Test: Blackstar Artisan 30H Gitarren Top

22. November 2020

Die Legende vom flexiblen One-Trick-Pony

Der Postmann hat mich verpasst. Abholung des Paketes ab 17:30 Uhr möglich. Um 17:31 Uhr zeigt mir die Bandscheibe den Mittelfinger. Auf meinem Wunschzettel für die drohende Weihnacht 2020 steht ab sofort eine Sackkarre. 17,3 kg wiegt der weinrote Bolide aus dem Hause Blackstar, getauft auf den Namen Artisan 30H. Das „H“ steh für „Handwired“. Scheint also so ein Edelteil zu sein. Optisch ist der Brocken auf jeden Fall schon mal ein Leckerbissen. Für knapp 2000,- Euro erwarte ich jetzt aber auch Klangkultur vom Allerfeinsten.

Blackstar Artisan 30H Head

Gediegenes Design und kraftvoller Ton: Der Blackstar Artisan 30H

Blackstar Artisan 30H – Facts & Features

In wunderschönem weinroten Kunstleder präsentiert sich das Top, das charakteristische Blackstar-Logo prangt in cremeweißer Schrift prominent in der Mitte und sollte auch in der vorletzten Reihe der Frankfurter Festhalle noch lesbar sein. Die 17,3 kg, die ich in der Einleitung erwähnte, hängen beim Transport am oben zentral angebrachten, unverwüstlichen Handgriff. Da das Top, wie so viele Amps ähnlicher Bauart, aufgrund des schweren Netzteils einseitig deutlich schwerer ist, wäre eine versetzte Montage des Griffes wünschenswert, die Schlagseite beim Transport ist doch schon deutlich zu spüren. Noch schöner wären zwei seitliche Griffschalen, damit man die Last bandscheibenfreundlich vorm Bauch tragen kann. Die Krankenkassen danken es, bieten aber auch Kurse für rückenschonendes Tragen von Lasten. Eine Hülle ist im Lieferumfang enthalten, als Staubschutz ist die auch allemal ausreichend. Für den häufigen Transport würde ich dann aber tatsächlich ein Case empfehlen. Die Schalter und Potis ragen zwar dank des versenkt montierten Frontbleches nicht aus dem Gehäuse heraus, aber einen versehentlichen Schlag dürften sie nicht aushalten. Mit den Maßen 71,5 x 28,9 x 20,9 cm passt der Bolide auf ein eventuell schon vorhandenes 4×12″-Cabinet und steht dort sicher auf 4 stabilen Gummifüßen.

Kanäle und Leistung des Blackstar Artisan 30H

Recht übersichtlich sieht sie aus, die Frontplatte. Bietet aber ganz schön viel, wie wir gleich sehen werden. Links vorn befinden sich drei Kippschalter. Der erste erweckt den Blackstar Artisan 30H zum Leben, indem er die 220 Volt aus der Steckdose auf den Trafo loslässt. Daneben findet sich der obligatorische Standby-Schalter nebst Umschalter von 30 auf 10 Watt. Eine rote Netzkontrollleuchte gibt Auskunft über den Schaltzustand. Nun folgen die Regler der beiden Kanäle. Da der Signalfluss von rechts nach links erfolgt, beginne ich jetzt mal rechts außen. Zwei Klinkenbuchsen nehmen das Signal der Gitarre nebst eventueller, vorgeschalteter Effektgeräte dankend auf. Moment. Zwei Eingänge? Die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht an Woodstock und den Marshall-Turm von Herrn Hendrix? Genau. Die altehrwürdigen Röhrenamps hatten immer zwei Eingänge, jeweils mit unterschiedlicher Eingangsempfindlichkeit. Dies bietet nun der Blackstar Artisan 30H auch. Will man eine schnelle Sättigung des Signals im Sinne harmonischer Verzerrung der Vorstufe, nutzt man den mit „Hi“ betitelten Eingang, der „Lo“-Kollege darunter eignet sich besonders für leistungsstarke Tonabnehmer bzw. Effekte oder wenn das Signal sauber und clean verstärkt werden soll. Der Unterschied zwischen den beiden Eingängen beträgt 6 dB, also de facto eine Verdoppelung bzw. Halbierung der Empfindlichkeit. Was für den ersten Kanal gilt, gilt für den zweiten ebenso. Als Besonderheit kann man beide Kanäle mischen, indem man einfach ein Patchkabel vom jeweils nicht verwendeten Eingang des einen Kanals zu einem der beiden anderen Inputs des zweiten Kanals steckt. Eine Kanalumschaltung gibt es bei diesem Amp nämlich nicht, die beiden Vorstufen sind völlig getrennt voneinander.

