Zeitmaschine: Ibanez UE-300, Multieffektgerät

10. Oktober 2017

Analog kurz vor Digital

Was geschah vor der Wiedergeburt der analogen Effektpedale, auch liebevoll „Trampelkisten“ genannt? Sie mussten sterben! Etwa 1985 wurde lautstark das Zeitalter der digitalen Wunderkisten angekündigt, welche fortan den Klang der Musikinstrumente manipulieren sollten. Anfang der 80er Jahre wurde ebenfalls das Aussterben der elektrischen Gitarre prophezeit. Schlagzeuger würden durch Drumcomputer ersetzt und Bassisten durch den Keyboarder am Synthesizer. Wer hätte damals gedacht, dass dank Eddie Van Halens Gitarrensolo in dem Michael Jackson Hit „Beat It“ vielmehr das Saxofonsolo aus der Mode kommen sollte? Plötzlich hatte jedes noch so schnulzige Schlagerliedchen eine verzerrte Gitarre im Mittelteil. Wer hätte 1982 gedacht, dass zehn Jahre später Rap um die Hand des Heavy Metals anhalten und danach Grunge die verzerrte E-Gitarre ins nächste Jahrtausend retten würde?

2017 – 35 Jahre später – stehen Millionen Gitarristen vor ihren Effektboards aus Aluminium, auf denen sie sündhaft teuere analoge Trampelkisten festgeklettet und mit den besten Patchkabeln verbunden haben. True-Bypassed oder gebuffert. Die Beschreibung könnte hier ewig so weiter gehen, aber ich will kein Zeilengeld schinden, sondern viel mehr die Besprechung des UE-300, des von Ibanez 1982 auf den Markt gebrachten Multieffektgeräts, zu Füßen der todgeweihten Gitarristen der achtziger Jahre in einen historischen Kontext stellen.

Historischer Kontext des Herstellers Ibanez

Was kam vor dem Ibanez UE-300? Das UE-400! Das klingt erst mal komisch – ist aber so. Das UE-400 war ein analoges Gitarren-Multieffektgerät im 19-Zoll-Rackformat. Es war fernbedienbar durch Schalter auf einer sogenannten „Fußleiste“ (deutscher Ibanez Katalog von 1983). Für den schmalen Geldbeutel wurde dieses Konzept zurück auf den Boden gebracht. Das Ergebnis war eine 1,9 kg schwere, 31 x 19 cm große, goldbraune, netzbetriebenen Kiste. Kein Kabelsalat, kein exorbitanter Verbrauch von 9-Volt-Batterien. Vielmehr: drei Effekte, vorne Kabel rein, hinten Kabel raus. Fertig ist die Laube!

Außen goldbraun – innen bunt: Ibanez UE-300

Ein bisschen mehr durfte es dann schon sein: Der Reihe nach folgte eingangs auf den CP-9 (Compressor/Limiter) der TS-9 (Tube Screamer). Dann die Möglichkeit, ein weiteres Gerät mittels Einschleifweg einzubinden und zu guter Letzt der Stereo Chorus CS-9. Stereo Chorus bedeutet dann natürlich auch Stereoausgänge. Genau wie der CS-9, im fliederfarbenen Gehäuse der sogenannten Ibanez 9-er Reihe, hat auch das goldbraune UE-300 zwei Ausgänge. Mit zwei möglichst gleichklingenden Gitarrenverstärkern ließen sich so breite Stereosounds erzeugen. Im Monobetrieb entscheidet man sich für einen von beiden (alle Soundbeispiele in diesem Review wurden in mono aufgenommen). Einen Master-Taster bekam das Gerät auch. Damit lassen sich alle aktivierten Effekte (plus Einschleifweg) mit einem Tritt ein- und ausschalten. 

Das ist drinnen: Der CP-9 

Auch enthalten: Der TS-9 

Das ist auch drin: Der CS-9

Erwähnenswert wären noch die beiden Geschwister des Ibanez UE-300: Das UE-303B für den Bassisten mit Auto-Filter, Compressor/Limiter und Stereo-Chorus/Flanger und das universelle, für Keyborder, Bassisten oder Gitarristen gedachte UE-305, das mit Compressor/Limiter, Analog-Delay und wiederum dem Stereo-Chorus begeistern konnte. Wer also gebraucht ein Ibanez UE-300 ersteigern möchte, sollte genau auf die Typenbezeichnung achten. Optisch unterscheiden sich die Drei nämlich kaum.

