Test: EastWest Spaces II, Reverb Plugin

7. November 2018

Unendliche Weiten

EastWest präsentiert mit Spaces II den Nachfolger von Quantum Leap Spaces. Die Amerikaner bieten nicht nur eine riesige Palette an Instrumenten, die tagtäglich von unzähligen Komponisten besonders im Film-, Trailer- und Games-Bereich genutzt werden, sondern liefern auch die passenden Räumlichkeiten in Form des EastWest Spaces II Hall Plugins gleich mit dazu.

EastWest-SpacesII

EastWest Spaces II – Räume

Für mich ist der Raum an sich eines der wichtigsten Kriterien bei der Musikaufnahme und es erstaunt mich immer wieder, wie unsensibel manche Kollegen mit diesem Thema umgehen.
Bevor es um die Wahl des richtigen Mikrofons oder Preamps geht, steht die Frage des richtigen Raums ganz am Anfang. Eine Stimme oder ein Instrument klingt nur in einem Raum.
Die Eigenheiten eines Raumes beeinflussen den Klang oft mehr als alles andere. Ein und dieselbe Gitarre klingt völlig unterschiedlich, wenn sie in der Raummitte, in einer Raumecke, in einem Keller mit kahlem Mauerwerk oder einem Holzschuppen gespielt wird. Bei Schlagzeugaufnahmen investiere ich zum Beispiel für eine Albumproduktion gerne einen vollen Tag in den richtigen Sound. Das heißt dann oft experimentieren, wo in welchem Raum die Drums am besten klingen. Wenn das stimmt, ist die Mikrofonierung meist ein Kinderspiel. Da Studios immer kleiner werden und vereinfacht gesagt viel Raum viel Geld kostet, hat sich in den letzten Jahrzehnten die Praxis dahingehend entwickelt, einen recht “trockenen” Sound aufzunehmen, um diesen in der Postproduktion mit der richtigen Portion Hall zu versehen. Auch künstlichen Klängen von Synthesizern oder Drumcomputern steht eine Portion Räumlichkeit natürlich nicht schlecht. Die Mittel dafür werden seit der Präsentation von digitalem Hall Ende der 70er Jahre immer ausgereifter.

EastWest Spaces II

Hier ein Neumann M50, das den Hall in der hinteren Sitzreihe aufzeichnet

Bei EastWest Spaces II haben wir es mit einem sogenannte Faltungshall zu tun. Dieser Halltyp basiert auf akustischen „Fingerabdrücken“ von echten Räumlichkeiten. Dazu werden beispielsweise in einer Konzerthalle sogenannte Sweep-Sounds abgespielt, die dann mit Mikrofonen an verschiedenen Positionen wieder aufgenommen werden. Die Entwicklung eines solchen Plugins ist extrem aufwendig, da ein Team von Tonmeistern mitsamt ihrem Equipment zu den unterschiedlichsten Locations reisen muss, um vor Ort die charakterlichen Eigenheiten einer Halle, eines Tunnels, einer Kirche oder eines Tonstudios festzuhalten.

EastWest Spaces II

Für die Produktion von Spaces II ist das Team von EastWest um den halben Globus gereist. Auch Deutschland hat man einen Besuch abgestattet und einige Locations analysiert. So findet sich neben einer Berliner Schwimmhalle (als Berliner natürlich einer meiner Favoriten) auch eine Konzerthalle in Dortmund und die St. Michaelis Kirche in Hamburg in den Presets. Ich vermisse eigentlich nur den Faltungshall einer Currywurstbude, aber für den dritten Teil muss es ja noch Luft nach oben geben.

Die Installation von EastWest Spaces II

Die Installation von Spaces II gestaltet sich recht einfach über das EastWest „Installation Center“.
Ein Account bei EastWest und bei iLok wird dafür allerdings vorausgesetzt. Für alle Abonnenten der Composer Cloud gibt es das Plugin übrigens gratis dazu. Das Plugin gibt es in den Formaten AAX, Audio Unit und VST, was die Nutzer verschiedenster DAWs glücklich machen sollte.
Als Mindestanforderung gibt EastWest ein Intel Core 2 Duo System mit 2,7 GHz und 8 GB RAM an.
Um herauszufinden, ob es auch noch auf meinem Macbook Pro von 2010 mit Core 2 Duo 2,4 GHz, 8 GB RAM und SSD läuft, mache ich die Probe aufs Exempel. Und siehe da – im Zusammenspiel mit meiner RME-Soundkarte funktioniert es ausgezeichnet. Selbst mit diesem älteren Notebook-Modell ist es möglich, bei nur 32 ms Puffergröße knackfreie Halleffekte via Input-Monitoring abzuhören. Die Ansprüche von EastWest Spaces II ans System sind also in der Arbeit angenehm gering. Eine DAW mit 64 Bit ist allerdings Pflicht, denn 32 Bit Programme werden nicht mehr unterstützt.

Was ist neu an EastWest Spaces II?

Im Vergleich zum Vorgänger wurde die Palette um 353 neue Impulsantworten bereichert und dem Anwender stehen damit über 1000 verschiedene Presets zur Verfügung. Viele von ihnen liegen sogar im 8-Kanal-Format für Surround-Mixes vor. EastWest Spaces II belegt nach der Installation knapp 1,8 GB auf der Festplatte. Die neue Oberfläche ist ansprechend und zeigt nun zu jedem Halleffekt Fotos des dazugehörigen Aufnahmeorts.

