Test: Mystery Islands Music, Total Integration Editoren

15. November 2017

Total Integration für Vintage-Synths

Total Integration war mir bis vor Kurzem eigentlich nur im Zusammenhang mit der Synthesizer-Manufaktur Access Music und dessen TI Virus-Modellen bekannt. Doch seit ich durch Zufall vor einiger Zeit die kleine, aber feine finnische Ein-Mann Plug-in-Schmiede Mystery Islands Music entdeckte, änderte sich das. Mystery Islands ist vielleicht dem einen oder anderen noch als Trance-Projekt aus den 90ern bekannt, besann sich der Macher Jani Kervinen später auf seine anderen Stärken, nämlich das Programmieren von Plug-ins und Soundsets. Offensichtlich ist er als Computer-Musiker auch nach wie vor Anhänger echter Hardware und damit beileibe nicht alleine, erkannte jedoch die technische Komfortlücke zwischen echt und virtuell und beschloss sie in Form von Editor-Plug-ins zu schließen.

Diese Editoren lassen das Alter vieler alter Hardwareschätzchen fast vergessen, indem sie dem Anwender das Gefühl vermitteln, moderne Software-Synths zu sein. Diese Editoren werden als virtuelles Instrument (VST oder AU) innerhalb einer DAW betrieben und sind mit allen bekannten Funktionen, sprich Automationsmöglichkeiten, Verwalten von Soundbänken etc. ausgestattet. Es muss lediglich eine MIDI-Verbindung per Handshake, also direkt mit IN und OUT des entsprechenden Synthesizers hergestellt werden. Als einzige Einschränkung bleibt der Audiostrom, der, im Gegensatz zur Access‘ TI-Technik, verständlicherweise nicht per MIDI mit übertragen werden kann. Mit anderen Worten, man muss sich zum Mischen seine Audiospur durch altmodisches Digitalisieren in Echtzeit generieren.

Erhältlich sind bis dato Editor-Plug-ins für Access (Virus A, B, C), Clavia (Nordlead), Korg (MS2000/R, microKorg), Waldorf (Q-Serie), Roland (JP80x0) nebst Soundsets für eben diese und darüber hinaus noch für so manch anderen Klassiker sowie für einige etablierte Virtuelle.

Was kann ein Editor-Plug-in aus dem Hause Mystery Islands Music?

Im Grunde ist ein solches Plug-in eine dedizierte Mischung aus Sounddiver (die älteren Hasen werden sich erinnern) und MIDI-Controller. In meinem Fall habe ich den JP80x0-Editor für meinen Roland JP8080 vorliegen, dessen Merkmale, bis auf das äußere Erscheinungsbild, grundsätzlich gleich zu den anderen Editor-Plug-ins aus selbem Hause sind. Das GUI ist im Großen und Ganzen der Oberfläche der Expanderversion des entsprechenden Hardware-Pendants nachempfunden. Sprich, wenn man die Hardware kennt, kennt man auch weitestgehend das Plug-in. Der Unterschied zur Hardware bezieht sich hauptsächlich auf das Handling der Speicherplätze, der Komfort wird enorm gesteigert, die Bearbeitungszeit stark verkürzt .

Hat man das Plug-in erstmalig geladen und als Instrumentenspur in seiner DAW angelegt, den MIDI-Ein- und -Ausgang definiert, kann es fast schon losgehen. Als etwas heikel bei Windows-Systemen erweist sich hier die MIDI-Schnittstelle, deren Standardtreiber nicht multiklientfähig sind und die DAW zum Absturz bringen, weil zum einen die DAW und zum anderen das Plug-in simultan den entsprechenden MIDI-Port beanspruchen. Abhilfe schafft hier (benutzt man nur einen Expander und benötigt den Synth nicht als Eingabegerät) ein einfaches Deaktivieren der bestimmten MIDI-Ports innerhalb der DAW, das Plug-in fungiert in diesem Fall als Gateway und schleift die MIDI-Daten vom Sequencer ausgehend entsprechend durch. Will man jedoch die Keyboardversion, also auch als Eingabekeyboard einsetzen, muss man einen etwas umständlichen Weg des virtuellen MIDI-Port-Routings gehen, wodurch dann ein zweiter virtueller MIDI-Eingang erzeugt wird. Wer hingegen einen Mac einsetzt, kennt das Problem nicht, da die Mac-Treiber von Haus aus multiklientfähig sind. Am Hardwaresynth müssen dann noch diverse Optionen wie Modus der SYSEX-Übertragung, Speicherschutz, Geräte-ID und MIDI-Kanäle angepasst werden.

Ist alles geschafft, vergisst man im Handumdrehen, dass man keinen virtuellen Klangerzeuger vor sich hat. Alles, was die Hardware kann, sieht man mal von der Klangerzeugung ab, kann das Plug-in auch, ein grober Überblick:

Es kann:

  • Patches/Performances (Bezeichnung je nach Gerät unterschiedlich) erstellen, bewegen, kopieren, löschen, umbenennen
  • eine komplette Favoriten-Bank aus mehreren anderen erstellen, also sozusagen entmüllen
  • komplette Soundsets ablegen oder laden, die Library unterstützt MIDI- und Sysex-Format
  • Bänke und einzelne Patches von der Library zum Synth transferieren und umgekehrt
  • zwischen verschiedenen Librarys umschalten
  • so gut wie jeder Parameter lässt sich automatisieren, CC# müssen nicht mehr bekannt sein
  • Aktionen am Plug-in sind direkt an der Hardware sichtbar und umgekehrt
  • Total Recall, d.h. beim Start eines Projekts der DAW werden sofort die benutzten Sounds an der Hardware selektiert

