Test: Meris Mercury7 Reverb, Gitarrenpedal

9. Mai 2017

Von Spaghetti-Western bis Horror-Soundtrack

Meris Mercury7 Reverb 1

Strymon? Klar, kennen wir alle. Line 6? Logo, kennen wir noch viel mehr und noch viel länger! Prima, dann wissen wir ja nun grundsätzlich Bescheid über die Macher bzw. die Köpfe hinter den Effekten von Meris! Genauer gesagt gründete Terry Burton die Firma Meris, nachdem er zuvor Strymon ins Leben gerufen und ebenso maßgeblich an den Produkten von Line 6 mitgewirkt hatte. Ebenfalls bei Line 6 war auch der zweite Mann im Bunde, der DSP-Programmierer Angelo Mazzocco, beschäftigt. Zusammen mit der Designerin Jinna Kim entwickelt das Trio nun in Los Angeles Effektgeräte der Luxusklasse – und dabei vornehmlich die ausgefallenen Typen. So soll das Meris Mercury7 Reverb die düstere und dunkle Atmosphäre des 1982 erschienenen Kassenschlagers Bladerunner durch unsere Speaker drücken. Klingt abenteuerlich? Sehen und hören wir uns die blaue Tretmine mal an!

Facts & Features

Die Ähnlichkeit des konsolenförmig designten Gehäuses des Mercury7 Reverb zu den Pedalen von Strymon ist unverkennbar. Warum auch nicht, schließlich sind Dinge wie die Anschlüsse an der Stirnseite oder etwa die mit ausreichendem Sicherheitsabstand zu den Reglern montierte Metallschalter schon ungemein praktisch, wenn es um das Installieren des Pedals auf dem Pedalboard bzw. zum Schützen der Potis gegen fehlgeleitete Fußtritte geht. Auf die vier kleinen und zwei großen Regler sollte man ohnehin etwas achtgeben, denn trotz ihrer Verschraubung mit dem Alugehäuse wackeln sie deutlich auf ihren Achsen, was für ein Pedal dieser Preisklasse doch eher ungewöhnlich ist. Das könnte aber auch daran liegen, dass es sich bei unserem Testpedal um ein Vorserienmodell handelt und dieses Manko bei den Seriengeräten nicht auftaucht. Die beiden Metallschalter sind relaisgesteuert und somit ohne großen Kraftaufwand zu betätigen, hier entfällt also der „Knackpunkt“.

Die Stirnseite des Meris Mercury7 Reverb

Meris Mercury7 Reverb 2

Dort sitzen alle Anschlüsse versammelt. Sie sind, bis auf den Anschluss für das Netzteil, ebenfalls fest mit dem Gehäuse verschraubt. Die Eingangsbuchse kann sowohl ein Mono- als auch ein Stereosignal (mit TRS-Klinkenkabel) verarbeiten, eine kleine LED unterhalb der Buchse informiert über den jeweiligen Betriebszustand. Einstellen kann man die Belegung mithilfe der ALT-Funktion des Pedals, doch dazu später mehr. Chefentwickler und Firmengründer Terry Burton ist zugleich Besitzer einiger Analogsynthesizer, die er wohl gerne mit Effektpedalen aus dem Gitarrenkosmos betreibt. Dabei stieß er immer wieder auf Schwierigkeiten bei der Pegelanpassung, beim Mercury7 Reverb wird das Problem mit einer eigenen Synth/Line-Schaltung gelöst, die ebenfalls über den ALT-Modus erreichbar ist. Somit dürfte das Mercury7 Reverb mit diesem Feature auch für die Tastenwelt zu einem durchaus interessanten Tool avancieren.

Meris Mercury7 Reverb Gitarrenpedal

Aus der blauen Kiste raus geht es in echtem Stereo, zwei Klinkenbuchsen stehen dazu bereit. Die letzte Buchse dient zur Aufnahme eines herkömmlichen Expressionpedals oder aber eines MIDI-Interface, einen passenden Typ findet man zum Beispiel im Sortiment von Disaster Area Designs. Damit lassen sich alle Parameter des Pedals fernsteuern.

Das Netzteil befindet sich im Lieferumfang und ist auch zwingend notwendig, denn ein Batteriebetrieb ist nicht vorgesehen. Wäre auch recht sinnlos bei dem zu erwartenden Energieverbrauch. So weit also zum „Drum herum“, Schauen wir uns nun die Oberfläche bzw. die Regler/Schalter und deren Funktionen an.