Vintage oder nicht Vintage, das ist hier die Frage!

Meine Internet-Recherche ergab im August 2017 eine Preisspanne zwischen 130,- und 260,- Euro für das Ibanez UE-300. Moment: Tube Screamer? Stand da weiter oben nicht : „Tube Screamer“? Für dieses heiß begehrte Einzelpedal, dem grünen TS-9 der frühen 80er Jahre, werden auf dem Gebrauchtmarkt zwischen 250,- und 350,- Euro verlangt . Dann wäre dieses Multieffekt-Dingens ja ein echtes Schnäppchen! Bekommt man doch noch zwei Vintage-Pedale obendrauf. Erst mal richtig, aber das Auge hört beim Gitarristen bekanntlich mit. Hätte Stevie Ray Vaughan etwa so einen hässlichen, braunen Kack-Kasten vor seinen Fender- oder Dumble-Amp gestöpselt? Im Leben nicht!

Dreimal Grün gegen Gold – das Tube Screamer Shootout!

Um der Sache auf den Grund zu gehen, habe ich mir drei Tube Screamer ausgeliehen: Einen TS-9 , einen TS-10 und den Heiligen Gral, einen supergesuchten TS-808 (mit supergesuchtem Chip drinnen – fragt mich jetzt bitte nicht welchen – kann ich aber in Erfahrung bringen). Die Testumgebung sieht folgendermaßen aus: Fender 62er Stratocaster – der jeweilige Tube Screamer (der im Ibanez UE-300 wird hier „TS-9 intern“ genannt) – Victory V40 im Super-Clean-Modus, der einen Blackface-Twin imitieren soll – offenes 2x12er Cabinet mit alten Celestion G12Hs – Sennheiser MD 421.

Einstellung an den Pedalen: Tone: 14:00 Uhr; Drive 14:00 Uhr; Level 13:00 Uhr. Bei dem TS-9 (Baujahr: Anfang der 2000er) musste ich das Level etwas zurücknehmen. Das Pedal war deutlich lauter als alle anderen, beim TS-808 musste ich dagegen den Output etwas nach oben korrigieren. Alle drei Einzelpedale wurden von 9-Volt-Batterien gespeist, damit bloß kein Vintage-Nerd eine Herzattacke bekommt. Hier nun die Ergebnisse.

It screams so green …

Da hört das geübte Ohr natürlich Unterschiede. Der TS-808 klingt etwas weicher, das stimmt. Höre ich da jemanden „more Amp-like“ rufen? Gut, könnte man so ausdrücken. Nur wie klingt das Ganze im Bandkontext? Im Mix eines etwas komplexeren Arrangements, wo Hammond Orgel, Schlagzeug, Gitarre und Bass sich um die Frequenzen streiten? Könnten wir da noch den Unterschied zwischen dem externen und dem internen TS-9 heraushören? Ich bezweifele das. Versteht mich nicht falsch: Ich möchte niemandem hier seine Begeisterung für Vintage-Equipment vermiesen. Wer Testberichte, Meinungen und Geheimnisse über den Ibanez Tube Screamer im Internet sucht, wird sicherlich mehr Material finden, als er an einem Wochenende abarbeiten kann. Mir ging es hier um den Klang des Ibanez UE-300 im Vergleich zum Einzelpedal TS-9. Bezogen darauf kann ich sagen, dass sich die Suche nach einem UE-300 lohnt, bekommt man doch noch einen pumpenden Kompressor und einen fett klingenden Chorus obendrauf. Wie klingen also diese beiden Kollegen?

Des Keyboarders bester Freund: Clack-e-di-clack!

Die frühen 80er waren wie gesagt geprägt vom Sound der Synthesizer und der Drumcomputer. In den Hochglanzproduktionen der damaligen Hitfabriken war wenig Platz für E-Gitarren. Vom Keyboarder „meiner“ Band hörte ich 1983 meistens: „Spiel doch mal so typisch Strat“! Was er damit meinte, waren 16tel-Singlenotes in der Tonabnehmer-Zwischenposition Steg/Mitte, mit pumpender Kompression und ein wenig Modulation. Bitteschön, kann die Kiste heute wie damals!

