Test: Neunaber Iconoclast, Speaker Emulator

4. August 2017

Die kleine Waffe für Studio und Live

Vielen von uns dürfte die amerikanische Firma Neunaber für ihre High-End-Effektpedale bekannt sein. Geräte, wie etwa der Immerse Reverberator oder das Seraphim Shimmer landen in vielen Rankings stets ganz oben und sind feinstes Futter für Soundgourmets in Sachen Hall und Modulationen. Ganz anders ist es da bei unserem heutigen Testkandidaten, der das Sortiment von Neunaber ab sofort ergänzt. Der Neunaber Iconoclast produziert keine seidigen Hallfahnen, sondern widmet sich einer ganz anderen Kür – der Nachbildung von Lautsprechern, im Fachjargon auch „Speaker Simulation“ genannt. Er ersetzt also eine Lautsprecherbox und soll damit nicht nur beim Recording treue Dienste leisten, sondern auch ein Live-Rig (ohne Boxen) wirkungsvoll in Szene setzen. Kann der Neunaber Iconoclast das? Machen wir den Test.

Facts & Features

Das Neunaber Iconoclast befindet sich im gleichen kompakten Gehäuse wie auch die übrigen Pedale des Herstellers. Hier wurde das Layout aber im Querformat verwendet, um genügend Platz für eine übersichtliche Anordnung der fünf Regler zu ermöglichen. Die sind, wie es sich für ein Boutiquepedal gehört, fest mit dem Gehäuse verschraubt, bieten einen angenehmen Drehwiderstand und sind durch die Knöpfe aus Hartgummi zuverlässig zu greifen. Eine Skalierung für den Regelbereich der Potis gibt es nicht, hier entscheiden also im Zweifel die Ohren, nicht die Augen.

Obwohl es ganz offensichtlich so scheint, als sei im Neunaber Iconoclast ein gewöhnlicher Dreiband-EQ verbaut, wird man nach dem Studium des mitgelieferten Handbuchs prompt eines Besseren belehrt. Denn hinter den Reglern mit den konventionellen Bezeichnungen LOW, MID und HIGH verbergen sich ganz andere Parameter. So sorgt LOW für die Auswahl und die Größe der (virtuellen) Box, MID regelt die Dynamik zwischen dem (virtuellen) Speaker und der angeschlossenen Tonquelle (Amp, Effektgerät etc.) und HIGH schließlich dient zu Wahl des Lautsprechertyps.

Zwei weitere Potis flankieren beide Seiten der Oberfläche. Da wäre links zunächst der Lautstärkeregler für den Kopfhörerausgang, dessen Miniklinkenbuchse sich ebenso an der linken Gehäuseseite befindet. Der Iconoclast verfügt über ein eingebautes Noisegate, dessen Regler ist wiederum ganz rechts auf dem Bedienpanel zu finden. Eine sehr sinnvolle Funktion, denn oft herrscht ja am Ende einer langen Signalkette immer mehr oder weniger starkes Rauschen. Besonders natürlich bei großen Pedalboards, denn auch dort sieht der Neunaber Iconoclast sein Einsatzgebiet.

Man könnte sich an dieser Stelle natürlich schon fragen, ob man mit nur einem Regler ein Noisegate vernünftig der gegebenen Situation anpassen kann. Die Antwort ist natürlich nein, doch dieses Problem ist keines, denn für das Neunaber Iconoclast existiert eigens eine Software, mit der sich eine ganze Menge anstellen lässt. Doch dazu später mehr.

Dem Rauschunterdrücker dient auch die einzige LED an Bord des Pedals, die durch eine weiße bzw. blaue Farbe ein Öffnen bzw. Schließen des Gates signalisiert.