Meris Mercury7 Reverb 3

Die Regler, Schalter und Funktionen des Meris Mercury7 Reverb

Wie der Name mehr als vermuten lässt, handelt es sich beim Mercury7 Reverb zunächst einmal um ein „ganz normales“ Hallpedal. Die zum Einstellen des gewünschten Hallraums zuständigen Regler tragen die Bezeichnungen SPACE DECAY (Halldauer) und MIX (Hallstärke). Zusätzlich steht ein Modulationspoti sowie eine Zweiband-Klangregelung mit Reglern für LOW FRQUENCY und HIGH FREQUENCY zur Verfügung. Das klingt schon recht luxuriös. Doch das, was das Mercury7 Reverb von anderen Hallpedalen abhebt, sitzt inmitten der Potis und zwar in Form des Reglers PITCH VECTOR. Hiermit lassen sich unterschiedliche Pitchshifting-Algorithmen anwählen, folgende stehen im Angebot:

  • eine volle Oktave nach unten
  • leichte Verstimmungen nach unten
  • leichte Verstimmungen nach oben
  • eine Quinte nach oben
  • eine volle Oktave nach oben

Die ALT-Funktion: Die zweite Ebene des Meris Mercury7 Reverb

Das Pedal bietet die zwei Algorithmen ULTRAPLATE und CATHEDRAL, die mit dem rechten der zwei LED-Knöpfe (oberhalb der Metallschalter) ausgewählt werden. Der linke LED-Knopf dient zum Erreichen der ALT-Funktionen, die eine sehr tiefreichende Editierung der Hallsounds erlauben bzw. das Signal sogar um weitere Effekte ergänzen. Als Beispiel sei das Mix-Poti genannt, das im normalen Betrieb für das Mischverhältnis zwischen dem Original- und dem globalen Effektsignal zuständig ist, im ALT-Modus hingegen den Mix zwischen den Obertönen des Originalsounds und dem bearbeiteten Signal bestimmt. Oder das HI FREQUENCY Poti als weiteres Beispiel: Hier wird der Hallfahne im ALT-Modus noch ein Vibrato hinzugefügt.

Beide LED-Knöpfe dienen auch gleichzeitig zur optischen Überwachung der Bypass- und der Swell-Funktion, die das Signal langsam in der Lautstärke anhebt und bei gedrückt gehaltenem Schalter auf Wunsch auch einfriert.

Meris Mercury7 Reverb side

Weiterhin erlaubt die ALT-Funktion auch Zugriff auf die Systemstruktur des Mercury7 Reverb. Dazu gehört zum Beispiel das Konfigurieren der Eingangsbuchse auf das eingehende Signal (mono oder stereo via TRS-Kabel), das Einstellen der Funktionen für das Expressionpedal, das korrekte Einpegeln der Signalquelle (Line oder Synth) oder etwa das Einrichten eines MIDI-Kanals.

Meris Mercury7 Reverb Midibox

— Das zum Meris Mercury7 passende MIDI-Interface von Disaster Area Designs —

Wie man also sehen bzw. lesen kann, ist die blaue Tretmine bis in das kleinste Detail editierbar – es existiert kaum ein Parameter, den man nicht erreichen könnte, wenn es notwendig wäre. Theoretisch ist alles an Bord, doch wie klingt das Meris Mercury7 Reverb denn nun? Anders, sehr anders …

Sound & Praxis mit dem Meris Mercury7 Reverb

Dass man es mit dem Mercury7 Reverb mit einem Effektgerät der Luxusklasse zu tun hat, bemerkt man bereits nach dem ersten Tritt auf den Bypass-Schalter. Es herrscht absolute Stille, von Rauschen weit und breit keine Spur, die Signalqualität ist schlichtweg superb. Bei deaktiviertem PITCH VECTOR bietet das Pedal einen High-End-Hallsound, bei dem die kleinen Räume nicht weniger plastisch und ausdrucksstark wie die ausgedehnten, schier endlosen Hallfahnen klingen. Zusammen mit dem effektiven Zweiband-EQ dürfte schon hier kaum ein Wunsch bezüglich der Raumgestaltung offenbleiben. Beim Hinzufügen der Pitchshifting-Effekte und der Modulation entstehen dann aber Klangkaskaden, die zum einen nur schwer mit Worten zu beschreiben sind und zum anderen ein sehr reges und zum Teil kaum zu kontrollierendes Eigenleben entwickeln.

Meris Mercury7 Reverb 4

Da sich die Regler PITCH VECTOR, LO- und HI FREQUENCY gegenseitig beeinflussen, ist die Auswahl an schaurigschrägen und/oder epischen Sounds schier unerschöpflich. Die Produktbeschreibung „Inspired by Bladerunner“ kann man nach nur wenigen Minuten Beschäftigung mit dem Mercury7 absolut nachvollziehen.

Um die enorme Klangvielfalt dieses Pedals zu verdeutlichen, habe ich eine große Anzahl von Klangbeispielen aufgenommen. Zum Teil sind diese mit dem Mercury7 im Effektweg meines Orange Micro Dark und der daran angeschlossenen H&K GL 112″ Box mit Celestion V30 Speaker aufgenommen („Amp“), die übrigen vier wurden mit dem Mercury7 und dessen Stereoausgängen direkt über ein UAD-Interface in Logic Audio aufgenommen („LINE“).

