Test: Engl Cabloader, Boxensimulator

14. April 2020

Liebling, ich habe die Cabinets geschrumpft!

Test: ENGL Cabloader

Machen wir uns nichts vor, wir allen lieben es, vor einem fetten Vollröhren Fullstack, DEM Phallus-Symbol schlechthin, die fetten Rockstar-Posen einzunehmen und sich selbst ein Gefühl zu schenken, das lediglich von einem echten Koitus übertroffen wird. Wir lieben es, den Auf- und Abbau einem qualifizierten Techniker zu überlassen, der nicht nur dein Equipment behandelt, als wäre es sein eigenes, sondern auch noch jeden noch so kleinen Fehler in Sekundenbruchteilen erkennen und beheben kann. Lassen wir diesen Traumzustand kurz auf uns einwirken und wenden wir uns nun der Realität zu. Jegliche der oben genannten Aspekte, sei es der Erwerb eines Fullstacks, seine Lautstärke, sein Transport, seine Pflege und seine Lagerungsansprüche sind 2020 aufgrund der immensen Kosten nur noch für einen kleinen erlauchten Kreis von Profis oder Liebhabern ein Thema. Um zumindest das Thema der Mikrofonabnahme etwas zu entschlacken, hat sich einer der ganz großen Namen im Vollröhrenmarkt, die Firma Engl, mit dem Engl Cabloader aufgemacht, die extrem komplexe und aufwändige Form der Mikrofonierung eines Gitarrenlautsprechers auf Pedalgröße zu schrumpfen.

Test: ENGL Cabloader

Engl Cabloader Aufsicht

Das Konzept des Engl Cabloader

Obwohl selber in den ersten Reihen der Fullstack-Protagonisten angesiedelt, weiß auch die Firma Engl um die Zeichen der Zeit und setzt auf die Möglichkeit, mittels IR-Technologie den komplexen Übertragungsbereich in den letzten drei Signalkomponenten der Gitarrenabnahme nachzubilden.

Eins direkt vorneweg, der Engl Cabloader ist KEINE Loadbox und auch KEIN Attenuator! Das Pedal zwischen Amp und Cabinet geklemmt bedeutet den sofortigen Tod des Produktes! Es geht vielmehr darum, den Signalbereich der Zerrpedale und/oder des Preamps über eine Endstufen-, Lautsprecher-, Mikrofon-Emulation, verpackt in einem Hardware-Gehäuse zu schicken und dieses sofort in eine PA oder eine Studioabhöre zu schicken. Nun gut, welche Situationen kommen hierfür in Frage.

1.) Sehr kleine Clubbühne:
Wir kennen alle das Problem, bei der Verwendung eines „echten“ Verstärkers geht es einfach nicht unterhalb einer Mindestlautstärke. Selbst ein 5 Watt Verstärker braucht ein Minimum an Lautsprecherauslenkung und bewegter Luft, sonst klingt es wie ein Handy-Lautsprecher. Es gibt allerdings Situationen, wo selbst diese Leistung schon zu laut ist (Stichwort „zur Untermalung spielen“ … bäh) und man direkt in die PA/Gesangsanlage spielen muss, um die Gäste nicht zu sehr zu „stören“.

2.) Komplettes Inear-System:
Besitzt die Band noch ein E-Drumset, ist der Traum eines jeden Gartenfestveranstalters gelöst, man kann die Band tatsächlich komplett in ihrer Gesamtlautstärke hoch und runter fahren, wie man es gerade möchte. Hierfür benötigt man einen sehr guten Klang im Ohrhörer oder der Spaß geht gegen null.

3.) Aufnahmen ohne Aufnahmeraum:
Nach wie vor für viele Musiker und selbst einige Hobby-Studiobetreiber ein nicht zu bewältigendes Problem, einen Raum in dem man losgelöst von Tageszeit und Lautstärke arbeiten kann, wie man möchte. Hierfür bietet sich eine entsprechend in der Lautstärke zu regelnde Aufnahmelösung ebenfalls an.

4.) Transportabilität:
Mit Gitarre, kleinem Pedalboard und Bühnenklamotten mit dem ÖNV anreisen? Gerne gesehen, wenn es um die Transportkosten des Künstlers an sich geht.

5.) Live Direktabnahme ohne Mikrofon:
Wer den klanglichen Unwägbarkeiten eines verrutschten Mikrofons aus dem Weg gehen möchte, kann den Cabloader im FX-Loop seines Verstärkers platzieren und so den Klang der Vorstufe plus der simulierten Endstufen-Presets für den PA-Sound nutzen.

Nun denn, schauen wir mal, was der Cabloader zu bieten hat.

