Test: Epiphone Les Paul Standard 60s

1. September 2020

Alter Bourbon für alle

Und sie tun es schon wieder … Die Epiphone Les Paul Standard 60s ist die günstige kleine Schwester der Gibson Les Paul Standard 60s, die im Handel für rund 5000,- Euro den Eigentümer wechseln würde, hätte dieser das nötige Kleingeld in der Tasche. Die Low-Budget-Marke Epiphone macht es mit chinesischer Produktion möglich, einen Klon dieser Edelgitarren für gut ein Zehntel des Preises zu erwerben. Vor Kurzem hatte ich bereits die Modern Les Paul von Epiphone im Test, die für ihr Geld damals eine recht gute Vorstellung abgeliefert hat. Hauptkritikpunkt von damals waren die Tonabnehmer, die die eigentlich recht guten Eigenschaften der Gitarre nicht adäquat übertragen konnten. Mal schauen, wie sich die Epiphone diesmal schlägt.

Epiphone Les Paul Standard 60s – Facts & Features

Nackt und ohne Koffer oder Gigbag liegt sie da, nur in schonende Folie und Karton gekleidet. Mit ein paar Handgriffen ist die Lady von jeglicher Umhüllung befreit, was bei stattlichen 4,1 kg aber schon echt in Arbeit ausartet. Nun ja, der Job des Testers ist trotzdem ein recht angenehmer, denn man bekommt oft wirkliche Augenweiden untergejubelt. So auch hier. Bourbon Burst nennt sich die Lackierung, der verantwortliche Lackierer im chinesischen Werk muss aber stocknüchtern gewesen sein, denn am Finish des Instruments ist auf dem ersten Blick nichts auszusetzen. Im Gegenteil, die Gitarre wirkt edel mit ihrer zweiteiligen Decke aus Riegelahorn, dessen AA-Maserung von der gelblichen bis dunkelroten Lackierung aufs Feinste unterstützt wird. Der Korpus wird, wie so oft bei Les Paul Modellen, von einem cremefarbenen Kunststoff-Binding gerahmt, die Rückseite des ansonsten aus Mahagoni gefertigten Korpus ist durchsichtig rot lackiert.

Epiphone LEs Paul 60s Body

Die Lackierung der 60s Les Paul ist sauber ausgeführt, bezüglich der Optik gibt es nichts zu bemängeln

Der Hals mit recht modernem C-Profil  ist, wieder ganz modelltypisch, eingeleimt, besteht ebenfalls aus Mahagoni und trägt ein Griffbrett aus „Indian Laurel“. Das sieht wertig aus und wird optisch von den Trapez Inlays in Perlmuttoptik dominiert. Wie der Korpus ist auch der Hals von einem Binding umsäumt. 22 kräftige Bünde vervollständigen den Hals. Über einen Kunststoffsattel verschwinden die Saiten nach oben zur Kopfplatte, die ohne erkennbaren Ansatz aus dem gleichen Stück Holz gefertigt ist wie der Hals. Einen verstärkenden Kragen, der die bruchgefährdete Stelle stabilisieren könnte, gibt es nicht. Die deckend schwarz lackierte Kopfplatte trägt den Schriftzug des Namensgebers, der sich auf diese Weise unzählige Male unsterblich gemacht hat. Der Trussrod Zugang befindet sich unter der glockenförmigen Abdeckung kopfplattenseitig, hier bekommt man nochmals einen gut lesbaren Hinweis darauf, dass es sich um eine „Standard“ handelt. Die Tuner sind von Grover, hören auf den Namen „Rotomatic“ und arbeiten mit einer Übersetzung von 18:1. Am anderen Ende der Saiten sorgt ein Locktone ABR Tune-o-matic Steg für eine saubere Intonation, die Saiten werden durch ein klassisches Stopbar-Tailpiece gehalten.