Blackstar Artisan 30H

Eine Möglichkeit des „Channel-Blendings“, der parallele Betrieb beider Kanäle

Im ersten Vorstufenkanal werkeln EF86 Röhren. Das sind Pentoden-Röhren, die ursprünglich wegen ihres hohen Gains und des geringen Rauschens gern in High-End Audiogeräten und auch in frühen amerikanischen Gitarrenamps Verwendung fanden. Diese Art der Pentoden-Röhre hat sehr spezielle Gain- und Kompressionseigenschaften und soll mit der EL84 geladenen Class-A Endstufe auf sehr harmonische Art und Weise interagieren. Der Kanal selbst bietet nur eine recht spartanische Ausstattung an Regelmöglichkeiten, hier findet sich neben dem Volume-Regler lediglich ein 5-stufiger Bass Shape- sowie ein einzelner Tone-Regler. Der Bass Shape-Regler bedarf einer kurzen Erläuterung. Das mitgelieferte Handbuch gibt ein wenig Auskunft über die zu erwartenden Auswirkungen auf den Sound, schweigt sich aber über die genauere Arbeitsweise aus. Auf Stufe 1 soll der Ton „schneidend mit funkigen Bässen“ sein, Stufe 2 liefert einen „festen Sound mit unteren Mitten“. Aha. Bei Stufe 3 ist die Wiedergabe ausgeglichener, ab Stufe 4 treten die Bässe mehr nach vorne, wobei Stufe 5 das „Maximum an warmen, vollen Sounds“ bieten soll. Hören kommt später, wir schauen uns erst einmal den zweiten Kanal an.

Dieser ist schon etwas üppiger ausgestattet. In seinem Wesen ein klassischer ECC83-Kanal, bietet er neben der üblichen Gain- und Volume-Kontrolle sowie der 3-Band-Klangregelung einen Voice-Schalter, der die Grundcharakteristik des Sounds von „warm“ nach „bright“ verschiebt. Das Handbuch spricht bei diesem Regler vollmundig von einer „vollständigen Neukonfiguration des Klangregelungsnetzes“. Wow, langsam steigt die Spannung. Aber Momenten, wir müssen noch die Rückseite begutachten!

Anschlüsse des Blackstar Gitarrenamps

Die Rückseite des Kraftpaketes ist schnell abgehakt. Neben zwei Speaker-Ausgängen, an die entweder ein bis zwei 8 oder 16 Ohm Cabinets oder ein einzelnes 4 Ohm Cabinet gehängt werden können, finden wir einen Impedanz-Wahlschalter, zwei Sicherungen und die Netzbuchse. Wer sich mit Röhrenamps nicht auskennt, sollte vor der Verkabelung mit der oder den Box(en) unbedingt die Bedienungsanleitung lesen, damit der Verstärker keinen Schaden nimmt. Eine Einstellung der Impedanz am Verstärker sollte immer im ausgeschalteten Zustand erfolgen. Röhrenverstärker sind die schlechteste Wahl, erste Erfahrungen im Bereich der Hochspannung zu machen. Also Vorsicht! Einen Einschleifweg für externe Effekte gibt es nicht. Also erwartet uns pures Röhrenvergnügen.