Test: ENGL Cabloader

Engl Cabloader Profilansicht

Die Konstruktion

Der Engl Cabloader ist sich wirklich für keine Drecksarbeit zu schade und packt klanglich da an, wo es weh tut. Nicht nur, dass man bei falscher Mikrofonierung sich alles versaut, was man im Vorfeld mühsam auf einander abgestimmt hat, nein, es gibt auch noch in der Kombination von Lautsprecher und Mikrofon nahezu eine unbegrenzte Kombinationsmöglichkeit, was die letztendliche Soundfindung wahrlich nicht erleichtert.

Um ein möglichst breites Spektrum zu eröffnen, bietet der Cabloader vom Werk aus 12 verschiedene IR-basierte Lautsprecher-, 10 Mikrofon- und 4 Endstufensimulationen, was vorm Zug schon mal eine Auswahl von 480 Sounds entspricht und die über drei gerasterte Regler abgerufen werden können. Die Endstufen verfügen über einen eigenen Presence Regler, die Mikrofone sind in der Ausrichtung (Center/Rand) und dem Abstand vom Lautsprecher (Distance) justierbar. Ein Mastervolume-Regler regelt die Endlautstärke. Über 4 freie Speicherplätze kann man zusätzlich eigene Kombination der vorgenannten Parameter oder aber 3rd Party IRs (können über einen USB-Port auf der Stirnseite des Gehäuses geladen werden) abspeichern.

Der Engl Cabloader bietet einen Klinkeneingang, der entweder eine direkte Instrumenteneinspeisung oder ein Line-Signal über einen Druckknopf zulässt. Zudem gibt es an der rechten Gehäuseseite ebenfalls einen Thru-Durchgang, sollte das Produkt in einem FX-Loop eingeschleift werden. Linksseitig gibt es einen unsymmetrischen Klinken-Line-Ausgang, einen symmetrierten XLR-Ausgang mit Ground-Lift und einen Kopfhörerausgang in Miniklinkenausfüjrung. Zudem 2 Druckschalter für das Steuern der Presets. Das Pedal ruht auf 4 angenehm weichen Gummifüßen und verrutschte selbst auf der Glasplatte meines Schreibtischs keinen Millimeter. Die Bauweise des Gehäuses ist massiv, die Verarbeitung makellos.

Test: ENGL Cabloader

Engl Cabloader Stirnseite

In der Praxis

Cabloader-artige Produkte gab und gibt es bereits seit Jahren, allerdings wurde noch nie eine solch große Soundvielfalt wie diesem Produkt an den Tag gelegt. Um die mannigfaltigen Kombinationsmöglichkeiten auch benennen zu können, muss sich Engl glücklicherweise nicht dem „Trademark-Umschreibungs-Eiertanz“ hingeben, sondern nennt die emulierten Produkte, in diesem Fall die anvisierten Lautsprecher und Mikrofone beim Namen. Eine gute Sache, allerdings muss man sich in diesem Fall natürlich auch dem direkten Vergleich stellen, was eine echte Herausforderung bedeutet. Im Segment der Lautsprecher kommen ausnahmslos Produkte der Firma Celestion zum Einsatz, im Mikrofonbereich neben den Klassikern von Shure und Sennheiser auch die seltener genommenen Großmembraner von Neumann, nebst einiger Exoten von Marshall, Rode und AKG.

Wir sollten der Fairness halber noch einen Punkt im Vorfeld klarstellen. Es war, ist und wird vielleicht auch niemals möglich sein, eine aufwändige Konstruktion von Endstufen, Lautsprecher und Mikrofon nebst ihrer komplexen Wechselwirkungen untereinander 1:1 über IR Technologie akustisch abzubilden. Allein das Rückstromverhalten eines Lautsprechers in Zusammenarbeit mit der Endstufe unter Bezugnahme der Lautstärke ist bereits ein Thema für sich. Beim Engl Cabloader geht es darum, einen guten Sound möglichst schnell und unkompliziert auf- oder abnehmen zu können, von daher sollte niemand die Erwartung haben, eine Konstellation, die in der wahren Welt um die 3.000 Euro kostet, auf den Ladenpreis des Cabloaders von 239 Euro herunterbrechen zu können.

Um den Engl Cabloader maximal fordern zu können, habe ich mir ein sehr anspruchsvolles Setup zusammengestellt. Zum einen weist Engl explizit darauf hin, auch mit einem Overdrive/Distortion-Pedal direkt in den Cabloader gehen zu können, zum anderen stellt ein echter High-Gain-Sound für jede Lautsprecheremulation aufgrund der zahlreichen Obertöne immer noch die maximale Herausforderung dar. Um dies zu realisieren, habe ich mein IRONFINGER Signature Distortion-Pedal direkt vor den Cabloader gesetzt und einen sehr fetten High-Gain-Sound eingestellt. Nun die Frage, schafft es der Engl Cabloader, die Dynamik zu halten und schafft er den Spagat zwischen einem matschigen auf der einen und einem Kreissägen-Sound auf der anderen Seite?

