Test: Rupert Neve Designs Shelford Channel, Channelstrip

8. Mai 2017

Vintage Meets Modern

Mit dem Rupert Neve Designs Shelford Channel hat der Altmeister des Mischpultbaus einen Channelstrip in Anlehnung an seine legendäre Studiotechnik der 60er und 70er Jahre herausgebracht. Nachdem zahlreiche Hersteller seit Jahren den Markt mit Nachbauten der 1073 Kassette fluten, war nun offensichtlich auch Rupert Neve im stolzen Alter von 90 Jahren bereit, sich dem Kronjuwel seiner eigenen Schaffenszeit anzunehmen. Das Ergebnis ist keineswegs eine reine Reproduktion des Originals, sondern bietet viele moderne Features mit einer enormen klanglichen Flexibilität.

Rupert Neve Designs Shelford Channel

Auf den ersten Blick

Das Gehäuse des Rupert Neve Designs Shelford Channel hat ein 19 Zoll Format mit einer Höheneinheit ist aus massivem Stahl gefertigt und komplett magnetisch abgeschirmt. Für das zweischichtige Frontpanel wird 5 mm dickes Aluminium verwendet und zusätzlich von einer dahinterliegenden Stahlplatte gesichert.

Auf der Vorderseite befinden sich sämtliche Bedienelemente der vier Komponenten des Channelstrips, die von links nach rechts wie folgt angeordnet sind:

An erster Stelle steht der Vorverstärker, ein diskreter Class-A Preamp in Anlehnung an die 1073 Kassette, dessen Verstärkung zum Teil von einem Transformator erzeugt wird – eine Bauweise, die Rupert Neve seit über 40 Jahren nicht mehr genutzt hat. Direkt daneben liegt ein mit drei Bändern ausgestatteter Spulen-Equalizer, den der Hersteller auch als „The best of the classics“ bezeichnet, da jedes Band auf einer unterschiedlichen Equalizer-Generation von Rupert Neve basiert.

Darauf folgt ein Diodenbrücken-Kompressor, für den als Vorbild der Neve 2254 diente. Im Gegensatz zum Original sind die Steuerungsparameter wesentlich flexibler gestaltet und auch der Rauschanteil wurde deutlich verringert.

Als viertes und letztes Glied in der Kette kommt ein regelbarer Ausgangstransformator zum Einsatz, mit dem das Signal bei Bedarf gesättigt und äußerst facettenreich gefärbt werden kann. Gerade dieses Feature verleiht dem Shelford Channel eine enorme Flexibilität, die ihn deutlich von den Originalen und vielen Nachbauten abhebt.

VU-Meter

Am rechten Rand der Bedienungsoberfläche ist ein VU-Meter eingelassen, mit dem wahlweise der Output oder die Pegelreduzierung des Kompressors gemessen wird. Als Ergänzung zum VU-Meter gibt es eine Peak-Anzeige, die bei einer Übersteuerung des Ausgangstransformators rot leuchtet. Auch die Preamp-Sektion verfügt über eine LED zur Aussteuerung, so dass sowohl das Ein- als auch das Ausgangssignal stets überwacht werden kann.

Neben dem DI-Ein- und Ausgang auf der Vorderseite befinden sich alle weiteren Anschlussmöglichkeiten auf der Rückseite des Shelford Channels. Dazu zählen vier XLR-Buchsen, von denen zwei als Eingänge für Mikrofon- und Line-Signale dienen, während die anderen beiden als Line-Outputs fungieren. Bei einem der Ausgänge ist der Pegel um 6 dB reduziert, so dass auch stärker gesättigte Ergebnisse auf digitaler Ebene übersteuerungsfrei aufgezeichnet werden können.

Zusätzlich gibt es einen Send- und Returnweg für die Side-Chain Funktion des Kompressors und zwei Link-Anschlüsse für die Verbindung mit den Kompressoren von weiteren Shelford Channels.

Preamp

Für den Vorverstärker des Rupert Neve Designs Shelford Channelstrip wurde eigens ein neuer Transformator (RN4012) entwickelt, der die ersten 15 dB der Vorverstärkung erzeugt und für weiche Höhen und Bässe im Vintage-Stil sorgt. Den Rest der Vorverstärkung übernimmt die Class-A Stufe. Zur Aussteuerung des Preamps steht ein in 6 dB Schritten unterteiltes Gain-Poti zur Verfügung, hinzukommt ein Trim-Regler, mit dem sich das Signal um 6 dB anheben oder absenken lässt.

Drei Drucktaster ermöglichen den Einsatz von obligatorischen Funktionen wie Phantomspeisung, Phasendrehung und Groundlift für den DI-Eingang. Ein weiterer Schalter aktiviert das 12 dB Highpass Filter, welches hinter den Preamp geschaltet und stufenlos zwischen 20 und 250 Hz einstellbar ist.

