Test: Schecter C-1 FR S Silver Mountain E-Gitarre

22. September 2020

Am silbernen Berge die Rose endlos schwingt

Die Schecter C-1 FR S Silver Mountain. Uff. Ich dachte ja, Ibanez wären die Einzigen, die mit kryptischen Modellbezeichnungen den Archivaren im Jahr 2376 die Arbeit bei Ausgrabungen erleichtern wollen. Aber scheinbar siegt der Pragmatismus. Oder wie der Kollege Axel Ritt beim Test der C-1 FR S Evil Twin SBK völlig zu Recht schlussfolgerte: „Es hat wohl seinen Grund, warum der Rock’n’Roll nicht in Asien erfunden wurde.“

Schecter C-1 FR S Silver Mountain

Die außergewöhnliche Optik der Schecter C-1 FR S Silver Mountain sticht sofort ins Auge.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain – Facts & Features

Tatsächlich trifft der Zusatz „Silver Mountain“ aber direkt ins Schwarze. Oder besser: Aufs Schwarze. Denn was sich da aus dem Karton schält, ist optisch, Geschmack hin oder her, schon mal eine Kampfansage. Wie flüssiges Metall ziehen sich metallic-silberne Lack Strukturen durch den schwarz grundierten Korpus, erklimmen die Rückseite des Halses und  zieren als Höhepunkt auch noch die Kopfplatte. Diese Gitarre wird wohl ihr Zuhause weniger im Jazzkeller, als denn auf den Metal-Festivals in der starken Hand eines headbangenden Zausels finden, der ihr wohl eher keine perlenden, verminderten Arpeggios über eine alterierte Kadenz entlocken wird. Sehen wir den Fakten ins Gesicht: Diese Gitarre schreit auf den ersten Blick nach Rock, nach auf 11 aufgerissenen Verstärkern und Bierduschen. Hach, ich gerate ins Schwärmen. Wollen wir lieber mal schauen, was die Gitarre so anbieten kann.

Die aus Kostengründen in Südkorea gefertigte Gitarre wiegt knappe 3,6kg und befindet sich damit sozusagen im Mittelgewicht, wenn ich mal den Box Jargon zweckentfremden darf. Preislich befinden wir uns allerdings schon im Halbschwergewicht, knape 1400€ soll die Lady kosten. In dieser Preisregion tummelt sich das ein oder andere Konkurrenzprodukt, und so müssen Qualität und  Ausstattung schon etwas bieten.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain – Sustainiac

Auffälligstes Ausstattungsmerkmal dürfte der Einsatz des Sustainiacs sein. Diese im Hals Pickup versteckte Wunderkiste verspricht endloses Sustain, genährt einzig aus der Kraft einer Batterie. Genau genommen wird beim hier verbauten Stealth Pro Sustainiac – ähnlich der Technik des legendären E-Bows, den man zum Beispiel in der Hand von U2s Gitarristen The Edge bei der Performance von „With or Without You“ beobachten kann – ein Magnetfeld erzeugt, dass die Saiten in Schwingung versetzt und so lange erklingen lassen kann, bis die Batterie den Geist aufgibt oder der Schalter umgelegt wird. Da dies unabhängig von der Lautstärke von Gitarre und Verstärker passiert, ist dies ein gern genutzter Trick, um zum Beispiel kontrollierte Feedbacks zu erzeugen, ohne von Umgebungsvariablen abhängig zu sein. Wer lautstärkebedingtes Feedback kennt, weiß, dass dann oftmals der stehende Ton noch in die so beliebten Obertöne umkippen kann. Zu diesem Zweck erhält der Sustainiac neben dem On/Off-Schalter noch einen sogenannten „Harmonic Mode Switch“, in dessen zweiter Schalterposition man das Umkippen des Tons in Obertöne forcieren kann. Eine weitere Schalterstellung mischt das originale Schwingungsverhalten mit den Obertönen, somit stehen uns drei verschiedene Modi zur Verfügung.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain close

