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Test: Harley Benton Fusion-T HH Roasted, E-Gitarre

5. Dezember 2021

Von zart bis hart, der Preis bleibt smart

Meine Vorbehalte gegen günstige Gitarren aus Fernost sind nicht unerheblich. Habe ich doch in den letzten Jahren des Öfteren Instrumente aus China, Korea oder Indonesien in der Hand gehabt, deren Verarbeitung teils unterirdisch war. Eine Endkontrolle der Instrumente findet oftmals nur unzureichend statt, in Zeiten des schnellen Internethandels ist die Rücksendung und der Austausch eines fehlerhaften Instruments für den Hersteller günstiger als eine Qualitätskontrolle. Eine traurige Entwicklung, der die Thomann Hausmarke Harley Benton mit der Fusion-Serie etwas entgegensetzen möchte. Die Harley Benton Fusion-T HH Roasted tritt an, um für knapp unter 400,- Euro die Fahne des Qualitätsanspruchs hochzuhalten. Ob das gelingt und welche Einschränkungen bezüglich der Qualität man für diesen Preis in Kauf nehmen muss, versuche ich jetzt zu ergründen.

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Harley Benton Fusion-T HH Roasted – Facts & Features

Die Produktion in Indonesien macht’s möglich, eine Humbucker-Tele in ansprechender Optik zu einem derart günstigen Kurs anzubieten. „Optisch ansprechend“ ist natürlich immer subjektiv, ich jedenfalls habe mich beim Spitzen der Lippen erwischt, in dessen Folge ein wohlwollendes Pfeifen ebendiese verließ, als ich den Karton öffnete, um die Harley Benton Fusion-T aus ihrer Schaumfolie zu befreien. Auf den ersten Blick ist angesichts des edel wirkenden gerösteten Halses und der deckenden, helltürkisen Mattlackierung die günstige, fernöstliche Fertigung nicht erkennbar. Tele-Puristen werden angesichts der beiden Humbucker und des bolzengelagerten Vibratosystems die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wer eine klassische Telecaster sucht, kann jetzt getrost weiterblättern. Wir sind aber nicht hier, um einen Preis im gelungenen Aufwärmen alter Designs zu vergeben, sondern wir schauen frischen Auges aufs Gesamtkonzept.

Der deckend matt-lackierte Korpus aus Nyatoh, einem Holz, das auch beim übermächtigen Konkurrenten Ibanez immer öfter Verwendung findet, weist ein paar dezente ergonomische Shapings auf. Auf der Rückseite finden wir einen bequemen Rippenspoiler, der Hals-Korpus-Übergang ist gerundet und leicht abgeflacht und das untere Korpushorn hat sowohl vorne als auch hinten eine leichte Erfrischungskur in Form einer deutlichen Verjüngung der Korpuskanten erhalten. Die Lackierung nennt sich „Daphne Blue Matt“, eine Farbe, die auf Strats bei Vintage-Freaks hoch im Kurs steht. Leider haben die Abbildungen im Netz nicht das Geringste mit der tatsächlichen Farbe der Gitarre zu tun, selbst bei den Fotos auf der Homepage des Herstellers würde ich diese Farbe eher als „Graublau“ bezeichnen. Wer also mit der Farbe auf der Website liebäugelt, wird möglicherweise enttäuscht sein. Die Bilder hier im Artikel stammen alle von mir und zeigen die Farbe der gelieferten Gitarre. 3,78 kg zeigt die Waage, also kein Leichtgewicht, aber für eine Vertreterin der Solidbody-Telecaster noch absolut im vertretbaren Rahmen.

Harley Benton Fusion-T HH headstock

Gerösteter Ahorn sieht immer lecker aus. Gut zu sehen: Die nicht ganz gerade zu den Tunern verlaufenden tiefen Saiten.

Der Hals, der mir tatsächlich als erstes aufgefallen war, besteht aus geröstetem kanadischen Riegelahorn und trägt ein ebenfalls geröstetes Griffbrett aus Ahorn. Oberhalb des 22. Bundes erlaubt ein Abschnitt im Griffbrett den Zugriff auf die Trussrod. Die 22 Jumbobünde bestehen aus Edelstahl. Die elfenbeinfarbenen Dots harmonieren optisch wunderbar mit dem gerösteten Ahorn, was man von den knallweißen Pickups leider nicht behaupten kann. Das Halsprofil nennt sich „Modern C“, der 42 mm breite Graph Tech TUSQ XL-Sattel entlässt die Werksbesaitung von .010 bis .046 auf die für Telecaster typische Kopfplatte. 6 WSC Staggered Locking DieCast Mechaniken nehmen die Saiten auf, wobei die drei hohen Saiten schnurgerade zu den Mechaniken laufen, ab der D-Saite ist ein leichter Winkel erkennbar, der mit zunehmender Saitenstärke immer größer ausfällt. Dies könnte später Auswirkungen auf die Stimmstabilität haben, ansonsten ist das eher ein optisches Problem. Die Tuner selbst arbeiten sauber und gänzlich hakelfrei, die beiden hohen Saitenpaare werden über jeweils einen Stringtree mit Rollen zusätzlich in den Sattel gedrückt. Der Sattel ist sauber gekerbt, die Saitenlage ist modern, aber nicht aus der Kategorie „Briefmarkendicker Abstand“. Die Werkseinstellung ist ohne jeden Makel. Am hinteren Ende der Saiten arbeitet ein Wilkinson 50IIK 2-Punkt Vibratosystem, das perfekt parallel zur Decke steht. Die Rückseite des Korpus wird von den zwei weißen Kunststoffplatten dominiert, die die Federkammer und die Elektronik verdecken. Beide Deckel sind bündig zur Holzkante eingesetzt, in der Federkammer werkeln ab Werk 3 Federn.