Es kann nicht:

  • Audio erzeugen oder übertragen oder direkt rendern
  • MIDI-bedingt nicht mit der Prozessgeschwindigkeit von „echten“ Plug-ins mithalten, was Speicheraktionen angeht (eine neu geladene Soundbank muss erst in die Hardware transferiert werden, um damit arbeiten zu können, was Wartezeit mit sich bringt)

 

Total Integration des Roland JP-8080 zumindest teilweise gelungen

Fazit

Die Editor-Software von Mystery Islands Music finde ich gelungen und überzeugend, es lässt sich so betagte, mitunter vergessene Hardware auf den aktuellen Stand der Technik hieven. Ich für meinen Fall möchte bspw. auch heute nicht auf meinen JP verzichten, musste mich aber sehr wohl immer wieder dabei ertappen, ihn nur unter Gebühr gefordert zu haben, sein Platz in der unteren Rackregion tat sein Übriges dazu – der Einbauort spielt ja mit diesem Plug-in nun keine Rolle mehr. Der weitere Vorteil ist die einfache Backup-Möglichkeit des Speichers, was sonst eher umständlich und unkomfortabel ist. Zudem ist der Preis für knappe 50,- Euro inklusive Soundsets und lebenslangen freien Updates mehr als fair und ganz sicher nicht fehlinvestiert, außerdem stehen kostenlose Demoversionen zum ausgiebigen Testen bereit. Der Mastermind Jani ist außerdem sehr freundlich und hilfsbereit bei kurzer Reaktionszeit, das jeweils verfügbare Handbuch ist gut beschrieben. Die Editoren, vor allem der JP80x0, sind schon länger erhältlich und werden ständig überarbeitet. Darüber hinaus lohnt sich auch ein Blick auf seine angebotenen Soundsets, die von ihm selbst und diversen anderen Trance-Produzenten erstellt werden.

Plus

  • erleichtert das Handling der (unterstützen) Hardware-Synths innerhalb der DAW enorm
  • bietet komfortables Verwalten und Sichern der Speicherbänke
  • günstiger Preis bei lebenslangem Update-Anspruch
  • fast totale Integration

Minus

  • MIDI-bedingte Wartezeiten bzw. Trägheit bei Speicheroperationen

Preis

  • 49,95 Euro pro Editor
Forum
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    AMAZONA Archiv

    Schade, dass es nur so wenige Hardware Synthesizern unterstützt werden.

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    AMAZONA Archiv

    Das glaube ich gerne, die wenigen unterstützen Geräte wurden liebevoll integriert. Der oneman Firma sollte 50 Leute einstellen und richtig fett reinhauen. Das wäre ein Traum. Wenn er es nicht macht kommt eines Tages ein anderer. Sound Quest ist da schon sehr sehr weit fortgeschritten. Macht doch mal wieder einen Test von der neuen Version mit vst Integration und fast allen Synthesizer die es je gab.

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    arnte  

    Sehen Klasse aus und fühlen sich gut an. Den MS2000 Editor habe ich mal probiert – echt gut. Aber 50,- € für nen Editor finde ich doch schon ziemlich heftig… Dennoch, die Jungs (der Junge?) gehören unterstützt! Ich hoffe da kommen noch zahlreiche weitere gute Editoren dazu. Vor allem wären natürlich gute Editoren für die eher unbeknopften Synths sinnvoll.

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      MichBeck   1

      Zur Zeit ist Black Friday und Holiday Sale bis zu 55 % Rabatt. Hab mir grad den Virus-Editor für 24.95 € geholt. Ein No-Brainer.

  4. Profilbild
    Paul Tunyogi-Csapo  

    Ich würde mal sagen das man die 49 € durchaus als angemessen betrachten würde, wenn man selbst viele Stunden an der Entwicklung gesessen hätte.
    Alle Plugins, die sauber laufen bedürfen großes Know-how, und sollen ihren Presi haben.
    Die Jungs müssen auch was zu Essen kaufen, eine Wohnung bezahlen etc.

  5. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    49€ finde ich auch völlig okay. Besser ein Leben ohne 49€ als eines mit 49€ und fehlendet vst Integration!

  6. Profilbild
    Klaus Joter  

    Nur zwei Punkte:
    Roland hat früher seine Hardware-Programmer für die JX- und D-Serie zu weitaus höheren Preisen verkauft. Daher finde ich 49,00 € durchaus angemessen für ein maßgeschneidertes Produkt. Und nebenbei bemerkt wird die Käuferschicht nicht so groß sein, dass man günstiger kalkulieren kann.
    Daneben: Im Grunde genommen werden mit derartiger Software die eklatanten Mängel vieler Synthies in Bezug auf deren Bedienung kaschiert – oder aufgedeckt. Was z.B. Roland mit den Liliput-Tasten seiner Boutique-Serie anbietet, ist eigentlich eine Frechheit oder ein völlig daneben gegangenes Konzept. Gut, sie wendet sich vor allem an all die Nicht-Keyboarder, die lediglich mit dem PC Musik machen können – oder wie man das sonst nennen soll. Aber trotzdem steht sie prototypisch da für eine Dezimierung an Bedienungsqualität, wie sie seit dem DX7 schon Tradition hat. Wie es anders geht, zeigen z.B. Moog und Sequential.

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