Der in Halsposition verbaute Stealth Plus Sustainiac ermöglicht mit Hilfe zweier Minischalter endloses Sustain, auf Wunsch in drei verschiedenen Operationsmodi

Abgesehen von diesem Goodie haben wir es mit einer klassischen Rockgitarre zu tun. Sowohl Korpus als auch der eingeleimte Hals bestehen aus Mahagoni. Der Hals trägt 24 Jumbo-Bünde auf einem Griffbrett aus Ebenholz. Die Gitarre ist durchgehend deckend lackiert, ein schwarzes Binding umfasst Korpus, Hals und Kopfplatte. Das Shaping des Bodies ist moderat und nicht so rund wie bei einer Stratocaster, die leicht gewölbte Decke unterstreicht aber die dreidimensionale Wirkung der Lackierung. Am Übergang vom Hals zur Kopfplatte bietet ein stabilisierender Holzkragen Schutz Bruch bei Stürzen. Die durchweg schwarze Hardware besteht aus Grover Mechaniken mit einem Übersetzungsverhältnis von 18:1, am anderen Ende verrichtet ein Floyd Rose 1500 Series Vibratosystem seinen Dienst, über dessen stimmstabile Eigenschaften ich keinerlei Worte verlieren muss. Ebensowenig werde ich mich jetzt hier über die Nachteile eines solchen Systems auslassen, das wäre allerdings einen extra Artikel wert. Der hebel ist steckbar und wird mit einer winzigen Inbus-Madenschraube in der Gängigkeit fixiert. Das ist fummelig und unpraktisch, da gefällt mir persönlich das Schaller-System mit der Überwurfmutter besser. Das unterfräst montierte Vibratosystem lässt auf der G-Saite eine Verstimmung von 6 Halbtönen nach oben zu, nach unten können die Saiten bis zur völligen Erschlaffung gebracht werden. Die bei diesen Systemen obligatorische Saitenklemme an Stelle eines herkömmlichen Sattels dominiert, zusammen mit dem Stringtree über alle 6 Saiten, die Optik kopfplattenseitig. Der Zugang zur Trussrod befindet sich ebenfalls an der Kopfplatte, versteckt unter einer optisch an die Gitarre angepassten Plastikabdeckung. Das gleiche Material finden wir auf der Korpusrückseite, hier verdecken zwei Platten die Federkammer und das geräumige Elektronikfach. Die Batterie für aktive Sustainiac-Elektronik befindet sich in einem extra Batteriefach. Die Konstruktion der Gitarre jedenfalls spricht schon mal dafür, dass wir es hier mit einem ausgewachsenen Rockmonster zu tun haben.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain

Die Rückseite der Schecter C-1 FR S Silver Mountain wird dominiert von den Abdeckplatten der Federkammer und des Elektronikfachs.

Die Elektrik der Schecter C-1

Zwei Humbucker sollen der Gitarre das akustische Gesicht verleihen. Am Steg greift der Hersteller hier auf ein Modell aus eigenem Hause zurück, einem Schecter USA Sonic Seducer. In der Halsposition arbeitet, wie oben schon ausführlich behandelt, der Sustainiac, der neben seiner Sustain fördernden Eigenschaften noch einen komplette Humbucker beinhaltet. Ob das klanglich gut geht, werden wir später hören, mein Gefühl warnt mich jedenfalls schon mal, dass da möglicherweise Kompromisse eingegangen werden müssen.