Bei der Verwendung des DI-Eingangs wird ebenfalls der RN4012 Transformator zur Klanggestaltung genutzt. Darin besteht der einzige Unterschied zur Rupert Neve Design RNDI DI-Box, deren Technik auch hier verwendet wurde. Äußerst praktisch ist der DI-Thru-Ausgang, mit dem beispielsweise ein Gitarrensignal direkt an einen Verstärker geschickt werden kann, um den Klang etwas mehr Form zu geben und zu veredeln.

Der Line-Eingang wird mittels Trim-Poti justiert und bleibt vom Eingangsübertrager unberührt. Dafür kann er aber nicht nur mit dem Equalizer und Kompressor, sondern auch mit dem Ausgangstransformator bearbeitet werden.

RND-2042 Ausgangstransformator

Ausgangstransformator mit Silk-Schaltung

Der RND-2042 Ausgangtransformator des Rupert Neve Designs Shelford Channel bietet nicht nur dank der zwei unterschiedlich ausgesteuerten Ausgänge eine hohe klangliche Flexibilität, sondern auch durch die hinzuschaltbare Silk-Funktion.

Hiermit lässt sich das Ausgangssignal zusätzlich sättigen und mit Obertönen versehen, dafür gibt es zwei unterschiedliche Modi: einmal die Red-Silk-Schaltung, die speziell für mittenbetonten Signale zusätzliche Harmonische erzeugt und die Blue-Silk-Version für bassreiche Quellen. Für noch mehr Flexibilität sorgt der Texture-Regler, mit dem der Silk-Anteil stufenlos mit dem Ausgangssignal gemischt werden kann.

Zusammengefasst ermöglichen all diese Optionen ein enorm breit gefächertes Spektrum zur Klanggestaltung. Bei Bedarf kann der Shelford Channel einen stark gefärbt und gesättigten Vintage-Sound erzeugen, aber auch ebenso modern und sauber ertönen und natürlich lassen sich diese völlig unterschiedlichen Klangarten mannigfaltig mischen.

Outputs

Inductor Equalizer

Beim 3-Band Equalizer des Rupert Neve Designs Shelford Channelstrip wird auf die altbewährte Induktionsspulentechnik gesetzt. Das Tiefband basiert auf dem der Neve 1064 Kassette, das für seinen weichen und anschmiegsamen Klang bekannt ist. Im Gegensatz zum Original kann das Shelf-Filter auf einen Glockencharakteristik umgeschaltet werden, so dass wesentlich filigranere Anhebungen oder Absenkungen möglich sind.

Das Mittenband des 1073 ist berühmt für seine angenehmen und cremigen Betonungen und diente als Vorbild für das zweite Band des Shelford Channels. Wie bei allen drei Bändern liegt der Spielraum bei +/-15 dB und zusätzlich kann die Flankensteilheit per Mid-Hi-Q Button verschmälert werden. Grundsätzlich verändert sich die Flankensteilheit in Abhängigkeit von der ausgewählten Frequenz. Bei den oberen Mitten wird das Band schmaler, während es in den unteren Mitten etwas breiter ausgelegt ist.

Das Höhenband beruht ebenfalls auf dem des 1073, solange das Shelf-Filter aktiviert ist. Beim Umschalten auf die Glockencharakteristik wird neben der Spule ein Kondensator aktiviert, der für ein feineres Höhenbild mit mehr Highend sorgt.

Inductor Equalizer

Diode Bridge Kompressor

Aus dem Jahre 1968 stammte der Neve 2254 Kompressor/Limiter, dessen Diodenbrücken-Technik nur von wenigen Herstellern wie zum Beispiel EMI genutzt wurde. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich beim Kompressor des Rupert Neve Designs Shelford Channel um eine modernisierte Version dieses Klassikers.

Eine der wichtigsten Veränderungen ist die Erweiterung des Timings, so dass wesentlich schnellere Attack-Einstellungen möglich sind. Auch die Auto-Attack-Funktion liefert sehr gute Ergebnisse, gerade wenn man bei der Bedienung noch etwas unsicher ist.
Die Ratio-Werte liegen zwischen 1,5:1 und 8:1, wodurch sowohl leichte als auch starke Kompressionen möglich sind.

Diode Bridge Kompressor

Äußerst praktisch sind die vielen modernen Features wie zum Beispiel, dass der Kompressor vor den Equalizer geschaltet werden kann oder dass sich das Highpass Filter des Preamps als Grenzfrequenz nutzen lässt, um den Bassanteil eines Signals unbearbeitet durch den Kompressor zu schicken. Diese Möglichkeit besteht natürlich auch mit einem externen Equalizer per Side-Chain. Auf diesem Wege könnte man den Kompressor auch als De-Esser nutzen.

Wie der Equalizer lässt sich auch der Kompressor natürlich auf Bypass schalten. Eine der komfortabelsten Neuerungen ist die Blende, mit der das komprimierte Signal stufenlos mit dem Unbearbeiteten gemischt werden kann, um eine Parallelkompression zu erzeugen. Gerade mit starken Kompressionen, die beim Solo-Hören viel zu extrem klingen, können hervorragende Ergebnisse erzielt werden, wenn sie dem unkomprimierten Signal vorsichtig hinzugefügt werden.

