14. April 2019

Lemur, Touchscreen Music Controller und Music-App

Liebe Amazona-Leser,

In dieser Lesergeschichte möchte ich Euch von meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Lemur berichten. Nein, nicht jenen Halbaffen aus Madagaskar (obwohl die auch recht niedlich sind), sondern dem konfigurierbaren Touchscreen Controller, der zunächst ab 2005 als Hardwaregerät von der kleinen französischen Firma Jazzmutant angeboten wurde und seit 2011 von der Firma Liine als iOS und Android App (ab 2014) vertrieben wird. Ich selbst habe nun mehr als 10 Jahre Erfahrung mit den Lemuren (in ihren unterschiedlichen Ausprägungen) und viele Interfaces darauf programmiert. In diesem Bericht möchte ich die Vor- und Nachteile zusammentragen und dem Leser eine Entscheidungshilfe geben, ob der Lemur was für Ihn ist (bzw. gewesen wäre*), oder eher nicht.

*(Leider hat sich bei den Recherchen zu diesem Artikel gezeigt, dass das Lemur Netzwerk im Sterben liegt – dazu später mehr – somit ist dieser Leserartikel zum einen ein Nachruf, zum anderen ist aber jetzt vielleicht die letzte Gelegenheit, sich die App noch zu sichern…)

Bild „Lemur Controller in verschiedenen Ausführungen“: Oben rechts der Hardware-Lemur von Jazzmutant. Oben links die Android App auf einem 18 Zoll Samsung Galaxy View Tablet. Unten links die iOS App auf einem alten iPad2. Unten rechts die Lemur App auf einem Pixel3 Smartphone. Der schwache Kontrast ist dem schräg einfallenden Streulicht bei diesem Bild zuzuordnen – die Lemuroberfläche ist normalerweise unter allen Bedingungen gut ablesbar.

Und ja, dieser Artikel ist für einen Leserbericht ungewöhnlich lang. Wenn man alles liest und noch dazu die ganzen verlinkten Videos anschaut wird man mit einer Stunde sicher nicht hinkommen – sorry. Ich wollte aber den Lemur möglichst genau beschreiben und viel meiner langjährigen Erfahrung einbringen. Dazu gehört dann auch, dass man das “Habitat” des Lemuren bzw. seine Entstehungsgeschichte beschreibt, auf manche Details der Programmierung eingeht (damit der Leser weiß, was potentiell auf Ihn zukommt), Anwendungsbeispiele zeigt und erläutert und mögliche Alternativen (hier TouchOSC) beleuchtet. Da kommt dann halt einiges zusammen. Ich habe diesen Artikel über vielen Wochen zusammengestellt und hoffe, dass er Lesern einen tiefen und erkenntnisreichen Einblick in den Lemur Touchscreen Controller gibt. Wer es eilig hat, kann ja gleich zum Fazit springen. ;)

Für diejenigen, die bisher noch nie vom Lemur gehört haben sollten, hier ein Video von Liine, das zum Release des Lemur als iOS App 2011 raus kam und einen recht guten Überblick gibt (“Lemur – Legendary multitouch MIDI & OSC controller – Now on iOS”):

https://youtu.be/F6zOdRwgIRQ

Eine kleine Zeitreise…

Um den Bericht besser einordnen zu können, fange ich mit meiner persönlichen Vorgeschichte an: Ich mache nun seit über 30 Jahren elektronische Musik. Am Anfang mit typischen Ende 80er/ Anfang 90er Studio mit Atari 1040st als MIDI-Sequencer und einigen digitalen Synthesizern (M1, K4) sowie einem Akai S950 Sampler (mit sage und schreibe 1,5 Megabyte Speicher, yeah!), Effektgeräten und Mischpult. Im Jahr 2001 stieg ich auf PC um, zunächst Reason, dann seit 2004 Ableton Live. Hardware hatte ich da nicht mehr und der Umstieg auf PC war für mich ein Segen, weil nun alles auf einen Klick speicherbar war. Da nun aber Alles im Rechner entstand, wurde der USB-Controller zur Hauptschnittstelle. Klaviaturen mit Drehreglern gab es eine ganze Menge. Auf Dauer war mir das aber zu eintönig.

Und ich fand es einfach erstaunlich, wie langsam sich die Industrie auf die veränderten Umstände einstellte. Denn Dank der Digitalisierung ist die Eingabeform der Musik zum ersten mal in ihrer Geschichte vollkommen unabhängig von der physikalischen Klangerzeugung: Eine Gitarre muss so gespielt werden, wie sie gespielt wird, damit sie klingt, wie sie klingt. Ebenso eine Trommel usw.. D.h. bei der Entwicklung von Instrumenten mussten immer die physikalischen Klangeigenschaften bei der Gestaltung der Spielweise mitbedacht werden und die Interaktion war somit nicht frei definierbar. Das trifft jetzt auf Hardware-Synthesizer nicht so zu, aber auch hier war das Bedienpanel fest vorgegeben. Jetzt aber – wo (potentiell) alle Musik aus dem Rechner kam und man in der Interaktion frei war – mehr noch – sowieso MIDI-Mapping betreiben musste(!) – wurde ausschließlich auf die alten Metaphern zurückgegriffen mit Klaviaturen, Drehreglern und Fadern?