Test: ENGL Cabloader

Engl Cabloader Test Setup

Um die unterschiedlichen Klänge möglichst im A/B-Vergleich zu halten, habe ich ein Standard-Riff mehrfach hinter einander gespielt und dabei jeweils die Parameter verändert. Wir fangen mit der Endstufensimulation EL34, EL84, 6L6, 6V6 an.

Was mich etwas verwirrt, war die Diskrepanz zwischen den beiden „amerikanischen“ Endröhren 6L6 und 6V6. Ich musste 2x hinschauen, um auch sicher zu sein, dass die Bezeichnungen nicht verwechselt wurden, vom Gehör her hätte ich tatsächlich diese beiden Varianten in ihrer Bezeichnung getauscht.

Weiter geht es mit dem Presence-Regler von dumpf zu spitz.

Hier nun die Lautsprechervarianten, die allesamt in Engl Cabinets bei ihrer Erstellung montiert waren: 112 V30, 112 G12-65, 112 G12M-65, 212 V60, 212 V30, 412 V60, 412 V30, 412 XXL V30, 412 G12M-25, 412 G12M-65, 412 V30/T75

Es geht weiter mit der Bewegung des Mikrofons vom Rand zur Mitte des Lautsprechers hin und vom Lautsprecher weg.

Abschließend die Mikrofonvarianten Shure SM 57 und 58, Sennheiser MD 421 und 441 U, Marshall MXL 2001P und 2003, Rode NT-1, AKG C 4000 B und Neumann U87 und U47.

Wie man unschwer erkennen kann, ist klanglich für jeden etwas dabei. Mit den o. g. Parametern kann man die klanglichen Variationen tatsächlich in die Tausende gehen lassen, wer da nicht etwas findet, sollte seine Einstellung überdenken. Auch wenn die Emulationen klanglich die Originale nicht immer perfekt treffen (wie denn auch …), so kommen sie einigen Kombination geradezu erschreckend nah.

Das Kompressionsverhalten und die Dynamik unterscheidet sich generell etwas von einer analogen Kombination, mir ist jedoch kein Setup bekannt, wo man mit einem Distortion-Pedal direkt in den Emulator gespielt solch hochwertige Klänge produzieren kann. Gerade für den mobilen Einsatz auf einem kleinen Board oder einfach für die Vorproduktion im Songwriting-Modus hinterlässt der Engl Cabloader einen ganz hervorragenden Eindruck.

Fazit

Mit dem Engl Cabloader hat das deutsche Unternehmen die aktuell wohl flexibelste und wahrscheinlich auch bestklingende Lautsprecheremulation auf dem Markt. Die Verarbeitung ist sehr gut, die klanglichen Variationsmöglichkeiten ausufernd und der Klang an sich hervorragend. Das Pedal stellt die definitive Geheimwaffe dar, wenn es einmal schnell und unkompliziert gehen soll.

Unbedingt einmal antesten!

Plus

  • Klang
  • Variarionsmöglichkeiten
  • Verarbeitung

Preis

  • 239,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    uelef  

    Danke für den Test, Axel. Ich bin auch sehr überrascht, dass ein Distortion-Pedal plus der Engl Cabloader zu diesem Ergebnis führt. Beeindruckend. Ich hätte allerdings gerne mal gehört, wie sich eine Lead-Gitarre damit anhört … Taugt das auch für Solos?
    Und verstehe ich das richtig? Wenn man einen Amp-Head verwenden würde, würde man quasi per Kabel aus dem Send in den Cabloader gehen? Nicht mit dem Ausgang zum Cab?
    Viele Grüße, Ulf

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hallo Ulf, der cabloader funktioniert mit der Lead Gitarre genauso gut, ein echter Alleskönner.

      Ja, du gehst aus dem Preamp Out am Amp raus, AUF KEINEN FALL den Cabloader an den Lautsprecherausgang hängen!

      VG
      Axel

  2. Profilbild
    jazzy13

    Ich finds gut – ideal wäre es, wenn der USB Port auch class compliant audio ausgeben würde… Dann hätte man auch den direkten draht zu Ipad, PC, Mac etc. und müsste nicht noch ein Interface dazwischen schalten. Für schnelles recording wäre das einfach perfekt – mit eigenem Pedalboard unkompliziert aufnehmen.

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