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Vintage Guitar Classics: Alden 9908 Tuxedo von 1963 E-Gitarre

US-Leichtgewicht mit Stil

24. September 2022

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Die Alden 9908 Tuxedo ist ein besonderes Instrument. Die E-Gitarre wurde in den frühen 1960er-Jahren in den USA gebaut, sieht aus wie eine Solidbody, hat aber einen hohlen Korpus und dann gibt es sie auch noch unter anderem Namen: Sie ist baugleich mit der Harmony H45 und sieht aus wie die kleine Schwester der Silvertone 1420. Aus der billigen Kaufhauskataloggitarre von einst ist inzwischen ein gesuchtes Sammler- und Spielerobjekt geworden, denn Musikerinnen und Musiker weltweit haben den Charme dieser noch bezahlbaren und orginellen amerikanischen Vintage-Instrumente entdeckt.

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Der Vintage-Cheapo-Boom auf dem E-Gitarren-Markt

Die wunderbare Lianne La Havas, Jack White, David Bowie, Cat Power, Beck Hansen, Link Wray und Bon Iver konnten bzw. können sich nicht irren: Der Künstler macht die Musik und das Instrument muss einfach nur gefallen, es muss passen, es soll harmonieren. Und als sie und andere vor ihnen damit anfingen, alte amerikanische Billiginstrumente der Labels Kay, Harmony, Silvertone, Sears, Danelectro, Supro, Valco, Thomas oder auch japanische Teisco-Cheapos zu spielen, bekamen das die Musikerkollegen unter den Fans natürlich mit und machten sich auf die Suche: zuerst in Pawn Shops, dann in Kleinanzeigen und Portalen wie Craigslist, bei eBay und Reverb. Das Re$$$$ultat ist bekannt. Auch alte deutsche Gitarren von Höfner, Framus, Klira, Hoyer & Co. waren plötzlich wieder gefragt und sogar die in den 70ern berüchtigten italienischen Eko-Gitarren, die man früher gebraucht nur gegen Schmerzensgeld übernahm, waren plötzlich Sammlerobjekte.

Es ist aber nun mal so, dass das Instrument meiner Wahl zu mir passen muss, bzw. dass ich mich passend machen muss, wenn eine harmonische Beziehung angestrebt wird. Und da wir alle wissen, dass Musiker oft wegen eines halben Milimeters Sattelbreite (zu viel oder zu wenig) in ihrer Kreativität komplett blockiert sind, schon bei einem mitteldicken Hals Höllenqualen leiden und bei 100 g Korpusübergewicht ihren Physiotherapeuten anrufen (ich habe hier bewusst nur die männliche Form verwendet, denn bei Musikerinnen habe ich solche Überempfindlichkeiten noch nicht erlebt), dann wird klar, dass auch dieser Vintage-Cheapo-Trend als Mode in erster Linie den Gebrauchtmarkt belebt hat und nur in wenigen Fällen zu mehr guter Musik führte.

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Und bei manchen passt es einfach, nicht nur bei Lianne La Havas: Slide-Genie Derek Trucks klingt auf seiner billigen alten Silvertone Tuxedo von 1964 anders aber wie immer genial, Sängerin St. Vincent passt einfach zu ihrer 1967er Harmony Bobkat, Beck Hansen spielt u. a. eine Harmony/Silvertone Newport H42 und die Silvertone 1448, Jack White wurde schon mit einer 1964 Res-O-Glass Airline und einer Kay K6533 gesichtet, Dan Auerbach von The Black Keys mit einer Harmony Stratotone und der legendäre David Lindley hatte mit seiner schrägen Kay Barney Kessel, einer National Glenwood 95, einer italienischen Eko 700-3V und der in Japan gefertigten Teisco Spectrum 4 gleich kultige Billigheimer aus mehreren Kontinenten am Start.

