Test: Hughes & Kettner Era 1, Verstärker

16. Januar 2018

Auf zu neuen Ufern!

Hughes & Kettner Era 1 Titel

Bei kaum einem anderen Instrument liegen Freud und Leid so nah beieinander wie bei der Akustikgitarre. Zum einen strotzt das Instrument geradezu vor Unabhängigkeit, was Transport und Flexibilität angeht, man denke nur an die unzähligen „Bett-Im-Kornfeld-Style-Möglichkeiten“ bzgl. Singer/Songwriter, auf der anderen Seite kann man mal gepflegt sein Säckle packen, wenn die Lautstärkerüpel der E-Gitarren- oder Schlagzeugfraktion ihr Potenzgehabe auspacken.

Einzig und allein das Füttern der Monitoranlage inklusive aller Nachteile wie die Abhängigkeit vom Monitormann und der ewige Kampf gegen das tieffrequente Feedback war bis vor Kurzem das Maß aller Dinge, um sich auf einer Bühne ein Ohr zu verschaffen. Knapp 30 Jahre zurück waren es meines Wissens nach u.a. Trace Elliot, die das Flehen der Akustikgitarrenspieler erhörten und einen einem E-Gitarrencombo gleichenden Akustikcombo entwickelten, der zwar wertig, aber auch schwer war.

Erwartungsgemäß war es ein Bassamp Hersteller, der ein offenes Ohr für Akustikgitarristen hatte, waren doch die E-Gitarrenverstärker und vor allem ihre Boxen mit ihrer essenziellen Höhenbeschneidung durch die 12-Zoll-Lautsprecher alles andere als offen für einen spezialisierten Verstärker für akustische Instrumente. Zitat: „Die Weicheier haben ja immer noch ihre Wedge Lösung“, siehe oben, ein echtes Drama.

Dank Class-D-Endstufen und modernster Fertigungsmethoden liegt das Mittelalter der Akustikverstärkertechnik lange zurück und wurde in der letzten Zeit insbesondere durch Hersteller übernommen, die primär durch ihren Erfolg im E-Gitarrensektor auf sich aufmerksam machten. In diesen munteren Reigen kann sich nun auch der saarländische Hersteller Hughes & Kettner einreihen, der mit dem in Deutschland gefertigten Hughes and Kettner Era 1 einen in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Verstärker in den Markt entlässt – oder sollte man besser von einer Kleinst-P.A. sprechen?

Hughes & Kettner Era 1 Front

— Hughes & Kettner Era 1 —

Facts & Features

Um dem Hughes & Kettner Era 1 eine besondere Behandlung während der Entwicklung zukommen zu lassen, sicherte man sich die Dienste des Akustikspezialisten Michael Eisenmann, der seines Zeichens federführend beim renommierten Akustikverstärkerhersteller AER war.

Auch wenn man den Era 1 primär als Verstärker für eine akustische Gitarre mit eingebautem Tonabnehmer sieht, so sollte man sich von vornherein bewusst machen, dass die Kombination einer 250-Watt-Endstufe mit einer 1 Zoll Dome Tweeter / 8 Zoll Basslautsprecherbestückung auch andere akustische Instrumente wie Akkordeon, Streichinstrumente oder Zither verstärken kann. Durch die Breitbandwiedergabe können ebenso Keyboards oder auch Gesangsmikrofone angeschlossen werden, was durch den vierkanaligen Mischpultbereich den Verstärker schnell zu einer typischen „Gesangsanlage“ aufsteigen lässt.