Harley Benton Fusion-T HH Neck Joint

Gelungener Neckjoint, ergonomisch einwandfrei bis zum 22. Bund

Harley Benton Fusion-T HH – die Elektronik

Die beiden Humbucker der Harley Benton Fusion-T HH stammen von Roswell Pickups und tragen die Bezeichnungen HAF-B AlNiCo-5 (Steg) und HAF-N AlNiCo-5 (Hals) und fallen zunächst durch ihr strahlend weißes Plastik auf. Irgendwie wirkt das billig und ich finde, ein etwas gebrocheneres Weiß oder ein Elfenbeinton hätte der Optik der Gitarre einen besseren Dienst erwiesen. Nun gut, auch das strahlendste Weiß vergilbt irgendwann, das kennen wir alle von Omas Zähnen. Die beiden Humbucker sind über das hintere Pull-Poti splitbar, werden über einen 3-Wege-Schalter verwaltet und, wie so oft, mittels eines Volume-  und eines Tone-Potis in Lautstärke und Höhenanteil reguliert. Die Pickups sind mit jeweils zwei Schrauben direkt im Holz befestigt. Für den nötigen Gegendruck sollen kleine Federn sorgen, damit die Tonabnehmer Halt bekommen und mittels der Schrauben in der Höhe justiert werden können. Leider sind diese Federn wohl etwas schwachbrüstig, der Steg-Pickup jedenfalls wackelt ganz ordentlich in der Fräsung. Ein Stück Schaumstoff unter dem Pickup hätte hier Abhilfe schaffen und diesen Minuspunkt vermeiden können. Allerdings muss ich fairerweise sagen, dass auch der Seymour Duncan Humbucker in meiner dreimal so teuren Ibanez AZ226 fast genauso stark wackelt. Hier ist also die Erwartung an eine schlechtere Verarbeitung des vermeintlichen Billiginstruments der Geist der selbsterfüllenden Prophezeiung. Die Klinkenbuchse befindet an der unteren Zarge. Straplocks sind mal wieder keine im Lieferumfang, aber dafür sollte angesichts des Kaufpreises der Gitarre schon noch Budget übrig sein.

Harley Benton Fusion-T HH Pickups

Die Harley Benton Fusion-T HH in der Praxis

Legt man sich die Harley Benton Fusion-T HH auf den Schoß, macht sich sofort ein vertrautes Gefühl breit. Kopflastigkeit war keine zu erwarten. Der Hals fühlt sich an wie ein alter Freund, das Modern C Profil liegt satt in der Hand und verleitet zu ein paar ersten zaghaften Tönchen. Die Abrichtung der Bünde lässt keine Wünsche offen, lediglich den Polierjob hätte man noch etwas gewissenhafter durchführen können. Beim Ziehen der Saiten hört und spürt man anfangs noch einen leicht kratzigen Widerstand. Dieser hat sich aber im Verlauf des Tests zu meiner Freude von selbst komplett wegpoliert. Das Shaping des Korpus lässt die Gitarre ebenfalls vertraut wirken, irgendwie ist alles da, wo es hingehört. Im Vergleich zur klassischen Telecaster ist auch die Anordnung der Regler und des 3-Wege-Schalters deutlich praxisgerechter und somit dem Original überlegen. Eigentlich wollte ich ja gar keinen Vergleich anstellen, sondern die Harley Benton Fusion-T HH als eigenständiges Instrument beurteilen. Aber es hat schon seinen Grund, warum die Telecaster als Bauform so beliebt ist. Mit den paar einfachen Modifikationen des alten Frühstücksbrettchens bekommt das alte Design dann aber einen modernen Touch und der tut ihm verdammt gut. Die matte Lackierung fühlt sich gut an, das Wilkinson Vibratosystem stört in keiner Weise den Spielfluss. Trocken angespielt erwartet mich ein drahtiger, perkussiver Klang mit sattem Bassfundament, die Gitarre schwingt sich schnell ein und die Manipulation des Tons mit den Fingern geht leicht von der Hand. Das Sustain ist äußerst gleichmäßig. Das Vibratosystem ist dank der 3 Federn auch bei Kontakt mit dem Handballen nicht sofort beleidigt, trotzdem sollte man hier natürlich wegen der schwebenden Konstruktion etwas vorsichtig sein, damit die Stimmung nicht direkt den Bach runtergeht. Im Einsatz zeigt sich das Vibratosystem etwas eingeschränkt im Wirkungsgrad, weil dem Sustain-Block irgendwann das Holz des Korpus im Weg ist. Nach oben sind auf der G-Saite etwas mehr als 2 Halbtöne drin, nach unten sind es etwa 8 Halbtöne. Das ist natürlich nichts für Divebombs und Stuntguitars, reicht aber locker für ausdrucksstarkes Spiel mit dem Vibratosystem, wobei ich persönlich die Anzahl der Federn auf zwei reduzieren würde. Aber das ist natürlich jedem individuell überlassen, ich mag es butterweich. Bei „normaler“ Verwendung und gut gedehnten Saiten bleibt das System nahezu perfekt in Stimmung, auch der etwas schräge Saitenverlauf an der Kopfplatte scheint uns da keinen Strich durch die Rechnung zu machen. Dann lasst uns die Lady mal verstromen …

