standard entwickelt wie das In-Ear Monitoring. Was zu Beginn der Entwicklung nur einigen wenigen Superstars aus dem Gesangsbereich vorbehalten war, hat sich mittlerweile zu einer Standardbeschallung des eigenen Gehörs entwickelt und ist in Sachen Preisgestaltung von High-End bis Einsteigerniveau erhältlich. Aber worauf ist bei dem Erwerb und Betrieb der Systeme zu achten? Dieser Workshop soll dir dabei helfen, das Maximale aus deinem System herauszuholen und Fehler zu vermeiden.

In-Ear Monitoring und die Alternativen

„Ich höre mich nicht!“ Vielleicht mag dieser Klassiker heutzutage nicht mehr die Spannkraft wie früher haben, aber ich bin mir recht sicher, dass jeder Bandmusiker diesen Satz bei einem Soundcheck vornehmlich von den Herren/Damen am Gesang oder der Gitarre, kombiniert mit einem genervten, bisweilen hysterischen Gesichtsausdruck, gehört haben. Dass die Herren Gitarristen in diesem Fall wahrscheinlich 1 m vor einem auf dem Boden stehenden Halfstack standen und die Kollegen auf der anderen Seite des Raumes ob der infernalischen Lautstärke bereits nach Luft schnappten, steht auf einem anderen Blatt.

Auch wenn es dem normalen Musikkonsumenten nicht zu erklären ist, wir alle wissen, was es bedeutet, seinen musikalischen Beitrag innerhalb einer Band nicht ausreichend wahrnehmen zu können oder noch schlimmer, die anderen Musiker viel lauter wahrnehmen zu müssen, als man es selber möchte. Während Bands der Sechziger, wie z. B. die Beatles, noch ohne jegliches Monitoring auskommen mussten, waren die Siebziger und Achtziger noch von mehr oder weniger großen Kombinationen aus Floormonitoren, Drum- und Sidefills geprägt. Der große Vorteil dieser Monitoring-Methode ist die „Körperlichkeit“ des Signals, sprich, man fühlt den Schall auch bis zu einem gewissen Grad, was sich zumeist positiv auf die eigene Leistung auswirkt, vorausgesetzt, der Mix ist genau so, wie man ihn haben möchte. Auch wirkt sich ein solches System positiv auf das Resonanzverhalten einiger Solid-Body-Instrumente aus, wie zum Beispiel eine klassische E-Gitarre.

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Ein transparentes In-Ear System

Was sich jedoch bei eine Solid-Body-Gitarre positiv auswirkt, verkehrt sich bei einer akustischen Gitarre leider ins Gegenteil, sprich, man führt einen latenten Kampf gegen tieffrequentes Feedback. Ebenso ist selbst das umfangreichste Monitorsystem immer eine Kompromisslösung, sofern man sich auf der Bühne bewegen möchte. Es bleibt also letztendlich jedem selber überlassen, welche Methode man vorzieht, allerdings haben In-Ear-Systeme in den letzten Jahren den Wedge-Betrieb um Längen abgehängt. Ich persönlich bevorzuge übrigens eine Kombination aus In-Ear- und Backline-Monitoring, indem die Cabinets als Sidefills platziert werden und recht laut aufgedreht sind. So kann ich den Bühnenpegel in das Resonanzverhalten der Gitarre einbauen, die Kollegen hören mich vergleichsweise gut über die Abstrahlung quer über die Bühne und dennoch kann ich mich dank In-Ear überall hin bewegen, ohne mich komplett aus dem Abstrahlwinkel zu bewegen.

Welche In-Ear Monitoring Systeme gibt es?

Schauen wir zunächst einmal nur die wichtigste Komponente des In-Ear-Systems an: die Ohrhörer. Losgelöst von der Anzahl der Treiber bleiben unter dem Strich zwei verschiedene Systeme übrig, angepasst und nicht angepasst. Bekanntermaßen wird bei einem angepassten System ein Abdruck eures Ohrs beim Hörgeräteakustiker oder dem In-Ear-System Hersteller direkt erstellt und eure Einsätze passen danach im wahrsten Sinne wie angegossen.

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So wird ein angepasster In-Ear-Hörer hergestellt

Der große Vorteile der angepassten Systeme: Die Ohrhörer rutschen auch bei körperlicher Bewegung auf der Bühne nicht aus dem Ohr und der perfekte Abschluss im Ohr sorgt für eine perfekte Schalldämmung. Zudem ist der Klang des Ohrhörers gerade im Bassbereich deutlich voluminöser und prägnanter.

Der große Nachteil der angepassten Systeme: der Preis. Aufgrund des vergleichsweise hohen handwerklichen Aufwands rufen angepasste Systeme gerne einmal den doppelten Preis gegenüber einem vergleichbaren, nicht angepassten System auf, was immer noch viele Nutzer, die nicht mit Musik ihren Lebensunterhalt verdien(t)en, von einer Anschaffung abhält.