Hughes & Kettner Era 1 Front 2

Konzeptionell verfügt der Hughes & Kettner Era 1 über zwei identische Kanäle, die neben einem Gain-Regler und einer Dreiband-Klangregelung auch über einen FX-Wahlregler für das intern verbaute 16-fach FX-Gerät nebst FX-Regler verfügen. Über einen EQ-Switch kann man die Klangregelung in ihren Centerfrequenzen abändern, wobei Mode 1 eher für Stahlsaiteninstrumente, Mode 2 eher für Nylonsaiteninstrumente ausgelegt wurde. Analog hierzu ist Mode 1 eher für männliche Stimmen, Mode 2 eher für weibliche Stimmen zu bevorzugen. Die exakte Frequenzbearbeitung ergibt sich wie folgt: Bassregler 80 Hz (Mode 2 bei 110 Hz) bis +/-10 dB, Treble bei 10 kHz (Mode 2 bei 12 kHz) bis +/-10 dB, Mid-Regler bei 700 Hz (Mode 2 bei 1200 Hz) bis +/- 6 dB.

Des Weiteren verfügt jeder Kanal über eine Clip-Anzeige, einen Shape-Switch, der im typischen Loudness-Style die Mitten leicht absenkt und die Bässe und Höhen dafür betont und ein Mute-Schalter, der die einzelnen Kanäle bei Bedarf stummschaltet. Dies hat insbesondere Vorteile, wenn man mit zwei Gitarren unterwegs ist und das Aufschwingen der zweiten Gitarre während der Performance verhindern möchte.

Die Schaltaktion kann auch per Fußschalter absolviert werden. Hughes & Kettner bietet dafür den FS-2 an, der allerdings nicht im Lieferumfang enthalten ist.

Hughes & Kettner Era 1 backside

— Hughes & Kettner Era 1 Rückseite —

Alle diese Regler und Schalter befinden sich neben Lautstärkeregler für Kanal 3 und einem Master-Notch- und Master-Volumeregler aus Transportgründen nach unten versenkt auf der Oberseite des Gehäuses. Alle Ein- und Ausgänge des Era 1 befinden sich auf der Rückseite des Gehäuses.

Während Kanal 1 und 2 über verriegelbare Kombibuchsen (XLR/TRS) beschickt werden, wobei wahlweise 48 Volt Phantomspeisung aufgeschaltet werden kann und somit für die Verstärkung von akustischen Instrumenten und Mikrofonen ausgelegt wurden, zeichnen Kanal 3 (Mini-Stereoklinke) und Kanal 4 (TRS) für die Einspeisung von MP3-Playern oder pegelstarken Instrumenten verantwortlich. Beide Kanäle verfügen dennoch über einen separaten Lautstärkeregler.

Als schaltungstechnischer Kniff muss man den FX-Send über Kanal 4 sehen, mit dem ein externer Effektprozessor verwendet werden kann. In diesem Fall wird der interne deaktiviert und der FX-Regler steuert das externe Effektgerät. Achtung, in diesem Fall beim externen Prozessor den Effektanteil auf 100% stellen!

Um die anliegenden Signale auf eine P.A. weiterleiten zu können, verfügt der Era 1 über einen DI-Out in XLR-Form, der wahlweise vor oder hinter der Klangregelung abgegriffen werden kann und zudem über einen Ground-Lift verfügt.

Hughes & Kettner Era 1 Tragegriff

Hughes & Kettner Era 1 Tragegriff

Zwei weitere Besonderheiten lassen den Era 1 aus der Konkurrenz hervorstechen. Zum einen verfügt der Amp über einen optischen Ausgang und eine Autosleep-Funktion. Der optische S/PDIF-Toslink ermöglicht den direkten Zugang zum Interface des Rechners und ist als Lichtwellenleiter bekanntermaßen unempfindlich gegen Masseschleifen aller Art. Der Autosleep-Schalter übernimmt die Order laut 1275/2008/EG zur Energiesparverordnung für in Deutschland gefertigte elektronischen Geräte, bei der sich das Gerät nach einer bestimmten Zeit im Ruhezustand deaktivieren muss. Dieser ist hier bei Bedarf abschaltbar.

