Workshop Gitarre: Die besten Gitarrensoli 4 – Bohemian Rhapsody

12. Juli 2020

Die besten Gitarrensoli der Rockgeschichte - LEARN FROM THE BEST!

„Is this the real life…“? Wohl kaum jemand jenseits der 40 wird NICHT wissen, wie der Text weitergeht und wie der Titel dieses Songs lautet … auch deutlich jüngere Semester sollten dabei mitreden können – schließlich erschien 2018 sogar ein gleichnamiger Film über die Band und Ende desselben Jahres wurde dieses Stück zum „am häufigsten gestreamter Song des 20. Jahrhunderts“ gekürt … mit über 1,6 Billionen Streams auf allen relevanten Plattformen.

Die Rede ist natürlich vom Stück „Bohemian Rhapsody“ der britischen Rockband Queen. Der Song wurde am 31. Oktober 1975 als erste Single-Auskopplung aus Queens viertem Album „A Night at the Opera“ veröffentlicht – trotz heftiger Proteste seitens der Plattenfirma, denn das 5:55 Minuten dauernde Stück passte ihrer Meinung nach so gar nicht in die Radiolandschaft von damals und auch nicht zur Band. Neben der „Hit-unfreundlichen“ Länge des Songs stieß den Verantwortlichen der EMI vor allem der bis dahin ungehörte Stilmix aus Rock, Ballade und klassischer Opernmusik auf. Glücklicherweise konnte sich die Band durchsetzen – „Bohemian Rhapsody“ schlug ein wie eine Bombe und wurde zum ersten Nummer 1 Hit des Quartetts.

Über diesen genialen, von Freddie Mercury komponierten Song, könnte man durchaus mehrere Workshops schreiben – heute geht es allerdings einzig und allein um das von Brian May gespielte Gitarrensolo. May gehört zur seltenen Riege der Gitarristen, die man nicht nur an ihrem Spiel, sondern vor allem auch an ihrem einzigartigen Sound erkennt. Dieser besondere Klang beruht maßgeblich auf seiner selbstgebauten „Red Special“ (May nennt sie selbst „Old Lady“) E-Gitarre und den vom ihn favorisierten Verstärkern der Marke Vox. Dies nur als kurze Einführung … wir gehen später noch genauer auf Brian Mays Equipment ein.

Zunächst nehmen wir das Gitarrensolo zu „Bohemian Rhapsody“ unter die Lupe:

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„Bohemian Rhapsody“ Gitarrensolo Tutorial – TECHNIK

Im nur 8-taktigen Gitarrensolo von „Bohemian Rhapsody“ finden sich alle Merkmale, die verdeutlichen, warum Brian May zu den besten und vor allem originellsten Rockgitarristen aller Zeiten zählt. Neben seinem unnachahmlichen Ton besticht sein Spiel durch ein stets kontrolliertes Fingervibrato und sein außerordentliches Gespür für Melodien. Diese Melodien spielt May häufig zwei- oder dreistimmig (z. B. in „Killer Queen“, „You’re my best friend“). Teilweise orchestriert May seine Gitarrenparts so geschickt, dass sie wie ein Synthesizer, Streicher oder gar ein Chor klingen. Damit fügt(e) er sich perfekt in die sehr durch mehrstimmigen Gesang geprägte Musik von Queen.

Im Hinblick darauf ist das vorliegende Solo eines der eher „einfacheren“ Soli von Brian May – aber auch eins der bekanntesten und besten.

Es beginnt mit einer kurzen melodischen Phrase in Takt 1, die sich in Takt 2 zu einem Motiv entwickelt, das später im Solo noch mal wiederholt wird. In diesen beiden Takten begegnen uns präzise Bendings und Brian Mays sehr vokal klingendes Vibrato. Geschickt steigert er dann die Spannung mit einer aufsteigenden Tonleiterphrase, die auf einer durch ein Bending erzeugten Note endet, die wiederum durch ein dramatisch klingendes Fingervibrato verfeinert wird (Takt 3) – eine in Takt 4 virtuos gespielte abfallende Tonleiterphrase folgt und baut die Spannung allmählich wieder ab. Hierbei kann man schön sehen, wie gekonnt Brian May mit musikalischen Gegensätzen (z. B. wenig – mehr) arbeitet, um Spannungsbögen zu erzeugen. Als Nächstes folgt in Takt 5 ein weiterer Spannungsaufbau durch eine aufsteigende Tonleiterlinie, die wiederholt und dann durch eine „gebendete“ Note erweitert wird – natürlich mit Vibrato on top! Auffällig dabei ist Brian Mays Gebrauch des sog. „Ritardando“ (langsamer werdend) und „Accelerando“ (schneller werdend): beim Spielen der erwähnten Tonleiterphrasen beginnt er minimal langsamer und erhöht im weiteren Verlauf das Tempo wieder leicht, um wieder „in time“ zu enden – ein Merkmal, das uns schon in Takt 3 begegnet. Dieses Stilmittel trägt zusätzlich zur Dramatik des Spannungsbogens bei. Im folgenden Takt treffen wir einen alten Bekannten – das melodische Motiv aus dem zweiten Takt, das in unwesentlich abgewandelter Form auftaucht. Schließlich leitet May das Ende des Solos ein – die gespielten Töne fallen auf Akzente der Rhythmusgruppe und harmonisch wird ein Tonartwechsel vorbereitet. Was nun folgt, ist der berühmte A-cappella „Opern“-Teil des Songs.

