Zeitmaschine: Hughes & Kettner ATS Thirty, Verstärker

6. Januar 2019

Transistortechnik anno '90

Hughes & Kettner ATS Thirty

Hughes & Kettner ATS Thirty

Nicht erst seit gestern, sondern seit mehr als drei Jahrzehnten schon gilt die Firma Hughes & Kettner aus dem beschaulichen Saarland als eine der Innovativsten im Bereich der Musikelektronik. Bereits kurz nach der Gründung des Unternehmens im Jahre 1984 präsentierte man nur zwei Jahre später schon eine wahre Revolution im Gitarrenbereich: den weltweit ersten vollprogrammierbaren Gitarrenverstärker AS 64. Der heutige Proband in unserer Reihe ZEITMASCHINE ist allerdings nicht ganz so alt und geschweige denn programmierbar, bei der Bedienung des Hughes & Kettner ATS Thirty geht es absolut puristisch zu, allerdings wurde dabei keinesfalls an der Ausstattung gespart: Line-Out, Effektweg, Kopfhöreranschluss, all das gehörte damals schon zum Standard, obwohl der ATS Thirty das kleinste Modell der ATS-Baureihe war und sich auch technisch von seinen größeren Geschwistern deutlich unterschied.

Uns erscheint dieser kleine mittlerweile auch schon fast 30 Jahre alte Verstärker mit dem samtbeflockten Gehäuse so interessant, dass wir ihn nun im folgenden Artikel mal genauer beleuchten werden. Zumal die Gebrauchtpreise für die Kiste wirklich unverschämt günstig sind – wenn man denn mal einen zu sehen bekommt.

Hughes & Kettner ATS Thirty – etwas Geschichte

Hughes & Kettner ATS Thirty Front

Der ATS Thirty erschien 1988 zusammen mit dem ATS Sixty und dem ATS 100, von denen er sich aber in seiner Bauweise deutlich unterschied. Klar, das Gehäuse war mit 44 x 43 x 20,5 cm natürlich deutlich kleiner, der weitaus größere Unterschied bestand jedoch in der Schaltung: Während die beiden größeren Modelle mit einer Hybridschaltung (Röhren und Transistoren in der Vorstufe) ausgestattet waren, basierte der ATS Thirty komplett auf Transistortechnik. Dazu wurden MOSFETs verwendet, die damals auch in vielen weiteren Verstärkern eingesetzt wurden und die den Klang und dem Dynamikverhalten einer Röhre möglichst nahekommen sollten. Einige unter uns können sich vielleicht noch an die Marshall Valvestate Serie erinnern, auch bei diesen Amps klangen die Ergebnisse mit MOSFET-Technologie gar nicht mal so übel. in jedem Fall aber avancierten diese Marshalls damals zum Verkaufsschlager, auch weil sie im Preis deutlich unter den röhrenbestückten Modellen der Briten lagen und zum Teil sogar noch besser ausgestattet waren.

Doch zurück zu unserem ATS Thirty, der so aussieht, als sei er gerade frisch von der Saar hier eingetroffen. Vermutlich hat der kleine Würfel die letzten knapp 30 Jahre in irgendeinem warmen Keller verbracht, anders ist dieser gute Zustand nicht zu erklären. Ich selbst habe den Verstärker bei eBay ersteigert und ehrlich gesagt war das die beste Auktion, die ich in knapp 20 Jahren als eBay-Nutzer erlebt habe. Für weit unter 100,- Euro habe ich den Thirty damals bekommen, doch das war noch lange nicht alles, mit dazu gab es noch den H&K Metalmaster Röhrenvorverstärker sowie eine H&K 1×12″-Box mit Celestion V-30-Speaker, die viele von euch vermutlich aus den Klangbeispielen meiner Reviews kennen dürften. Solch ein Schnäppchen für weit unter 100,- Euro, da hatte sich der Blick aufs Smartphone kurz vorm Schlafengehen damals gelohnt!

Hughes & Kettner ATS Thirty Rear

Die Rückseite des ATS Thirty

Hughes & Kettner ATS Thirty – Facts & Features

Grundsätzlich ist der Thirty ein zweikanaliger Gitarrencombo, ein Druckschalter auf dem Bedienpanel sorgt für die Auswahl zwischen einem unverzerrten und einem verzerrten Kanal. Teilen müssen sich die beiden Kanäle eine Dreiband-Klangregelung mit Bässen, Mitten und Höhen, was ja oft zu Kompromissen beim Kanalwechsel führt. Denn was unverzerrt gut klingt, muss noch lange nicht bei den Zerrsounds passen. Beim ATS Thirty sind diesbezüglich jedoch keine bösen Überraschungen zu erwarten, beide Kanäle harmonieren recht gut miteinander.