Einen sehr guten Mittelweg stellt zum Beispiel die Stagediver Serie von der Firma In-Ear dar, die einen mittleren Gehörgangsdurchmesser aus ca. 500 Ohrenabdrücken kreiert haben und damit ein Passmaß, das für ca. 90 % der Bevölkerung fast so gut passt wie ein angepasstes System.

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Die Ohren regelmäßig überprüfen zu lassen, ist grundsätzlich ratsam

Ein kurzes Wort zu Billig- oder Dreingabe-Ohrhörern, wie sie gerne einfachen In-Ear-Monitoring-Funkstrecken beigelegt werden. Sie werden gerne als In-Ear-Ohrhörer bezeichnet, haben aber im Allgemeinen nicht viel mit einem ernstzunehmenden In-Ear-System gemeinsam. Meist handelt es sich um ovale Einsätze, die zum einen sehr schnell aus dem Ohr herausrutschen und teilweise einen Klang auf Mittelwellenradio-Niveau absondern. Für reine Sprachnachrichten kann man diese Varianten eventuell noch benutzen, für Musik ist diese Leistungsklasse hingegen völlig ungeeignet.

Wie viele Treiber/Wege sollte mein In-Ear-Monitoring-System haben?

Im Allgemeinen gilt bei den meisten Nutzern der Satz: „Je mehr Treiber, desto besser der Klang.“ Sofern es sich um den HiFi-Bereich handelt, ist dieser Ansatz auch meistens zutreffend, aber je nach Instrumentengattung kann dies auch völlig anders ausfallen. Ein gutes Beispiel ist eine verzerrte Gitarre, die ihr Hauptaugenmerk auf den Mittenbereich legt. Ich konnte zwei Versionen des gleichen Ohrhörers, einmal mit zwei Treibern, einmal mit vier Treibern direkt miteinander vergleichen und die vermeintlich einfachere Ausführung klang deutlich besser. Zwar mangelte es an den Ultra-Lows und Ultra-Highs, aber das persönliche Instrument war deutlich prägnanter und ausgewogener im Klang.

Worauf muss ich bei der Trägerfrequenz achten?

Neben den klanglichen Aspekten sollte man auch immer ein Augenmerk auf die verwendete Trägerfrequenz der Funkstrecke haben, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Je nach verwendeter Frequenz ist der Betrieb lizenzfrei, mit einer Anmeldegebühr, respektive einer jährlichen Gebühr verbunden oder aber ganz verboten, da man in einem Bereich funkt, der von öffentlichen Einrichtungen genutzt wird. Ganz so schlimm wie bei dem Moscow Peace Festival, bei dem einigen Künstlern die Sender der ersten Generation sofort abgenommen wurden, da sie auf der Frequenz des russischen Militärs funkten, ist es nicht mehr, aber auch ich konnte bei meiner letzten Japan-Tournee meine Standard-Funkstrecke nicht benutzen und musste eine vom Veranstalter gestellte Funkstrecke vor Ort benutzen.

Befestigung des Ohrhörerkabels

Ein ebenfalls bekanntes Problem ist die Befestigung des Ohrhörerkabels am Körper. Während man den Empfänger der Funkstrecke meist noch vergleichsweise einfach am Gürtel, Hosenbund oder Gitarrengurt befestigen kann, hat man je nach Instrumentengattung das Problem des Kabels. Ein Sänger, Drummer oder Keyboarder wird das Kabel wahrscheinlich einfach im Hemdkragen verschwinden lassen, bei Bassisten oder Gitarristen hat man in diesem Fall allerdings das Problem, dass der Gurt das Kabel zeitweise fest auf die Schulter drückt. Bewegt man in diesem Augenblick seinen Kopf, reißt man sich entweder die Ohrhörer aus den Ohren oder aber die Steckverbindung von Kabel und Ohrhörer reißt ab.

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Zwei In-Ear Hörer mit Transportbehältnis

Ich habe es auch schon mit Body-Tape versucht, um eine entsprechende Entlastung hinzubekommen, aber diese wurde schon nach ein paar Minuten vom Körperschweiß gelöst. Um wirklich jede Bewegung auf der Bühne ausführen zu können, bin ich daher gezwungen, das Ohrhörerkabel frei baumeln zu lassen, was natürlich die Gefahr in sich birgt, dass man irgendwo hängenbleibt oder sich das Kabel mit einer Armbewegung anderweitig herausreißt. Mir wurde jedoch mitgeteilt, dass die neuste Generation von Body-Tapes deutlich resistenter gegen Schweiß und Feuchtigkeit sei, von daher werde ich mich auch hier noch einmal auf die Suche begeben.

Sauberkeit

Als Abschluss eine sehr wichtige Sache, die gerne vergessen wird. Wer seine Ohrhörer ordentlich vollschwitzt und sie danach möglichst noch in einen luftdicht verschlossenen Behälter packt, darf sich nicht wundern, wenn er einen der nächsten Auftritte mit einer Mittelohrentzündung absolvieren darf. Warm, feucht und mit Schmodder durchsetzt, was gibt es Schöneres für einen etablierten Bakterienstamm oder eine Pilzkultur, um sich entsprechend zu vermehren. Dazu kommt noch, dass die Treiber sich langsam zusetzen und sich der Klang des Systems jedes Mal mehr in Richtung „muffige Tagesdecke“ entwickelt.

