Workshop: Vocal-Sounds mit dem Waldorf Microwave

18. Dezember 2000

Wie man den Microwave singen und stöhnen lässt

Erneut ein Workshop um in die fantastische Welt der Wavetable-Synthes tiefer einzusteigen:

Will man mystische, geisterhafte oder engel-artige, hohe weibliche bis tiefe männliche „Aaaaahh“s und „Ooooh“s, die manchmal in Trance- und Ambient-Tracks zu hören sind (wie „First Rebirth“ von Jones&Stephenson und viele Traxx von Nostrum), so ist der MW2/XT das ideale Werkzeug dafür — viel besser als ein Sampler. Kein Wunder, schließlich ist er ein Nachfolger der PPG-Wave-Serie, welche unter anderem für einen legendären synthetischen Chor bekannt war.

In dieser Reihe zeige ich Euch mehrere Möglichkeiten, um stimmen-ähnliche Klänge zu synthetisieren, von natürlich-menschlich über alien-mäßig bis metallisch.
Es passiert gar nicht mal so selten, dass man durch blindes Herumdrehen an Reglern zufällig auf mehr oder weniger menschlich klingende Töne stößt. Das ist immer dann der Fall, wenn die starken Formanten des Spektrums grob mit den Formanten einer Menschen-Stimme, die einen Vokal ausspricht, übereinstimmen.
Formanten sind die Berge im Frequenz-Spektrum eines Klangs und bilden quasi die Hüllkurve des Spektrums. Insbesondere sind für das Erkennen von Vokalen nur die lautesten Formanten relevant. Wäre das nicht der Fall, würden sich verschiedene Menschen mit verschiedenen Stimmen kaum verstehen, nur weil die Feinheiten der Spektren sich unterscheiden. Der Mensch nimmt es also nicht so genau mit den Spektren, um Vokale zu erkennen. Genau das macht es uns Synthy-Freaks einfacher, Vokale simulieren.
Die Vokal-Formanten sind außerdem tonhöhen-unabhängig, d.h. wenn ein Mensch z.B. eine „Aa-Aa-Aa-…“-Melodie singt, befinden sich die „A“-spezifischen Formanten immer an den gleichen Frequenzen.

1. Wavetables unverfälscht benutzen

So, jetzt packen wir die Sache erst mal an der einfachsten Stelle an:
Wir setzen Wavetable #64 („Chorus 2“) ein.
Dieses ist quasi ein Multi-Sample eines „A“ in 61 verschiedenen Pitches. Tja, so viele Waves braucht man schon, wenn das „Aaa“ echt klingen soll. Denn wenn man dieselbe Wave in verschiedenen Pitches abspielt, dann werden auch die Formanten verschoben, und man hört eine Mickey-Maus- oder Monster-Stimme (kann natürlich auch cool klingen).
Dieses WT wurde folgendermaßen erzeugt: vom Sample eines sehr tiefen männlichen Chors wurde durch Fourier-Analyse dessen Spektrum gewonnen; daraus wurde dann mit Fourier-Synthese eine Wave berechnet. (die gleich wie der Chor klingt, aber für sich alleine nur einen harmonischen, schwebungslosen, langweiligen Ton erzeugt). Die übrigen Waves wurden auch so berechnet, stattdessen wurden aber bei ihnen die Formanten im Spektrum verschoben. Für jede Note gibt es die richtige Wave, bei der jede Formante an der richtigen Frequenz bleibt.
Als Sound-Bspl. gucken wir uns zunächst das Factory Preset „Stenzels Chor“ an. Dieses Pad gibt auf jeder Note das richtige „A“ wieder, also moduliert Tonhöhe Wave1 und Wave2.
In einem solchen Fall ist es geschickt, Wave2 Startwave an Wave1 Startwave zu „linken“ (im Wave 2 Menü), damit man nur Wave1 modulieren braucht und Wave2 „mitgeschleppt“ wird.