Epiphone LEs Paul 60s Headstock

Der Hals geht ohne verstärkenden Holzkragen in die Kopfplatte über, diese bruchgefährdete Stelle ist und bleibt ein Schwachpunkt

Ein Blick auf die Elektrik

Standesgemäß kommt die Epiphone Les Paul Standard 60s mit einem Pärchen Humbucker daher, die auf den Namen Probucker hören und für deren Entwicklung Epiphone selbst verantwortlich zeichnet. Die chromfarbenen Kappen werden durch cremefarbene Rahmen, die – im Gegensatz zum Rest der Gitarre – recht billig wirken. Die Verschaltung ist, wie zu erwarten, ganz klassisch, also per 3-Weg-Toggle-Switch jeweils einzeln und einmal zusammen. Splitbar ist hier nichts, es handelt sich schließlich um eine 60s Tribute-Gitarre und damals war das noch kein Thema. Zwei Volume- und zwei Tone-Regler vervollständigen den Signalweg, der nun auf die Klinkenbuchse am unteren Zargen führt. Und damit kommen wir zum praktischen Teil des Tests.

Die Epiphone Les Paul Standard 60s in der Praxis

Eins kann man direkt und ganz klar sagen: Eine Gitarre von 4,1kg tut sich schwer, in irgendeiner Form kopflastig zu sein. Und so natürlich auch die Epiphone Les Paul Standard 60s. Sie liegt im Sitzen satt auf dem Schoß und hängt am Gurt wie ein Stück Blei. Und Letzteres ist dann auch ein Ausschlusskriterium für Gigs, die länger als 2 Stunden dauern, wenn man, wie ich, altersbedingt ausgeleierte Bandscheiben hat. Zudem drückt der Korpus, jedes ergonomische Shaping vermissen lassend, im Sitzen in die Rippen. Aber eine Les Paul ist eine Les Paul ist eine Les Paul. Das gehört dazu und führt natürlich nicht zur Abwertung. Die Gitarre ist vorbildlich eingestellt, sportliche Saitenlage und saubere Oktavreinheit geben keinen Anlass zur Beschwerde. Die Kappe des Volume Reglers habe ich beim ersten Drehversuch in der Hand. Das ist ärgerlich aber immerhin schon mal besser als die 50s Schwester, die ich gleichzeitig zum Test erhalten habe. Bei der war die Potikappe bereits auf der Flucht und lag einzeln im Karton. Abhilfe schafft ein vorsichtiges Aufbiegen des geteilten Potischaftes. Kein großer Eingriff, aber absolut vermeidbar, wenn eine vernünftige Endkontrolle stattfinden würde. Dass dies offenbar nicht der Fall ist, zeigt der leider komplett defekte Toggle-Switch. Er rastet weder in Rhythm- noch in Treble-Stellung ein, arretiert dafür seitlich in Mittelstellung. Das ist leider ein absolutes No-go und darf auch bei Low-Budget-Instrumenten aus China nicht passieren! Hier hilft ein Streichholz, den Schalter wenigstens zum Test in gewünschter Stellung zu halten.

Die Saiten sind fabrikneu, also erst mal kräftig überdehnen und reichlich nachstimmen. Die Tuner arbeiten sauber und gleichmäßig, was den Stimmvorgang zur reinen Freude werden lässt. Trocken angespielt macht die Epiphone Les Paul Standard 60s, was von ihr erwartet wird. Drahtige Ansprache, langes, gleichmäßiges Sustain und angenehme Bespielbarkeit. Schon trocken lassen sich problemlos artificial und pinch harmonics produzieren, was Lust macht auf einen Test am aufgerissenen Verstärker. Akkorde intonieren bis in die höchsten Lagen sauber. Deadspots oder absterbende Töne bei Bendings sind nicht zu vermelden, es schnarrt und rappelt nichts. Also dann mal ran an den Amp und das Streichholz in den Toggle geklemmt …

