Zeitmaschine: Luxor Pilot Twin 50, Gitarrenverstärker

7. April 2019

Der Luxor Pilot Twin 50 - die günstige Alternative zu Fender?

Luxor Pilot Twin 50

Luxor Pilot Twin 50

Wir schreiben die Anfänge des Jahrzehnts 1970 und damit die Anfänge des Luxor Pilot Twin 50. Der Markt für Gitarrenverstärker ist fest in amerikanischer Hand, der Name Fender steht wie ein Monolith am Horizont und ist das Maß aller Dinge. Zwar sitzen auf der anderen Seite des Ärmelkanals die Urväter von Hiwatt, Orange, Laney und vor allem Marshall bereits in den Startlöchern, sind aber primär damit beschäftigt, einen eigenen Katalog und ein funktionierendes Vertriebssystem aufzubauen. Auch in Deutschland wurstelt man zwar fleißig mit Produkten z. B. von Dynacord, Echolette u.v.m. vor sich hin, ist aber immer noch Welten von dem US-Giganten in Sachen Klang, Verarbeitung und vor allem Massenfertigung entfernt.

Zwar schafft es VOX durch den stärksten Endorser der musikalischen Weltgeschichte, den Beatles, einen Fuß in der Tür zu haben, ziehen aber letztendlich gegen Fender immer wieder den Kürzeren. Der europäische Binnenmarkt ist noch in weiter Ferne und einen funktionierenden, internationalen Vertrieb für Gitarrenverstärker gibt es nicht, und wenn sich der eine oder andere Einzelkämpfer den Import entsprechender Produkte vornimmt, scheitert er an der überzüchteten Bürokratie des Zolls und der US-Betriebsspannung von 120 Volt. Die Zeiten für den Rock ’n‘ Roll sind hart!

Luxor Pilot Twin 50 Vorderseite

Luxor Pilot Twin 50 Vorderseite

Die aufgehende Sonne schlägt zu!

In diesem Zeitraum erblüht die Wirtschaft von Japan zu neuem Leben. Angetrieben u. a. von der tief sitzenden Abscheu gegen die USA, die mit ihren Atombomben nicht nur Millionen von Japaner in den Tod schickten, sondern auch die damals größtmögliche Demütigung des Volkes, die öffentliche Kapitulation des Kaisers live im Radio erzwangen, schickt sich Japan an, mit gutem Handwerk und (schon damals) konkurrenzlos günstigen Preisen eine neue Zeit in Sachen Instrumentenbau einzuleiten.

Während Länder wie Südkorea sich noch im Aufbau befinden und China noch in blauer Arbeitskleidung der Kulturrevolution frönt, öffnet sich Japan als Erstes dem Westen und begibt sich hemmungslos auf US-Kopistentour, in dem sie alles, was nicht mit Trademarks und Patenten überzogen ist, einer eigenen Version unterziehen. Insbesondere die Protagonisten Gibson und Fender kommen mit Klagen und verzweifelten Abwehrmaßnahmen im eigenen Land kaum hinterher, können aber dennoch nicht verhindern, dass insbesondere in Europa die handwerklich teilweise hervorragenden Verschnitte mit sehr günstigen Ladenpreisen auf fruchtbaren Boden fallen.

Einer der Firmen, welche sich im Verstärkersektor durch gute Qualität hervortun, ist die japanische Firma Guyatone, die bereits 1951 das Licht der Welt erblickte. Die Firma zählte mit zu den Speerspitzen der japanischen Musikinstrumenhersteller und wurde zeitweise von Hoshino Gakki unter dem Ibanez Label vertrieben. Guyatone erkannte auch sehr schnell, dass mit dem in europäischen Ohren ungelenk klingenden Firmennamen keine Schnitte zu ergattern war. Ein knackigerer, prunkvollerer Name musste her, das Brand Luxor war geboren!

Luxor Pilot Twin 50 Rueckseite

Luxor Pilot Twin 50 Rückseite

Auf Leo Fenders Spuren …

Den hier vorliegenden Luxor Pilot Twin 50 Gitarrenverstärker könnte man grob als eine Fusion aus dem Fender Vibrolux und dem Fender Dual Showman der Silverface-Ära bezeichnen. Der Amp leistet mit zwei EL34-Röhren knapp 50 Watt und ist erwartungsgemäß ein „echter“ Vollröhrenamp, der noch mit Gleichrichterröhre und PTP-Verdrahtung daher kommt. Die Röhren sind übrigens noch dieselben der Erstauslieferung und wurden von Matsushita gefertigt. Trotz des stattlichen Alters von knapp 50 Jahren vernimmt man lediglich ein dezentes Brummen aus dem Lautsprecher, Respekt sage ich da nur!

Der Gitarrenverstärker verfügt über insgesamt vier Eingänge, die allesamt parallel genutzt werden können. Man darf nie vergessen, dass Verstärker dieser Dekade immer noch vornehmlich nur „laut“ machen sollten und das wenn möglich ohne jede Verzerrung. Es war daher auch nicht ungewöhnlich, dass über solche Verstärker ein Bass, ein E-Piano, der Gesang oder wenn es ganz hart kam, die gesamte Band verstärkt wurden. Einzelne Verstärker, für jeden Musiker optimiert, wurden damals nur als „Rockstarluxus“ abgetan.