Ein Problem bzw. eine Unausgewogenheit besteht aber dennoch zwischen dem Clean- und dem Leadsound – und das betrifft das Lautstärkeverhältnis der beiden Kanäle. Wie wir ja alle wissen, sorgt eine Anhebung der Verzerrung auch fast immer für eine mehr oder weniger starke Erhöhung der Lautstärke des Zerrkanals. Unglücklicherweise besitzt aber der Lead-Channel des ATS Thirty kein eigenes Lautstärkepoti, sondern nur einen Gain-Regler, um diese enormen Pegelsprünge aufzufangen bzw. abzufedern.

Das hat zur Folge, dass bei hoher Verzerrung der Lead-Sound gefühlt fast doppelt so laut ist wie der Sound Clean-Channels. Im mittleren Zerrbereich, etwa im Bereich der 12-Uhr-Marke des Gain-Regelers, ist das Verhältnis hingegen ausgeglichen und nach einem Kanalwechsel, sei es mit dem Druckschalter vorne auf dem Panel oder aber mit einem angeschlossenen Fußschalter, lassen sich beide Kanäle ohne Krachen im Signal umschalten. Der Zerrkanal macht durch das Aufleuchten einer kleinen roten LED oberhalb des Gain-Potis auf sich aufmerksam.

Hughes & Kettner ATS Thirty panel 1

Hughes & Kettner ATS Thirty – die Eingangssektion

Die Gesamtlautstärke wird über das Mastervolume-Poti bestimmt, das sich zusammen mit einem Hallregler ganz rechts am Panel befindet. Der Hall ist ein echter Spring-Reverb, auf dem Boden im Gehäuse befindet sich eine Federhallspirale, deren Klang aber nicht besonders überzeugen kann. Da freut man sich doch eher über den Effektweg, dessen Buchsen ebenfalls hier am Panel zu erreichen sind. Genau so, wie auch ein Kopfhöreranschluss und ein Line-Out, der allerdings kein frequenzkorrigiertes Signal führt. Hier rät Hughes & Kettner in der damaligen Bedienungsanleitung des Amps zu einer Red Box als Lautsprechersimulator, sollte man den Thirty mal ohne Mikrofon aufnehmen wollen. Für diejenigen, die die H&K Red Box nicht kennen, sei gesagt, dass diese kleine rote Box seit ihrem Erscheinen im Jahre 1989 einen neuen Maßstab in Sachen Gitarrenaufnahmen setzte und bis heute stetig weiterentwickelt wird. Momentan ist die Red Box auf Evolutionsstufe 5 angelangt.

Hughes & Kettner ATS Thirty Red Box

Die Red Box anno 2019

Hughes & Kettner ATS Thirty – wie klingt er?

Zunächst einmal überrascht der niedrige Rauschpegel, das war vor 30 Jahren keine Selbstverständlichkeit und ist es auch bis heute nicht, wenn man sich das eine oder andere aktuelle Modell der momentan verfügbaren Amps auf dem Markt anschaut. Überragend gut und auch heute noch mehr als brauchbar klingt der unverzerrte Kanal, trotz der Transistorschaltung ist die Dynamik und die Auflösung des Signals sehr sauber und besitzt zudem jede Menge Headroom, um auch bei höheren Lautstärken einen absolut sauberen Klang beizubehalten. Es geht aber auch anders, denn ab gut dreiviertel des Regelwegs des Clean-Channel-Volumes kann man dem unverzerrten Kanal leichte harmonische Verzerrungen entlocken. Mit einer Humbucker-bestückten Gitarre ist schon fast ein kerniger Rhythmussound drin, Singlecoil-Sounds können hingegen wunderbar angefettet werden, um sich besser durchzusetzen.