Gerne wurde auch eine „flächendeckende“ Variante des vorangegangenen Sounds genommen. Zwischenposition Mitte/Hals Pickup und den Chorus etwas dicker auftragen!

 

Every breath you take – die Polizei hört mit

Warum muss ich immer an „The Police“ denken, wenn ich das Ibanez UE-300 einschalte? Andy Summers hatte in diesem wohl erfolgreichsten Trio der 70er/80er Jahre viel Raum für signifikante Gitarrenklänge. Die blieben einfach im Gedächtnis. Mit der gebotenen Bescheidenheit folgt hier also mein Police-Preset: Zum CP-9 und CS-9 gesellt sich jetzt wieder der Tube Screamer. Allerdings mit minimalem Drive. Mehr so als „Schippe Dreck“ oben drauf:

All together now oder: Das Tappingverbot wurde kurzfristig aufgehoben!

„Mach mal alles auf 12“! Was bei alten Marshall-Verstärkern vielleicht ein guter Ratschlag sein kann, führt bei Multieffektgeräten (gerade bei den alten, analogen) natürlich nur zu rosa Rauschen. Trotzdem: Wenn man alle drei bezahlt hat, kann man sie auch mal alle anmachen! Der Compressor gleicht hierbei lediglich Spielungenauigkeiten des Gitarristen aus. Der TS-9 macht endlich mal das, wofür er gedacht war, nämlich einen bereits verzerrenden Röhrenverstärker stärker in die Sättigung fahren und der Chorus bleibt dezent im Hintergrund und lässt alles nur ein wenig schweben. Spätestens hier klingt die Stratocaster (Steg-Pickup) ein wenig schmalbandig und mittig. Nur stellt euch diesen Sound erneut  in einem Arrangement vor, in welchem alle anderen Frequenzen bereits potent besetzt wurden. In einem Meer von Synthesizerflächen stechen wir hiermit durch:

Blick ins Innere des UE-300

— Innenleben —

Fazit

Arbeitstier oder Sammelobjekt?

Ja, der Rauschabstand lässt zu wünschen übrig. Okay, schön isses nicht gerade. Aber das war’s dann auch schon mit der Kritik. Wer ein Ibanez U-300 einigermaßen günstig auf dem Gebrauchtmarkt ersteht, kann eigentlich nicht viel falsch machen. Entweder er stellt sich die Kiste zur Vintage-Sammlung ins Regal oder er trägt das Ding zum Gig und spielt damit. Vor einem mehr oder weniger clean eingestellten Röhrenverstärker könnte der Aufbau folgendermaßen aussehen: Den Compressor CS-9 benutzt man hin und wieder, um den Klang zu verdichten. Der TS-9 dient ganz „artgerecht“ als Booster (d.h. Level voll auf, den Drive eher runter geregelt). Im Einschleifweg des U-300 kommt ein moderner, dynamisch reagierender Overdrive zum Einsatz. Mit Hilfe des Master Schalters stehen jetzt drei Grundsounds zur Verfügung: Bypass – der Overdrive im Effektweg – der angeblasene Overdrive. Natürlich könnte ich hinter den Overdrive noch ein Volumepedal hängen oder einen möglichst linearen Booster, um zwischen Solo- und Rhythmuslautstärke wählen zu können. Am Ende macht der Chorus noch eine warme, analoge Modulation, die mit klaren und verzerrten Klängen gut funktioniert. Damit kann man doch arbeiten!