Kurze Geschichte der Kaufhausgitarren

Mitte der 1960er-Jahre kostete in den USA eine Fender Strat neu um die 300 $ – was eine Menge Geld war. Aber Millionen Wandergitarristen wollten jetzt auch ein elektrisches Instrument haben und am Boom der neuen Popmusik teilhaben.
1959 wurde Joe Fisher Haupteinkäufer für Musikinstrumente bei Sears, Roebuck and Co.. Die Firma wurde bereits 1886 in Minneapolis gegründet, hatte schon im Folgejahr einen Versandkatalog am Start und eröffnete nach und nach kleinere Läden, in denen Kunden die bestellte Ware abholen konnten. Nach 1945 eröffnete Sears in den USA dann auch große Shops in Einkaufszentren und war bis weit in die 80er-Jahre der größte amerikanische Einzelhändler.


Joe Fisher bemerkte früh, dass durch Rock & Roll, R&B, Pop und die frühe Rock-Musik eine Nachfrage nach Instrumenten wuchs, die weit über die Dimensionen der traditionellen Country- und Folk-Szene hinausging. Er nutzte das Label „Silvertone“, unter dem Sears seit 1916 Phonographen und Radios verkauft hatte, ab den 30er-Jahren auch akustische Musikinstrumente, jetzt für die neuen E-Gitarren und Verstärker. Hergestellt wurden die Silvertones von verschiedenen Firmen, darunter Danelectro, Valco, Harmony, Thomas, Kay und Teisco. Einige Instrumente wurden speziell für Silvertone entwickelt, viele entstammten aber auch dem Portfolio der Hersteller und so konnte es passieren, dass identische Gitarren unter verschiedenen Labels vermarktet wurden. Eine brauchbare Einsteiger-E-Gitarre mit Amp gab es bei Sears zeitweise für ca. 60 bis 80 Dollar, bei Sonderangeboten darunter und so wurde Silvertone schnell zur führenden US-Marke und versorgte Hunderttausende Gitarristen, Bassistinnen und Garagen-Bands mit Instrumenten. Mehr zum Thema findet man unter silvertoneworld.com und vintagesilvertones.com.
Der wichtigste Hersteller war die Firma Harmony, die in den 50er- und 60er-Jahren elektrische und akustische Archtops, Western-Gitarren, Lapsteels, Banjos und Mandolinen im Angebot hatte. Gegründet wurde die Firma 1892 von Wilhelm Schultz; 1916 wurde sie von Sears, Roebuck & Co. aufgekauft und man war anfangs vor allem erfolgreich mit dem Verkauf von Ukulelen. Zwischen 1923 und 1930 verdoppelte der Hersteller den Absatz an Instrumenten auf 500.000 Stück. Sears und andere verkauften Harmony-Produkte jetzt unter allen möglichen Namen wie La Scala, Stella, Sovereign, Sears, Silvertone, Vogue, Valencia, Johnny Marvin, Monterey, Stella, Holiday u. a. Zwischen 1945 und ’75 hat Harmony angeblich ca. 10 Millionen Gitarren auf den Markt gebracht. Rock’n’Roll!

Joe Fisher blieb bis 1968 Instrumenteneinkäufer bei Sears und wurde schließlich Vizepräsident des Unternehmens. Die Verdienste dieses Herrn sind schwer abzuschätzen, denn er ermöglichte es auch der armen schwarzen Unterschicht des damals noch streng rassengetrennten Amerika, Musik zu machen. Denn neben den weißen Teenagern mit Country und/oder Rock-&-Roll-Ambitionen – Chet Atkins und Roy Clark waren angeblich auch mal Silvertone-Player – waren es auch viele Delta-Blues-Musiker, die die billigen Kataloginstrumente kauften. Muddy Waters begann seine Karriere mit einer gebrauchten Stella-Acoustic, bevor er sich seine erste neue Silvertone-Gitarre leisten konnte und B.B. King hatte als Gitarrenanfänger angeblich ein Lehrbuch von Sears. Versandanbieter waren in den USA besonders auf dem flachen Land meist konkurrenzlos, zumindest was die Preise und die Angebotsvielfalt anging.

