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Interview Classics: Joe Satriani 1993

Der E-Gitarren-Meister der 90er-Jahre

5. August 2023

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

Joe Satriani gehört neben seinem früheren Schüler Steve Vai zu den einflussreichsten E-Gitarristen des modernen Mainstream der vergangenen vier Jahrzehnte. In den 90er-Jahren erschienen mit den Alben ,The Extremist’ (1992), ,Time Machine‘ (1993), ,Joe Satriani‘ (1995) und ,Crystal Planet‘ (1998) einige seiner stärksten Produktionen. Grund genug, hier noch mal drei Interviews aus dieser wichtigen Satriani-Phase zu präsentieren.

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Der Musiker Joe Satriani

Joe Satrianis Biografie in wenigen Worten: Geboren wurde er am 15. Juli 1956 in Westbury, New York; 1970 bekommt Joe seine erste Gitarre, von 1971 bis ‘74 lebt, lernt und unterrichtet er in Westbury, Long Island – zu seinen ersten Schülern gehörte wie bereits erwähnt Steve Vai. 1974 nimmt Satriani an Workshops mit Billy Bauer und Lennie Tristano teil, zwei Größen des Cool Jazz. 1978 beginnt er bei Second Hand Guitars in Berkeley, CA zu unterrichten; zu seinen Schülern gehören David Bryson (Counting Crows), Kirk Hammett (Metallica), Charlie Hunter, Larry LaLonde, Alex Skolnick (Testament) u. a. Ein Jahr später gründet Joe in San Francisco (wo er auch heute noch lebt) die Pop-Formation The Squares, mit Jeff Campitelli (dr) und Andy Milton (b).
1984 veröffentlicht er seine erste EP mit fünf Gitarren-Songs auf einem Indie-Label, das er nach seiner Frau „Rubina“ benannt hat. 1985 entsteht die Musik für ,Not Of This Earth’, finanziert mit der eigenen Kreditkarte. Steve Vai besorgt Satriani den Kontakt zum Label „Relativity Records“. Im September 1986 tourt Joe mit Pop-Rocker Greg Kihn (ein Live-Mitschnitt ist im Handel). Die Plattenfirma überlegt immer noch, ob sie Joes Musik wirklich haben will… Im November 1986, 15 Monate nach den Aufnahmen, erscheint endlich ,Not Of This Earth’.
Im Dezember 1986 entstehen Demos für ein weiteres Album, im Oktober 1987 erscheint dann ,Surfing With The Alien’ und verkauft ganz schnell mal in Gold- und Platin-Dimensionen – ungewöhnlich für eine solche Produktion. Anfang 1988 wird daraufhin noch einmal Joes Debüt veröffentlicht. Im Frühjahr und im Herbst des Jahres ist Satriani mit Mick Jagger auf Tour, dazwischen spielt er eigene Shows. Im November 1988 erscheint die EP ,Dreaming #11’, wird vergoldet und erzielt Joes zweite Grammy-Nominierung. Oktober 1989 erscheint ,Flying In a Blue Dream’, es folgt die dritte Grammy-Nominierung und das Album verkauft 750.000 Einheiten. Bei sechs von 18 Titeln ist Joe auch als Sänger zu hören.

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

© Lothar Trampert

Nach zwei intensiven Arbeitsjahren erscheint im Juli 1992 ,The Extremist’ – und schon wieder Gold & Grammy-Nominierung! „Summer Song“ wird später noch mal in einem Werbespot für den Sony-Walkman auftauchen, und auch die 3-Track Maxi ,Cryin“ (1992) schlägt Wellen. Im Oktober 1993 erscheint die DoCD ,Time Machine’, mit altem und neuem Live- & Studio-Material – und ein Jahr später hat auch dieses Album Gold-Status.
Joe Satrianis Instrumentalkompositionen, seine Sounds und vor allem seine Flexibilität haben Maßstäbe gesetzt, seine Position im Business hat er genauso durch effektive Vermarktung seiner Musik (wir erinnern uns an das Intro des TV-Sportmagazins „ran“) wie durch die medienpräsente Zusammenarbeit mit dem Instrumentenhersteller Ibanez gefestigt.

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

© Lothar Trampert

Intermezzi: Satriani bei Deep Purple und G3

Für Aufsehen sorgte Satriani 1994 als Gitarrist von Deep Purple, nachdem Ritchie Blackmore die Band verlassen hatte. Hier bewies Satriani ebenso seine stilistische Vielseitigkeit und Flexibilität, wie schon auf ,Time Machine’ – bereits hier deutete sich auch sein gewachsenes Interesse an straighter, bluesiger Band-Musik an, die seine Kompositionen seitdem immer wieder bestimmt. Seine Produktionen gingen immer weiter weg vom permanenten „Solismus“, statt dessen viel mehr in Richtung des kompakten Sounds einer Band. Das bewiesen seine beiden folgenden Alben ,Joe Satriani’ (1995) und ,Crystal Planet’ (1998) ebenso wie seine Zusammenarbeit mit Steve Vai und Eric Johnson, zu hören auf ,G3 – Live in Concert’ (1997) – back to the real roots. Neben den gemeinsamen Jam-Nummern der drei Giganten sind Joes Beiträge zu diesem Album die wahren Highlights.
Viele weitere Alben folgten, und heute gehört Joe Satriani zu den elder statesmen der E-Gitarre, deren neuere Werke eher zeitlos-traditionell als wegweisend rüberkommen. Was absolut OK ist, denn dieser Musiker hat in den vergangenen Dekaden ohne Frage seinen Beitrag geleistet.

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

© Lothar Trampert

Der Mensch Satriani

In den Interviews, die ich mit Satriani führte, zeigte er sich meist als sehr ruhiger, leise sprechender, sensibler Mensch, der allerdings bei rein musikalischen Themen dann schon deutliche Standpunkte beziehen konnte. Und wenn diese Interviews vor einem Gig stattfanden, dann war die „Überraschung“ immer wieder perfekt. Abends auf der Bühne war Joe dann nämlich kaum wiederzuerkennen, da entpuppte sich der stille, nette Mensch vom Nachmittag als Anhänger der „Vollgas-Fraktion“. Wie dieser Instrumentalmusiker in der Lage ist, sein Publikum anzuheizen, ist schon bemerkenswert – der perfekte Gitarren-Entertainer, der sich live nur am Mikrofon zurückhält. Und die Nachwuchsgitaristinnen & -Gitarristen, die bei seinen Gigs in der Regel die ersten 35 Reihen vor der Bühne besetzt halten, wollen auch keine nett formulierten Ansagen zur nächsten Nummer – sie wollen schnelle Licks …
Humor hat Joe Satriani auch: Als ich einmal mit und neben ihm in der Jury eines Musikwettbewerbs saß und er bemerkte, dass wir bei gleicher Minimalfrisur auch noch fast identisch gekleidet waren, setzte er mir seine dunkle Sonnenbrille auf und tauschte die Namensschilder: Einige Pressefotografierende konzentrierten sich dann ganz auf mich – und Joe grinste ohne Ende. Sympathischer Typ.

Interview 1993: Joe Satriani & ,Time Machine‘

Lothar Trampert:
Joe, du hast – einmal abgesehen von deinem Job als Musiker – über die Jahre auch eine Menge an Erfahrung als Lehrer gesammelt. Gibt es einen bestimmten Fehler oder eine Fehleinschätzung, die dir immer wieder aufgefallen ist, wenn junge Menschen damit anfangen, E-Gitarre zu spielen?

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Joe Satriani:
Es ist einfacher für mich, diese Frage in Hinblick auf meine eigenen Anfänger-Erfahrungen zu beantworten: Ich denke, das Schwierigste für einen Anfänger ist es, zu verstehen, mit wie wenig Energie die linke Greifhand auf dem Griffbrett agieren sollte, und, wie man die Hand entspannt. Ich habe das bei mir und meinen Schülern immer wieder beobachten können, wie schnell man die Saiten viel zu fest herunterdrückt, und dann ist die Stimmung hin – sie arbeiten oft mit viel zu viel Druck und Anspannung, wenn sie Akkorde spielen wollen.
Wenn man im Gegensatz hierzu professionelle Gitarristen beobachtet, die ihr Instrument schon zwanzig oder mehr Jahre spielen, dann bemerkt man diese Lockerheit, mit der solche Leute zur Sache gehen. Sie sind relaxed, spielen sehr würdevoll und mit Gefühl. Und daher denke ich, dass es das Wichtigste überhaupt ist, mit wenig Druck und Anspannung zu spielen. Denn je weniger verkrampft man an die Sache rangeht, um so besser kann man sich auf dem Griffbrett bewegen – und man kann sich wirklich auf einen absolut perfekten Ton und Stil konzentrieren.
Hier liegt der größte Fehler überhaupt, denke ich, und damit auch der wichtigste Aspekt jedes Lernprozesses. Das dauert Jahre, bis man sich wirklich körperlich entspannen kann und sich tatsächlich auf die Musik konzentriert.