Im Jahr 2008 gab es aber tatsächlich noch nicht viel anderes. Weder APC oder gar Push für Ableton, noch andere Padcontroller. Auch Multitouch war noch nicht im Massenmarkt angekommen. Das iPhone kam erst Ende 2007 in Amerika raus und iPad und Tablets gab es noch gar nicht, geschweige denn die passende Controller Software dafür. Nach langer Recherche gab es damals exakt 2 Alternativen: Das Monome (https://monome.org/) oder eben den Lemur (http://www.jazzmutant.com/lemur-overview-2/). Beide nicht gerade günstig. Und bei beiden war mit einem gewissen Programmieraufwand zu rechnen – also nix da mit “plug and play”. Nach reiflicher Überlegung habe ich für 2500 Euronen einen Hardware Lemur gekauft. (Das war damals viel Geld und isses heute auch noch…) Einen voll programmierbarer Touchscreen Controller, den sonst u.a. Daft Punk und Björk nutzten – na da war ich ja in der richtigen Liga. Wenn sich heute manche Leute über den Preis der Lemur-App beschweren (ca. 25 Euro) muss ich immer lachen….tjaja, die “Gnade der späten Geburt” ;)

Ein historisches Video von Daft Punk bei den Grammys 2008, ab Sekunde 12 sieht man, wie sie 4 Lemuren parallel nutzen:

https://youtu.be/-MUjtb3dO9M

Aber es gibt auch ein recht aktuelles Video, mit nicht weniger Prominenz und Relevanz. Der Lemur war der erste Musik-Controller, der vom Weltraum aus eingesetzt wurde! Nämlich von ESA-Astronaut Alexander Gerst an Bord der ISS um live zusammen mit Kraftwerk zu spielen [sic!]:

https://youtu.be/rCQEzgtWv-E?t=30

Forum
  1. Profilbild
    Markus Schroeder  RED

    Wow, super Artikel, congrats und Danke!
    Ich hab immer gesagt Liine Lemur ist _der_ Grund sich ein iPad zu kaufen, aber wie Du sagt, Liine haben anscheinend kein interesse mehr daran oder was auch immer.

    Sehr, sehr schade.

    • Profilbild
      tonvibration  

      Ja Danke und gern geschehen. Der Artikel war mir eine Herzensangelegenheit. Nur schade, dass er jetzt unter diesen Umständen veröffentlicht werden muss…
      Das iPad hat bei Musiksachen schon Vorteile – z.B. wegen der großen Anzahl an Musik Apps allgemein oder dem günstigen aber gut funktionierenden MIDI Adapter. Bei Neuanschaffung tut es aber auch ein Android Tablet, das nunmal viel günstiger ist.

  2. Profilbild
    lsf3og

    Wirklich ein sehr informativer Artikel. Habe gleich Lust bekommen, die App zu laden, werde aber lieber die Finger davon lassen.
    Ich habe gerade geguckt, was man bei Archive.org noch in Bezug auf das größtenteils abgeschaltete Forum findet. Dort gibt es einen Snapshot vom Januar, der genutzt werden kann, um die Library zu durchsuschen. Damit lassen sich auch die entsprechenden Downloadlinks finden, die auch noch funktionieren.
    Hier die Adresse des Snapshots: http://web.....r-library/

    • Profilbild
      tonvibration  

      Der Snapshot ist super! Danke für den Tipp. Dadurch sieht man nämlich auch wieder die Bilder zu den User Interfaces – was eine große Hilfe bei der Fülle an Interfaces ist.
      Leider hat Liine ja just an diesem Wochenende (13.-14.4.19) angefangen die Homepage zu löschen: Zunächst natürlich alles unter Company (damit die User schnell vergessen, wer es war?), aber auch den Premium Content (extra vorgestellte Module von hoher Qualität) und eben Bilder und Suchfunktionen (tags wurden wohl gelöscht) in der User Library. Die Module selbst sind aber noch da.
      Den Gedanken, sich so eine App besser nicht mehr zuzulegen, kann ich gut verstehen. Auf der anderen Seite, dann nicht traurig sein, wenn es die plötzlich nicht mehr gibt und auf absehbare Zeit nichts Vergleichbares kommt. Ist ne doofe Situation….

      • Profilbild
        AMAZONA Archiv

        Also ich habe mir leider letzte Woche die LemurApp fürs iPad gekauft, nur um jetzt festzustellen, das die App wohl am Ende ist. Dabei habe ich mir das iPad (günstig gebraucht) in erster Linie für diesen Zweck zugelegt. Da bin ich echt grad etwas verärgert jetzt…. Schade , wollte eigentlich mit Lemur richtig loslegen, aber nun habe ich da keinen richtigen Bock mehr drauf mich da einzuarbeiten, obwohl der Bericht toll geschrieben ist und voll Lust auf den Lemur macht. Alternativen gibt es ja nicht so wirklich, also bleibt zu hoffen, das die LemurApp vielleicht doch noch am Leben erhalten wird….

        • Profilbild
          Soundreverend  

          Also ich meine ja Du kannst die App wieder „zurückgeben“, das geht irgendwo im App Store, habe ich schon einmal gemacht bei einer teuren App mit der ich wirklich unzufrieden war und es war kein Problem. Geld wird zurück-überwiesen und gut ist…

        • Profilbild
          tonvibration  

          Rückgabe wäre eine Möglichkeit….oder…da Du das iPad und die App eh schon hast… Du sicherst Dir jetzt(!) alles Notwendige.
          Das Manual bietet einen guten Einstieg, auch zum Scripting. Zur Einrichtung gibt es auch noch jede Menge Videos und Tutorials auf YouTube. In dem neuen Forum habe ich auch ne Liste mit Links zu Modulen gemacht.

          Dass man als Neukunde da verärgert ist, ist klar. Als jemand der viel Zeit investiert hat, wie ich, ist es auch nicht besser… Aber Assi-Verhalten von Liine hin oder her, morgen ist es vielleicht weg. Auf Dauer. Da bin ich eher froh, dass ich es auf vielen Geräten habe.

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