Test: Marshall Origin 50H Head, Gitarrenverstärker

Der Marshall Origin 50H Head in der Praxis

OK, es wäre anmaßend bei einem Ladenpreis von knapp einem Drittel der großen Vorbilder einen echten Plexi-Sound zu bekommen, aber um ehrlich zu sein, das „Made in Vietnam“ lässt mir schon einen kurzen kalten Schauer über den Rücken laufen. Ich erinnere mich zu gut, wie Marshall mit dem DSL 100H, der ebenfalls aus Kostengründen in Vietnam gebaut wurde, den wahrscheinlich am schlechtesten klingenden Vollröhren-Head der Marshall Familie seiner Zeit auf den Markt brachte.

Fangen wir doch direkt mal mit einer praxisgerechten Live-Einstellung einer großen Bühne an, will heißen, Gain voll rein, Endstufe 11 Uhr bei 50 Watt, Klangregelung auf 12 Uhr und „Tilt“ auf null. Einen cleanen Sound habe ich erst gar nicht versucht zu generieren, wer einen einkanaligen Marshall für cleane Sounds benutzen möchte, sollte sich kurz fragen, was er da eigentlich vorhat. Als Box kam eine Marshall 4×12! aus den Achtzigern mit Celestion 65 Watt Lautsprechern zum Einsatz, als Gitarre habe ich meine Framus Panthera Axel Ritt Modell aus dem Custom Shop verwendet. Abgenommen wurde die Box mit einem SM 57 direkt in die Mackie-Konsole.

Herrje, das klingt gar nicht gut! In der o. g. Einstellung wirkt der Amp sehr „gepresst“, wobei es sich nicht um die klassisch weiche Kompression eines Vollröhrenamps handelt. Es fehlt das Offene, das Schmeichelnde im Sound. Auch klingt der Amp vergleichsweise muffig, recht charakterlos. Wenn das der Klang des Normal-Eingangs eines Plexis gewesen wäre, der Name Marshall hätte es nicht zu diesem Legendenstatus geschafft. Nachdem ich die Klangregelung etwas bearbeitet habe, Treble 3 Uhr, Presence 2 Uhr, Mitten 3 Uhr, Bässe 4 Uhr, verbessert sich der Klang marginal, kann aber immer noch nicht überzeugen.

Die Aktivierung des Boosters hingegen verbessert den Sound deutlich. Zwar ist der Klang immer noch zu stark verdichtet, aber der muffige Grundsound ist etwas gewichen. Immer noch keine Offenbarung, aber deutlich besser als der erste Höreindruck. Interessanterweise ist der über das Mikrofon aufgenommene Klang, bedingt durch den dezenten Hochmittenpeak des SM57 deutlich besser als der Raumklang vor dem Verstärker, ein Fakt, der sich durch alle Aufnahmen durchziehen sollte.

Als Nächstes drehe ich den Tilt-Regler auf 12 Uhr und siehe da, wir nähern uns einem guten Marshall Sound. Der Sound gewinnt an Klarheit, Definition und Durchsetzungsvermögen. Was ihm aber immer noch fehlt, ist der charaktervolle Ton, aber die Mittenwiedergabe geht deutlich in Richtung „Biss“. Der Eindruck bleibt auch bei Aktivierung des Boosters erhalten, zumal man sich nun langsam ersten Leadsounds nähert.

Geben wir nun dem Tilt Regler den Rechtsanschlag, erfährt der Amp nochmals einen kräftigen Höhenboost, ohne dass es ins Kratzige geht. Ein gelungener Classic Rock Sound, mit dem unter Zuhilfenahme der Klassiker wie z. B. TS9 o. ä. die typischen Leadsounds der Marshall Liga erzeugen lassen. Auch hier gibt der Boost Schalter einen Schlag mehr Gain obendrauf, ohne wirklich am Grundsound etwas zu ändern.

Das Resumee fällt nicht eindeutig aus. Der Marshall Origin 50H Head bietet im Bezug auf seinen Ladenpreis einen ordentlichen Crunchsound, der sich unter Zuhilfenahme von Overdrive- und Distortion Pedalen sehr gut personalisieren lässt. Der Amp kann einem aber auch bei ungünstiger Einstellung, insbesondere bei „Tilt 0“, jegliche Freude am fetten Marshallton nehmen. Trotz einiger klanglicher Trademarks fehlen dem Amp das Offene, das Große und vor allem das Dynamische, was das Traditionsunternehmen so berühmt gemacht hat.

Marshall Origin 50H Head Zubehör

— Marshall Origin 50H Head Zubehör —

Fazit

Mit dem Marshall Origin 50H Head bietet der britische Hersteller einen preiswerten Vollröhrenverstärker an, der leider optisch mehr verspricht, als er klanglich halten kann. Auch wenn sich nach eingehender Auseinandersetzung mit dem Top ein guter Crunchsound generieren lässt, kommt man bei entsprechender Erwartungshaltung leider nicht umhin, sich hausintern preislich hinauf in den vierstelligen Bereich zu orientieren.

Plus

  • Optik
  • Verarbeitung
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • gepresster Grundsound
  • fehlende 4-Ohm-Ausgänge

Preis

  • Ladenpreis: 649,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    So jetzt finde ich das klasse! Ehrlich währt am längsten! Hoch lebe Amazona, ein anderer zählt die Features auf und nennt den Preis. Das ist kein Testbericht. Man will doch wissen was da in der Praxis geht, wie es klingt etc.
    Marshall geht derzeit komische Wege, billig billig. Das schlimmste was die derzeit im Programm haben ist ja die Code Serie. OK Wer lesen kann ist im Vorteil, dass er schei… E ist steht ja etwas verschlüsselt ganz groß drauf. Trotzdem gewöhnt sind wir das nicht.
    Sind das die neuen BWL Studenten die da uns mit solchen Sachen konfrontieren? Die nun in den Firmen ihre berufliche Karriere starten und besonders innovative Ideen umsetzen. Anscheinend ist es genau das was uns so vor den Kopf stößt. Macht nur weiter so. So mache Titanic ist schon siegessicher durch die Weltmeere gerast und BOING blubb blubb… Sowas aber auch!
    Es gibt genügend kleine innovative Firmen die noch mit Liebe und Leidenschaft ihre Produkte entwickeln bauen und dennoch zu einem vernünftigen Preis an den Mann bringen können.
    Anscheinend ist es immer das gleiche, sobald der Ruhm kommt reagiert nur noch das Geld und die Leidenschaft bleibt auf der Strecke.

  2. Profilbild
    Wolf

    Hallo
    ein wirklich klasse Amp, ich mag ihn. UND, ich hätte gern einen. hab auch schon 2 Stück hier gehabt, und 2x in 2 unterschiedlichen Läden probiert, alle mit dem gleichen manko.
    Habt ihr schon mal probiert, 2 16Ohm Boxen an die beiden 8Ohm Ausgänge anzuschließen? Tut es, es wird nur aus einer Box etwas rauskommen. Isso. Es sei denn, der Amp wurde von Marshall geserviced. Es gibt da wohl mittlerweile ein Procedre, mit dem dieser Bug bereinigt wird.
    Die meisten Kunden merken es nicht, weil kaum noch einer einen FullStack betreibt, aber wenn man es dann doch möchte, geht nicht.

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