Lothar:
Im Grunde genommen ist es das gleiche Problem, das Leute haben, die zum ersten Mal ein Auto fahren…

Joe:
Ein sehr guter Vergleich; da gibt es wirklich Parallelen.

Lothar:
Der nächste Schritt, den viele Schüler gehen, ist dann oft die rein technische Reproduktion. Nervt es dich nicht manchmal, wenn Leute weniger auf deine Melodien und deine Musik, sondern nur auf deine Fingersätze und Amp-Einstellungen achten?

Joe:
Gerade diese Dinge sind den Schülern aber sehr schwer zu vermitteln; rein technische Abläufe kann man hingegen klar darlegen. Wenn du einem Zwölfjährigen erklärst, er solle das spielen, was tief in seinem Herzen drin ist, dann wird er nur dein Instrument anstarren und dich nicht verstehen. (Joe grinst) Wenn man zwölf Jahre alt ist, dann will man eben seinen Spaß haben, verschiedene Dinge ausprobieren und erleben – der Rest ist einfach noch nichts für Kids, und das ist auch in Ordnung. Wenn so jemand zu mir sagte, „Ich möchte unbedingt diesen einen Metallica-Song lernen“, dann habe ich den Song mit dem Schüler eingeübt. Denn ich habe eingesehen, dass es eine sehr wichtige musikalische Erfahrung für einen jungen Menschen ist, wenn er merkt, dass er so einen Song genauso spielen kann wie er auf Platte klingt. Das ist einfach ein großartiges Gefühl. Und genau darüber entsteht bei vielen Schülern dann erst dieser Bezug zum musikalischen Feeling…
(Joe grinst) Als Lehrer musst du manchmal sehr clever sein. Manchmal wollen sie nur, dass ich ihnen eine einzige Note vorspiele und erkläre wie ich das tue; mir geht es eigentlich mehr darum, vielleicht die gesamte Phrase oder den ganzen Song zu verdeutlichen. Aber vielleicht sind sie in diesem Moment ja noch gar nicht so weit? Und wenn ich darauf eingehe, was sie wollen, stellen sie anschließend die Fragen, die ich beantworten will, von alleine. Wenn man unterrichtet, muss man sehr vorsichtig sein und gleichzeitig gezielt vorgehen.

Lothar:
Übst du selbst noch regelmäßig?

Joe:
Klar!

Lothar:
Wie gehst du dabei vor? Beschäftigst du dich mit einzelnen Licks, mit technischen Aspekten, oder gehst du konkret an Songideen heran?

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

© Lothar Trampert

Joe:
Beides, würde ich sagen. Ich bin immer auf der Suche nach neuen Wegen, dieses Instrument zu spielen. Ich will weg von irgendwelchen Klischees; es klingt zwar nicht so schnell langweilig, aber alles, was ich spiele wird doch sehr schnell zur Gewohnheit. Einige Ideen, die ich spielerisch umsetze, finde ich über einen längeren Zeitraum immer wieder interessant, andere eignen sich eher nur für einen ganz bestimmten Song. Was mich auch immer wieder interessiert, sind neue physische Herausforderungen an mein Gitarrenspiel. Aber gleichzeitig habe ich auch den Job eines Komponisten, was mich ebenfalls sehr fordert.

Lothar:
Du bist auch in theoretischer Hinsicht sehr fit, insbesondere was das Lesen und Schreiben von Musik angeht…

Joe:
Oh, ja! Als ich neun Jahre alt war, habe ich Schlagzeug spielen gelernt, und dazu gehörte auch das Lesen und Schreiben von Noten. An der High School lernte ich dann vom Blatt zu singen, dort habe ich in einem Chor mitgewirkt. Damals habe ich auch Kurse in Musiktheorie besucht, ich hab also das Handwerk auch auf dem Papier gelernt.
Aber eigentlich hatte ich nie viele Jobs, bei denen ich vom Blatt spielen oder überhaupt Noten lesen musste. Beim Unterrichten verwendete ich auch meist Noten und Tabulaturen nebeneinander. Ich denke eigentlich nicht, dass ich ein besonders guter Blattspieler bin, aber ich schreibe alle meine Ideen auf, damit sie nicht verloren gehen – Track für Track.

Lothar:
Hast du deinen Mitmusikern, z. B. für die Aufnahmen zu ,The Extremist’, auch alles fest notiert vorgelegt?

Joe:
Ich würde da eher von Skizzen sprechen. Bestimmte Akkordfolgen, Drum-Patterns – meist haben wir uns zusammen hingesetzt, uns eine Demo-Aufnahme angehört und dann alles einigermaßen genau aufgeschrieben. Denn jeder Musiker hat doch wieder seine eigene Art, wie er sich seine Sachen notiert: Drummer haben ihre eigene Notenschrift, Keyboarder brauchen bestimmte Voicings, Bassisten schreiben sich ihre speziellen Linien auf. Und es liegt ja auch meist in der Natur des Rock & Roll, auf Improvisation und Freiheit aufzubauen; deshalb ist es nicht immer sinnvoll, alles konventionell auszuschreiben.

Lothar:
Wie sieht es in Hinsicht auf die Improvisation im Studio aus – passieren dort auch solche spontanen Dinge wie auf der Bühne?

Joe:
Klar, und das gilt besonders für das letzte Album. Der ganze Gitarren-Part von ,Cryin’’ ist ein einziger First-Take. Wir arbeiteten damals gerade an den Bass- und Drum-Tracks. Ich spielte über ein Zoom dazu, weil ich diese Spur eigentlich noch gar nicht ernsthaft einspielen wollte; das sollte nur eine Orientierung für mich werden.

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998
Wir konzentrierten uns also nur auf den Sound von Bass und Schlagzeug – eine Keyboard-Spur hatte ich bereits vorher aufgenommen. Wir schnappten uns also alle unsere Instrumente und spielten zu dieser Keyboard-Spur. Und als wir fertig waren, schaute mich Andy Johns, unser Produzent und Mixer, an und meinte nur, „Das war großartig!“. Mir war auch klar, dass wir ganz gut gespielt hatten, aber weißt du, ich hatte nur über das Zoom(-Effektgerät) direkt ins Pult gespielt, das hätte ich bei einer geplanten Aufnahme nie eingesetzt! Aber es war eben so eine einzigartige Sache, dass wir uns entschlossen haben, es dabei zu belassen – es war live!

Lothar:
Du hast Andy Johns erwähnt: Wie weit ging seine Produzententätigkeit? Hatte er auch Einfluss auf die Arrangements deiner Kompositionen?

Joe:
Was diesen einen Song angeht, gibt es eine lustige Geschichte: Ich hatte ,Cryin’’ schon 1990 geschrieben, und das Arrangement war genau das, was jetzt auf dem Album zu hören ist. Aber ich dachte immer, es wäre eine zu persönliche Komposition, da das Stück viel mit dem Tod meines Vaters zu tun hat – deshalb wollte ich es nie mit dem Publikum teilen. Daher habe ich es gekürzt und versucht, die Musik weniger traurig klingen zu lassen. Ich habe ,Cryin’’ dann zusammen mit Simon Phillips, Doug Wimbish und Phil Ashley eingespielt, als vierminütigen Song. Aber ich dachte immer, dass da noch etwas fehlt. Und als ich es dann mit Greg und Matt Bissonette erneut aufnehmen wollte, saß ich zwischendurch mal am Klavier und spielte das Original-Arrangement. Plötzlich kamen sie dann alle zu mir und meinten, „Das ist toll, das gefällt uns. Warum hast du diesen Part eben nicht gespielt?“ Ich sagte nur, dass der Song so zu lang wäre, er dauerte fast sechs Minuten, aber sie wollten es dann unbedingt in dieser Version aufnehmen.
Wir haben es dann also, wie gesagt, live eingespielt; Matt hat seine Bass-Spur allerdings noch einmal neu aufgenommen, da er einen runderen Sound wollte. Brett Tugle hat anschließend noch etwas Orgel dazu gespielt und ich habe einige Synthesizer- und Piano-Sachen aufgenommen. Dann kam Andy auf die Idee, doch noch einige Rhythmusgitarren-Tupfer reinzusetzen – während der Bridge und zwischen den einzelnen Solo-Chorussen – so in der Art von dezenten Arpeggios.

