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Zeitmaschine: Boss DE-200 vintage Digital Delay

LoFi-Delay und Mini-Looper

15. Oktober 2022

Das Boss DE-200 Digital Delay erscheint Mitte der 1980er – Dauerwelle, toupierte Haare, Haar-Gel und … Gitarren-Racks. Beim Erscheinen 1984 erfreute sich die zupfende Zunft der immer vielfältigeren Auswahl an 19-Zoll-Rack-Geräten für ihr Instrument. So ist auch das Boss DE-200 Digital Delay ursprünglich auf ein Gitarrensignal am Eingang ausgelegt. Aber dazu und zu einigen Modifikationen später mehr.

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Boss DE-200 Digital Delay, Aufbau und Verarbeitung

Das Gerät nimmt genau eine Höheneinheit im 19-Zoll-Rack ein und ist mit einer Tiefe von 22 cm recht beachtlich – was für die Zeit aber nicht unüblich ist, denn SMD-Technik war noch nicht die bevorzugte Bauweise für alle Komponenten. Und so brauchen die Bauteile eben auch ausreichend Platz auf der Platine. Selbstverständlich für diese Zeit ist das interne Netzteil, das auf der Rückseite auch in die Betriebsart 110 V gestellt werden kann.

Blockdiagram

Das Stahlblechgehäuse mit kleinen Lüftungsschlitzen am hinteren Ende wird von einer Kunststofffront abgeschlossen. Diese ist in einem Anthrazit-Grau gehalten und fügt sich so schön ins Gesamtbild ein. Im Betrieb wird das Boss Delay auch nur mäßig warm. Die Verarbeitung ist grundsolide und ist damit für den harten 80er-Touralltag gewappnet gewesen.

Die unsymmetrischen Anschlüsse für die Audiosignale befinden sich sowohl auf der Rück- als auf der Vorderseite, wobei der Eingang vorne Vorrang hat. Acht Potis und fünf Schalter sind dort verfügbar. Die Potis sind den 80ern gemäß schön bunt und sorgen so für eine gute Übersicht. Auch der Netzschalter befindet sich vorne – sehr gut. Der Bypass des Gerätes ist elektronisch geregelt und somit wird bei ausgeschaltetem Gerät auch kein Signal durchgeschleift. Vorteil ist, dass er auch durch einen rückseitig angeschlossenen Fußtaster bedient werden kann.

Boss DE-200 Digital Delay - eingang

Dem Input-Level-Regler wurde eine 6er-LED-Kette spendiert, die von -40 bis +6 dBm reicht. Im recht kurzen 12-seitigen Handbuch wird der nominale Eingangspegel mit -20 dBu (-30,79 dBu/ -33,01 dBV) angegeben, was der zweiten grünen LED auf der Anzeige entspricht. Als maximaler Input-Pegel stehen +12 dBm (1,208 dBu/-1,01 dBV) auf der Karte. Am Ausgang erwarten uns wieder nominell -20 dBm. Der Headroom für das Delay ist mit 80 dB ganz ordentlich für 1984. Das trockene Signal kommt sogar auf 110 dB.

Vergleicht man die Werte mit den Werten von Ein- und Ausgängen eines typischen Audiointerfaces, so wird schnell klar, dass hier mit Vorsicht gepegelt werden sollte.

Als Beispiel sei eine RME-802 Fireface genannt. Die bringt auf Studiopegel (+4 dBu) bei einem 0 dBFS Signal einen Pegel von 23,79 dBm auf eine Waage. Als Eingang erwartet die RME die gleiche Spannung für ein 0 dBFS Signal. Beim Betrieb des DE-200 ist es also definitiv besser, mit dem Heimstudiopegel von -10 dBV zu arbeiten. Hier haben wir 12,79 dBm am Ausgang und erwarten denselben Wert auch am Eingang für ein 0 dBFS Signal.

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Modifikation des Ein- und Ausgangs

Dafür gibt es aber recht simple Modifikationen, die in an den Ein- und Ausgangs-OpAmps vorgenommen werden können. Viele Berichten von einer wesentlich rauschfreieren Wiedergabe – vielleicht mache ich das auch einmal. Persönlich konnte ich in meinem Setup gut mit dem DE-200 arbeiten. Übermäßiges Rauschen ist mir nicht aufgefallen.