Je zwei Eingänge, ungefähr mit der Eingangsimpedanzen High/Low zu vergleichen, werden einem eigenen Kanal zugeordnet. Dabei ist Kanal 1 mit seiner Reverb/Tremolo-Einheit klanglich auf die Gitarre hin abgestimmt, während sich der Rest der Band irgendwie in Kanal 2 drängen kann. „Moment mal, Tremolo? Da steht doch Vibrato!“ Der gewiefte Leo Fender Kenner kann sich nun einmal mehr ein Schmunzeln auf den Lippen erlauben. Als gelernter Buchhalter und begeisterter Elektrotechniker kann man seine Pionierarbeit in Sachen E-Gitarre, E-Bass und Verstärkertechnik gar nicht hoch genug einschätzen, von Musik oder gar Musiktheorie hingegen hatte Herr Fender so viel Ahnung wie ein Specht vom Messerwerfen.

So kommen seine legendären „Vibrato/Tremolo Verwechslungen“ auch bei diesem Gitarrenverstärker zum Tragen. Er zeichnet dafür verantwortlich, dass die Stratocaster Vibratoeinheit (Tonhöhenmodulation) bis heute als das „Fender Tremolo“ bezeichnet wird und die Tremoloeinheiten (Lautstärkenmodulation) in einem Verstärker namens „Vibrolux“ verbaut wurden. Man fragt sich halt, ob in seinem Unternehmen nicht ein einziger Mitarbeiter gesessen hat, dem dieser Blödsinn aufgefallen ist. Wahrscheinlich hat sich keiner getraut, dem Chef zu sagen, was er da für einen Mist verzapft.

Luxor Pilot Twin 50 Kanal 1

Luxor Pilot Twin 50 Kanal 1

Die Rückseite des Luxor Pilot Twin 50

Wie auch die Vorderseite des Luxor Pilot Twin 50 wird der aktuelle Kemper-User für die Anordnung der Schalter und Buchsen auf der Rückseite nur ein Kopfschütteln übrig haben, während der 60+ User sich an selige Zeiten erinnert fühlt. Ganz wie in der Fender Tradition kann man über eine Erdungswahl eventuell entstehende Brummschleifen unterdrücken. Man bedenke bitte, dass die damalige Spannungsstabilität bzw. Hertzzahl des Netzes bei Weitem nicht die heutige Qualität hatte.

Insgesamt zwei Boxen lassen sich über Klinkenstecker anschließen. Bevorzugte Ohmwahl? Fehlanzeige, wurde damals aufgrund der hohen Toleranz der Verstärker bzgl. Fehlanpassungen nicht so eng gesehen. Per Fußschalter konnte man Reverb und Tremolo aktivieren bzw. deaktivieren. Leider hat man auch hier das Fender Cinch-Buchsen-System kopiert, was die Standardfußschalter neueren Datums ausschließt. Warum Fender dies eingeführt hat? Vielleicht um die Fehlbelegung durch Amateure zu minimieren, die ein Cabinet gerne mal in die Fußschalterbuchsen stecken und dann den Trafo des Verstärkers durchschießen?

Bei einem Blick in das Innere des Verstärkers kann man auch die kurze Hallspirale sehen, die Guyatone in dem Verstärker verbaut hat. Im Gegensatz zu vielen Combos wurde das Gehäuse der Hallspirale nicht auf dem Boden des Gehäuses platziert, sondern von hinten auf das Frontpanel montiert.

Luxor Pilot Twin 50 Kanal 2

Luxor Pilot Twin 50 Kanal 2

Der Luxor Pilot Twin 50 in der Praxis

Was den Luxor Pilot Twin 50 bei der ersten Handhabung auszeichnet, ist das unglaublich geringe Gewicht des Vollröhrenverstärkers. Mit knapp 10 kg bringt er gerade mal 60 % eines vergleichbaren Marshall Heads auf die Waage. Ob dies an einem dünneren Holz oder leichteren Bauteilen liegt, mag man auf die Schnelle nicht erkunden.

Leider konnte ich keine Soundfiles mit der Tremolo-Einheit erstellen, da diese gleich mehrere Streiche mit mir spielt. Schaltet man den Verstärker ein, lässt sich den Sound für ein paar Sekunden abrufen, dann ist Feierabend. Muss wohl doch mal nach 50 Jahren zum Techniker, könnte eine Röhre sein.

Der Rest hingegen funktioniert einwandfrei und wie! Zunächst einmal, wer erhofft, auch nur einen Hauch von Crunch aus dem Amp zu kitzeln, wird leider enttäuscht werden. Der Amp bleibt clean und zwar bis zum Anschlag. So ein Verhalten kenne ich eigentlich nur von Amps wie dem Twin Reverb, was wohl auch einer der Vorbilder gewesen sein dürfte. Im Gegensatz zu den von Fender präferierten 6L6 Endröhren klingt der Luxor Pilot Twin 50 mit seinen EL34 eine Spur knackiger und mittiger, was dem Ton eine hohe Durchsetzungskraft verleiht.