Rein & Raus beim Neunaber Iconoclast

Über den Kopfhörerausgang sprachen wir ja bereits, ein paar andere kommen noch hinzu. Natürlich wäre da der Anschluss für das Netzteil zu nennen, der entsprechende Adapter befindet sich aber leider nicht im Lieferumfang. Es handelt sich aber auch hier wieder um den mittlerweile ja quasi standardisierten Anschluss im IBZ/BOSS Stil. Ein Netzteil ist in jedem Falle nötig, denn mit Batterien ist das Neunaber Iconoclast nicht zum Leben zu erwecken.

Die vier fest verschraubten 6,3-mm-Klinkenbuchsen nehmen so ziemlich alles und jeden auf. Symmetrische oder unsymmetrische Mono/Stereo-Signale dürfen rein, raus geht es ebenso mono oder stereo und symmetrisch oder unsymmetrisch. Da ist also für jeden etwas dabei, sei es nun für die Gitarrenendstufe, das Audiointerface oder den Mann am Mischpult beim Liveeinsatz.

Schrauben leicht gemacht – Die Iconoclast Software

Ein Mini-USB-Port dient zum Andocken des Pedals an einen Rechner. Mithilfe einer entsprechenden Iconoclast Software, die es für Mac und PC kostenlos auf der Seite des Herstellers zum Download gibt, erhält man Zugriff auf alle Parameter des Gerätes und zudem noch auf weitere Zusatzfunktionen, wie beispielsweise einen Stereo-Enhancer oder einen weiteren Equalizer. Auch wenn die GUI der Iconoclast Software im Jahre 2017 etwas arg angestaubt wirkt, so funktionierte sie im Test auf einem Mac mit aktuellem Betriebssystem einwandfrei. Ein USB-Kabel in ausreichender Länge befindet sich übrigens im Lieferumfang.

— Editor: Response —

— Editor: Noisegate —

Zwischenzeugnis

In Sachen Optik, Haptik und Verarbeitungsqualität haben wir es beim Neunaber Iconoclast mit einem typischen Boutiquepedal zu tun, daran bleiben nach der ersten genauen Begutachtung keine Zweifel. Das Gehäuse ist robust gefertigt, alle Bedienelemente sind mit ihm verschraubt und auch die Features, wie die extrem flexible Audio-Ein- und Ausgangssektion, der regelbare Kopfhörerausgang und nicht zuletzt die Steuerbarkeit via Software machen Appetit auf den Klang und die Möglichkeiten, die uns die handliche Box bietet. Hören wir also rein, ab der nächsten Seite.

Sound & Praxis mit dem Neunaber Iconoclast

Der Iconoclast wurde für den Soundcheck mit zwei verschiedenen Eingangssignalen gefüttert. Zum einen mit einem TC Fangs Verzerrer und zum anderen mit dem Line-Ausgangssignal meines Orange Micro Dark. Dazu wurde das Signal aus der Send-Buchse des Effektwegs abgegriffen und direkt in den Monoeingang des Iconoclast eingespeist. Von da aus ging es direkt in das Audiointerface, in diesem Fall ein UAD Apollo Twin. Eingespielt wurden die Phrasen mit einer Music Man Silhouette. Ich habe vom Verzerrer ein Rohbeispiel und vom Micro Dark je ein verzerrtes und ein unverzerrtes Beispiel aufgenommen und vom Iconoclast bearbeiten lassen. Das Ergebnis ist verblüffend gut, wie man in den folgenden Klangbeispielen hören kann.

Im ersten Beispiel hören wir den TC Fangs Verzerrer ohne weitere Bearbeitung. Bitte die Köpfe einziehen, hier kommt der berühmt-berüchtigte Rasierapparatsound!

Ganz schön gruselig, was!? Neben dem furchtbaren Sound bleibt auch für den Spieler nicht viel übrig. Nun die zwei vom Iconclast veredelten Sounds.