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Cherry Lane Music Company Joe Satriani Collection
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(11)

Lothar:
Welches sind denn deine Lieblingstitel auf diesem Album?

Joe:
Das ändert sich von Tag zu Tag. ,Cryin’’ ist natürlich eine sehr spezielle Sache für mich, ein sehr schwieriger Song was das Schreiben und auch die Aufnahmen angeht – diese Sache berührt mich immer noch sehr. Aber es war das erste Mal, dass ich einen Song von Anfang bis Ende, von der Melodie über das Solo, komplett live in einem Take aufgenommen habe. Mit einzelnen Soli habe ich das zwar schon getan, aber noch nie mit einem kompletten, sechsminütigen Song. Es war immer ein Traum von mir, dieses musikalische Level zu erreichen, so etwas tun zu können. Damit meine ich nicht, während einer solchen Aufnahme keine Fehler zu spielen – es geht mir mehr um das Gefühl, das da drinsteckt. Das ist ein Ziel für mich, in einer Hotelbar wie dieser, einfach meine Gitarre auszupacken und spontan etwas zu spielen, das die Menschen bewegt. Und in ähnlicher Art habe ich für jeden der Songs ein solch spezielles Gefühl.

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Du hast eben noch ,New Blues’ erwähnt: Das war auch so ein ganz besonderer Abend, an dem ich mit Simon Phillips, Doug Wimbish und Phil Ashley zusammensaß. Die Rhythmusgitarre habe ich mit Two-Hand-Tapping gespielt, und das war auch ein First-Take, von Anfang bis Ende; ebenso Simons Drums und Phils Keyboards. Der Bass musste leider neu gespielt werden, weil ich die Lead-Gitarre im Nachhinein noch etwas abänderte und beide Stimmen an einer Stelle etwas ungünstig aneinander gerieten – das konnte Doug aber vorher nicht wissen.
Ich mag auch die harmonische Struktur dieses Songs sehr, das ist so etwas, wofür ich anscheinend fünf Platten gebraucht habe, bis mir das gelang. Eine sehr subtile Sache. In Bezug auf die Phrasierung und das Sustain ist dies vielleicht der komplizierteste Song des Albums. Und das Zusammenspiel der Tapping-Rhythmusgitarre und der Leadstimme funktioniert in jedem Moment; auch die Abstimmung auf Bass, Drums und Keyboards stimmt. Und eben diese durchgehende Tapping-Gitarre und die Leadstimme, die, wie bei ,Cryin’’, einfach keine darunterliegenden Harmonien mehr nötig haben, das war mir ein sehr wichtiges Ziel. Ich möchte spielen wie ein Sänger oder Saxophonist, der die Harmonien in seine Linie legt, bei dem man sie hört, ohne dass sie wirklich erklingen – das ist das Level, das ich als Musiker erreichen möchte.

Lothar:
Unter diesem Aspekt kann man ja gerade in Fusion & Jazz unter den Solisten die Spreu vom Weizen trennen. John Coltranes Komposition ,Giant Steps’ ist ein Beispiel für eine harmonisch anspruchsvolle Komposition, über die viele Musiker nur einfach drübernudeln. Und in Coltranes Version kann man sich das Piano wegdenken, und man hört die Changes trotzdem noch in der Leadstimme.

Joe:
Genau das meine ich! Heute morgen habe ich noch mit Phil Ashley über ,Giant Steps’ geredet, und über Coltranes Album ,Impressions’.

Lothar:
Da wir gerade beim Thema Jazz sind: Du wurdest von einem Kritiker einmal mit Lester Young verglichen. Kannst du mir erklären, was du mit einem Jazz-Saxophonisten der 30er/40er-Jahre zu tun hast?

Joe:
(lacht) Ich weiß auch nicht genau, wo das herkommt. Aber ich bin tatsächlich mit Jazz-Musik aufgewachsen, habe auch später für eine kurze Zeit bei Lenny Tristano (einem der wichtigsten amerikanischen Pianisten und Komponisten der Cool-Jazz-Ära) BeBop studiert. Und ich war auch immer schon ein Fan von Lester Youngs Stil, von seiner Art zu phrasieren…

Lothar:
Gibt es Gitarristen, mit denen du einmal gerne zusammenarbeiten würdest?

Joe:
Als ich vor einem Jahr in Köln war, lernte ich Jennifer Batten kennen; sie war gerade mit Michael Jackson unterwegs. Ihr Album mag ich zwar nicht so sehr – die Musik ist mir etwas zu oberflächlich, da kommt ihr Feeling nicht so richtig heraus. Aber Jennifer Batten ist einfach eine hervorragende Technikerin. Mit ihr würde ich mich mal gerne hinsetzen und nur zu zweit zusammenspielen. Michael Jacksons Musik liegt mir nicht so sehr, deshalb mag ich das auch nicht, was sie in dieser Band macht…

Lothar:
Da hört man doch sowieso nur fünf oder sechs Gitarrentöne von ihr während eines Konzerts…

Joe:
Hahaha! Yeah, und sie spielt auch dabei noch sehr unübliche Sachen – sie ist so eine talentierte Musikerin! Es ist auch gut, dass sie in dieser Band spielen kann, dass sie Arbeit hat. Du kannst dir nicht vorstellen, wie hart es ist, als Musiker zu arbeiten; das ist oft sehr schwierig. Ich hatte viele Jahre lang keine Jobs und habe einfach sehr viel Glück, dass die Leute sich meine Instrumentalmusik heute überhaupt anhören. Ich weiß, wie wertvoll ein Job in dieser Musikindustrie ist. Und daher hoffe ich auch, dass sie ihren Job behält, hahaha!

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© Lothar Trampert

Lothar:
Welcher Bereich deines Jobs liegt dir denn mehr: der des Live-Performers oder der des Studiomusikers?

Joe:
Ich mag beides. Es sind absolut unterschiedliche Feelings, und mir ist keines davon wichtiger als das andere.

Lothar:
Nach welchen Kriterien suchst du dir deine Mitmusiker aus?

Joe:
1988 kam ich als letzter Musiker in Mick Jaggers Tour-Band und traf dort auf Phil Ashley, Doug Wimbish und Simon Phillips. Wir waren fünf Monate zusammen unterwegs, wurden sehr gute Freunde und auch in musikalischer Hinsicht ein gutes Team. Ich hätte damals sehr gerne auch mit ihnen meine Musik aufgenommen, aber die Arbeit an meinem Album ,Flying In A Blue Dream’ lief bereits. Und nach der Tour zu diesem Album, im Dezember 1990 war es dann endlich soweit, dass alle drei Zeit hatten: Wir gingen zusammen für vier Wochen ins Studio und spielten einige Songs für ,The Extremist’ ein. Nachdem ich dann in San Francisco wieder eine Zeitlang mit anderen Musikern gearbeitet hatte, suchte ich Leute für Songs wie ,War’, ,Cryin’’, ,Friends’ und eben ,The Extremist’ – ich war der Meinung, dass ich dafür andere Musiker brauchte. Damals habe ich mit dreissig verschiedenen Rhythm-Sections geprobt und landete schließlich bei Gregg und Matt Bissonette. Und zusammen mit Andy und mir waren wir einfach ein Team, bei dem es geklickt hat. Wir wussten alle sofort, in welche Richtung es gehen sollte, und wir hatten auch sofort diesen richtigen Sound.

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Lothar:
Die beiden Kompositionen, über die wir eben sprachen, ,Cryin’’ und ,New Blues’ haben etwas sehr Song-typisches, sie klingen sehr an der menschlichen Stimme orientiert – vielleicht ist das ebenfalls eine Parallele zu Lester Youngs Saxophonspiel. Ich gehe mal davon aus, dass du dir nicht ausschließlich Gitarristen und instrumentale Musik anhörst.