Boss DE-200 Digital Delay - output mixer

Delay-Zeiten und Technik des Boss DE-200 Digital Delays

1984 waren Speicherbausteine, also RAM, noch recht teuer. Und so wundert es nicht, dass das Boss DE-200 Digital Delay nur maximal 640 ms Delay-Zeit bei 12 Bit Auflösung und einer Bandbreite von 10 kHz aufbringen kann. Ausgewählt wird das ganz über den Range-Mehrfachschalter in den Abstufungen 2,5 / 5 / 10 / 40 / 80 / 160 / 320 / 640 ms. Ein Fine-Poti mit der Abstufung x0,5 bis x1 kann dann die Delay-Dauer vom eingestellten bis zum nächstkürzerem Wert variieren.

Ein Mode-Schalter versetzt den Boss DE-200 Digital Delay dann in den LoFi-Mode (Mode-2) mit einer Bandbreite von ca. 4,5 kHz – mit der Konsequenz, dass nun maximal 1250 ms Delay-Zeit zur Verfügung stehen. Das Gerät benutzt drei 64 kBit D-RAMs, hat also 192 kBit Speicher. Bei einer Auflösung von 12 Bit passen da also 16384 Sample-Werte rein. Die Sample-Rate im Modus-1 dürfte somit 26,6 kHz betragen, im Mode-2 dann ca. 13,1 kHz. Das deckt sich auch gut mit dem Frequenzdiagramm.

Boss DE-200 Digital Delay – F-Response

In Reviews aus der Zeit des Erscheinens des Boss DE-200 Digital Delays geht hervor, dass der Klang trotz der relativ schmalen Bandbreite sehr gut ist. Dafür sorgen gleich zwei Tricks. Erstens wird das Signal vor der Wandlung bandbegrenzt und nach der Wandlung noch einmal, um Staircase-Effekten und Aliasing-Artefakten vorzubeugen. Zweitens wird ein Compander-IC eingesetzt, das vor der Wandlung das Signal komprimiert und nach der Wandlung expandiert – so wird die AD/DA-Wandlung optimal ausgenutzt. Und es stimmt, die einzelnen Delays klingen gleichmäßig gut und saufen auch beim Nachlassen der Lautstärke nicht in digitalem Gebritzel ab – wie bei anderen Geräten dieser Zeit.

Modulationsmöglichkeiten im Boss DE-200 Digital Delay

Auch typisch für die Zeit ist der Einsatz eines Modulators, der im Fall des Boss DE-200 Digital Delays die Delay-Time-Fine-Einstellung beeinflusst. Die maximale Frequenz ist dabei 10 Hz, die Schwingungsform ist Dreieck.

Boss DE-200 Digital Delay - modulation

Bei ganz langsamen Einstellungen hört es sich aber ein wenig anders an. So als ob das Dreieck nach oben geht, dort ein wenig verweilt, um dann seine Fahrt nach unten anzutreten – um auch auf der niedrigsten Stellung eine Weile stehenzubleiben.

So kann man bei niedrigen Delay-Zeiten im Millisekundenbereich flanger- und chorusartige Effekte erzielen; der Feedback-Regler sorgt dabei für die Stärke des Effektes. Über den Phase-Schalter kann das Feedback sogar noch hervorgehoben werden.

Interessant ist auch der Einsatz des Hold-Tasters in Zusammenhang mit dem Modulator.

Hier erzeugt die Kombination eine eigentümliche stufenartige Modulation, so als ob das Gerät eine Melodie spielen wollen würde. Dazu habe ich einen einfachen Sinus genommen, den maximal moduliert und danach die Hold-Taste betätigt.

Sample-Hold, Sound-on-Sound und externer Trigger

Diese Funktion sorgt für eine Tonne Spaß beim Boss DE-200 Digital Delay. Wird der Hold-Taster aktiviert, so wiederholt das Gerät fortlaufend den aktuellen Inhalt des RAM-Speichers. Dabei können alle Delay-Time-Einstellungen und der Modulator nach Herzenslust eingesetzt werde – ein Füllhorn an klassischen Sci-Fi-Effekten erwartet einen. Zu diesem Zwecke kann auch ein Fußtaster auf der Rückseite angeschlossen werden. Dann können bei aufgedrehtem Feedback-Regler Sound-on-Sound-Aufnahmen gemacht werden. Wir haben es also mit einem, sehr (sehr) zeitbegrenzten, Looper zu tun.

Das Gerät schaltet in den Rhythm-Sync-Modus, sobald in die Trigger-Buchse ein Trigger-Signal empfängt (+5 V Trigger, kann von alten TRs geliefert werden) oder ein Fußschalter an die Trigger-Footswitch-Buchse angeschlossen wird. Die Delay-Zeit ist dabei fest auf der höchsten Einstellung (640 ms bzw. 1250 ms) und nur der Fine-Regler arbeitet noch. Drückt man nun den Fußtaster für Hold, so sampelt das Boss DE-200 Digital Delay das Eingangssignal und bei jedem Trigger gibt er dann den Inhalt des RAMs wieder. Bei aufgedrehtem Feedback kann man auch hier mit Sound-on-Sound arbeiten.