Plus

  • möglicherweise Wertsteigerung
  • drei analoge Vintage-Pedale zum Preis von einem.
  • flexibel einsetzbar dank Effektweg und Master Ein/Aus-Schalter
  • festes Netzkabel

Minus

  • Rauschabstand
  • Optik

Preis

  • Gebrauchtmarktpreise variieren zwischen 130,- und 260,- Euro
Klangbeispiele
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Ich habe das 19 Zoll Ibanez UE 405 mit schicker Fuß
    Leiste, es besitzt noch ein EQ und anstatt verzerrer ein analoges delay und noch einen zusätzlichen parametrischen EQ und den compressor und chorus/flanger. Also 4 Effekte und ein Einschleifen für einen externen Effekt. Das besondere daran ist, dass man die Reihenfolge der Effekte mit einem Drehregler vollkommen frei verdrehen kann, auch den externen Effekt.
    Das besondere an dem Gerät ist jedoch der Klang der ausschließlich analogen Effekte, der klingt nämlich sofort 70ziger Jahre vintage.
    I’m Testbericht hier wird der Distortion als das Wertvollste behandelt, jedoch finde ich den sofortigen Vintage Sound den dieses Teil bereitstellt, und dabei ist es egal welche Effekte man nutzt, es klingt immer gleich völlig veraltet, und das lieben wir ja so sehr. Das U 300 ist eindeutig der kleine Bruder der 400er Serie die es auch mit verzerrer gab. Preislich sind alle Geräte dafür dass sie analog sind sehr sehr günstig zu haben. Für was neu kaufen?
    Und es sieht klasse aus. Fertigungsqualität ist einmalig

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    iggy_pop  AHU 1

    War im TS-808 Tube Screamer nicht ein 4558 Opamp, der übersteuert wurde und so für *den* legendären Klang sorgte?

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      swissdoc  RED

      Korrekt, ein JRC4558D. Wer es ganz genau wissen will, schaue bei Analogman in der Liste nach.

      400er Serie ist hier im Studio plus das AD202 Delay. Alles sehr lecker (wenn auch kein JRC4558D die Zerre macht, wenn das Internet recht hat).

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        harrymudd  

        es ist ziemllich egal was für ein OP im Tubescreamer verbaut ist.

        Ich hatte einen alten TS808 besessen (für 50DM gekauft!! und später für 250DM verkauft:)) den verbauten Chip gesockelt und alle mögllichen anderen OPs getestet (TL072, NE5532(A) RC4558 – der Klang war immer gleich – nur der LM1458 viel durch besondere Kratzbürstigkeit auf.
        Wenn man dann noch bedenkt wie viel Toleranz die Widerstände und Kondensatoren haben, dann ist ein alleiniger Wechsel des OPs wenig zielführend.

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      swissdoc  RED

      Es gibt eine schöne Analyse des Tubescreamers:
      https://www.electrosmash.com/tube-screamer-analysis

      Die Zerre kommt nicht vom OpAmp, sondern von 2 Dioden (MA150). Ansonsten sind die Schaltungen im TS808, UE-300 und UE-400 identisch. Es werden lediglich verschiedene Varianten des 4558 verbaut. Klangliche Unterschiede kommen somit eher von anderen Bauteilwerten (so ein Kondensator mit 20% Fehler sorgt für andere Eckfrequenzen) und unterschiedlichen Input- und Output-Puffern.

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    fritz808  

    schöne serie. würde mich freuen wenn hier noch andere klassiker kommen wie zB die korg sdd3000 oder sdd1000. warum landet die serie nicht auch unter vintage?

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      Tyrell  RED 11

      Wir haben den Vorschlag aufgegriffen und werden ihn nächste Woche schon umsetzen. Aus VINTAGE SYNTHS wird VINTAGE GEAR – und im Zuge dessen sind bereits alle ZEITM.-Storys nun auch schon in der Vintage-Zone gelistet!!!!

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    iggy_pop  AHU 1

    Was ich mir für die Zukunft — zum wiederholten Male — wünsche, sind Demos nicht nur mit Stromgitarre, sondern auch mal mit Keyboards: Wie klingt so ein UE-300 an einem Rhodes, Clavinet, Orgel, Synthesiser?
    .
    Nicht jede Zerre, die an der Klampfe grandios klingt, ist brauchbar an einem Synthesiser.

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      k.rausch  RED

      Ein berechtigtes Anliegen. Den großen Bruder UE405 hatte ich mal für Keyboards und das Ding ist eine super Sache dafür. Wir hatten zwar den Bodentreter Workshop auch mit Effektketten bereits, aber diese Multieffekte, gerade die alten analogen, dürfen mal mit ins Rennen geschickt werden. Ist also notiert.

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