Joe:
Nein, absolut nicht. Zur Zeit mag ich z. B. die Sachen von Peter Gabriel sehr, die Red Hot Chili Peppers, die Black Crowes, und auch ältere Aufnahmen von John Lennon. Es gibt aber auch eine ganze Menge an Gitarren-Alben, die mir sehr gut gefallen: Wie gesagt, das letzte Black-Crowes-Album oder U2s ,Achtung Baby’ – das sind ohne Frage wichtige Gitarren-Platten. The Edge ist einer meiner Lieblingsgitarristen, er hat wirklich einen neuen Sound kreiert – und jeder Song auf diesem Album hat ein großartiges Riff, das ist schon fast so, wie früher bei Led Zeppelin. Jimmy Page war auch immer so ein Garant dafür, dass das richtige Riff in den richtigen Song kam.
Dann besitze ich immer noch einige Allan-Holdsworth-Platten, die ich sehr mag; da gibt es ein Tony-Williams-Lifetime-Album mit Allan Holdsworth, das ist einfach großartig. Dann höre ich mir noch Steve Vais ,Passion And Warfare’ gerne an, auch einige Sachen von Eric Johnson… Und Adrian Legg – er ist absolut brillant, deshalb ist er auch mit uns auf Tour. Er ist unglaublich, das ist schon ein Erlebnis, ihn überhaupt spielen zu sehen …
Wir haben uns während dieser ganzen Tour allerdings kaum Musik angehört, ausser unserer eigenen. Denn im Oktober wird eine Doppel-CD erscheinen. Die eine Hälfte davon bringt Mitschnitte unserer Konzerte und einige unveröffentlichte Songs der ,Extremist’-Sessions, die andere CD wird sehr avantgardistisches Material beinhalten – Musik, die ich zusammen mit Doug Wimbish, Tony Ashley und Simon Phillips aufgenommen habe. Dazu kommt noch älteres Material, einige Solo-Stücke, die ebenfalls von ,The Extremist’ übriggeblieben sind und ein paar Überraschungen. Das ganze wird so eine Art von Retrospektive sein und ,Time Machine’ heißen. Musik aus zehn Jahren, mit vielen verschiedenen Musikern…

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

Interview 1995: Joe Satriani & ,Joe Satriani‘

„Joe Satriani …is a Bluesman now“, diagnostizierte ein kleines südbayerisches Musikmagazin in seiner letzten Ausgabe. Bei aller Liebe für die bajuwarischen Nationalfarben, aber blaue Töne hat dieser weiße Gitarrist schon lange im Repertoire. „Ich habe schon immer den Blues gespielt“, meint Satriani treffend, „ich bin damit aufgewachsen“. Gehen wir also ins Detail und fragen den amerikanischen Meister-Gitarristen nach subtileren Unterschieden zwischen dem alten ,Extremist’ und dem neuen ,Joe Satriani’.

Lothar:
Als ich zuerst nur gerüchteweise etwas über ein neues Satriani-Album hörte, lag da immer das magische Wort „Blues“ in der Luft. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, mir die Aufnahmen anzuhören und fand, dass sich ein allzu großer Stilwechsel nicht bemerkbar macht. Denn diejenigen deiner Kompositionen, die mir bisher besonders gefielen – zuletzt waren das ,Crying’, ,All Alone/Left Alone’ und ,Woodstock Jam’ – hatten ebenfalls ein ausgeprägtes Blues-Feeling oder einen sehr offenen Jazz-Approach. Erste Frage also: Worin liegen deiner Meinung nach die Unterschiede zu deinen zurückliegenden Produktionen?

Joe:
Oh, ich denke es gibt sehr dramatische Unterschiede und das auf sehr vielen Ebenen. Zuerst sind einmal die Kompositionen viel ausgereifter als früher; ich denke, ich bin ein sehr viel besserer Songwriter geworden. Das merkte ich auch daran, weil wir während der Aufnahmen dazu in der Lage waren, ganz relaxed sehr unterschiedliche Versionen meiner Songs einzuspielen – das ohne uns von der eigentlichen Idee der jeweiligen Komposition zu entfernen. Und so etwas zeigt meiner Meinung nach die Stärke eines Songs, wenn er mehrere verschiedene Interpretationen überlebt. Einige Stücke habe ich vier oder fünf Mal aufgenommen, auch mit verschiedenen Rhythmusgruppen; und gerade dann merkt man schon, ob ein Song funktioniert oder ob er stinkt, egal was man auch tut. Es waren natürlich auch einige Stücke dabei, die nicht funktionierten; aber diejenigen, die gut rüberkamen, sind dann auch von Aufnahme zu Aufnahme immer besser geworden, ganz egal, wer sie nun gerade spielte. Und als dann die Band stand, mit Manu Katché (dr), Nathan East (b) und Andy Fairweather (g), bekam die Sache noch einmal einen Schub nach vorne, einfach weil die Songs verschiedenste Interpretationen von jedem der beteiligten Musiker verkrafteten. Das war bei meinen ersten drei Alben nie der Fall. Bei ,The Extremist’ ging ich zwar schon etwas in diese Richtung, aber das war immer noch eine richtige Overdubbing-Affäre, nachdem die Basics standen – da saßen wir dann noch Monate dran.
Diesmal haben wir einen Song pro Tag eingespielt, und 99,9 % davon kamen komplett live aufs Band; ,Down, Down, Down’, ,Killer Bee Bop’, ,S.M.F.’, ,Slow Down Blues’ wurden alle live eingespielt. Und ,Cool #9’ ist ebenfalls zu (Joe grinst) 99,9 % live, die Gitarrenmelodien, die Soli, alles! Bei diesem Song habe ich dann nur noch einige krachende Akkorde und das Piano auf dem linken Kanal ergänzt. Also: Der spontane Ausdruck der beteiligten Musiker, der auch bei ,Time Machine’ etwas zurückgedrängt wurde, konnte diesmal richtig explodieren. Aber wie gesagt: Die Songs sind mir bei diesem Album am wichtigsten; sie sind einfach besser, und die ganze Aufnahme ist eine natürlichere Angelegenheit…
Aber ich verstehe trotzdem, was du meinst, z. B. in Bezug auf ,Crying’. Bei diesem neuen Album sind aber darüber hinaus einige Songs auch in kompositorischer Hinsicht sehr eng an den klassischen amerikanischen Blues angelehnt. ,Slow Down Blues’ kommt von einer Form des Delta-Blues, und es drückt aus, wie sehr ich von Mississippi Fred McDowells Gitarrenstil beeinflusst wurde; ebenso hat ,S.M.F.’ eine strenge I-IV-V-Blues-Struktur, bis auf das Ende. Ebenso ,Down, Down, Down’, wenn dieser Titel auch etwas mehr von einer R&B- oder Rock-Ballade hat. Und solche straighte Blues-Songs, gerade in formaler Hinsicht, habe ich, ausser auf diesem Album, noch nie eingespielt.
,Crying’ hatte, mal abgesehen von dem bluesigen Feeling, doch eher die Form einer Rock-Ballade; und ich denke auch, dass man diese Power-Balladen-Produktionsweise da heraushört. Diesmal kannst du dagegen eine Einladung ins Studio erleben, wenn du deine Anlage aufdrehst und dich vor die Boxen setzt – dann bist du in der Band, mitten im Geschehen, direkt über den Drums. Genau das war es auch, was Glyn Johns erreichen wollte: mich und die Hörer enger zusammenzubringen. Ein wichtiger Schritt dahin war es auch, mich aus dem Kontrollraum rauszuhalten und von den ganzen Produktionsaufgaben – mit denen ich mich immer sehr gerne befasst habe – fernzuhalten. Ich sollte vor meinem Amp stehen und Gitarre spielen. (Joe grinst) Und das war großartig, mit all diesen guten Musikern einfach nur zu spielen. Nur so konnten wir zwölf Songs in zwölf Tagen aufs Band kriegen. Und anschließend ist dann jeder nach Hause geflogen – das war’s! Hahaha!

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(9)

Lothar:
OK, diese lockere Atmosphäre kommt auch in der Musik rüber, das habe ich jedes Mal gemerkt, wenn ich die Aufnahmen jemandem vorspielte: Grinsen plus Kopfnicken war die häufigste Reaktion. Außerdem ist es ein Album, bei dem man als Musiker sofort Lust hat, den Amp neben die HiFi-Anlage zu stellen und mitzuspielen.

Joe:
Genau so soll es ein. Es freut mich jetzt, dass du das sagst, denn es ist wirklich eine gute Jamming-Platte, weil diese coole, relaxte, natürliche Atmosphäre rüberkommt.