Handverdrahteter Gitarrenverstärker Blackstar Artisan 30H

Man soll ja einen schönen Verstärker ja nicht nur nach Äußerlichkeiten bewerten, auf die inneren Werte kommt es an. Das „H“ in der Modellbezeichnung steht ja, wie oben schon verraten, für „Handwired“. Also werfen wir einen Blick ins Innere und erfreuen uns der sauberen Point-to-Point-Verdrahtung. Jeder Meister in Verlötung hätte hier seine wahre Freude. Saubere, aufgeräumte Bude, meine Herren. Ich bin beeindruckt und schicke das Foto des aufgeräumten Innenlebens an meine Kinder …

 

Blackstar Artisan 30H innen

Saubere Point-to-Point-Verdrahtung im Inneren des Blackstar Artisan 30H

Hochwertige Materialien sind bei dem aufgerufenen Preis von knapp 2000,- Euro hoffentlich Ehrensache, für mich als Nicht-Löt-Profi sieht das alles so aus, als wüsste da jemand, was er zu tun hat. Die Endstufe jedenfalls arbeitet mit 4 EL84 Röhren und kann auf zwei Arten betrieben werden. Entweder im sogenannten „Single-Ended-Modus“ mit 10 Watt oder im Gegentakt-Betrieb mit 30 Watt. Letzterer verspricht ordentlich Lautstärke, ich glaube kaum, dass es eine Situation gibt, in der 30 Röhrenwatt nicht ausreichend sind

Das ist der Sound des Blackstar Artisan 30H

Wie klingt das Ding denn nun? Um euch die Sounds des Blackstar Artisan 30H näherzubringen, habe ich mich entschlossen, das Top über eine Two Notes Audio Torpedo Captor X Load Box aufzunehmen. Details zu diesem feinen Gadget gibt’s in einem früheren Testbericht und meinem Workshop zum Thema E-Gitarre zu Hause aufnehmen. Ich lade das Cabinet eines Bogner XTC mit 4×12″ Bestückung und 2 Mikrofonen, einem „Dyn 57“ und einem „Dyn 421“, beide off axis und etwas versetzt platziert. Grund für diese Einstellung ist einfach meine persönliche Vorliebe, das würde jeder anders machen und dementsprechend würde es auch bei jedem anders klingen. Das Signal wird unbearbeitet in Cubase aufgenommen, ich habe lediglich das Plugin „Raum“ von Native Instruments geladen, um etwas feinen Hall zu generieren. Die Gitarre ist meine Ibanez AZ226. Here we go …

Die ersten Beispiele stammen aus Kanal 1, dem Hi-Input und der Gitarre, Hals- und Mittel-Pickup in Serie verschaltet. Der Amp arbeitet im Gegentakt-Modus, also volle 30 Watt. Volume auf 9 Uhr, Tone in Mittelstellung. Ihr hört jeweils die unterschiedlichen Färbungen durch den Bass Shape-Regler. Die Wiedergabe ist in allen Modi glockig klar und mit den Singlecoil-Pickups der Ibanez noch nicht zur Verzerrung zu treiben, obwohl sich schon ganz leichte Sättigungen des Signals erspüren lassen.

Die folgenden beiden Beispiele entstammen der Einstellung Volume 12 Uhr und Tone 3 Uhr, mal mit Singlecoil am Hals, mal wie oben seriell. Die Verzerrung ist harmonisch, höchst musikalisch und macht echt Spaß, wenn man keine Nachbarn hat. Im Ernst, das Ding wäre jetzt mit klassischer 4×12 Box schon derart laut, dass man die Rodgauer Festhalle beschallen könnte.