Hughes & Kettner Era 1 Aufsteller

— Hughes & Kettner Era 1 Aufsteller —

Das Gehäuse des Hughes & Kettner Era 1

Mit den Abmessungen von 351 x 285 x 290 mm und einem Gewicht knapp über 10 kg lässt sich der Era 1 durch den auf der Gehäuseoberseite angebrachten Tragegriff sehr gut transportieren. Kantenschoner im klassischen Sinne gibt es nicht, aber die gepolsterte Hülle fängt den Großteil der äußeren Einwirkungen ab. Sie nimmt auch den mitgelieferten Schrägsteller auf, der den Combo wahlweise zwischen 25 – 35 Grad anwinkelt. Für den Hochständerbetrieb wurde ebenfalls an einen 35 mm Flansch gedacht.

Sound & Praxis mit dem Hughes & Kettner Era 1

Um den Era 1 neutral beurteilen zu können, nehme ich zunächst eine komplett neutrale Einstellung vor, das heißt, sowohl die Klangregelung des Verstärkers als auch die Klangregelung des Fishman-Preamps an der Testgitarre Framus Legacy FD 28 sind auf 0 dB.

Erster Eindruck, der Amp klingt sehr ausgewogen und deutlich lauter, als es die sehr übersichtlichen Abmessungen des Gehäuses vermuten lassen. Natürlich bleiben die vergleichsweise harten Mitten und knochigen Höhen, die nun einmal jeder Piezo-Tonabnehmer im Stegbereich von sich gibt, aber das ist nicht die Schuld des Verstärkers.

Ich lasse die Klangregelung der Gitarre weiterhin außen vor, was sich übrigens im Laufe des Tests nicht mehr ändern wird. Wie sich herausstellt, braucht dieser Verstärker tatsächlich keine EQ-Unterstützung von Seiten der Gitarre, im Gegenteil, sie stört eher als dass sie nutzt, da die Klangregelungen der Akustikgitarren-Preamps in ihren Centerfrequenzen eher für den typischen Wedge-Betrieb ausgelegt sind. Im Studio sollte man eine Gitarre ohnehin mit einem hochwertigen Kondensatormikrofon aufnehmen.

Hughes & Kettner Era 1 bottom

— Hughes & Kettner Era 1 Unterseite —

Die Klangregelung des Era 1 geht wahrlich sehr dezent und praxisgerecht zu Werke. Keine Pegelsprünge und vor allem keine Über- und Unterpräsenzen mit +/-15 dB oder mehr, die ohnehin kein Mensch im Livebetrieb benötigt und die nur für einen harschen oder dünnen Klang sorgen.

Vielmehr gefällt insbesondere der Höhenregler, der dem so wichtigen „Sparkle“-Bereich der Gitarre auf die Sprünge hilft. Als Highlight kristallisiert sich zweifelsohne der Shape-Schalter heraus. Nach der Aktivierung bildet sich exakt die Frequenzkurve heraus, die der Gitarre die nötige Durchsetzungsfähigkeit innerhalb eines Bandkontextes bietet.

Überhaupt hat es den Anschein, dass der Era 1 die Gitarre faktisch nur ihrer Lautstärke verändert, unangenehme Klangverbiegungen bleiben dem Instrument erspart. Der Grundklang des Instrumentes bleibt erhalten und wird einfach nur in Sachen Volume angehoben und verbessert. Ganz hervorragend.

Hughes & Kettner Era 1 Schutzhülle

— Hughes & Kettner Era 1 mit Schutzhülle —

Fazit

Mit dem Hughes & Kettner Era 1 beschreitet die saarländische Firma neues Terrain auf höchstem Niveau. Der Verstärker glänzt durch einen hervorragenden Grundklang, kombiniert mit praxisgerechten Detaillösungen und bester Verarbeitung.

Wer einen kleinen Verstärker mit einem sehr großen Sound sucht, sollte den Verstärker auf jeden Fall in die engere Wahl ziehen.

Unbedingt antesten!

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • Konzeption
  • Ausstattung

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 1.199,- Euro
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