Lothar:
Als wir uns zuletzt trafen, hast du bei Deep Purple klassischen Rock gespielt – was kaum jemand erwartete – jetzt konzentrierst du dich auf die Blues-Tradition. Was haben wir als nächstes zu erwarten? Was müssen wir nach Instrumentals, Fusion, Hard Rock und Blues in stilistischer Hinsicht von dir als nächstes erwarten? Produzierst du vielleicht mal ein Jazz-Album, oder…

Joe:
Hahaha! Also ich weiß es wirklich nicht. Über solche Sachen denke ich auch nicht nach, bevor ich nicht ganz am Ende einer Tour zu einem Album angelangt bin – dazu ist es wirklich noch zu früh. Vorher muss ich mich einfach absolut auf die Performance konzentrieren, auf die Shows; und außerdem würden derartige Pläne in meinem Kopf mich von den Jungs in der Band abkapseln.
Allerdings… – Glyn Johns fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mal ein akustisches Solo-Album einzuspielen. Aber ich habe jetzt so viel Zeit damit verbracht, mich mit Blues zu befassen – dazu hatte ich vorher nie die Gelegenheit – und daraus ist dann dieses Album entstanden. Daher werde ich jetzt auch erst einmal bei dieser Sache bleiben. Und außerdem: Ich spiele zwar sehr viel auf der akustischen Gitarre, weiß aber nicht, ob ich jetzt schon soweit bin, dass es Sinn macht, diese Musik auf einem Album zu veröffentlichen. Denn ich möchte dann schon sicher sein, dass ich wirklich etwas ganz Spezielles im Angebot habe.

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Lothar:
Zurück zum Thema „Blues“. Miles Davis hat meiner Meinung nach den progressivsten Blues der 80er Jahre gespielt. Kennst du seine Platten dieser Phase?

Joe:
Nicht sehr gut. Vor ungefähr 6 Jahren habe ich ein Konzert von ihm in Oakland gesehen, er hatte eine große Band, mehrere Keyboarder usw. Was mir an dieser Show am besten gefiel, war allerdings, wenn er Blues spielte, denn das machte er wirklich gut. Mit dem Rest konnte ich damals nicht so viel anfangen, obwohl es eine Menge Musik von ihm gibt, die ich sehr liebe: ,Scetches Of Spain’, ,Birth Of Cool’, ,Bitches Brew’, ,On The Corner’, ,Jack Johnson’ – das waren großartige Alben. Zu diesen Platten habe ich auch gespielt als ich noch jünger war. Ich denke, Miles Davis hatte in den letzten Jahren das Gefühl, im Jazz alles gemacht zu haben – der Jazz war tot für ihn. Leider blieb ihm nicht mehr so viel Zeit, in andere Richtungen zu gehen.

Lothar:
Welche sonstigen Künstler haben dich in letzter Zeit noch beeindruckt?

Joe:
(überlegt lange) Ich hörte mal ein Album von einer Band namens „Sponge“, eine solide neue amerikanische Rock-Band. Hmmh… – ansonsten gefällt mir Mississippi Fred McDowell, hahaha! Weißt du, ich habe mir den ganzen letzten Monat so gut wie überhaupt keine Musik angehört, ich war einfach viel zu sehr mit meinem eigenen Album beschäftigt.

Lothar:
Ich habe das Gefühl, dass es dir jetzt ganz allgemein viel besser geht als z. B. vor ein oder zwei Jahren? Diesen Enthusiasmus und diese Energie hattest du damals nicht so extrem, wenn du über deine Musik sprachst.

Joe:
Ja, klar! Jedes Mal, wenn man die Arbeit an einer Platte beendet hat, fühlt man sich noch besser als vorher. Hahaha! Ich bin froh, dass alles so gut lief und sich die Arbeit so positiv ausgewirkt hat.

Lothar:
Bei der Deep-Purple-Tour warst du ebenfalls ein Energie-Paket auf der Bühne. Bestehen Pläne für eine weitere Zusammenarbeit?

Joe:
Klar, mit diesen Leuten würde ich jederzeit wieder zusammenarbeiten. Sie sind einfach die Größten, und ich bin sehr glücklich, mit ihnen gespielt zu haben. Deep Purple ist für mich eine der größten Bands überhaupt, und außerdem ist das der tollste Haufen guter Typen, der je in einer Band zusammen war. (Satriani lacht) Es macht so viel Spaß mit ihnen zu spielen, sie haben mich sehr beeindruckt. Jetzt ist Steve Morse in der Band, und wie Roger Glover mir erzählte, läuft die Sache sehr gut. Leider habe ich noch keine Aufnahmen von ihnen gehört. Weißt du, diese Band hat so viele gute Songs geschrieben, das ist unglaublich! Und indem sie mir kräftig in den Hintern traten, haben sie mich ein gutes Stück weiter nach vorne gebracht. Nachdem ich diese Tour mit ihnen gespielt hatte, war ich ein besserer Gitarrist als vorher…

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

Interview 1997: Joe Satriani & G3

Auf der A3 ist Stau, auf dem K3 ist es ruhiger, aber da ist die Luft auch dünner, die B3 ist der Schrecken des Keyboard-Roadies, R4 ein Schock für Auto-Ästheten, G7 ist Dominante und Gipfeltreffen und R6, R3 und auch R1 gibt’s im Automaten. Ja, und? Auch G3 hat was mit Spaß zu tun: Hinter dem Kürzel verbergen sich das Gitarristen-Trio Steve Vai, Eric Johnson und Joe Satriani sowie Bassist Stu Hamm und Drummer Jeff Campitelli.
Die Band war im vergangenen Jahr in den USA auf Tour, bei dieser Gelegenheit wurde ein Live-Album mitgeschnitten, das man ohne Frage als musikalischen Kick wie auch als pädagogisch wertvoll bezeichnen kann. Denn wann hat man schon mal drei stilbildende Gitarristen so nahe beisammen, und dabei auch noch so ordentlich kanalgetrennt? Eric Johnson links, Steve Vai rechts und der Satriani Josef in der Mitte des Stereo-Spektrums, da weiß man also immer genau, wer was wann wo und wie angestellt hat. Aber mal ernsthaft: ,G3 Live In Concert’ vermittelt tatsächlich echte Gig-Atmosphäre. Zuerst sind die drei Stars jeweils mit eigenem Material zu hören, danach folgt die Jam-Abteilung mit allen Dreien plus Begleiter.
Das Album beginnt mit drei Stücken von Joe Satriani: ,Cool #9’, ,Flying In A Blue Dream’ und ,Summer Song’ – hierzu später mehr. Es folgt der Auftritt von Eric Johnson (mit ,Zap’, ,Manhattan’ und ,Camel’s Night’), der an dieser Stelle noch sensibler und graziler wirkt; während Satriani richtig abrockt, erinnert Johnson, wenn er mit verzerrtem Ton spielt, immer eher an den Fusion-Geiger Jean-Luc Ponty, als an irgendeinen anderen Gitarristen dieses Planeten.
Und dann folgt Meister Vai, ebenfalls mit drei Nummern: ,Answers’, ,For The Love Of God’ und ,The Attitude Song’ – ein ziemlich virtuoser wie hektischer Auftritt. Es kommt was kommen musste: die gemeinsame Gitarren-Orgie. Obwohl bei solchen Monstertreffen oft zu Recht befürchtet wird, dass die Musik für Licks & Tricks geopfert wird, kann man hier eine Menge Kreativität & Disziplin erleben. Die drei Instrumentalisten gehen sehr amerikansich an die Sache ran, ihr gemeinsamer Auftritt ist der perfekte Höhepunkt einer durchdachten Show. Angefangen mit dem Don-Nix-Klassiker ,Going Down’ (mit Satriani als Sänger), anspruchsvoll fortgeführt mit ,My Guitar Wants To Kill Your Mama’ (hier singen Steve Vai und Gast Mike Keneally) und anachronistisch abgefeiert mit „Eric Johnson sings ,Red House’“ gelingt dem Trio ein Spannungsbogen zwischen Substanz und Entertainment. Das liegt nicht zuletzt an den beiden hervorragenden Begleitern, die zu Höchstleistungen angetrieben wurden; Stu Hamm und Jeff Capitelli erzeugen ein absolut dichtes Fundament, das aber immer lebendig und flexibel wirkt, und das gerade Satriani gewaltig inspiriert hat. So souverän war er selten zu hören.
Ebenso locker lief er auf der Frankfurter Musikmesse herum, ungestresst signierte er hunderte Autogrammkarten am Stand seines Werbepartners Ibanez, ließ sich alle zwanzig Sekunden fotografieren, und lächelte. Macht Erfolg relaxed? Bei Satriani könnte das der Fall sein: Mehr als 7 Millionen verkaufte Platten, sechs Grammy-Nominierungen, zuletzt für ,(You’re) My World’ in der Rubrik „Rock Instrumental Performance“ – da muss man sich keine Gedanken mehr machen, wenn man bei Aldi in der Schlange steht. Da Erfolg aber bekanntlich nicht von alleine kommt, und beim Nasebohren auch noch niemand Öl gefunden hat, wird sich Joe seine akzeptable Biografie wohl hart erarbeitet haben. Erste Frage an den Experten:

Lothar:
Joe, bitte ein paar Insider-Musiktipps: Welche Gitarristen haben dich zuletzt beeindruckt?