Die Ergebnisse rangieren von brachial bis schön, je nachdem, welches Signal man dem Boss DE-200 Digital Delay anbietet. Ich habe hier mal wild einen Amen gesampelt, der in der DAW lief, die eine TR-606 synchronisierte, die ihrerseits Trigger-Signale an das Boss-Delay gab. Mit einem Fuß-Taster habe ich dann immer mal wieder zwischendurch neue Samples zu verschiedenen Trigger-Patterns gemacht – ein herrlicher Spaß!

Stereoausgang im Boss DE-200 Digital Delay?

Nun ja, einen Stereoausgang hat das Gerät eigentlich nicht, es steht aber auf der Rückseite ein „Inverse Mix-Out“ zur Verfügung, der einfach das phaseninvertierte Signal ausgibt.

Bei einer Verteilung im Panorama hart links und rechts für normalen und invertierten Ausgang, entsteht dann eine Art Stereo-Erlebnis. Ich habe alle Beispiele so aufgenommen, also urteilt selber. Wirkt das nun stereophon oder nicht – ich sage eher nicht, aber eine nette Dreingabe ist es allemal.

Der Klang des Boss DE-200 Digital Delays

Ich muss sagen, mir gefällt die Bandbreite an verschiedenen Ästhetiken, die aus dem Boss DE-200 Digital Delay herausgeholt werden können. Für ein dunkles und schmauchiges Ambiente nimmt man den Mode-2, für verrückte Sci-Fi Effekte ist der Modulator zuständig. Für Loop-Experimente ist der Rhythm-Sync perfekt.

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Fazit

Bei seinem Erscheinen kostete das Boss DE-200 Digital Delay rund 350 Pfund-Sterling, was ihn in Konkurrenz zu zahlreichen anderen Geräten stellte. Diese hatten mitunter auch längere Delay-Zeiten. Dennoch ist das Boss Delay ein hervorragendes Gerät, denn die Kombination an Möglichkeiten ist einfach einzigartig.

Wer auf diesen speziellen 12-Bit-Klang oder Lo-Fi steht, findet im Boss DE-200 Digital Delay ein hervorragendes Gerät, das so schnell nicht langweilig wird. Auch ich habe während dieses Tests neue Sachen entdeckt, die mir vorher unbekannt waren.

Am besten gefällt mir eindeutig die Rhythm-Sync-Funktion, mit der wilde Loops erzeugt werden können; diese können dann einfach aufgenommen und gewinnbringend eingesetzt werden.

Alle, die LoFi-Musik machen, sollten sich das Boss DE-200 Digital Delay unbedingt einmal anschauen. Allerdings kostet eine originale Bedienungsanleitung zur Zeit auf eBay beinahe soviel, wie ich vor einigen Jahren für das Gerät bezahlt habe. Der Preis liegt so um die 250,- Euro. Zudem sind die meisten Angebote aus Übersee – wo sind all die Delays hin, wo sind sie geblieben?

Plus

  • guter Klang im Modus-1
  • hervorragnde LoFi-Samples im Modus-2
  • als Looper einsetzbar
  • Sampling triggerbar

Minus

  • kurze Sampling-Zeit
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Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    mfk AHU

    @t.goldschmitz RED:
    Track 6 ist aufgrund der invertierten Phase der einen Seite auf vielen Laptops und Handys extrem leise.

    • Profilbild
      t.goldschmitz RED

      Ja, das zeigt ganz deutlich die Grenzen dieses „Effektes“ – wenn man die Mono abhört ist absolute Stille..
       
      Hab letztens auch viel MOD-Tracker / Amiga-Tracker Musik gehört – da nutzen die diesen „Stereo“-Effekt auch recht häufig…

  2. Profilbild
    lunatic AHU

    Nennt mich bekloppt, mir egal. Ich steh auf diese alten Digital -Delays, die gegen jedes plugin technisch abstinken. Einfach herrlich👍🏼

  3. Profilbild
    TobyB RED

    Du auch Thilo! Amen Bruder. Ich kann dir aus eigener Erfahrung sagen, dass ich diese ollen Delays liebe. Bis auf die Tatsache das die mittlerweile ins Geld gehen ;-) Man kann mit denen schon schöne Sachen machen. Was ich an den Boss und an den Roland Delays aus dieser Zeit richtig lässig finde ist der 5V Trigger. Über ein EHX Clockworks hast den in Nullkommanix im Setup.

