Test: LTD MH 1001, E-Gitarre

18. August 2020

Powerstrat 2.0

Ob Steve Vai als Erfinder der Powerstrat durchgeht, mag von dem einen oder anderen bezweifelt werden, Fakt ist jedoch, dass sein Einsatz mit Stemmeisen und Lötkolben, was später in einer intensiven Zusammenarbeit mit Ibanez mündete, vor knapp 40 Jahren eine spezielle Gitarrenspezies hervorbrachte, die als eine Art „Strat auf Steroiden“ gesehen werden kann und die bis zum heutigen Tag eine sehr erfolgreiche Untergruppe im E-Gitarren Sektor darstellt. Neben den klassischen großen Namen der Achtziger, wie zum Beispiel Jackson, Charvel, Kramer, Schecter, Ibanez und viele mehr, hat auch die japanische Firma ESP seiner Zeit ihre Duftmarke hinterlassen und bietet mit ihrer Tochterfirma LTD die LTD MH 1001 eine klassische Powerstrat feil.

ESP oder LTD?

Ob es nun um Fender und Squier, Gibson und Epiphone oder wie in diesem Fall ESP und LTD handelt, das Prinzip ist immer gleich. Ein potenter und angesehener Konzern, meist in einem Hochlohnland angesiedelt, entwickelt/kauft ein Tochterunternehmen, das in einem Niedriglohnland fertigt, aber möglichst viel Marketing vom großen Namen abbekommen soll. Die preiswerte Marke muss gut sein, darf aber auch wie zum Beispiel bei VW/Seat nicht die gleiche Ausstattung wie der große Name haben, sonst würde sich ja der Mehrpreis nicht rechtfertigen lassen. Die Kunst der Vermarktung liegt also immer darin, einen hauchdünnen Strich zwischen die beiden Marken hinzubekommen, aber dennoch eine direkte Verflechtung nach außen hin darzustellen.

Das gestaltet sich zuweilen recht schwierig, zumal ESP und LTD in der Produktbezeichnung nicht einmal in der Namensbezeichnung eine saubere Trennung hinbekommen. Mal heißt es „ESP/LTD“, mal „LTD by ESP“, mal „LTD, designed by ESP“. Natürlich ist das zuweilen krampfhafte Erwähnen des Mutterkonzerns Marketing-technisch durchaus zu verstehen, wenn, ja wenn die LTD Instrumente dies nötig hätten, wobei wir bei dem eigentlichen Knackpunkt angekommen sind. Die durchschnittliche Fertigungsqualität der LTD Instrumente hat in der letzten Zeit dermaßen angezogen, dass ESP mit „Made in Japan“ schon alle Register ziehen muss, um von der Qualität und der Ausstattung noch mal bei „Made in Indonesia“ einen oben draufzusetzen. Aber alles schön der Reihe nach.

LTD MH 1001 Test

LTD MH 1001 – Front

Die Konstruktion der LTD MH 1001

Streng genommen haben wir es bei der LTD MH 1001 mit einer Powerstrat der zweiten Generation zu tun. Viele klassische Powerstrat Komponenten sind geblieben, einige wenige hingegen wurden weggenommen bzw. anders konzipiert. Fangen wir doch zunächst einmal mit verbliebenen Komponenten an. Als erstes ist natürlich die genialste Korpusform ever (entwerft einmal eine Mainstream-Korpusform, die nichts von einer Strat hat …) vorhanden, die sich in Sachen Grundform und Shaping am großen Klassiker orientiert. Allerdings auch nur in der Formgebung, denn bereits hier setzt LTD in Sachen Konstruktion einen oben drauf. Das Grundkonzept ist ein durchgehender Ahornhals, der mit Seitenteilen aus Mahagoni aufgefüllt wird und aus optischen Gründen mit einer dünnen Riegelahorndecke überzogen ist. Diese hat die Farbgebung „See Thru Black“ und passt sich den sonst deckend schwarz lackierten Bereichen sehr schön an.

Das Instrument bietet die lange Mensur von 648 mm, hat 24 Jumbo-Bünde und besitzt ein eingefasstes Griffbrett aus Ebenholz. Der Radius des Halses wird mit 350 mm, die Sattelbreite mit 42 mm angegeben. Als Griffbrettmarkierungen gibt es kleine Dot-Inlays an der Seite des Griffbretts, wie auch bei der Aufsicht auf das Griffbrett. Überhaupt wurden einige Features verbaut, die den klassischen Powerstrat Haudegen in eine etwas „edlere“ Variante hinüberführen. Neben der Riegelahorndecke ist das Instrument komplett mit einem bis zu siebenfachem Binding versehen, das deutlich weniger „plasikeresk“ wirkt als einige seiner Konkurrenten. Der Fairness halber muss man allerdings auch erwähnen, dass sich die LTD MH 1001 mit einem Ladenpreis von 975 Euro in einem höheren Preissegment befindet, als man allgemein hin von indonesischer Fertigung gewohnt ist.