Klingt richtig fett, saftig und fast schon kalifornisch. Ebenso begeistern kann die Dynamik des Signals, es fühlt sich keineswegs steril, sondern quietschfidel für den Spieler an. Nun geben wir dem Signal etwas mehr Mitten oder sollte es besser heißen „wir erhöhen die dynamische Interaktion des (virtuellen) Lautsprechers mit dem Verstärker“? Egal, oberhalb der 12-Uhr-Stellung des MID-Potis wird der Sound wunderbar beißend und durchsetzungsfähig. Und das wollen wir ja schließlich erreichen, wenn wir an einem Mittenpoti schrauben!

Das war ja schon mal nicht schlecht für den Anfang! Erstaunlich, was das Iconoclast doch aus einem 50-Euro-Verzerrer rausholt. Dazu existiert faktisch kein Eigenrauschen, auch wenn das Noisegate deaktiviert ist. Das war übrigens ab Werk schon perfekt eingestellt und bedurfte keiner Nachjustierung. Aber man könnte ja mit dem Editor, wenn man wollte. Nun der Klang zusammen mit dem Orange Micro Dark, dazu einmal weiter blättern.

Auch beim Orange Micro Dark ist das pure, verzerrte Signal wunderbar dazu geeignet, sich mal ordentlich den Gehörgang freizublasen! Von daher kommt vor dem nächsten Klangbeispiel wieder die Warnung, besser den Lautstärkeknopf im Auge zu haben.

Das schmerzt ganz schön! Schalten wir nun der Iconclast dazu – prompt wird aus dem Kreissägenmassaker ein professioneller Leadsound, den man ohne Weiteres auf die Festplatte bannen könnte.

Ein weiteres Beispiel, diesmal mit etwas angehobenen Höhen und weniger Mitten.

Doch es geht nicht nur verzerrt. Auch im Clean-Bereich verwöhnt der Neunaber Iconoclast die Ohren mit seinem feinen Grundsound und ermöglicht auch dort ein erstaunlich breites Klangspektrum.

Zunächst das Signal des Orange Micro Dark ohne weitere Bearbeitung.

Gar nicht mal so übel, zumindest vom Klang. Von Dynamik oder Spielgefühl sollte man aber besser nicht reden. Nun die bearbeiteten Varianten mit zwei unterschiedlichen EQ-Einstellungen.

Fazit

Der Neunaber Iconoclast empfiehlt sich als wirkungsvolles Tool, wenn es um das Aufnehmen von Gitarrensounds ohne Boxen geht. Egal, ob man nun das Signal von einem Preamp, vom Ende eines Pedalboards oder aus dem Line-Ausgang eines Verstärkers abnimmt – die Schaltkreise des Neunaber Iconoclast schaffen es stets, dem Sound ein passendes Kostüm zu schneidern.

Dazu überzeugt das Pedal in Sachen Hardware, wie auch in puncto Software. Denn durch den kostenlosen Editor sind tiefgreifende Änderungen in der Struktur des Iconoclast möglich und wer sein Setup nicht ohnehin schon in der Werkseinstellung findet, der kann spätestens dann die perfekte Umgebung für seinen noch perfekteren Gitarrensound ganz bequem am Computer erstellen.

Plus

  • flexibel einsetzbares Tool für Studio & Live
  • effektive Klangregelung
  • Editor Software für Mac/PC
  • sehr hochwertige, vollkommen rauschfreie Signalqualität
  • sehr gute Verarbeitung

Minus

  • -

Preis

  • Ladenpreis: 289,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    dr noetigenfallz  

    Hier würde ich mich noch über eine vergleichende Einschätzung zu BluGuitar BluBox und Digitech CabDryVR freuen, die ja auch neu auf dem Markt sind. Die „Hardware-Unterschiede“ sind klar, aber der allgemeine Sound und das Spielgefühl, das interessiert mich.

  2. Profilbild
    psv-ddv  AHU

    Ein Kumpel von mir geht über den Iconoklast direkt ins Pult. Noch ein Hall Treter und Overdrivepedale dazu. Hammergeiler Sound kann ich nur sagen!

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