Joe:
Andy Timmons! Er ist ein großartiger Gitarrist, zur Zeit spielt er mit Simon Phillips. Und Charlie Hunter, er gehört zu den ganz großartigen Gitarristen; außerdem ist er ein ziemlich intelligenter Mensch. Ich kenne ihn schon sehr sehr lange. Seine Mutter ist Instrumentenbauerin, und sie hat früher immer meine Gitarren repariert. Ich habe Charlie neulich mal wieder getroffen; wir haben übrigens beide eine Nummer zu einer Pat-Martino-Tribute-Platte beigesteuert. ZZ Top mag ich auch sehr, ganz besonders ihr neues Album ,Rhythmeen’. Hör dir mal die Nr. 10 an, ,Loaded’, da klingt seine Gitarre so nach alten, kaputten Kabeln. Tolle Idee!

Lothar:
Als wir uns das vorletzte Mal trafen, hast du bei Deep Purple gespielt. Was hältst du von ihrem Album mit Steve Morse?

Joe:
Ich habe mir das Album angehört, direkt als es rauskam. Und ich fand es wirklich nicht schlecht. Leider konnte ich sie bisher nicht live sehen, wir waren immer gleichzeitig auf Tour. Ich war zuletzt dreizehn Monate unterwegs, und als Deep Purple dann um Weihnachten bei mir in der Gegend spielten, da hatte ich einfach die Nase voll von Live-Musik. (Joe lacht) Also bin ich zu Hause geblieben. Hast du sie gesehen?

Lothar:
Leider nicht. Aber die Rechnung soll mit Steve Morse genauso aufgegangen sein, wie 1994 mit dir – und damit hatte ich auch damals nicht gerechnet. Deep Purple ist wohl einfach eine gute Band…

Joe:
Sie sind eine großartige Band, das kann ich dir sagen! Und sie brauchen eigentlich noch nicht mal einen Gitarristen, um so gut zu klingen. Ritchie Blackmore müsste einer der glücklichsten Gitarristen der Welt gewesen sein, weil er diese Band hatte. Sie haben uns sehr viel gute Musik gegeben und diese Rock-Welt um einiges bereichert. Solche Leute haben es verdient, das zu tun, was sie tun wollen.

Lothar:
Du machst hoffentlich genau das jetzt mit G3. Werdet ihr auch in Europa live spielen?

Joe:
Klar, im Mai/Juni werden wir hier sein, allerdings nur Steve Vai und ich. Eric kann nicht mitkommen… (Statt Eric Johnson war dann Adrian Legg mit dabei.)

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Lothar:
Als ich mir das G3-Album anhörte, dachte ich bei den ersten Gitarrentönen, sie kämen von Steve Vai – es klang mal wieder etwas Lifetime/Mahavishnu-inspiriert, also nach John McLaughlin. Allerdings war das dein Intro zu ,Cool #9’… – bestehen da irgendwelche Verbindungen?

Joe:
Ich liebe diese Musik, ich bin damit aufgewachsen und habe diese Sachen auch selbst gespielt. ,Birds Of Fire’ und ,The Inner Mounting Flame’ vom Mahavishnu Orchestra und ,Believe It’ von Tony Williams Lifetime haben mich sehr fasziniert – diese Platten waren sehr wichtig für meine musikalische Weiterentwicklung. Vorher hörte ich nur Hendrix, Led Zeppelin, Beatles und Stones, oder Jethro Tull und dieses Zeug. Aber Leute wie Tony Williams, auch zusammen mit Allan Holdsworth, und McLaughlin haben meinen Horizont sehr erweitert. Ich höre mir diese Platten immer noch an und finde sie nach wie vor sehr beeindruckend. Genau wie ,Love Devotion Surrender’ von McLaughlin (und Carlos Santana).

Lothar:
Auf der anderen Seite stehen dem G3-Interpretationen gegenüber wie ,Going Down’ oder Hendrix’ Vorzeige-Blues ,Red House’. Was bedeutet diese Nummer für dich? Nur ein Blues-Jam oder eine Widmung?

Joe:
Ich habe ja auch viel unterrichtet, und wollte dabei immer vermitteln, dass der Blues schon ein ganzes Jahrhundert lang unsere Musikkultur prägt. Meine wahren Blues-Wurzeln liegen allerdings bei Jimi Hendrix und seiner Version von ,Red House’, der Version auf dem ,Smash Hits’-Album.

Lothar:
Und was hältst du von der ultralangsamen ,Red House’-Version auf ,Live At Winterland’?

Joe:
Die ist OK, aber die Originalversion ist lyrischer, der Groove ist besser und sie klingt einfach fantastisch. Die meisten Blues-Aufnahmen sind doch grauenhaft, oder etwa nicht? Dieser Song hat für mich etwas ganz Spezielles. Und es ist auch eine schwierige Sache, eine Nummer, die man so liebt, nachzuspielen; ich will ja nicht einfach nur kopieren. Das ist mit G3 natürlich einfacher, denn zusammen mit Eric und Steve trage ich ja nicht die Last eines solchen Songs alleine, da gibt jeder seinen Teil dazu. Wenn ich ,Red House’ mal alleine gespielt habe, dann war da immer Jimis Version in meinem Kopf – ich habe sie immer gehört.

Lothar:
Was Hendrix vor 30 Jahren mit dem Blues angestellt hat, ist immer noch Avantgarde…

Joe:
Hendrix war so… – wow! Wenn du dir Stevie Ray Vaughan anhörst, und ich bin ein großer Fan von ihm, dann war Hendrix im Vergleich zu ihm ein absolut vielseitiger, weiter, offener Künstler, ein Musiker mit so vielen Einflüssen. Andere schaffen diese oder überhaupt keine Bandbreite nicht mal über 20 Alben, und er hat das alles in vier Jahren erreicht! Auf drei Studio-Alben und einer Live-Platte hat er uns so enorm viel an Musik gegeben, als Gitarrist, Sänger, Songwriter. Für mich ist er immer noch eine ständige Inspirationsquelle.

Lothar:
Bei anderen Gitarristen hört man das deutlicher…

Joe:
Viele Gitarristen befassen sich aber einfach nur mit ein paar Platten eines Künstlers, und sie kommen so gar nicht an die Feinheiten ran, die den Stil ausmachen; dafür haben sie keine Zeit, sie picken sich nur die kleinen Goldklumpen heraus. Stevie Ray Vaughan und Robin Trower haben das eigentlich auch gemacht, aber sie konnten seine Musik mit einem sehr ausgeprägten eigenen Stil verbinden. Ich kann und will nicht beurteilen, was in dieser Hinsicht gut oder schlecht ist.
Kenny Wayne Shepherd ist z. B. ein toller Musiker, und was ihn von anderen Blues-Leuten unterscheidet, ist, dass er wirklich jeden Abend etwas Neues macht. Er steht in Kontakt mit dem Publikum, er öffnet sich dem Publikum, und das ist der Beweis, dass er die Sache verstanden hat. Es geht nicht darum, nur mal hier und da ein gutes Solo zu spielen oder ein paar brauchbare Songs auf ein Album zu bringen. Kenny Wayne öffnet sich, genau wie Steve Vai oder Stevie Ray Vaughan, und das ist was anderes. Er ist schon jetzt einer der ganz Großen, nicht nur unter den jungen Gitarristen. Und gerade in der Altersgruppe von 12 bis 20 gibt es eine Unmenge an guten Leuten, die wir noch erleben werden.

Lothar:
Kommen wir von Hendrix zum Thema „Trio“: Was du in den ersten drei Songs zusammen mit Stu Hamm und Jeff Campitelli anstellst, geht über die konventionelle Gitarren-Trio-Funktionalität hinaus. Da geht der Bass gelegentlich in die Gitarren-Lagen, die Gitarre spielt mal Bläser-Linien, mal das harte Brett und der Drummer agiert zwischen Groove und Sound. Abgesehen davon, dass sich hier Einflüsse wie Hendrix, Lifetime und Jazz-Rock zeigen, ist diese abgespeckte Besetzung für deine Musik ein interessanter Schritt nach vorne.

Joe:
Ich hoffe, dass ich diese Sache noch weiter ausarbeiten und erforschen kann. In einem Monat werde ich mit der Arbeit an einem neuen Solo-Album beginnen, und da werden Stu und Jeff dabei sein. Ich möchte, dass Stu Hamms Talent auf meinen Solo-Alben stärker rauskommt; und zusammen mit Jeff, das ist einfach eine absolut tighte Rhythm-Section.