Diesem Kaufhaus und seinen Katalogen haben wir anscheinend eine Menge zu verdanken. Deutsches Pendant war übrigens die Versandfirma Lindberg, die in den 60ern ihre Instrumente ebenfalls von verschiedensten Herstellern wie Hoyer, Höfner, Framus, Klira u. a. bezog und zu sehr günstigen Katalogpreisen in die germanischen Wohnstuben brachte.

Hingucker: die Alden 9908 Hollowbody von 1963

Moment mal: „Hollowbody“? Richtig, diese Gitarre hat einen hohlen Korpus, der im Prinzip aus einem Holzrahmen und zwei Sperrholzdeckeln besteht, der kräftige Hals mit D-Profil ist mit drei Schrauben befestigt. Das Griffbrett besteht aus Palisander, hat 20 schmale, mittelhohe Bünde, die spielfreundliche Mensurlänge beträgt kurze 618 mm, ist also ganze 3 cm kürzer als bei einer Strat. Mit einem Leichtgewicht von 2,11 kg ist die hier zu sehende schöne Alden 9908 Tuxedo nichts für stürmische Open-Air-Gigs. Ernsthaft: Eine so leichte Gitarre mit Gurt im Stehen zu spielen, ist ein Erlebnis und erfordert schon etwas Umstellung, wenn man eine doppelt so schwere Les Paul gewohnt ist. Aber die Alden hält trotz ihres robusten Halses schön die Balance, denn die offenen 3-in-a-line-Wandergitarrenmechaniken sind nicht allzu schwer und der Hals setzt schon am 14. Bund an den Korpus an.

Das Instrument kommt sehr dezent rüber, das schwarze Finish ist nicht hochglänzend und auch nicht matt, das einfache Binding leicht vergilbt, während das auf die Decke geschraubte Pickguard mit dem schwarzen Schalter, den beiden schwarzbraunen Reglerknöpfen und der Ausgangsbuchse strahlendweiß geblieben ist. Der Singlecoil-Tonabnehmer ist ebenfalls auf die Decke geschraubt, der höhenverstellbare braune Holzsteg wie bei einer Archtop einfach nur aufgesetzt. Die Saiten werden von einem kurzen Mini-Trapeze-Tailpiece gehalten, das über ein Winkelblech mit drei Schrauben an der Zarge befestigt ist.

Ich mag dieses einfache Design, denn es hat was von einer langgezogenem Les Paul und einer ES-125 ohne F-Löcher. Da hat sich der Hersteller Harmony was einfallen lassen – diese am kleinen A auf der Kopfplatte als Alden gelabelte Gitarre war auch als Harmony H-45 im Handel, ich habe sie aber auch schon mal als „Holiday H-45“ gesehen. Als „Alden 9908 Tuxedo“ wurde sie (wahrscheinlich nicht nur) von Sears, Roebuck & Co. zwischen 1961 und ‘65 verkauft.

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Das Hollowbody-Fliegengewicht hat einen ganz eigenwilligen, perkussiven, aber sehr vollen und schon unverstärkt gespielt lauten Ton. Man kann mit der Alden auch wunderbar sliden und dabei einen erstaunlich fetten, runden Ton genießen. Bei dem unscheinbaren Singlecoil-Tonabnehmer handelt es sich übrigens um einen DeArmond-Pickup, auf dessen Unterseite das Datum „12 2 63“ zu lesen ist, was für ein Ende 1963 bzw. Anfang ‘64 ausgeliefertes Modell spricht. Das Signal des Tonabnehmers kann in der Lautstärke und in den Höhen geregelt werden, der kleine schwarze Schiebeschalter überbrückt bei Bedarf den Tonregler und ermöglich so also zwei Sounds auf Abruf – z. B. volle Höhen contra Handschuhton.

Noch mal zurück zum Hals: Angeblich hat er einen eingelegten, nicht verstellbaren Stahlstab unter dem Griffbrett (Steel Reinforced Neck), was ich aber nicht für alle Alden 9908 bestätigen kann: Ich hatte mal eine 9908 die definitiv nur noch Slide-tauglich war, weil der Hals so stark verzogen war, dass aufgrund der Saitenlage die Bespielbarkeit über den 3. Bund hinaus schwierig war. Ein Stahlstab hätte das verhindert. In dem Zusammenhang eine Anmerkung zu den Saiten: Wenn man so ein altes Instrument mit zu dicken Drähten überfordert, kann man es ruinieren, andererseits ist diese Alden wirklich kein Fall für .009er-Super-Ultra-Slinkys. Mit .011er-Saiten dürfte man zumindest tendenziell historisch korrekt liegen, ohne das Instrument zu stressen und einen verbogenen Hals zu riskieren.