Im Zusammenspiel mit einer 93er Strat Limited Edition mit Texas Special Pickups haut gerade der Halstonabnehmer einen völlig von den Socken. Knallig, ohne jegliche Kompression, reagiert der Amp ganz hervorragend auf die individuelle Spieltechnik und bildet tonal alles ab, was ihm die beiden Hände liefern.

Kanal 1 überzeugt auf ganzer Linie, während Kanal 2 deutlich matter und stumpfer klingt. Hier kann man gerne einmal versuchen, andere Instrumente anzuschließen, nicht vergessen, auch der Plexi hat als Gesangsanlage angefangen!

Übrigens, im Gegensatz zum Marshall 2203, respektive 2204, ermöglicht der Amp mittels A/B-Schalter das Anwählen der unterschiedlichen Eingänge bei gleichzeitiger Belegung. Man kann sich also ein herrlich analoges 2-Kanal Setup mit unterschiedlichen Overdrive-Pedalen bauen inklusive voreingestellter Lautstärkenwahl. Sehr klassisch!

Der Amp wird auf einigen Plattformen zwischen 200 – 300 Euro angeboten. Rechnet man eine Technikerstunde plus evtl. ein paar Röhren durch, kommt man auf einen Preis unter 500 Euro und erhält im Gegenzug einen Vintage-Ton, der sich hinter den großen Vorbildern kaum verstecken muss.

Neben der o. g. Strat wurden die Soundfiles über ein Marshall 412 Cabinet mit Celestion G-65 eingespielt und mit einem Heil PR-30 Mikrofon abgenommen.

Luxor Pilot Twin 50 Tremolo Einheit

Luxor Pilot Twin 50 Tremolo Einheit

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    gaffer  AHU

    „Wir schreiben die Anfänge des Jahrzehnts 1970 und damit die Anfänge des Luxor Pilot Twin 50. Der Markt für Gitarrenverstärker ist fest in amerikanischer Hand, der Name Fender steht wie ein Monolith am Horizont und ist das Maß aller Dinge.“

    Habe ich damals ganz anders gesehen. Marshall oder Orange wollte jeder. Außer genannten gab‘s noch Sound City, WEM. Der erste Orange wurde m.W. bei Albatros eingesetzt 68? Im BeatClub häufig eingesetzt, war einfach cooler. Fender hab’s zwar auch, aber auf keinen Fall dominant.

    Ist jetzt nicht wirklich entscheidend, (Oberlehrer aus) heute finde ich die Dinger ganz gut.

  2. Profilbild
    Sebastian B-L.

    Toll, was Ihr immer an alten Schätzen hervor kramt! Das inspiriert, ein wenig abseits der bekannten Marken zu stöbern.
    Schöner Clean-Kanal. Aber Channel-2 ist auch nicht übel. Um ehrlich zu sein, finde ich, sind beide etwas schmutzig, vom Zerrgrad sogar recht ähnlich. Oder täusch ich mich?
    Danke schon mal und schöne Woche allen.

  3. Profilbild
    k.rausch  RED

    Luxor war eigentlich keine japanische Marke, sondern ein deutsches Vermartkungskonzept. Hierzulande gab es eine Fachhändler-Kooperation mit über 50 beteiligten, die per Vereinbarung mit fernöstlichen Herstellern unter dem Namen Luxor gemeinsam allerhand verschiedene Musikinstrumente und Zubehör in Stückzahlen bauen ließ. Besonders bekannt wurden unter anderem die E-Bass Rickenbaker Kopien.

  4. Profilbild
    mad5464

    Schöner Amp mit etwas exotischer Schaltung, von daher nicht wirklich eine F* Kopie ;-)
    Nicht nur die EL34, auch die ECC85 ist ungewöhnlich, letztere gibt es zwar nicht mehr neu aber in ausreichender Stückzahl, spricht also nicht gegen den Amp, auch wenn die Verwendung einer HF-Röhre in einem Gitarrenverstärker ziemlich ungewöhnlich ist. Übrigens sind die Cinch-Anschlüsse für den Fussschalter für den Luxor untypisch, eigentlich waren da 5polige Diodenbuchsen dran (noch exotischer, vielleicht nur für den europäischen Markt?).

    Und ein wichtiger Hinweis: unbedingt den Ground Schalter stilllegen, den angeschlossenen Kondensator ausbauen und ein dreiadriges Netzkabel mit angeschlossenem Schutzleiter einbauen. Bei meinem war der Schalter und Kondensator stillgelegt aber immer noch das zweiadrige Kabel dran, also das Chassis nicht geerdet :-o
    Wenn man das nicht macht, liegen je nach Schalterstellung und bei defektem Kondensator evtl. 230V am Chassis (der Kondensator heißt nicht umsonst „death cap“) !

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