  4. Profilbild
    harrymudd AHU

    Ich bin bin damals mit diesen Geräten groß geworden und war wirklich froh, dass ich nicht mehr auf soetwas angewiesen bin.
    So unterschiedlich können Meinungen über Vintage Gear sein. Bei Analogen Sachen ist es manchmal noch ok ein Faible daraus zu machen aber bei den (ersten)digitalen? ne ne ne niemals wieder:)

    • Profilbild
      lunatic AHU

      Manchmal passt das Unperfekte einfach perfekt;)
      Wie bei bitreducern oder gewolltem aliasing.

      Aber Du hast natürlich recht, kein Rechnen und Probieren – auf Knopfdruck in sync und rauschfrei in the box ist schon gut.

      • Profilbild
        harrymudd AHU

        darum geht es mir dabei nicht – schnell und bequem. Nur wenn ich daran denke, wie viel Zeit ich mit sowas verplempert habe… Heute kann ich Ideen angehen, die ich auch erfolgreich umsetzen kann, weil die Technik einen nicht im Stich lässt.

  5. Profilbild
    lambik

    Prima, danke für den Bericht und die Beispiele.

    Und weil es so schön ist, möchte ich auf die im Design gleiche, aber analoge und hier auch schon vorgestellte Chorus-Schwester CE-300 hinweisen, die mich erst auf das DE-200 aufmerksam gemacht hat. Das DE-200 taucht aber wohl eher selten auf dem Gebrauchtmarkt auf.

  6. Profilbild
    Tangelis

    An das Boss DE-200 erinnere ich mich gerne. Am 28.4.1984 hatte ich einen Abholtermin für eine Tascam 38 beim Synthesizerstudio Bonn in der Franzstraße. Im Gespräch mit Dirk Matten bekundete ich mein Interesse an einem preiswerten Digital Delay, woraufhin er mir gleich das Boss DE-200 empfahl, wegen all der positiven Eigenschaften, die in dem Artikel klasse beschrieben werden, vor allem aber wegen seines Trigger-Eingangs, so meine Erinnerung. Eine gute Ergänzung zum Vesta DIG-410, das ich einige Minuten zuvor beim Ing. Fischer in der Schumannstraße, ebenfalls in Bonn, erworben hatte. Ich wollte mir ohnehin ein zweites Digital Delay zulegen, also bestellte ich eines am 26.5. und nach dem Ausprobieren noch ein zweites. Das Vesta bot zwar 16 kHz über den vollen Zeitbereich, doch kam ich auch mit 640 msec. bestens zurecht. Der Spaßfaktor war so groß wie in dem Artikel beschrieben (Lob an den Autor!), da kam das Vesta nicht mit, auch wenn ich es heute wieder zu schätzen weiß. Als viel später das hochgelobte Yamaha SPX-90 auf den Markt kam, sollte es als Multieffektgerät irgendwie alles an Effektgeräten ersetzen können, doch als Digital Delay machte es keine so gute Figur wie das DE-200 (bzw. wie zwei DE-200), vor allem aber vermisste ich schnell die Regler zum Schrauben. Abgesehen davon ging mir sein extremer Rauschpegel auf den Wecker. Wieder um eine Erfahrung reicher.

    • Profilbild
      Tangelis

      Korrektur: der Laden von Ing. Fischer hieß MUSIK 2000 und befand sich in der Bornheimer Straße in Bonn. Die Schumannstraße war im Vesta-Infoblatt angegeben. Mein erstes DE-200 habe ich noch persönlich am 26.5.1984 im Synthesizerstudio Bonn abgeholt, gleichzeitig den M+W MidiComposer, und in bar bezahlt. Preise: Boss DE-200: DM 750,–, MidiComposer für C-64 inkl. Interface-Karte: DM 170,–, Vesta DIG-410: DM 960,–

      • Profilbild
        t.goldschmitz RED

        Ja, „Musik 200“, wie ihn wir liebevoll in Bonn nannten war da schon in der Bornheimer, gegenüber der berüchtigten „Bornheimer Wache“, der Polizeistation. Der Chef war irgendwie immer mürrisch, aber Olaf war immer ein Herzchen.
         
        Und da es grad so gemütlich im Nähkästchen ist: bei Musik 200 habe ich, allerdings viel später so ca. 1992/93 meinen Juno-6 für (Achtung festhalten, nix für schwache Nerven) 300,- DM erstanden. Auch ein Ibanez UE400 kam daher… ach ja – lang ist’s her.

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