AMAZONA.de

Kritik: Hans Zimmer on Tour 2016


Wagnerianische Götterdämmerung

Hans Zimmer 2016 3

THE SHOW

Heimspiel, Hans Zimmer in München. Olympiahalle. Ausverkauft.

Das Konzert beginnt. Hans Zimmer erscheint mit Weste und Jackett, ganz so, als würde uns ein Abend mit klassischer Musik bevorstehen. Fast schüchtern, aber äußerst sympathisch stellt sich Hans Zimmer nach einem ersten Intro aus DRIVING MISS DAISY und SHERLOCK HOLMES vor. „Er sei wieder zu Hause“, grinst er übers ganze Gesicht und man glaubt, in ihm den kleinen Jungen zu entdecken, dessen Freude über seine Arbeit, seine Musik und diesen besonderen Abend nichts Gespieltes hat. Da steht er, etwas linkisch, eine Hand in der Hosentasche und erzählt von seinen Erlebnissen mit Hollywood-Giganten wie Ridley Scott oder Christopher Nolan und plötzlich wird dieses Millionen-Dollar-Business für uns ganz unspektakulär, klein – ja fast familiär.

Und schon setzt er mit einer fast halbstündigen Suite des Films GLADIATOR zum ersten Höhepunkt des Abends an. Ein weiterer Vorhang erhebt sich hinter der Band und offenbart ein fast ausgewachsenes Symphonieorchester. Begleitet von bombastischen Lichteffekten, angetrieben von beeindruckenden Schlagzeugern (amazing Satnam Ramgotra) und Percussionisten hämmert uns das Kopfkino ins alte Rom, fast intensiver und emotionaler als es der Film tat. Schließlich nimmt Hans Zimmer den tobenden Applaus entgegen, fast so, als hätte er nicht damit gerechnet. Und ob das alles noch nicht genug wäre, öffnet sich ein weiterer Vorhang und offenbart einen klassischen Chor (The Crouch End Festival Chorus), der deutlich über dem Orchester thront.

Hans Zimmer 2016 5
Hans Zimmer erzählt von den Dreharbeiten zum DAVINCI CODE und einer stillen Minute, in denen er im nächtlichen  LOUVRE ganz alleine der MONA LISA Auge in Auge gegenüber stand – wäre da nicht der Wachmann gewesen.
Und schon versinkt er mit seinem Orchester in einer ganz anderen Welt, nimmt uns mit auf die Reise vom antiken Rom zu den Illuminati, während die Chöre die Olympiahalle in eine gewaltige Kathedrale verwandeln.

70 Musiker sind nun auf der Bühne und Rock würde das Ambiente und die Show weitaus treffender beschreiben als Klassik. Drei Gitarristen (darunter der unglaubliche Guthrie Govan, den Hans Zimmer als einen der besten Gitarristen der Welt bezeichnet), manchmal vier, wenn Hans selbst zur Akustik-Gitarre oder zur Strat greift, harmonieren mit dem restlichen Klangkörper, ohne aber zu sehr im Vordergrund zu stehen, denn auch visuell wird durch die beeindruckende Lightshow jeder Teil von Zimmers Klangmaschine gekonnt in Szene gesetzt. Ob es die Streicher, die Bläser, der Chor oder die Solisten sind. Auf Zimmers Bühne herrscht pure Demokratie. Nicht einmal Zimmer selbst erweckt den Eindruck, als wenn es sich um seine Show handelt. Im Gegenteil, manchmal wünscht der eingefleischte Fan sogar ein wenig mehr Hans Zimmer, der gerne auch mal unsichtbar wird, sich zurücknimmt und seinen hervorragenden Kollegen Raum und Licht zum „Arbeiten“ gibt.

Hans Zimmer 2016 1

Und apropos Kollegen, da ist er wieder, der unglaubliche Herzensbrecher, wenn er in holprigem Deutsch betont, dass seine Kollegen die besten Freunde sind, die man haben kann und dabei so glaubhaft wirkt, dass man sich wünscht, einer von ihnen zu sein.
Aber die Tour hat auch ihre dramatische Seite. Als PRINCE am 21.4. unerwartet stirbt, beschließt Hans Zimmer, ihm zu Ehren am 22.4. bei seinem Konzert in Oberhausen PURPLE RAIN zu spielen. Über Nacht mussten die Musiker, aber auch die Lichttechniker und das gesamte Team, PURPLE RAIN für diesen Tribute zum Leben erwecken. Die Einlage wird von Hans Tochter Zoe auf dem Handy mitgefilmt und erreicht innerhalb kürzester Zeit auf Facebook 250.000 Aufrufe. Auch daran wird deutlich, dass hier nicht eine perfekt einstudierte Showmaschine ein Programm abspult, sondern Hans Zimmer getrieben ist von Lust und Schmerz, von echten Emotionen und leidenschaftlicher Hingabe zu seinem Medium.

Und so endet dieses götterdämmerungsgleiche, wagnerianische Spektakel mit der Musik zu INTERSTELLAR, die uns mit Orgeln und Chören ins göttliche Walhalla entrücken. Minutenlange Standing Ovations, begeisterte Zuschauer und ein glücklicher Hans Zimmer, der zurecht den Lohn für monatelange Vorbereitung und Arbeit geniesst. Ganz bescheiden versteht sich, Schulter an Schulter mit seinen Freunden.

Hans Zimmer 2016 2

Alle Fotos in diesem Artikel mit freundlicher Genehmigung von Pierre Futsch

Unser besonderer Dank für ihre Unterstützung zu diesem Artikel geht an Cynthia Park und Mark Botting – Thanx !!!!

 

Die Dokumentation zur Tour

  1. Profilbild
    Marko Ettlich RED

    Wir haben Hans, in der ebenfalls bis unter die Hallendecke mit Leuten gefüllten Mercerdes Benz Arena, in Berlin erleben dürfen. Das Konzert war grandios und hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Akustik und der Sound war fantastisch, die Lichtshow ebenfalls und Hans ist sowieso ein sehr sympathischer Zeitgenosse. Und er kann richtig Rocken. Ich hatte einen dreistündigen Erpelpanzer. Ein tolles und einzigartiges Klangerlebnis.

  2. Profilbild
    Kyotonic AHU

    Leider gehen Konzerte immer an mir vorbei, Sollte es eine Blu-Ray davon geben ist das potentielles Material fürs Regal. Neben Peter Gabriel und den Simple Minds.

    • Profilbild
      Tyrell RED

      Das hoffe ich schwer. Diese DVD würde auch bei mir ganz sicher die Samlung an Konzerten bereichern.

  3. Profilbild

Kommentar erstellen

Die AMAZONA.de-Kommentarfunktion ist Ihr Forum um sich persönlich zu den Inhalten der Artikel auszutauschen. Sich daraus ergebende Diskussionen sollten höflich und sachlich geführt werden. Haben Sie eigene Erfahrungen mit einem Produkt gemacht, stellen Sie diese bitte über die Funktion Leser-Story erstellen ein. Für persönliche Nachrichten verwenden Sie bitte die Nachrichtenfunktion im Profil.

Über den Autor

Bewertung

Kritik: Hans Zimmer on Tour 2016

Bewertung: 5 Sterne Bewertung des Autors
Leserbewertung: 5
Jetzt anmelden und dieses Produkt bewerten.

Aktion