Mit diesem Dutzend Sounds habe ich gerade einmal an der Oberfläche gekratzt, das ganze Potenzial des Gebotenen entfaltet sich für den Benutzer sicher erst im Laufe der Zeit. Und die sollte man sich in jedem Fall bei der Erforschung des Meris Mercury7 Reverb nehmen, dann sind der Kreativität mit diesem Pedal kaum noch Grenzen gesetzt!

Fazit

Mit dem Meris Mercury7 Reverb erreicht unsere Redaktion eine sehr spezielle Tretmine. Sicher, Hallpedale mit Pitchshifter-Effekten gibt es etliche am Markt, was Terry Burton und sein Kollege Angelo Mazzocco allerdings hier an Code in den DSP transferiert haben, ist wahrlich außergewöhnlich und dürfte so manchem Klangreisenden vermutlich die eine oder andere Nacht kosten. Abgesehen von diesen enormen Möglichkeiten der Klangbearbeitung kann man das Meris Mercury7 auch prima als „einfaches“ Hallpedal nutzen, denn auch die unverfälschten Hallräume klingen erste Sahne, daran gibt es keinen Zweifel.

Wer also ohnehin auf der Suche nach einem edel klingenden Hallpedal ist und jenseits davon auch gerne mal über die Stränge schlägt, sollte sich das  Meris Mercury7 Reverb mal in den Amp hängen und dafür viel Zeit mitbringen!

Plus

  • exzellente Signalqualität
  • sehr nebengeräuscharm
  • hoher Kreativitätsfaktor
  • Stereo-Signalführung
  • Eingangspegelanpassung für Synthesizer, etc. möglich
  • sehr tiefreichende Editierungsmöglichkeiten

Minus

  • Potis wacklig
  • leider sehr teuer

Preis

  • Ladenpreis: 369,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Picard  

    Sind die Hintergründe bekannt, warum die Herren Burton und Mazzocco die Firma gewechselt haben? Ich meine, das Pedal hätte man ja auch als Strymon verkaufen können…

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Hi Picard,

      nein, darüber weiß man nichts und JA, du hast Recht, das Mercury7 wäre mit Big Sky, Flint und dem El Capistan tatsächlich in guter Gesellschaft!

  2. Profilbild
    Chick Sangria  

    Klingt toll. Danke für den Vergleich zwischen Amp- und Line-Signal. Letzteres klingt bedingt durch Stereo wesentlich detailreicher.
    Stilblüten wie „Tretmine“ würde ich aber weglassen.

  3. Profilbild
    justme  

    Bleibt das Originalsignal im Mixer (Mix-Regler des Reverbs..) analog, also wird ein digital erzeugter Effekt dem analogen Originalsignal (wie beim Strymon Big Sky…) hinzugemischt oder wird das gesamte Signal gewandelt, digital gemixt zwischen Original und FX und anschließend wieder zurückgewandelt, sodaß nur beim True Bypass ein analoges Originalsignal bleibt…?

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Ja, das analoge Eingangssignal bleibt unangetastet. Egal, ob das Mercury7 an oder aus ist. Und das bemerkt man auch beim Spielen, die Klampfe spielt sich und fühlt sich an, wie immer :)

  4. Profilbild
    plasticcup

    hab auch einen bam und grad noch ein pcm70 ergattert. der bam bleibt definitiv, aber beim pcm 70, obwohl mir der sound sehr gefällt, fehlt mir doch etwas der direkte eingriff.

    wäre der mercury ein ebenbürtiger ersatz für ein pcm70?

    • Profilbild
      digital-synthologie  AHU

      Hab auch ein PCM70. Klingt alleine abgehört nicht so besonders, aber wenn es dann auf einer Stimme liegt, ist es einfach wunderbar.
      Ist aber kein Gerät zum viel dran rumdrehen. Maximal Hallzeit und Predelay anpassen, das wars.

  5. Profilbild
    Pygman

    Heute erhalten von Gear4music aus England. Netzteil passt nicht, aber braucht keinen ungewöhnlichen Strom.
    Regler wackeln nicht, also nicht mehr als bei Strymon´s Timeline auch.
    Klingt sehr schön, ergänzt sich auch gut zum Oto Bam.
    Nur das ´Handbuch´ lässt zu wünschen übrig. Wahrscheinlich denken einige Hersteller in diesen Zeiten: Der Umgang muss einfach erscheinen.

    • Profilbild
      Stephan Güte  RED

      Cool! Durchaus möglich, dass die Potis noch mal verändert wurden, ich hatte ja das Vorserienmodell, ohne Netzteil und sogar ohne Verpackung. Viel Spaß mit dem Knüppel :)

      Stephan

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