Hughes & Kettner ATS Thirty panel 2

Hughes & Kettner ATS Thirty – Anschlüsse

Nicht ganz so erfreulich ist das Bild dagegen im verzerrten Kanal, zumindest nicht in allen Bereichen, in denen der Gain-Regler postiert werden kann. Das Problem mit der Lautstärke habe ich ja bereits weiter vorne schon angesprochen: Je mehr Zerrung, desto größer auch die Lautstärke des Overdrivekanals, der dann dem Clean-Channel keine Chance lässt. Interessanterweise beginnt diese Unausgewogenheit zwischen den beiden Kanälen dann, wenn das Gain-Poti ohnehin in Regionen vorstößt, in denen ein deutliches Matschen und Verwaschen des Sounds entsteht: Der ATS Thirty ist einfach kein High-Gain-Amp, im mittleren Zerrbereich fühlt er sich einfach am wohlsten und dort lassen sich die Kanäle problemlos mit einem ausgewogenen Verhältnis in ihrer Lautstärke betreiben.

Für die folgenden Klangbeispiele habe ich den Hughes & Kettner ATS Thirty mit einem AKG C3000 Mikrofon aufgenommen, als Gitarre wurde eine Jackson Superstrat benutzt.

Wir fangen ganz weich an und steigern uns dann bis zur maximalen Zerrung, die der ATS Thirty liefern kann. Im ersten Beispiel hören wir einen Cleansound, dabei habe ich den Hall fast voll aufgeregelt. Der Equalizer befindet sich in 12-Uhr-Position, Clean-Channel-Volume ebenfalls.

Nun ein weiterer Cleansound, jedoch mit drastisch abgesenkten Mitten. Wie man hören kann, packt der EQ auf Wunsch auch kräftig zu.

Wir schalten um auf den Overdrive-Kanal. In Beispiel 3 jetzt ein Crunchsound, das Gain-Poti befindet sich auf 10-Uhr-Position, der EQ verharrt in der Mittelstellung.

So … jetzt aber mal volle Pulle! Der Gain-Regler befindet sich im folgenden Beispiel auf Vollanschlag. Gain-Reserven sind genügend vorhanden, das Signal selbst jedoch ist zum Teil mit seltsamen Artefakten zu hören.

Dass der Hughes & Kettner ATS Thirty so wirklich gar nichts für Metaller ist, zeigt das abschließende Beispiel. Hier habe ich versucht, einen Scooped-Sound zu erreichen. Da gibt es Amps, die das deutlich besser können und das sogar – oder besser gesagt vor allem – aus dem Hause Hughes & Kettner.

Fazit

Mit der ATS Serie ging Hughes & Kettner vor rund 30 Jahren den Massenmarkt an – und das mit vollem Erfolg und zu Recht. Selbst der Kleinste im Bunde, der ATS Thirty, bietet auch heute noch eine Qualität, die ihn problemlos für alles rund um den Rock ’n‘ Roll einsetzbar macht. Nur bösen Metal, den mag er gar nicht.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Ach, sieh mal an, der Herr Güte. Hätte ihn doch glatt als Röhrenpuristen eingestuft. So kann man sich irren.

  2. Profilbild
    TastenHans

    Guten Morgen,
    kleine Korrektur oder besser „Hintergrundinfo“:
    Der ATS 30 und sein größerer Bruder, der ATS 60, wurden im sächsischen Klingenthal
    bei KME gefertigt.
    Später wurde daraus der hauseigene VGC-80 abgeleitet. War aber kein großer Erfolg.
    Liebe Grüße aus Sachsen! :)

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Ach, was für ne interessante Info! Und stell dir vor, mein erster Amp kam von MEK aus der DDR, das war 1982 :) Mit nem Verzerrer von Coron davor war ich der Schrecken der Nachbarschaft zu Tag und zu Nacht.

      • Profilbild
        TastenHans

        Herrlich! Ja, manche der „Regent“-Kisten gingen gar nicht so schlecht. Ich hatte den Regent 60-2 lange nach der Wende noch als Key-Monitor. Die Info kommt übrigens aus erster Hand, ich habe 2 Jahre vor und 25 Jahre nach der Wiedervereinigung bei der Musikelektronik Klingenthal gearbeitet. :)

        • Profilbild
          Stephan Güte  RED

          Hahahaha, genau, REGENT hieß der damals, hatte ich ja komplett vergessen!! Klasse, was hast Du denn dort angestellt? :)

          • Profilbild
            TastenHans

            Die ersten Jahre Boxenbau, dann Elektronik Endmontage, später Endprüfung/Qualitätskontrolle und zuletzt dann Kundendienst/Reparaturen. Insgesamt 27 Jährchen.
            Jetzt mache ich die Endkontrolle der Synthesizer bei Vermona. Als Keyboarder und Elektroniker eigentlich nur konsequent. :P

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.