Der Sound am Verstärker

Beginnen wir mit einem cleanen Sound und dem Hals-Humbucker. Zum Einsatz kommt mein Kemper mit einem Profile des Bogner XTC von Guido Bungenstock, garniert mit einem kleinen bisschen Raum, sonst ohne jegliche Effekte. Die Wiedergabe über den Probucker erweist sich als kraftvoll und bassbetont, ohne jedoch zu wummern oder zu dröhnen. Ich hätte hier, in Anlehnung an den Test der Modern Les Paul, einen deutlich schwammigeren Sound erwartet. Die Wiedergabe der Höhen ist angenehm, keine schrillen Frequenzen trüben das Bild. Wenn das so weitergeht, bin ich glücklich. Probieren wir in Beispiel 2 mal die eben erwähnten Artificial-Harmonics aus, garniert mit einem dezenten Delay. Sie gelingen mühelos, obwohl dies eine Technik ist, die mir nicht besonders liegt. Schalten wir in die Zwischenposition und bleiben beim Sound von eben. Beim leicht funkigen Rhythmus dominiert mir persönlich der Bass etwas zu stark, dies lässt sich jedoch problemlos am Amp korrigieren. Die Höhen sind dezent, aber schön aufgelöst. Bleibt der Steg-Pickup übrig. Hier zeigt sich beim Akkordspiel erste, deutliche Kompression, Akkorde werden nicht mehr ganz so sauber aufgelöst, die Höhen klingen etwas fiepsig.

Hören wir mal, wie sich die Les Beauty verhält, wenn es zu zerren beginnt. Hier kommt das Profile des Morgan AC20 zum Einsatz. Ich beginne wieder mit dem Hals-Pickup. Hier zeigen sich dann auch erste, leichte Schwächen. Die Wiedergabe ist verhalten, dumpf und in meinen Ohren irgendwie nicht definiert genug. Schaltet man den Steg-Pickup dazu, klart es etwas auf, dieser Sound eignet sich hervorragend für Geschrengel im Indie-Style. Der Steg-Pickup allein beginnt jetzt zu leben, die Bässe sind wohldosiert und matschfrei, die Höhen kommen im genau richtigen Maße hinzu.

Bleibt der Distortion-Sound. Hier kommt das Profile eines Soldano Hot Rod zum Einsatz. Zunächst beginnend mit Rhythmus und Hals Pickup. Hier spielt der Pickup wieder ein paar Stärken aus, der Sound ist kräftig und trotz des hohen Gain-Anteils noch definiert. Natürlich ist das nicht vergleichbar mit dem Soundverhalten einer vielfach so teuren Gitarre, aber sie macht einen guten Job! Der Steg Pickup zeigt jetzt auch so langsam, wo der Frosch die Locken hat. Straffe, klar definierte Bässe, leicht aggressive Höhen, da fühlt die Gitarre sich wohl.

Bleibt der Leadsound. Jetzt gibt’s richtig auf die Zwölf, es geht mit dem Hals-Pickup und einem Engl Steve Morse Profile los, aufgehübscht mit etwas Delay. Der Pickup lässt hier etwas an Transparenz vermissen, hat aber einen ordentlich Schub. Der Kollege am Steg erwidern die Kampfansage mit ordentlichem Druck und einer schönen Portion Anschlags-Punch.

Fazit

Optisch ist die Epiphone Les Paul Standard 60s mehr als gelungen, vor allem das Finish mit der Bezeichnung Bourbon Burst hat es mir angetan. Leider trüben gravierende Mängel das sonst sehr positive Bild. Zum einen die lockere Potikappe, was noch zu verschmerzen wäre, zum anderen, und das ist ein No-go auch bei Low-Budget-Instrumenten, der defekte Toggle-Switch. Die Tonabnehmer haben klare Schwächen im Crunch-Bereich, das holen sie aber Clean (Hals) und Highgain (beide) wieder auf. Alles in allem bleibt ein fader Beigeschmack ob der mangelhaften Endkontrolle, das muss auch in China möglich sein. Angesichts der sonstigen Verarbeitung und der Hoffnung, dass dies nicht öfter vorkommt, bleibt ein Gesamturteil von „gut“ übrig.

Plus

  • Optik
  • Verarbeitung
  • Bespielbarkeit
  • Sound Clean und Highgain
  • Preis

Minus

  • Gewicht
  • defekter Schalter (offenbar keine Endkontrolle)
  • Klangverhalten bei Crunchsounds

Preis

  • 584,- Euro
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Forum
    • Profilbild
      S_Hennig  

      Eine Gitarre eines amerikanischen Herstellers zu spielen ist wie Mercedes fahren.

      unterhalb der E-Klasse bekommt man nur überteuerten Dreck zu kaufen.

      Gut dass es die Japaner und Thomann mit einer halbwegs brauchbaren Endkontrolle der HB Instrumente gibt.
      Sonst würden nur noch Ärzte und Rechtsanwälte spielen.

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