Praxis

Das Arbeiten mit dem Rupert Neve Designs Shelford Channel gestaltet sich äußerst intuitiv, da fast alle Funktionen selbsterklärend sind. Die zahlreichen bereits genannten modernen Features lassen bei der Anwendung keine Wünsche offen. Auch die Verarbeitung sämtlicher Taster und Regler macht einen extrem hochwertigen und langlebigen Eindruck.

Klanglich ist der Shelford Channel einfach eine Offenbarung. Bei Gesangsaufnahmen stechen die feinen Details aller Komponenten am stärksten hervor. Der Vorverstärker und der Equalizer verleihen einer Stimme einen enorm weichen Klang, während der Kompressor für kräftigen Druck sorgt. Im Kontext eines Mixes steht der Gesang wie eine Eins und nimmt eine bestimmende und klar definierte Position ein, ohne dabei auch nur ansatzweise forsch, harsch oder beißend zu wirken. Genau dieser Punkt ist einer der Hauptgründe, weswegen Neve so legendär und berühmt ist.

Grundsätzlich ist es mit dem Shelford Channel, möglich Klangquellen weitestgehend ungefärbt aufzunehmen, um im Nachhinein beim Mischen, das Signal erneut über den Line-In zu schicken, um dann erst das Maß an Färbung, Sättigung und Kompression zu bestimmen.

Preamp

So lassen sich auch wunderbar Aufnahmen mit starkem digitalen Charakter wie virtuelle Instrumente aus dem Rechner bearbeiten. Während des Tests wurden zum Beispiel die Aufnahmen einer Roland TR-8 durch den Shelford Channel geschickt. Im Gegensatz zu ihren analogen Vorbildern verfügen die Sounds der TR-8 leider über äußerst spitze und unangenehme Transienten, die mit dem Equalizer und der Silk-Funktion auf sehr schöne Weise abgerundet werden können. Was im direkten Vergleich zunächst wie einen kleine, subtile Veränderung erscheint, zeigt sich spätestens beim Mastering als großer Gewinn.

Überhaupt ist ein großes Vergnügen, mit der Silk-Funktion unterschiedliche Sättigungsstufen auszuprobieren. Die Blue-Silk Einstellung ist definitiv für Signale mit tiefen Frequenzen besser geeignet, so dass Bässe und Bassdrums nicht nur schöne Obertöne erhalten, sondern auch ihr Lowend kräftiger und klarer definiert wirkt. Auch bei Gesangsaufnahmen kann mit der Red-Silk-Funktion eine kräftige oder eben nur dezente Färbung hinzugefügt werden, die einfach nur schön klingt.

Beim Kompressor ist der größte Wermutstropfen, dass er nun mal mono ist. Die Ergebnisse sind im Mix stets druckvoll, präsent und trotzdem warm und angenehm, egal ob es sich um Vocals, eine Gitarre oder einen Bass handelt. Umso mehr wünscht man sich eine zweite Einheit, da der 2254 bekanntermaßen hervorragende Ergebnisse als Drumbus-Kompressor erzielt.

Leider kann man sich von dem Geld für zwei Shelford Channels auch ohne Probleme einen guten gebrauchten Kleinwagen kaufen. Damit  muss an diesem Fall einfach leben.

Rupert Neve Designs Shelford Channel

Klangbeispiele
– Neumann U87 Vintage
– Rupert Neve Designs Shelford Channel
– RME HDSP + Multiface
– Pro Tools (die Klangbeispiele wurden nicht weiter nachbearbeitet)
– Gesang: Mani Mathia

Fazit

Der Rupert Neve Designs Shelford Channel ist ein hervorragender Channelstrip, der auf unvergleichliche Art den legendären Neve Sound mit einer modernen Highend-Ästhetik vereint.

Die Bedienung gestaltet sich äußerst einfach und ist dank den fortschrittlichen Funktionen wie Parallelkompression, mischbarem Sättigungs- und Obertonanteil oder den unterschiedlichen Pegeln der Ausgänge zeitgemäß und enorm flexibel.

Dementsprechend bietet der Shelford Channel ein großes Spektrum an klanglichen Variationen, sowohl mit den unterschiedlichen Färbungen der Silk-Schaltung als auch durch die autonome Einteilung der Sättigung.

Somit hat der Anwender freie Wahl, ob er einen puren Vintage Sound, einen modernen Highend-Ton oder eine Mischung aus beidem haben möchte. Rupert Neve ist es in seinem hohen Alter gelungen, seine Erfahrungen aus Jahrzehnten und sehr unterschiedlichen Schaffensphasen in einem Produkt zu platzieren und es bleibt die Hoffnung, das noch weitere folgen werden.

Plus

  • Klang
  • Klangvielfalt
  • Verarbeitung
  • flexible Bedienung

Preis

  • Ladenpreis: 3.799,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    crispbrown  

    Das ist doch mal ein schöner Test, vielen Dank für die zahlreichen Audiobeispiele (die ich noch einige Male durchhören muss)!

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