Zeitmaschine: Fender Deluxe Blackface von 1964

26. März 2019

Der Heilige Gral des Blues!

Jeder Bluesgitarrist wird sicherlich aufmerksam aufhorchen, wenn es um den Fender Deluxe geht, vor allem, wenn es sich um ein wirkliches Vintage-Schätzchen handelt, der noch handverdrahtet wurde. Ich habe das Glück, einen dieser Verstärker aus dem Jahre 1964 in Ruhe testen zu dürfen, da ein Freund einen solchen besitzt und er mir das Schätzchen für diesen Test freundlicherweise zur Verfügung stellte. Der Verstärker ist, bis auf den Austausch der Elkos im Netzteil, in absolutem Originalzustand. Der Fußschalter zum Aktivieren des „Vibratos“ gehört ebenso dazu.

Die Preise für ein unverbasteltes Original aus dieser Zeit verlangen mittlerweile einen recht tiefen Griff ins Portemonnaie. Wenn überhaupt mal ein Exemplar auftaucht, muss man schätzungsweise mit einem Preis von 2.000.- bis  2.500,- Euro rechnen, es sei denn, man hat unverschämt viel Glück oder sehr gute Freunde!

Fender Deluxe Blackface

Ein Original Fender Deluxe Blackface von 1964

Der Fender Deluxe – Geschichte

Hier zunächst einige Fakten zum Fender Deluxe, wobei die komplette Historie dieses Gitarrenverstärkers den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Wir beginnen im Jahr 1963, kurz bevor unser Deluxe-Amp das Licht der Welt erblickte:

Der Fender Deluxe erhielt nach seiner Wiederauflage im Jahr 1963 ein neues Aussehen. Die Schaltung wurde wieder auf Version AA763 geändert, wobei den Vorstufen, der nun in „NORMAL“ und „VIBRATO“ umbenannten Kanäle sowie dem Oszillator für den Tremoloeffekt jeweils eine eigene 12AX7-Röhre spendiert wurde. Eine 12AT7 als Phasensplitter und eine Zweibandklangregelung (Höhen und Bässe) waren nun gleichfalls integriert. Die Leistung wurde auf 22 Watt erhöht. Im Jahr 1963 begann gleichfalls die Produktion eines sogenannten „Spin-Off-Modells“, das einen integrierten Federhalltank enthielt, wodurch der Fender Deluxe Reverb geboren wurde.

Fender stellte die Produktion des Basismodells 1966 wieder ein, doch ab 2018 wird der Deluxe Reverb wieder produziert. Zwischen 1963 und 1964 nahm Fender eine Änderung der Optik des Deluxe vor. Die Farbe des Tolex war nun Schwarz (vorher Tweed) und die Potiknöpfe wurden von Varianten mit Zeigern, auf denen die auf der Kontrollfläche markierten Pegelnummer angegeben waren, ersetzt. Diese Amps bezeichnet man allgemein als „Blackface“. Viele Gitarristen oder auch Sammler glauben, dass die ersten Blackface-Verstärker eine spezielle Magie hatten und am besten klangen. Man beachte, dass sich noch kein Fender-Logo auf dem Grilltuch befindet. Die Logos wurden erst 1965 hinzugefügt.

Die ersten Silverface-Modelle, die zwischen 1967 und 1969 hergestellt wurden, hatten dann einen Aluminiumrahmen um das Grilltuch, ein „Tailed“ -Verstärkungslogo der 1960er Jahre und die Blackface-Schaltung AB763. Die Silverface-Variante wurde zwischen 1967 und 1981 gebaut. Den Namen hatte dieser Verstärker aufgrund seiner gebürsteten Aluminiumfrontplatte. Alle Silverface-Verstärker hatten im Allgemeinen blaue Etiketten auf der Frontplatte, in einigen seltenen Ausnahmen war die Farbe jedoch stattdessen Rot.

Der Fender Deluxe, 1964 Vintage Pre CBS Original, einer der besten handverdrahteten Point-to-Point-Verstärker aller Zeiten, gilt unter Kennern, Vintagefreaks und Puristen als der „Heilige Gral“ der Gitarrenverstärker.

Unser Exemplar

Der Netztrafo, Ausgangsübertrager und die Drossel sind noch original. Bei unserem Exemplar aus dem Jahre 1964 wurden alle Netzteilelkos sicherheitshalber bereits einmal getauscht. Nach einigen Jahrzehnten tendieren diese ja dazu, auszutrocknen und an Kapazität zu verlieren. Der Verstärker befindet sich für sein Alter in einem außergewöhnlichen guten Zustand und funktioniert noch absolut perfekt. Das Gewicht unseres abgehangenen Deluxe ohne Hallspirale hält sich mit ca. 16 kg noch in angenehmen Rahmen.

Fender Deluxe Cover

Hier das Schätzchen in voller Pracht und noch ohne Fender-Logo

Der Verstärker besitzt zwei getrennte Vorstufen. Der zweite Kanal (VIBRATO) ist bekanntermaßen mit einem Tremoloeffekt ausgestattet. Die Bezeichnung VIBRATO ist somit etwas irreführend.

Eine 12AT7 Röhre erledigt das Phasensplitting. Die 22-Watt-Endstufenleistung werden mithilfe von zwei 6V6 Röhren erzeugt, die im Gegentakt arbeiten. Der Netztrafo erzeugt sekundär 315 Volt, nach der Röhrengleichrichtung erreicht der Verstärker an den Anoden der Endstufenröhren eine Spannung von ca. 410 Volt. Nur so lassen sich auch die 22 Watt Leistung erzeugen.