Im Gegenzug bekommt man allerdings auch einiges geboten, wie zum Beispiel Locking-Mechaniken aus hauseigener Fertigung und ein Set aus 2 aktiven EMG Pickups (81 Steg/85 Hals), die aus der BBC-Reihe stammen und jeweils eine gebürstete Chromkappe besitzen. Geschaltet werden beide Pickups über einen Dreiwegeschalter, Singlecoil-Optionen werden nicht angeboten. Les Paul rules! Die gesamte Hardware ist übrigens schwarz vernickelt und passt sehr gut zu den Pickup-Kappen, auch sehr hübsch. Aber war da nicht noch etwas, was eigentlich jede Powerstrat unbedingt ihr Eigen nennen muss? Richtig, ein Vibratosystem! Dieses sucht man bei der LTD MH 1001 vergebens, statt dessen setzen die Indonesier mit einem Tonepros Locking TOM Steg und Saiten, die durch den Korpus geführt werden in Kombination mit dem durchgehenden Hals, auf eine maximale Sustain-Entwicklung. Nicht ganz neu, das Konzept, aber immer wieder eine erfrischende Variante zur x-ten Floyd Rose Ausstattung.

LTD MH 1001 Test

LTD MH 1001 – Rückseite

Die LTD MH 1001 in der Praxis

Einmal mehr greift das ganz einfache Prinzip „What you see is what you get“. Wohl kaum jemand, der bei dem Erscheinungsbild und den Specs dieses Instrumentes einen Twang-lastigen Country- oder aber einen weichen 335er Jazz-Sound erwartet hätte. Auch wenn die Formgebung einer Powerstrat nach wie vor für einen Außenstehenden sehr moderat wirkt, dieses Instrument ist für die härtere Gangart konzipiert, allerdings weniger in der „Whammy as Whammy can“-Attitüde, sondern mehr in dem klassischen LP mit starkem Fingervibrato Style. Nichts gegen die Steva Vai „How to use a Whammy bar in electric-guitar“-Spieltechnik, aber bei diesem Instrument gibt es nichts, wohinter man sich verstecken kann.

Die Soundfiles wurden mit einer Engl Savage II, Marshall Cabinet 412, Celestion G75T,2x SM57 Kombination erstellt, welche die Stärken – und sofern man es so nennen will – die Schwächen des Instruments unmittelbar zu Tage förderten. Wie nahezu alle Instrumente, die mit der sehr beliebten EMG 85/81-Kombination ausgestattet sind, sind ultra cleane Sounds nicht das Paradebeispiel des Instruments, zumindest wenn es sich um die Verwendung eines klassischen Amps handelt und man nicht mit einem Kompressor direkt ins Pult spielt. Nicht weil die Pickups im cleanen Bereich nicht gut klingen würden, sondern vielmehr aufgrund der Tatsache, dass der Ausgangspegel der Pickups bei Vollanschlag insbesondere Röhrenvorstufen gerne in die Sättigung fährt. Hier hilft sich der erfahrene EMG-User mit dem alten Trick, den Volume-Regler etwas zurückzunehmen, mit dem Effekt, dass sich der Klang nicht ändert, die Vorstufe des Amps hingegen sauber bleibt.

Dennoch wirkt der cleane Sound allenfalls befriedigend, es fehlt ihm etwas an Charakter, was auch an der vergleichsweise hohen Kompression der Pickups liegt. Das ändert sich frappierend mit zunehmendem Verzerrungsgrad. Hier sind die EMGs zu Hause und schaffen es einmal mehr, mit ihrem ungemein linearen Frequenzgang auch bei höchstem High-Gain ein durchsichtiges und dennoch dynamisches Klangbild zu generieren. Schon ein leichter Crunch wirkt aufgrund des Frequenzspektrums sehr kräftig, so dass man generell immer einen Ticken weniger Gain verwenden kann als bei passiven Pickups, ohne an Dampf zu verlieren.

Spätestens bei der Lead-Abteilung ist das Instrument bei seiner Zielgruppe angekommen und überzeugt mit einem starken Rhythmus- und Soloklang. Das Sustain ist aufgrund des durchgehenden Halses wirklich überzeugend und schafft es, das Instrument teurer klingen zu lassen, als es letztendlich ist. Das Spielgefühl ist gut, die Ansprache ebenso. Niemand wird einer Standard Tele zumuten, einen Heavy-Rocker von ihren Klangeigenschaften zu überzeugen, ebenso sucht man bei der LTD MH 1001 den Pop- oder Country-Touch vergebens.

Für die klassische Coverband mit latenter Rocklastigkeit ein sehr zu empfehlendes Instrument, wenngleich man aufgrund der Pickup-Wahl immer kurz vor dem Hard-Rock-Bereich steht. Egal wie sehr man den Amp oder auch die Pedalwahl zügelt, der Grundsound der EMGs ist immer präsent und wird die Fans dieser Tonabnehmer einmal mehr in Verzückung versetzen. Die Optik hingegen polarisiert nicht und wird auch niemanden im Publikum erschrecken, von daher ist die LTD MH 1001 in Sachen Außendarstellung universell verwendbar.

LTD MH 1001 Test

Test bei 31 Grad im Studio

Fazit

Mit der LTD MH 1001 bietet der japanische Hersteller mit indonesischer Fertigung ein echtes Schnäppchen in seinem Portfolio an. Das Instrument, das mit unter 1.000 Euro Ladenpreis angeboten wird, bietet ein sehr gutes Schwingungsverhalten, kombiniert mit hochwertigen Komponenten wie z. B. aktive EMG Pickups und eine Tonepro-Brücke.

Wer ein Les Paul Feeling mit einer Powerstrat Optik für den amtlichen Heavy-Rock sucht, sollte dieses Instrument unbedingt einmal antesten.

Plus

  • Sound
  • Verarbeitung
  • durchgehender Hals
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis

  • 975,- Euro
Klangbeispiele
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