 

Brian May Gitarrensolo – TONMATERIAL

Die Akkordfolge, über die das Gitarrensolo gespielt wird, stammt bis auf die Modulation in Takt 8 aus der Tonart Eb-Dur. Das von Brian May benutzte Tonmaterial beschränkt sich in Folge dessen auch ausschließlich auf die Töne der Eb-Dur Tonleiter. Im besagten Takt 8 erfolgt eine Modulation nach A-Dur, die May auch tonal andeutet. Allgemein sei zum Solo noch gesagt, dass Brian May zu den Gitarristen gehört, die überzeugend und mit Rock-Attitüde über Dur-Akkordfolgen spielen können … das findet man nicht übermäßig oft, da viele klassische Rockgitarrensoli doch eher im traurigen Tongeschlecht stattfinden.

 

E-Gitarre „Bohemian Rhapsody“ Workshop – SOUND

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, zeichnet sich Brian Mays Gitarrensound durch einen sehr hohen Wiedererkennungswert aus. Im Zentrum dessen steht die von ihm und seinem Vater in den 60er-Jahren gebaute „Red Special“ E-Gitarre – zusammengezimmert u. a. aus einem 120 Jahre alten Mahagoni-Querbalken eines Kamins für den Hals und einem Eichentisch für den Korpus. Der Korpus des Instrumentes hat spezielle Aussparungen – ähnlich denen einer Halbresonanzgitarre – dadurch erreichte May ein besonderes Resonanzverhalten bei höheren Lautstärken. Die Pickups versuchte er zunächst auch selbst zu entwickeln. Da er mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, baute er aus einer alten „Burns“ Gitarre die darin enthaltenen Pickups der Firma „Tri Sonic“ aus und diese dann in seine Gitarre ein. Durch eine spezielle Schaltung der Tonabnehmer lassen sich theoretisch 26 verschiedene Sounds erzeugen (Pickups 1-3 jeweils einzeln, in-phase / out-of-phase + alle Kombinationen daraus). Brian Mays bevorzugter Sound ist die Kombination von Steg- und Mittel-Pickup in-phase – für das Solo zu „Bohemian Rhapsody“ hat er allerdings die out-of-phase Kombination von Hals- und Mittel-Pickup verwendet. So entsteht der recht dünne, aber doch schreiende Leadsound. Auch das Vibratosystem hat May selbst konstruiert – das aus diversen Küchen-, Fahrrad- und Motorradutensilien zusammengebaute Teil funktioniert wohl sehr gut und trägt darüber hinaus zum guten Sustain der „Red Special“ bei.

Was Verstärker und Effekte angeht, war/ist ist Brian May eher als Purist zu bezeichnen. Während seiner Zeit bei Queen und auch danach hat er durchweg Vox AC30 Combo-Amps benutzt. Von denen hatte er live bis zu neun Exemplare auf der Bühne stehen – gesteuert durch ein spezielles Switching-System. Außerdem verwendete May noch einen von Queen-Bassist John Deacon handgebauten Verstärker. Diesen Amp mit nur 1 Watt Leistung setzt(e) May nur im Studio ein – angelehnt an den Namen seines Erbauers taufte May den Verstärker „Deacy“.

An Effekten benutzt(e) Brian May von Beginn an den „Dallas RangeMaster“ Treble Booster, um seine Vox Amps anzupusten und die tiefen Frequenzen zu zähmen – später auch Treble Booster von anderen Herstellern. Ansonsten ist sein Effektarsenal sehr sparsam: hier mal ein Phaser oder ein Chorus-Pedal. Mitte der 80er-Jahre setzte er ein Boss CE-1 Chorus-Pedal ein, um zwei seiner Vox Amps in Stereo spielen zu können. Der einzige Effekt, den man als eine Art Brian May „Trademark“ bezeichnen könnte, ist das Echoplex Delay – damit hat er sein Solostück „Brighton Rock“ (auf „Sheer Heart Attack“ bzw. „Live Killers“) aufgenommen. Durch eine spezielle Kombination aus Delay-Zeit und Wiederholungen gelingt es May dabei, quasi dreistimmige Linien zu spielen. „Brighton Rock“ war jahrelang fester Bestandteil jeder Queen Live-Show.

Nach dem Motto „das Beste kommt zum Schluss“… ein ganz wichtiger, wenn nicht DER wichtigste Bestandteil von Brian Mays Gitarrenton ist sein „Plektrum“: er verwendet kein herkömmliches Plektrum aus Kunststoff oder Ähnlichem, sondern ausschließlich englische „Sixpence“-Münzen. Durch das starre, unbiegsame Material hat May laut eigenen Aussagen einen sehr direkten Anschlag und eine bessere Kontrolle. Die geriffelte Oberfläche an den Saiten trägt zudem zu einer besseren Obertonentfaltung bei. Im Gegensatz dazu bevorzugte Brian May während seiner Zeit bei Queen recht dünne Gitarrensaiten in der Stärke 008-034 – mittlerweile ist er auf Saiten mit einer Stärke von 009-042 umgestiegen.

Zum Einspielen des Videos habe ich eine Gibson Les Paul und Logic Pro X benutzt.

Gitarrenworkshop „Bohemian Rhapsody“ Solo – FAZIT

Obwohl Brian Mays Gitarrensolo in „Bohemian Rhapsody“ recht kurz ist und somit nur einen kleinen Teil dieses Jahrhundert-Songs ausmacht, zeigt es doch klar die Genialität dieses Gitarristen. Ein unverwechselbarer Sound, virtuose Technik und großartige Musikalität sind die Merkmale eines Künstlers, der sich diesen Eigenschaften zum Trotz nie in den Vordergrund gespielt hat, sondern immer ein Team- bzw. Bandplayer gewesen ist. Ob mit Queen oder als Solo-Künstler … Brian May war und ist einer der einflussreichsten Rockgitarristen aller Zeiten. AMEN.

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