Die Netzspannung lässt sich bei unserem Modell zwischen 115 Volt für den amerikanischen Kontinent und 230 Volt für den Betrieb umschalten.

Fender Deluxe Blackface

Echt vintage, riecht nicht mal schlecht fürs Alter, da ihm feuchte Probe- und Kellerräume erspart wurden.

Auch der Originallautsprecher ist natürlich noch an Bord.

Fender Deluxe Blackface Speaker

Originallautsprecher

Am Boden unseres Deluxe war auch der mittlerweile „runtergerockte“ Originalfußschalter dabei, der einen Cinch-Stecker ohne Plastikkappe zur Verbindung mit der entsprechenden Buchse an der Rückseite des Amps verwendet. Das Ganze sieht etwas abenteuerlich aus, funktioniert aber immer noch tadellos!

Fender Deluxe Blackface Footswitch

Auch der originale Fußschalter ist noch dabei

Hier war ein auch Dokument zu finden, das über die Röhrenbestückung des Verstärkers informiert, falls man einmal die Glaskolben austauschen muss. Der Schaltplan ist auch vorhanden, was zeigt, dass der Besitzer sehr respektvoll mit dem guten Stück umgeht.

Fender Deluxe Schem

Eine Kopie des Schaltplans ist auch an Bord

Fender Deluxe – Sound

Hören wir uns das nun mittlerweile 55 Jahre alte Teil nun einmal an:

Wir beginnen mit dem NORMAL-Kanal. Da dieser Gitarrenverstärker über keinen Halltank verfügt (also kein Deluxe Reverb ist), klingt die Geschichte recht trocken, deswegen habe ich in Logic etwas Hall hinzugefügt. Der Ton ist erwartungsgemäß typisch Fender-mäßig. Die Höhen sind schön glasig und beginnen oberhalb einer Stellung von 7 recht „icepicky“ zu werden. Beim folgenden Beispiel steht der Treble-Regler auf 6. Es kommt eine Strat zum Einsatz:

Nun klinken wir uns in den VIBRATO-Kanal ein, um das schöne Röhrentremolo zu hören. Hierfür muss auch der Fußschalter angeschlossen sein, da der Verstärker an der Vorderseite nicht mit einem entsprechenden Schalter ausgestattet wurde. Die Regler SPEED und INTENSITY sind für das Tremolo zuständig.

Anhand des folgenden Countrylicks kann man verstehen, warum der Amp auch unter Country-Gitarristen sehr beliebt ist. Der Amp bleibt relativ lange klar und fügt dem Ton mit zunehmender Lautstärke eine schöne Kompression hinzu:

Interessant wird es natürlich auch, wenn man die Kiste ordentlich aufreißt, denn erst dann wird der von Bluesern so geschätzte „heilige“ Klang entfaltet:

Die Abnahme erfolgte mit einem Shure SM57 Mikrofon. Als Wandler diente ein Apogee Duett, in Logic wurde aufgenommen. Das Signal erfuhr keinerlei Nachbearbeitung, abgesehen vom Hinzufügen von ein wenig Hall.

Plus

  • Sound
  • Gewicht
  • Tremolo
  • Rarität

Preis

  • Gebrauchtpreise zwischen 2000,- und 2500,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    Jörg Hoffmann  RED

    Das ist wahrlich ein Schätzchen. Ich schrecke meist vor diesen ganz alten Combos zurück, denn meistens miefen die, als wäre ein Dinosaurier drinnen verendet. Gerade die Stoffbespannung hat ja oft ein sehr eigenes Bouquet.
    Aber klanglich sehr schön! Danke für die Story!

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      Johannes Krayer  RED

      Hallo 1.of 9,

      dem Testobjekt wurde glücklicherweise ein Aufenthalt in schimmeligen Bunkern erspart.
      Ich besaß einmal einen Stratbody, der nach relativ kurzem Aufenthalt im feuchten Proberaum einen Geruch annahm, der auch nach langen und intensivsten Behandlungen mit allen erdenklichen Methoden nicht zu entfernen war. Ich hab´das Ding Monate im Freien gelagert, im Backofen erhitzt, Backpulver, Kaffepulver … . Keine Chance, musste ich entsorgen. Eigentlich wäre ein Sondermüllaufpreis angemessen gewesen. Schade!

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    Stephan Güte  RED

    Ich hatte dieses Geruchsproblem bei einem gar nicht so alten Teil letztens erst … Ein Gitarrenschüler hatte eine Ibanez RG Prestige ersteigert, deren Body mit einer Art Kunststoff überzogen war. Der Vorbesitzer MUSS damit regelmäßig ungeduscht und mit freiem Oberkörper gespielt haben, denn der Schweißgeruch war schier unglaublich(!) Ich habe den Schüler dann gebeten, die Gitarre zu Hause zu lassen, weil ich keine Lust hatte, im Winter bei -10 Grad den Mief aus der Bude zu treiben :D Sachen gibts …. Das gleiche Schweißproblem hatte ich übrigens auch mal an einem PowerBook G4, aber das ist ja ne andere Baustelle …

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        Johannes Krayer  RED

        Warum nicht? Mit einem PowerBook und einer Gitarre im Bett kann man tolle Gitarrenlehrvideos anschauen und üben. Alles schon gemacht. Oder einfach nur lesen.

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          Stephan Güte  RED

          Das riecht aber bis heute so, als ob der Vorbesitzer mal so richtig hat die Achseln in die Tastatur triefen lassen, regelmäßig … ich konnte das Teil nie benutzen und auch echt nicht mit gutem Gewissen abgeben. Dabei sieht es aus, wie neu.

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