Vintage-Marktpreise für Alden, Harmony und Silvertone

Eine Harmony H-45 Stratotone kostete Anfang der 1960er-Jahre regulär $ 39 als Single-Pickup- und $ 59 als Dual-Pickup-Modell. 1967 bekam man sogar mal im Rahmen einer Jubiläums-Aktion für 25 US-Dollar eine Harmony-E-Gitarre mit Verstärker – das schaffen heute noch nicht einmal die cheapsten Chinesen. Fakt ist: Der Preis mancher Billiggitarre hat sich über die Jahrzehnte wirklich sehr ordentlich vervielfacht. Leider werden diese Gitarren selten in Europa angeboten, und beim Import aus den USA kostet heute selbst eine 500-Dollar-Gitarre inklusive Shipping und Einfuhr-Umsatzsteuer/Zoll schnell mal knapp 750 Euro – und das ist die Untergrenze. Ein gut erhaltenes Exemplar mit mindestens zeitlich korrektem Pappkoffer wird unter 900 Euro kaum zu haben sein. Wobei Alden-Instrumente günstiger sind als Harmonys – schöne Silvertones marschieren in Europa langsam aber sicher über die 1500-Euro-Schmerzgrenze.

Die Remakes und Variationen des Harmony/Silvertone-Themas, die man heute ab ca. 300 Euro bekommen kann, werden in China hergestellt und sind nur noch die Hälfte wert, wenn man an der Kasse vorbei ist. Selbst wenn sie ganz ordentlich gefertigt sind, cool aussehen und mit etwas Optimierung (scharfe Bundkanten am schrumpfenden Griffbrett entgraten …) auch spielbare Instrumente sein können, klingen sie oft eher matt und haben kein Flair. Denn auch altes Sperrholz ist eben altes Holz und bringt andere, ganz eigene Ergebnisse. Aber das ist, wie so vieles im Leben, Geschmackssache.

STORY & FOTOS: LOTHAR TRAMPERT

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Forum
  1. Profilbild
    CDRowell

    Feines Design! 🤩 Danke für die gut geschriebenen Zeilen. Da bekomme ich Lust auf das gleiche Gerät für mich. 😀

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Danke, CDRowell! Das ist wirklich eine originelle Gitarre, die Spaß macht. Dann viel Erfolg bei der Suche!
      Grüße, Lothar T

  2. Profilbild
    jmax

    Danke für Deinen gleichermaßen informativen wie unterhaltsamen Artikel.
    Inspirierend für gear-ige wie mich mit Interesse für „randständige“ Instrumente.
    Im Sommer 2019 sah & hörte ich DELTA MOON in Garbsen. Sowohl Mark Johnson
    wie auch der im Oktober 2021 verstorbene Tom Gray spielten slide in Vollendung
    auf seltsamen Gitarren mit klobiger Kopfplatte. Es stellte sich heraus, daß es sich
    um Harmony H45 Stratotones handelte. Vielleicht ergattere ich mal eine, ebenso
    wie die Alden 9908 …

    • Profilbild
      LOTHAR TRAMPERT RED

      Danke jmax!
      Ich glaube, der erste Musiker, der mir von diesen amerikanischen Cheapos erzählte, war der Kölner Gitarrist Roger Schaffrath, einer der besten Slide-Spieler, den ich kenne. Damals, in der Zeit vor Jack White & Co. ;-) gab es diese Gitarren noch für ein Taschengeld in de USA …
      Roger kannst du übrigens regelmäßig mit Wolf Maahn live erleben, und demnächst auch im Musical ,Moulin Rouge‘.

      Grüße
      Lothar T

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