Test: Schecter C-1 FR S Silver Mountain Elektronik

Das geräumige Elektronikfach der Schecter C-1 FR S Silver Mountain

Die Auswahl der Pickups erfolgt über einen 3-Weg-Schalter, ein Coil-Splitting ist nicht vorgesehen. Neben einem generellen Volume Poti und einem ebenso auf den kompletten Signalweg wirkenden Tone Poti, findet sich noch ein drittes Poti, das sich der Intensität des Sustain-Effekts widmet. Die beiden Minischalter für die Steuerung des Sustainiacs befinden sich weiter hinten am Korpus. Die Klinkenbuchse greift fest nach dem Kabel und befindet sich an der unteren Zarge. Und wo ich das Kabel schon mal stecken habe, kümmere ich mich doch direkt mal um die Praxis.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain – die Praxis

Auf dem Schoß zeigt sich eine deutliche Kopflastigkeit der Gitarre, was sowohl der Menge an Metall auf Seiten der Kopfplatte, als auch der großflächigen Materialentnahme für das Elektronikfach geschuldet sein dürfte. Der Hals allerdings liegt mit seinem dünnen C-Profil gut in der Hand und am Gurt bin ich dann auch wieder mit der Austarierung des Gewichts versöhnt. Lackierte Halsrückseiten werden niemals mein Favorit werden, wer aber kein Problem mit klebrigen Händen hat, kann das sicherlich gut verschmerzen. Optisch jedenfalls ergibt das alles Sinn. Die Saitenlage ist angenehm und nicht zu flach, was vor allem auch das Hochvibrieren mit Hilfe des Floyd Rose Systems begünstigt. Durch den versenkten Einbau des Systems ist der Kipppunkt so tief, dass sich die Saitenlage bei extremer Modulation nach oben verringert. Bei der Werkseinstellung ist sogar noch zusätzlich ein Ziehen der Saiten und somit ausdrucksstarkes Gejammer mit dem Hebel  uneingeschränkt möglich. Die Bespielbarkeit ist bis in den 24. Bund erstklassig. Bevor man die Saiten am Sattel festklemmt, sollten sie ausreichend überdehnt sein. Dies wurde beim Testmodell wahrscheinlich vergessen. Nach kurzer Testphase reichen die Feinstimmer am Heck nicht, um die Gitarre wieder spielbar in Stimmung zu bekommen. Also Klemme auf, Saiten gedehnt, Feinstimmer in Mittelposition gebracht, gestimmt, Saiten festgeklemmt. Und dann geht’s endlich los. Die Feinstimmer fühlen sich übrigens so an, als könnten sie ein Tröpfchen Öl gebrauchen, da habe ich schon deutlich leichtgängigere Kollegen am Start gehabt.

Schecter C-1 FR S Silver Mountain Body

Die Werkseinstellung und Bespielbarkeit der Schecter C-1 FR S Silver Mountain ist perfekt. Die Optik dagegen, wie so oft, Geschmackssache

Die unverstärkte Tonansprache ist, wie ich es von Gitarren mit Floyd Rose System kenne und erwarte, erstmal nicht so drahtig und knackig, wie mit Vintage Vibratosystemen oder mit fester Brücke. Trotzdem hat die Gitarre ein langes, gleichmäßiges Ausklingverhalten, was wohl der Konstruktion des eingeleimten Halses und des verwendeten Holzes zuzuschreiben ist und was dem als „Sustainkiller“ verschrieenen Floyd Rose System offenbar etwas Sinnbringendes entgegensetzt. Bei Einstecken des Klinkenkabels ist die Elektronik aktiv, was sich auch sofort durch ein angenehmes Einschwingen des Instruments auf dem Schoß bemerkbar macht. Die Einschaltposition des On/Off-Switches für den Sustainiac ist also offensichtlich der nach hinten gekippte Schalter. Also erstmal ausschalten und den Rest der Gitarre checken, sonst ist die Batterie leer, wenn’s ernst wird.