Harley Benton Fusion-T HH Headstock Back

Locking Tuner verhindern ein Verstimmen der Gitarre beim Einsatz des Vibratosystems

So klingt die Harley Benton Fusion-T HH

Ich beginne wie immer mit einem cleanen Sound und schalte mich im ersten Klangbeispiel durch die drei Schalterstellungen der ungesplitteten Humbucker vom Hals zum Steg. Der Sound, der mir aus den Monitoren entgegenperlt, ist warm, satt und ausgewogen. Der Bass matscht nicht, die Höhen halten sich vornehm zurück. Der Steg-Humbucker komprimiert schon ganz ordentlich. Im zweiten Beispiel hört ihr die gesplitteten Humbucker. Die Höhen treten deutlich hervor, in der Zwischenstellung ist sogar ein bisschen klassischer Tele-Twang vernehmbar. Der Sound bleibt auch hier immer ausgewogen und ätzt nicht.

Im so kritischen, angezerrten Bereich macht die Gitarre ebenfalls ein sehr gute Figur. Zum Einsatz kommt das Kemper Profile eines Morgan AC20. Die Gitarre drückt und schreit, keinerlei nervige Frequenzen drängeln sich in den Vordergrund. Keine Spur von seelenloser Billiggitarre, der Sound ist in allen Schalterstellungen dynamisch und fantastisch kontrollierbar. Beispiel 3 zeigt bisschen von der Dynamik der Gitarre, wenn sie mit den Fingern gespielt wird. Hier ist dann auch außer dem Reverb noch ein Delay im Spiel, sonst gibt es keine irgendwie geartete Bearbeitung. Die Nebengeräusche der Pickups halten sich im absolut normalen Rahmen.

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Und dann ist da noch das Highgain-Brett. Auch hier überzeugt die Gitarre durch – vor allem im Humbucker-Betrieb – ausgewogenen Druck ohne Matsch. Im Singlecoil-Betrieb schneidet der Sound naturgemäß mehr, allerdings ohne zu ätzen. Ihr hört jeweils erst den Steg-Pickup, dann den Hals-Pickup. Das verwendete Profile stammt von Guido Bungenstock und trägt den vielsagenden Namen „Sol Hot 50 HiGain 808“. Nebengeräusche der Pickups sind auch im Highgain-Heaven kein Thema und selbst im Singlecoil-Betrieb mit minimalem Einsatz eines Gates in den Griff zu bekommen.

Zum Schluss noch mein persönlicher Lieblings-Leadsound, das Bogner Shiva Profile, ebenfalls von Guido Bungenstock. Auch bei stärkerem Einsatz des Vibratosystems bleibt die Gitarre in Tune, die Anschläge schmatzen und der Ton lässt sich über den Anschlag schön steuern. Das eingebundene Video stammt aus meinem YouTube-Kanal und zeigt die Gitarre am Tag der Lieferung straight out of the box.

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Fazit

Schon fast unglaublich, was die Harley Benton Fusion-T HH Roasted hier für unter 400,- Euro bietet. Sowohl die Verarbeitung, als auch der trockene Grundklang bieten keinerlei Anlass zur Beschwerde. Wer jetzt noch die günstigen Tonabnehmer von Roswell als Spielverderber ins Feld führen will, wird enttäuscht sein. Denn die machen einen erstklassigen Job und lassen Herkunft und Endpreis des Instruments vollends vergessen. Die Gitarre ist in vielen Stilrichtungen zuhause und macht durchweg eine gute Figur. Ganz ehrlich? Hätte man mir diese Gitarre ohne Schriftzug vor den Bauch gebunden, ich hätte auf eine Gitarre der Preisklasse um die 1.200,- Euro getippt, wie sie zum Beispiel von Ibanez angeboten werden. Die genannten Minuspunkte schränken das Instrument in der Praxis nicht ein  und bleiben daher für die Gesamtwertung unberücksichtigt. Gute Arbeit! Und ein Vorurteil weniger in der Welt! Ich kann nicht anders, der Lady gebührt ein BEST BUY.

Plus

  • Preis-Leistungs-Verhältnis
  • Verarbeitung
  • Sound
  • Bespielbarkeit
  • Werkseinstellung

Minus

  • Pickups wackeln in der Fräsung
  • Wirkungsgrad des Vibratosystems eingeschränkt

Preis

  • 399,- Euro
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