Lothar:
Die beiden haben deinen musikalischen Ansatz sehr verändert. Du wirkst lockerer.

Joe:
Es hat sich sehr viel verändert. Wir waren ein Jahr lang auf Tour, in Quartett-Besetzung, und Jeff spielte dabei Gitarre und Keyboards, Jonathan Mover war der Drummer und Stu Hamm war am Bass. Wir versuchten damals eigentlich immer mehr oder weniger das zu spielen, was auch auf den Alben zu hören war. Als dann die G3-Tour anstand, probierten wir einige Drummer aus; Jeff wollte damals immer noch lieber Gitarre und Keyboards spielen, nur bei einigen Nummern war er der zweite Drummer. Als wir dann auf irgendeinen Schlagzeuger warteten, setzte sich Jeff an sein Drum-Set, und wir jammten ein bißchen rum. Ja, und irgendwann sahen wir uns alle an, und es war klar: Es gab eine Zukunft für uns – als Trio! Ich habe dann gemeint: „Jetzt gehen wir erst mal essen, und nachher spielen wir ein paar Songs, die wir alle von der letzten Tour her kennen. Und wir werden sie total abgefahren spielen; wir müssen dabei alles vergessen, was wir vorher auf der Tour gemacht haben.“ Zuerst war es sehr schwierig, weil wir so auf die Viererbesetzung fixiert waren – mit Stu habe ich jahrelang live gespielt, Jeff kenne ich auch schon ewig aus dem Studio. Unser erster Versuch war dann ,Cool #9’, und nachdem wir den Song durchgespielt hatten – verrückt, schräg, anders als vorher – wussten wir: Das könnte eine Band sein!
Dem Drummer, auf den wir eigentlich gewartet hatten, haben wir dann abgesagt. Hahaha! Und diese neue Version von ,Cool #9’, auf dem G3-Album, finde ich mit Abstand die beste.

Lothar:
Da ist jetzt mehr Raum und Luft zwischen den Instrumenten, und trotzdem klingt es dichter und intensiver.

Joe:
Genau. Und ist das nicht verrückt? Dazu muss ich auch sagen, dass ich sehr glücklich mit Mike Frazer bin, der die Sachen live aufgenommen hat; er wird auch mein nächstes Album produzieren. Weißt du, immer wenn man live aufnimmt, spielt man nie so gut wie kurz vorher, als noch kein Band lief, hahaha! Wir haben alle dieses Rote-Lampen-Fieber…

Lothar:
Ist das immer noch eine Stress-Situation für dich?

Joe:
Ich glaube schon; das betrifft jeden. In der wichtigen Nacht bist du nicht so gut wie bei der Show, wo du nicht drüber nachdenken musstest. Selbst wenn du der absolut relaxte Profi bist, hast du Angst davor, dass Leute erwarten: „Das muss jetzt der definitive Joe Satriani sein!“ Du selbst denkst natürlich, es ist einfach nur eine Nacht, nach dreizehn Monaten auf Tour, in der diese Bandmaschine läuft…
Glyn Johns (der Produzent des ‘95er Satriani-Albums) sagte mir einmal: „Denke nie darüber nach, was andere Leute darüber denken, wenn du etwas gemacht hast.“ Heute magst du es und sie mögen es nicht, dann magst du es auch nicht mehr, aber sie wollen es plötzlich hören – das ist nur verwirrend.

Lothar:
Ein bekannter deutscher Gitarrist hat mir mal gesagt, dass er oft schon an die bösen Kritiken aus der einen Ecke denkt, wenn er Musik für die andere Sparte schreibt. „Iiiih, das ist Fusion!“, „Schnarch, das ist ja Jazz…“ oder „Aha, jetzt versucht er es mal mit Popmusik.“

Joe:
Genau das ist so eine Sache; aber das ist nur die Angst der Leute, die auch Erfolg haben. Denn wenn dich niemand kennt, wird dich auch niemand kritisieren, und deine vielleicht obskuren Ideen sind dann Ausdruck von Freiheit. Aber wenn Michael Jackson eine neue Platte macht, dann steht die ganze Welt am Fenster, und die Kritiken bestimmen den Rest. Gute oder schlechte Besprechungen können über die Zukunft von Kunst entscheiden; bei Plattenproduktionen vielleicht weniger verheerend als bei Musicals oder Theater-Inszenierungen …

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

Interview 1998: Joe Satriani & ,Crystal Planet‘

Joe Satriani, der bekannte wie beliebte Instrumental-Virtuose hat auch 1998 wieder ein neues Album veröffentlicht. ,Crystal Planet’ transportiert wie gewohnt Joes bekannte High-End-Gitarrenarbeit, das in eingängigen und teilweise anspruchsvollen Kompositionen, in denen Joe eine kleine Weltreise durch die Stile der westlichen Pop-Welt unternimmt – Rock, Blues, Folk, Fusion – und dabei hier und da auch Einflüsse anderer Ethnien verarbeitet. Mit dabei waren die bewährten Begleiter Stuart Hamm (b) und Jeff Campitelli (dr), produziert hat Mike Fraser, der zuletzt im Rahmen des G3-Albums mit Joe zu tun hatte. Und: hinter all dem steht natürlich auch noch ein Konzept… – es gab also eine Menge zu erzählen.

Lothar:
Das Trio mit Jeff Campitelli und Stu Hamm hat sich etabliert in deiner Biografie…

Joe:
Ja, wir werden immer tighter im Zusammenspiel. Es gibt sicherlich verschiedene Möglichkeiten, wie man gut zusammenspielen kann; bei meinem neuen Album ist jedoch dieses Trio, live im Studio, das Herz der Musik. Und es macht immer mehr Spaß, denn wir haben die gleiche Vision von dem, was wir tun wollen.

Lothar:
Alle Basics wurden also live eingespielt?

Joe:
Ja. Wir können uns darauf konzentrieren, denn alles stimmte: Wir hatten einen großartigen Raum, in dem wir spielte, sehr gute Bandmaschinen und die Möglichkeiten des Hard-Disc-Recording – und so konnten wir jeden Song exakt so aufnehmen wie wir wollten; und wir hatten die Möglichkeit, die Sachen nachher am Computer zu bearbeiten. Das brachte sehr viel Kreativität in die Sessions, und die hast du nicht unbedingt, wenn du eine Nummer sechzigmal wiederholst, bis das Arrangement richtig rüberkommt.

Lothar:
Wie lange dauerten die Arbeiten am Album insgesamt?

Joe:
Sechs Wochen haben wir aufgenommen, dann waren wir mit dem G3-Projekt auf Tour in Europa, anschließend im Sommer haben wir gemixt, gingen dann wieder auf Tour in den USA und Canada, und danach wurde gemastered.

Lothar:
Diesmal liegt der Musik ein Konzept zu Grunde…

Joe:
Einige Konzepte sogar. Es ist eine fette, rockende Platte, und ich wollte keine düstere Filmmusik darauf haben. Die Musik sollte auch mal im Trio funktionieren und keine große Live-Besetzung erzwingen. Andererseits ist die Produktion so angelegt, dass man schon eine Menge verschiedener Stimmen hört. Die Gitarren sollten eine Menge elektronischer Sounds und Effekte haben, das unterscheidet dieses vom vorherigen Album. Es sollte auch nicht nach einem bestimmten Raum klingen, ich wollte vielmehr jeweils die räumliche und musikalische Situation kreieren, die der jeweilige Song gerade erforderte – und jeder Song klingt anders.
Außerdem gehen die Songs der Reihe nach durch verwandte oder aufsteigende Tonarten: ,Up In The Sky’ beginnt mit E, ,House Full Of Bullets’ ist in F#, die nächsten beiden stehen wieder in E, dann kommt ein Song in A, und so geht es auch weiter…

Lothar:
In diesem tonalen Umfeld kann man eine Menge mit offenen Akkorden machen.

Joe:
Stimmt. Aber ich habe diese harmonische Verwandtschaft dazu genutzt, um das Gefühl zu erzeugen, innerhalb eines Systems (also einer Tonart), von einer Stufe zur nächsten zu gehen, also immer wieder eine Stufe aufzusteigen. Das allerdings nicht innerhalb eines Songs, sondern von einem Song zum nächsten, durch das Album gehend.

Lothar:
Sind einige dieser Songs auf einer akustischen Gitarre entstanden?