Der Sound

Ich beginne wie immer mit einem cleanen Sound aus dem Kemper, dem Profile eines Bogner XTC. Alle drei Positionen des Pickup-Wahlschalters klingen eigentümlich leblos und ohne Brillanz. Der Steg-Humbucker hat ordentlich Output, das kündigt sich jetzt schon mal unzweideutig an, im cleanen Betrieb jedoch ist die starke Kompression eher hinderlich. Scheint für die härtere Gangart design worden zu sein, die Lady. Der Sound aus dem Sustainiac-Pickup kann mich clean noch am Ehesten überzeugen, der Stegpickup dagegen so gar nicht.

Zerren wir also mal ein bisschen an. Das Profile des Morgan AC20, das ich sonst an dieser Stelle verwende, scheint mir absolut unpassend zu sein, deshalb greife ich auf ein Profile eines Bogner Alchemist im Gold-Channel zurück. In diesem Soundbeispiel schalte ich mich vom Hals zum Steg durch. Die Gitarre beginnt jetzt zu leben, der Sound wirkt plastischer und zeigt sich dynamisch, das beginnt jetzt, Spaß zu machen.

Drehen wir also alle Regler auf 11. Das Profile eines Soldano Hot Rod kommt zum Einsatz. Der Halspickup singt jetzt, bleibt dabei transparent und druckvoll und ich hätte ihn gerne auch als Singlecoil zur Verfügung gehabt. Die Mittelstellung des Pickup-Wahlschalters bringt jetzt ein gehöriges Maß an Biss hinzu. Diese Einstellung fristet bei mir sonst immer ein Schattendasein, bei dieser Gitarre gefällt sie mir allerdings ausgesprochen gut. Der Steg-Humbucker allein zeigt dann, was in ihm steckt. Hohe Gainstettings quittiert er mit mit wohligem Schmatzen und aggressiven, aber wohl dosierten Bässen.

Zeit für ein Solo? Der Bassist geht schon mal Bier holen… Zum Einsatz kommt das Profile eines Engl Steve Morse mit etwas Delay zum Würzen. Zunächst hört ihr den Hals-Pickup, der seine Vorzüge schön ausspielen kann. Schmatzendes Anschlaggeräusch inclusive. Der Kollege am Steg macht dann das Licht aus. Das Floyd Rose Vibratosystem ist deutlich vernehmbar im Einsatz, eine Verstimmung der Gitarre ist nicht zu vermelden. Spielfehler verzeiht die Gitarre übrigens nur ungern. Also immer schön zwischen die Bundstäbchen greifen, gelle?

Und jetzt kommt das Sahnehäubchen. Das erste Beispiel ist der Leadsound von eben, garniert mit dem Sustainiac in allen drei Modi und gespielt mit dem Pickup des Sustainiacs. Ein deutliches Einschaltknacken ist bei 0:02 zu vernehmen. In Halsposition funktionieren nicht immer alle Töne gleich gut. Das zweite Beispiel zeigt das Verhalten des Sustainiacs in Verbindung mit dem Steg-Humbucker. Die Ansprache des Sustainiacs ist hier besser, aber vor allem auf den tieferen Saiten gelingt nicht immer alles, was man sich vornimmt, sofort und problemlos. Aber am Ende bleibt ein alles in allem sehr positiver Eindruck mit mächtig Fun-Faktor

Fazit

Ansprechende Optik, tadellose Verarbeitung und ein Sound, der zumindest im Highgain-Bereich unglaublich sauber und transparent ist, machen diese Gitarre schon mal zu einem echten Highlight. Als Garnierung kommt der Sustainiac on top, der den Spaßfaktor der Gitarre potenziert. Schade, dass man den Schaltknacks so deutlich hört. Cleane Sounds sind nicht unbedingt die Stärken dieser Gitarre. Gewünscht hätte ich mir noch Security Locks on board und leichtgängige Feinstimmer.

Plus

  • angezerrte und Highgain Sounds
  • Verarbeitung
  • Spaßfaktor

Minus

  • Feinstimmer schwergängig
  • Einschaltknacks des Sustainiacs
  • Cleaner Sound

Preis

  • 1399€
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