EastWest Spaces II
In der alten Version gab es statt der Bilder detaillierte Beschreibungen des jeweiligen Aufnahmeprozesses. Das ist in der neuen Version leider weggefallen. Ich persönlich finde Informationen zu den verwendeten Mikros und der Art der Aufnahme immer sehr spannend und würde mich freuen, wenn EastWest das vielleicht als kleine Info-Box wieder implementiert. Zumal die Signalkette oft so legendäre Namen wie Neumann, Telefunken, Fairchild, Manley und Neve beinhaltet.

EastWest Spaces II

Beim Vorgänger gab es Hintergrundinformationen zum Aufnahmeprozess

Aber wir sollen uns ja nicht an technischen Daten und Herstellernamen laben, sondern unsere Ohren nutzen, um den Klang zu beurteilen.

Die Bedienung von SPACES II ist extrem einfach gehalten.
Die 4 Drehregler INPUT, PRE DELAY,  DRY  und WET sollten es auch dem Technik-scheuesten Benutzer schnell zu guten Ergebnissen kommen lassen. Unter der Haube gibt es zwar noch ein paar weitere Einstellungsmöglichkeiten, aber verglichen mit anderen Plugins sind diese bei EastWest Spaces II eher rudimentär. Im Gegensatz zur Vorgängerversion lässt sich nun aber auch die Decay-Zeit zwischen 0 und 100 % einstellen, was den Umgang mit den Presets doch um einiges flexibler macht. Daneben gibt es noch ein Filter, das zugleich als Hi-Pass und als Low-Pass agieren kann.

EastWest Spaces II

Die Decay-Zeit lässt sich nun auch reduzieren

EastWest Spaces II kann in drei verschiedenen Modi betrieben werden: Mono, Stereo und True-Stereo. Mono erklärt sich ja von selbst, bei Stereo wird ein Mono- oder Stereosignal mit einem Stereo-Hall angereichert und bei Presets, die True-Stereo bieten, wird jedem L/R-Kanal ein eigener Stereo-Hall hinzugefügt. Für True-Stereo wurden also für jede Seite Stereoimpulse aufgenommen, um eine extra Portion Realismus zu gewährleisten.

Es gibt übrigens auch Presets für bestimmte Instrumentengruppen, bei denen die übliche Position innerhalb eines Orchesters berücksichtigt wurde. Das heißt genau von dort, wo sich die Trompeten, die Timpani, die ersten Violinen etc. in einer Konzerthalle befinden, wurden die jeweiligen Impulse abgefeuert. Für ein Orchesterwerk lassen sie so spezifische True-Stereo-Hallfahnen für die Instrumentengruppen auswählen.

Eine weitere Besonderheit ist, dass viele Presets in FR- bzw. RR-Variante zur Verfügung stehen. FR bedeutet Front Row und RR bedeutet Rear Row. Hier wurde also einmal die Position am Anfang des Zuschauerraums sowie auch in einer der letzten Sitzreihen aufgenommen.

Wie klingt EastWest Spaces II

Hier muss ich EastWest Spaces II vom ersten Moment an zugestehen: alle Achtung!
Was mir hier an Rauminformation zu Ohren kommt, ist klanglich wirklich allererste Sahne. Es gibt einige Hall-Plugins, die mir in der Vergangenheit etwas zu unterkühlt beziehungsweise etwas zu hart klangen. Bei EastWest Spaces II drängen sich mir hingegen folgende lautmalerische Adjektive auf: edel, hochauflösend, teuer und (last but not least) warm.

Durch die Bank sind die Presets detailreich und teilweise akustisch sehr komplex. Deshalb kommt es auch kaum zu Ermüdungserscheinungen oder Langeweile – das Gegenteil ist der Fall. Es macht unheimlich viel Spaß, die verschiedenen Möglichkeiten auszuprobieren, die EastWest mit über 1000 Presets reichlich spendiert. Zuerst schnappe ich mir meine Jazzmaster E-Gitarre, um zusammen mit dem brandneuen Bändchen-Mikro LRM-V von Nohype Audio (Test folgt) ein paar butterweiche Aufnahmen zu machen. Es muss ja nicht immer Federhall sein, also ab nach Las Vegas in die Reynolds Hall:

Katakomben scheinen sich ebenfalls sehr gut mit der Gitarre zu vertragen:

Doch Spaces bedient nicht nur Liebhaber von echten Räumen.
Auch eine ganze Menge Impulsantworten von legendären digitalen Hallgeräten wie dem AMS RMX16 finden sich in den Presets. Hier ein Beispiel von Gitarre und Gated-Reverb. Dieser Halltyp ist in im Zuge des 80er Revivals wieder sehr in Mode gekommen. Der Effekt wurde früher mit einem nachgeschaltetem Gate realisiert, welches das Signal unterhalb eines bestimmten Pegels einfach abrupt abschneidet.

Auch Presets diverser analoger Hallplatten stehen zur Verfügung:

EastWest Spaces II

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