Joe:
Der einzige Song, bei dem eine akustische Gitarre eine Rolle spielte, ist ,Love Thing’ – obwohl das Stück eigentlich auch auf einer E-Gitarre entstanden ist. Ich bekam die Harmonien mit Standardstimmung einfach nicht so hin, wie ich das wollte, daher versuchte ich es dann auf einer Akustischen mit einer offenen E-Stimmung – das funktionierte. Dann hat Buzzy Feiten mir dabei geholfen, das Tuning leicht zu verändern, etwas weg von der temperierten Stimmung. Die Dur-Terz klingt nicht so scharf wie bei einem Klavier, etwas tiefer und weicher. In diesem Stück spielen drei akustische Gitarren den Rhythmus-Part, mit vielen offenen Saiten und weit oben gegriffenen Chords. Und das ist, wie du weißt, nicht so einfach, wenn die Stimmung stimmen soll.

Lothar:
In ,Tundrumbalind’ startest du mit einer sehr an Hendrix und ,3rd Stone From The Sun’ erinnernden Atmosphäre, gegen Ende mutiert das Stück dann zu einer Mahavishnu-Nummer, ganz im Stil von ,Apocalypse’, diesem orchestralen Album aus den frühen 70ern.

Joe:
Es ist schon lange her, dass ich diese Platte gehört habe; aber ich habe diese Sachen mal live erlebt, daran erinnere ich mich. Ja, es klingt wild, und es hat Spaß gemacht, das aufzunehmen. Ich mag diesen Raum, den der Song hat. Klar, das Ende ist sehr Mahavishnu.

Lothar:
Und diese Hendrix-Stimmung am Anfang?

Joe:
Das klingt vielleicht nach Hendrix, weil ich mit dem Deja-Vibe spielte, das ist der (Univibe-)Effekt, den er vor langer Zeit populär machte.

Lothar:
Hast du nicht mal wieder Lust in einem Rock-’n’-Roll-Kontext zu spielen, in einer Band mit Sänger?

Joe:
Wenn mir was angeboten wird, dass nach Spaß aussieht – und mehr Spaß bringen kann, als das, was ich jetzt mache – warum nicht. Aber ich habe im Moment schon eine Menge Spaß.

Lothar:
Keine Lust auf eine Joe-Satriani-Band mit Sänger?

Joe:
Mmh, ich denke seit 1993 darüber nach, hatte aber durchgehend sehr viel zu tun. Es ist mir einfach klar geworden, dass ich keine Zeit habe, eine weitere Band aufzubauen und eine Platte zu machen. Ich habe schon so wirklich viel zu viel zu tun, und ich würde das nicht aufgeben.

Lothar:
Welche Platten kannst du generell jungen Gitarristen empfehlen?

Joe:
Jede Jimi-Hendrix-Platte, bzw. seine ersten vier, die autorisierten: ,Are You Experienced’, ,Axis: Bold As Love’, ,Electric Ladyland’ und ,Band Of Gypsys’ haben einfach das Gitarrenspiel für dieses Jahrhundert definiert.

Lothar:
Du hattest in deiner Anfangszeit mal Unterricht bei dem Gitarristen Billy Bauer und dem Pianisten und Theoretiker Lenny Tristano – beide waren wichtige Musiker für die Entwicklung zum freien Jazz hin. Hat diese Ausbildung heute noch Auswirkungen auf dein Spiel?

Joe:
Was Lenny Tristano angeht, auf jeden Fall – Billy Bauer weniger. Von ihm lernte ich einige Fingerübungen zu Dur- und Moll-Tonleitern, das lief über zwei Wochen oder so. Lenny Tristano hatte dagegen mehr konzeptuellen Einfluss auf mich. Einer seiner Grundsätze war immer: Spiele nur das, was du spielen willst! Ich habe darüber nachgedacht, und es ist wirklich eine schwierige Aufgabe, eine Herausforderung. Spiele niemals was anderes! Spiele alles, was du spielen kannst, in allen möglichen Tonarten!
Lenny glaubte auch daran, dass man persönliche Eigenarten und stilistische Vorgaben zuerst mal aus seinem Spiel verbannen sollte. Er wollte wirkliche Improvisation und lehnte alles ab, das irgendwie automatisch oder vorhersehbar gespielt wurde. Wenn er zweimal das gleiche Vibrato, die gleiche Phrasierung hörte, war er nicht zufrieden: „Du bist wie ein trainierter Affe. Du improvisierst nicht wirklich!“ Sein musikalischer Stil erforderte eine enorme Disziplin in der Konsequenz. Und er wäre das Ende des Rock ‘n’ Roll.

Lothar:
Aber er war der Anfang der Freiheit im Jazz.

Joe:
Seine Lektionen waren so umfassend angelegt, da hast du ein Leben lang Material, um damit zu arbeiten, um darüber nachzudenken.

Lothar:
Solche Dinge sind eben die wirklichen Basics.

Joe:
Das sind sie. Du kannst Skalen und Fingersätze lernen, und das ist gut, weil jeder auf der Welt sie spielt und versteht – das sind Werkzeuge. Die Dinge, die dir helfen, Fragen zu beantworten – Warum mache ich das, was ich hier mache? Was würde ich gerne als nächstes machen? – kannst du alle auf die Maxime zurückführen: Spiele nur das, was du spielen willst! Das musst du dich jeden Morgen fragen, wenn du aufstehst. (Joe grinst) Das ist Jazz-Zen! Oder nicht? Darum geht es doch, wenn man ein guter Musiker sein will!

Lothar:
Darum geht es auch, wenn man ein guter Mensch sein will.

Joe:
Yes!

Interview Classics: Joe Satriani 1993 1995 1997 1998

© Mido Fayad

Joes Equipment 1998

In puncto Technik ist Joe Satriani ein unkomplizierter Mensch: „Ich habe immer versucht, mein Live-Equipment so einfach wie möglich zu halten. Und im Studio verwende ich eigentlich noch weniger Zubehör, ich setze da eher auf verschiedene Amps.“
Folgende Instrumente hat Joe für die Aufnahmen von ,Cystal Planet’ eingesetzt: Die Ibanez Chrom-Gitarren aus der JS-Signature-Serie sind weiterhin seine Hauptinstrumente, dazu kamen einige sehr alte Martin-Acoustics mit Sunrise Pickups, eine Fender Stratocaster, eine Fender Esquire und eine Gibson Les Paul Junior (alle von 1958). Gelegentlich spielt Joe nach eigenen Angaben auch gerne alte Gibson-ES-Jazz-Gitarren.

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Folgende Verstärker waren im Einsatz: Marshall-60/100-Amps, vintage Marshall-Amps von 1969 (50- & 100-Watt-Tops), Peavey-5150-Tops, ein kanadischer Wizzard-Amp und der berühmte kleine Wells-Combo (in Kombination mit einer 1969er 4x 12“-Marshall-Box). Der war schon wichtigstes Arbeitsgerät bei Joes 1995er Album; der Amp wurde von dem New Yorker Techniker Matt Wells gebaut und ist seit ein paar Jahren in besseren Gitarristenkreisen häufig zu finden. Keith Richards’ Roadie Pierre, der früher auch für Satriani arbeitete, hat diesen Amp „entdeckt“; das letzte Stones-Album ,Voodoo Lounge’ wurde fast komplett damit eingespielt.
Zu diesen Setups kamen in den vergangenen Jahren immer wieder ein paar Effektgeräte: ein „altes rotes“ Whammy-Pedal von DigiTech, ein Octaver, sowie einige weitere Effekte des kalifornischen Herstellers „Fulltone“, ein Dunlop-Univibe-Pedal, ein Electric-Mistress-Flanger von Electro Harmonix, ein Cry Baby sowie verschiedene weitere WahWah-Pedale und ein altes Echoplex-Bandecho und eine DigiTech-Ultra-Harmony-Machine.

Und hier zum Abschluss noch mein absolutes Satriani-Lieblingsstück, ,If I Could Fly‘. Thank you, Joe!

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Forum
  1. Profilbild
    D-Joe

    Toller Artikel DANKE!!!

    Toller Gitarrist!!!

    Durch einen Schulkollegen wurde ich vor ca. 25 Jahren auf dieses Album von G3 aufmerksam gemacht.

    Die friday night sessions begleiten mich bis heute!!!

    Absolute Empfehlung!!!

  2. Profilbild
    GoHome

    Vielen Dank für die Zusammenstellung der Interviews, die Du im Lauf der Jahre mit ihm geführt hast. Sehr interessant. Auch das, was er 1993 über seine Herangehensweise als Gitarrenlehrer erzählte.

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