Um Wave1 zu modulieren, gibt es 2 Arten:

  • Wave1 Menü: Keytrack: +100% (eleganter)
  • Mod Matrix: Keytrack/Keyfollow * +56 ‡ Wave1 Pos (Keyfollow berücksichtigt auch Pitchbend und Glide, also besser)

Günstig ist es, wenn beide Startwaves auf 30 sind, damit die Modulation den ganzen Wave-bereich 0-61 abdeckt.Außerdem sollte Wave1/2 Limit eingeschaltet werden, nicht dass noch auf den sehr hohen Noten plötzlich die analogen Wellenformen erklingen!
So, genug vom bloßen Anhören! Ich nehme mir jetzt die Frechheit heraus, „Stenzels Chor“ zu „Alexanders Chor“ zu modifizieren.

Anfetten

Fangen wir gleich mal damit an, mehr Schwebungen reinzubringen und das ganze dichter und verwaschener zu machen. Der „kleine“ (Send-)Chorus ist ja schon an, der ist einfach ein Muß.
Stärkeres Detunen der Oszis allein bringt´s nicht nicht sooo sehr, klingt immer noch recht dünn und elektronisch. Probieren wir zuerst, die Stimmen-Zahl pro Note zu erhöhen.

a. Dual Assign

Schon besser. Effektiv haben wir nun 4 Oszis, und damit´s möglichst fett
klingt, detunen wir deren Pitches äquidistant, (so wie im Unisono Assign):
Das gesamte Detune-Breite soll B Einheiten betragen. 4 Pitches (von 4 Oszis) haben 3 Zwischenräume => Jeder Zwischenraum ist B/3 Detune-Einheiten breit. =>
Regel für äquidistantes Oscillator-Detune im Dual Assign mit Breite B:

  1. Möglichkeit: Osc1 Detune = -B/6
    Osc2 Detune = +B/6
    Trigger2 Menü: Detune = 2/3*B
  2. Möglichkeit: Osc1 Detune = -B/3
    Osc2 Detune = +B/3
    Trigger2 Menü: Detune = B/3

Hier wählen wir mal die 2. Art mit B=45. Wir setzen:
Osc1 Detune = -15; Osc2 Detune = +15; Trigger2 Menü: Detune = 15
Bisschen mehr Stereo-Breite gefällig? => De-Pan = 64-80. Lieber nicht übertreiben mit dem De-Pannen, sonst schwebt es nicht mehr so stark.
Wenn jetzt noch ein Pan-Delay dazukommt, dann wird´s so richtig schön TIEEEF!
Wem es immer noch nicht fett genug ist: Kein Problem! Da kenne ich 2 Lösungen, mit Vor- und Nachteilen.
Die erste ist Unisono Assign. Vorteile: hyper-fett und ein beliebiger Effekt kann gewählt werden, etwa Delay. Nachteil: STIMMENVERBRAUCH!!!!!!!!!!!!!!!!!! Kann ja schnell zum Problem werden, wenn man keine 30-Voice-Extension hat.
Die 2. Lösung: Beide Chori einschalten. Da kommt man oft schon mit Normal Assign gut aus. Leider muß man Delay opfern.

b) Unisono Assign

In diesem Fall reicht 1 Oszi aus, also Wave 2 Level im Mixer erst mal ganz runterdrehen. Dann rein ins Trigger 2 Menü:
Detune = 40-55; De-Pan = 127
Etwas dynamischer und langsam morphend kann man es machen, wenn man Wave 2 wieder dazumixt, aber nur ganz wenig von Osc 1 verstimmt, sagen wir:
Osc1 Detune = -2; Osc2 Detune = +2.
Noch Pan-Delay dazu, und fertig ist ein wirklich extrem dichter, tiefer Chor. Diese kräftige Schwebung kommt fett, wenn man die Voice in kurzen Noten spielt.