Von daher, unbedingt die Ohrhörer nach jedem Einsatz mit einem Tuch säubern und regelmäßig die Cerumenfilter wechseln. Der beste Ohrhörer bringt nichts, wenn er aussieht, als ob er gerade aus der Forschungsabteilung vom Robert-Koch-Institut kommt.

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Bei zu lauter Musik kann auf Dauer das Gehör leiden

Fazit

In-Ear Monitoring ist eine feine Sache, sofern es um tonale Kontrolle der eigenen Leistung und die der Kollegen auf der Bühne geht. Klanglich ziehe ich persönlich den natürlichen Sound eines Instruments oder aber die Bodenmonitor-Lösung vor, allerdings sind diese Punkte mit zu starken Einschränkungen verbunden, sodass auch ich seit vielen Jahren nur noch mit In-Ear unterwegs bin.

Um einen wirklichen Nutzen aus diesem System zu ziehen, kann ich nur empfehlen, ein Minimum an Investition zu tätigen, um das Ganze klanglich auch zu genießen, sonst verwandelt sich die räumliche Unabhängigkeit klanglich schnell in eine große Frustration.

Forum
  1. Profilbild
    martin stimming  

    Das deckt sich mit meiner Erfahrung: mehr Treiber bedeutet nicht automatisch mehr klang. Im Gegenteil: die PhasenKohärenz leidet dann sehr, was zB bei einer bassdrum bedeutet dass der Klick nicht mehr auf den Bauch passt.

    Das Kabel führe ich über die Gürtelhalter der Hose und wickel es als Zugentlastung ein oder zweimal. Am Hinterkopf klebe ich das Kabel an den Hals, wichtig dabei ist diesen gesamten Vorgang in den knien und mit Kopf nach unten gebeugt zu machen damit man genug Spiel hat.

    Hab da mal einen (zugegebenermaßen schwierig geschriebenen ;)) Leserartikel über das Thema verfasst, dort gehe ich auch auf einzelne Modelle ein.

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      MPC-User  

      Danke für den Test.

      Als Träger von Hörgeräten weiß ich wie wichtig es ist seine Ohrpassstücke sauber zu halten. Ich nehme zum reinigen immer die klinischen Desinfektionstücher aus der Spenderbox.

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    Marcel Halbeisen  

    Danke für den interessanten Bericht. Ich trete zwar nicht live auf, bewege mich bei meinen experimentellen Sessions aber doch oft um meine Klangerzeuger herum. Da diese Experimente nicht allen Mitbewohnern gleich gut gefallen, suche ich schon lange einen kabellosen Kopfhörer, finde aber keinen geeigneten da diese immer eine störende Latenz haben und meist auch nicht gut klingen wenn es mal sehr leise sein soll. Einige schalten dann sogar die Übertragung ab…
    Wäre da ggf. so ein hier beschriebenes System einsetzbar?

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      ctrotzkowski  

      Da Funkstrecken für die Bühne nur sehr geringe Latenz haben, kann man damit natürlich auch zu Hause Musik machen. Allerdings ist die Kombination aus Hifi-Sound In-Ears und rauscharmer Funkstrecke auch recht hochpreisig.

      Ggf. findest Du irgendwo noch Kopfhörer mit Infrarot-Verbindung?
      Die Technik stammt zwar aus dem letzten Jahrtausend (Madame Tussauds hatte in den 90ern mal in London damit einen genialen „Rock Circus“ gebaut, wo man so vor jeder Wachsfigur der PopRock Geschichte deren Musik hören konnte. Ach ja, und die Pink Floyd Ausstellung „The Mortal Remains“ hatte das letztes Jahr auch noch im Dortmunder U), aber im Gegensatz zu Bluetooth ist das auch fast latenzfrei, und vermutlich viel billiger als die Bühnenlösung.

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        Marcel Halbeisen  

        Vielen Dank für die Informationen, das klingt dich schon mal interessant. Auch wenn die Funk-Lösung etwas teuerer ist, scheint sie doch praktikabel zu sein. Daher werde ich mir das mal ansehen gehen.
        Infrarot klingt auch interessant und würde ja auch in einem Raum gehen, aber die Angebote die es noch gibt sehen gar nicht überzeugend aus.

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        Marcel Halbeisen  

        Ich habe mir jetzt mal eine recht günstige Lösung zugelegt, ein LD-Systems U308. Das funktioniert tatsächlich wesentlich besser als ein Funkkopfhörer! Besten Dank für den Tipp.

        Zum LD-Systems U308 kann ich sagen, dass für mich die Soundqualität OK ist, hängt natürlich sehr stark von den verwendeten InEars ab. Klar, zu der Boxenübertragung hat das keinen Stich, aber um zu experimentieren und niemanden im Haus zu stören ist das durchaus OK. Die Funkstreife selbst ist sehr einfach zu bedienen, hat aber ein hörbares Grundrauschen das besonders bei leisen Stellen etwas zu hoch ist. Aber für nicht mal 250 Euronen finde ich das akzeptabel.

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