Jetzt schalte ich um auf den Humbucker am Steg und drehe den Volume-Regler auf Maximum. Alter Verwalter, das ist Röhrenklangkultur vom Allerfeinsten. Respekt! Über die Lautstärke schweigt der Gentleman …

Den Betrieb der Endstufe im Single-Ended-Modus erspare ich mir jetzt, nur so viel: Der Amp beginnt früher zu zerren und ist dabei etwas weniger harmonisch im Zerrbild. Die Unterschiede sind aber tatsächlich eher spür- als hörbar. Insgesamt fehlt mir da ein wenig die Luftigkeit im Sound. Schwer zu beschreiben, eher zu erfühlen. Um jetzt zum 2. Kanal switchen zu können, muss ich, wie oben beschrieben, die Gitarre umstöpseln. Kein Fußschalter kann mir da helfen. Der ECC83-Kanal macht, was er soll: Druck. Dabei steht die Klangregelung jetzt bei allen Reglern auf 2 Uhr. Die Wiedergabe ist deutlich komprimierter als im ersten Kanal, die Tontrennung ist unsauberer, wenn man den Humbucker ins Spiel bringt. Dieser Kanal will Singlecoil von mir, dann fühlen er und ich uns wohl. Die ersten beiden Beispiele sind in der Grundstellung „bright“ eingespielt, danach wechsle ich zu „warm“. Was der Amp jetzt aus den Abhörmonitoren schiebt, gibt der Diskussion um Pink Floyds legendäre Zerstörung von Venedigs Fundamenten neue Nahrung.

Bleibt die Kombination der Kanäle. Die Gitarre steckt im Hi-Input von Channel 1, ein Patchkabel verbindet den Lo-Input mit dem Hi-Input von Channel 2. Der Volume-Regler von Channel 1 steht auf 12 Uhr, der Bass Shape-Regler auf 3. In Channel 2 stehen der Volume- und Klangregler ebenfalls auf 12 Uhr. Das Ergebnis ist ein ungemein luftiger. kraftvoller Ton, der auf geradezu magische Weise mit der Gitarre interagiert. Ich hoffe, ich konnte das im Soundfile etwas einfangen. Ich schalte mich durch ein paar Pickup-Kombinationen und erfreue mich des glockigen Klangs, der auf Singlecoils nach wie vor schöner reagiert als auf Humbucker. Sehr positiv fällt das Nebengeräuschverhalten des Amps auf, selbst bei extremsten Einstellungen musste kein Noise-Gate im Signalweg die Aufnahmen retten!

Bleibt zu erwähnen, dass dieser Amp auch mit vorgeschalteten Effekten aller Art wunderbar harmoniert, vor allem mit einem Treble-Booster geht richtig die Post ab. Vorausgesetzt, man hat eine Sporthalle zur Verfügung. Ein Master-Volume-Regler wäre tatsächlich eine sinnbringende Erweiterung, auch wenn Puristen dann schon wieder die Nase rümpfen werden.

Fazit

Alle Sound- und Patch-Optionen des Blackstar Artisan 30H durchzuprobieren, würde die Grenzen eines solchen Testberichtes sprengen. Im Livebetrieb bleibt der Amp dann jedoch leider das One-Trick-Pony, es sei denn, man arbeitet mit einer AB-Box, um wenigstens beide Kanäle nutzen zu können. Umstecken wird im Livebetrieb ja wohl kaum jemand. Vor allem hat es mir der erste Kanal mit seinem vielseitigen Bass Shape-Regler angetan, aber auch der zweite Kanal hat seinen Reiz. In Kombination beider Kanäle geht dann noch mal richtig die Sonne auf. Insgesamt treffen wir hier auf einen Amp mit höchster Klangkultur und gnadenlos ehrlicher Wiedergabe mit einem Sternchen Abzug, weil die Soundoptionen nicht per Fußschalter abrufbar sind. Der Preis ist happig, geht aber für einen handverdrahteten Amp dieser Güte absolut in Ordnung. Well done, Blackstar!

Plus

  • Sound
  • Dynamik
  • Flexibilität
  • Konzept
  • Nebengeräuschverhalten

Minus

  • kein Master-Volume

Preis

  • 1949,- Euro
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