c) Beide Chori gleichzeitig

Sogar ein monophoner, total konstanter, schwebungsloser Ton lässt sich mittelstark anfetten, ohne die Stimmenzahl zu erhöhen: mit dem (Insert-)Chorus von den auswählbaren FX zusammen mit dem Send-Chorus (der ohne Parameter). Letzterer wird von der Output-Summe des ersten gespeist (also seriell geschaltet), wodurch effektiv sage und schreibe 8 „Schwabbel“-Echos dem Original-Signals hinzugefügt werden. Das klingt zwar nicht genau wie 9-fach-Unisono, weil die Tonhöhen der Echos eiern. Wenn dieses Eiern aber dezent bleibt, ist das Ergebnis oft gerade deswegen sogar wärmer, dynamischer und stereo-breiter als mit Unisono Assign.
Da kann man endlich mal mit Stimmen knausern, also wähle Normal Assign.
Osc1 Detune = -15; Osc2 Detune = +15.
Chorus: Speed = 65; Depth = 127; Mix = 0:127
Größerer Speed bedeutet fetter und eiernder. Werte bis 68 sind gut für kurze Noten, während langsame Pads eher niedrige Werte ab 53 besser vertragen.
Sollten die tiefen Frequenzen zu schmerzhaft pulsieren, kann man Mix Ratio abschwächen oder den Filter 2 als HP einsetzen.

Lage der Formanten kontrollieren

a. Verschieben

Dazu kann man die Startwaves 1/2 verändern oder die Pitches. Zum experimentieren ist es am bequemsten, nur Wave 1 in den Mixer zu leiten. Man kann natürlich auch das Modulationsrad Wave 1 Pos beeinflussen lassen. Wave 2 wird ja automatisch mitgezogen, solange „Link“ im Wave 2 Menü „on“ ist.
Wenn man die Startwaves etwas hochdreht, liegen die Formanten tiefer, und dadurch geht das „A“ in eine Art „O“ über.
Einfach nur geil ist Formant-Shifting per Hüllkurve oder LFO, wie ein Filtersweep:
„Ooooaaaaaiiiiiaaaaoooo“, „Iaoo!“ (siehe Preset „Paracelsus“).

b. Kein Keytrack

So realistisch menschlich das Festhalten der Formanten auch klingen mag, musikalisch sinnvoll ist es eher nicht, wenn es um Melodien geht. Es klingt zu „monoton“, man hört immer nur exakt den Laut „A“. Bei hohen Noten dumpfer, bei tiefen heller. Bei einer „normalen“ Wellenform wie Sägezahn bewegen sich ja auch alle Formanten mit der Tonhöhe mit.
Also Wave 1 Keytrack auf 0 setzen, Pitch und Startwaves je nachdem zurecht tunen,
wie stark man die Stimme männlich/weiblich/kindlich haben will, und eine Melodie spielen, die nicht breiter als etwa 2 Oktaven sein sollte.

Geeignete Wavetables

WT 28 („FmntVocal“) ist auch ein Formant-Sweep, sehr dünn, wie ein BP-Filter, und eignet sich zum Shiften per Wave-Env; um mehr warmen Bass-Anteil zu erhalten, kann man
beide Startwaves auf 0 setzen, Wave 1 stark von der Wave Env modulieren lassen und Wave 2 nur schwach; die Env Times sollten ziemlich langsam sein, damit es nicht so „rattert“.
Nicht zu vergessen ist WT 57 („MaleVoice“), das aus den Vokalen a, e, i, o, u besteht.
Gut für Stimmen sind auch die WTs 008 („MellowSaw“), 009 („Feedback“) und 010 („AddHarm“).
Milde, hohe Vokal-Sounds erhält man auch durch geschicktes Addieren zweier verschiedener Waves aus den WTs 001 („Resonant“) und 025 (ResoHarms). Dabei fungieren Osc 1 und Osc 2 als Formanten.
Außerdem können ultra-raue Wellen, wie in WTs 044 („Fuzz Wave“), oft stimmenähnlich klingen, wenn man sie mit dem 24dB-LP und/oder Filter 2 LP abmildert.

Wem´s interessiert: In den nächsten Teilen kommen noch viele Tricks zum Vocal Shaping auf Euch zu. Das war erst der Anfang des Anfangs!

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