Test: Sandberg Electra VS4 CR, E-Bass

2. Mai 2017

Wolf im Schafspelz?

Wir schreiben das Jahr 2012 und Sandberg kündigt eine neue Einsteigerserie an. Die Instrumente, Sandberg Electra getauft, werden in Deutschland aus in Südkorea gefertigten Komponenten zusammengebaut. Sandberg, Ikone deutscher Handwerkskunst. Budget-Serie. Asien. Korpus aus Linde. „Sandberg designed“ Tonabnehmer statt der klassischen Delanos. Das Ende schien nahe!

–Der Sandberg Electra VS4 in Cremeweiß —

Jetzt ist es 2017, fünf Jahre später und die Welt ist keineswegs implodiert. Schlimmer noch, die Sandberg Billigserie namens Electra erfreut sich tatsächlich einiger Beliebtheit und hat auch den Namen des Herstellers nicht ruiniert. Das Wörtchen billig sollte man hier allerdings im Kontext der üblichen Sandbergs sehen, die zwischen etwa 1500,- und im bösesten Falle fast 3000,- Euro angeboten werden. Unseren Sandberg Electra VS4 CR bekommt man für 729,- Euro, womit sie zum Zeitpunkt des Erscheinens keineswegs in „Squier-Cort-Harley-Benton Gefilden“ wandelten.

Facts & Features

Sekunde, so einfach ist es dann doch wieder nicht. Ja, unser Sandberg Electra VS4 CR hat den (fast) klassischen Precision-Korpus und auch einen einzelnen Splitcoil-Tonabnehmer hat man nicht vergessen einzubauen. Genau da hören die Gemeinsamkeiten aber auch eigentlich schon wieder auf. Der Korpus ist aus Linde, der Ahornhals mit liegenden Ringen ist sechsfach mit dem Korpus verschraubt und hat 22 statt 21 Bünde. Diese sind durch einen etwas weiter geschnittenen unteren Cutaway auch allesamt benutzbar. Weiterhin hat das Halsprofil überhaupt nichts mit Precision-Baseballschläger zu tun, sondern weist vielmehr ein klassisches Jazz-Bass C-Profil auf mit 20 mm Saitenabstand an der Bridge und 38 mm Breite am Sattel.

— Sechsfache Halsverschraubung – hier wackelt nichts! —

Der Sattel besteht aus Kunststoff, was aber zumindest dem Sound egal ist, da der Sandberg Electra VS4 wie alle Sandberg-Instrumente über einen Nullbund verfügt. Die Bridge ist kein Blechwinkel, sondern ist aus dem vollen Material gefräst. Die Standard-Sandberg-Bridge eben mit allem, was das Herz begehrt: Viel Masse, dreidimensional einstellbare fette Saitenreiter, über Rollen geführte Saiten und man kann die Saiten von oben einhängen. Exzellent! Auf der Kopfplatte ist ein massiver Saitenniederhalter für die drei oberen Saiten vorhanden. Auch hier muss man nichts durchfädeln, die Saiten können von oben eingehängt werden. Die Mechaniken sind offen, primitiv, leicht laufend und stimmstabil.

— Typische Sandberg-Kopfplatte mit Dreifach-Saitenniederhalter und Nullbund —

Auf zur anderen Seite, dem Korpus. Linde, schön – schlechter Ruf als billiges Holz hin oder her, inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass Bässe daraus nicht zwangsläufig nach Pappe klingen. Kleine Anekdote. Ich hatte vor Jahren auf einem Festival, auf dem sowohl er als auch ich auftraten, einen extrem feuchtfröhlichen Abend mit dem Sänger/Bassisten von Beehoover. Long story short, die (übrigens gute) Band besteht nur aus Drummer und Bassisten, der Typ ist ein extremer Bass-Nerd und schwor darauf, dass Linde das allerbeste Holz für Bässe sei – zumindest für seine Zwecke.

Ich schweife ab. Auf dem Lindekorpus des Sandberg Electra VS4 ist ein Sandberg designed Tonabnehmer im Splitcoil-Format verbaut, allerdings mit großen, offenen Polepieces im Music Man-Style. Weiß der Geier, wo und wie das Zeug hergestellt wird, aber mir kann keiner erzählen, dass hier nicht Delano, der eigentliche Ausrüster von Sandberg, irgendwo seine Finger im Spiel hatte.

Jedenfalls füttert dieser Pickup eine aktive Zweiband-Elektronik, auch „Sandberg designed.“ Diese ist definitiv – und glücklicherweise – nicht die Glockenklang-Elektronik, die zumindest in älteren Sandbergs verbaut war, und lässt sich mit einem Zug am Volume-Regler überbrücken und passiv schalten. Leider gibt es keine zusätzliche passive Höhenblende. Die Elektronik wird von einer 9V-Batterie gespeist, die einfach und schnell zu wechselnd in einem Klappfach auf der Rückseite sitzt.

— Dicke Bridge und Splitcoil mit offenen Polepieces —

Zum Thema Komponenten aus Korea, in Deutschland zusammengebaut – was übrigens auch zusammen mit einer eingeprägten Seriennummer auf der Rückseite der Kopfplatte vermerkt ist: tadellos. Hier stimmt alles, es ist kein einziger Fehler oder auch nur eine Ungenauigkeit in der Fertigung zu finden. Der einzige, wirklich sehr kleine und schnell zu behebende Wermutstropfen ist die nicht 100% genaue Einstellung der Oktavreinheit der A-Saite – geschenkt.

Bedienungsanleitung, Inbusschlüssel für Halsstab und Bridge sowie D’Addario Stahlsaiten gehören übrigens zum Lieferumfang, ein Gigbag aber leider nicht.

Zwischenfazit

Der Sandberg Electra VS4 ist eine Luxusversion im Preci-Style mit unzähligen, teils Sandberg-typischen Detailverbesserungen, denen andere Kopierer und auch das Original nicht das Wasser reichen können – vor allem nicht zu diesem Preis. Der ist natürlich nicht im ganz billigen Segment angesiedelt, das Instrument macht aber den Eindruck eines Premium-Instruments, das man für 729,- Euro normal nicht bekommen würde. Das allerdings sind Vorschusslorbeeren, noch habe ich das Ding nicht gehört. Auch aus schönen Komponenten könnte Soundmüll kommen – also dem Electra mal in der Praxis auf den Zahn gefühlt.

Praxis

Der Sandberg Electra VS4 bringt ca. 3,8 kg auf die Waage und ist damit nicht besonders schwer – dafür aber ganz leicht kopflastig, was für einen eher leichten Preci nicht ganz ungewöhnlich ist. Das hält sich aber soweit in Grenzen, dass es eigentlich nur mit einem super rutschigen Kunststoffgurt wirklich stört, selbst ein schmaler Ledergurt hält den Electra perfekt in Position.

Trocken angespielt dringt ein offener, straffer und ziemlich lauter Ton ans Ohr, der ein gutes Schwingverhalten verspricht. Der Hals mit Jazz-Bass-Profil spielt sich eben so, leicht und locker. Die Saitenlage ist von Werk aus relativ flach, aber nicht zu niedrig und schnarrfrei – zusammen lädt das direkt mal zum Fuddeln und Slappen ein. Wenn einem da man nicht der Tonabnehmer einen Strich durch die Rechnung macht … sehen wir gleich. Spieltechnisch fühlt sich der Sandberg Electra VS4 auf jeden Fall eher nach Jazz als nach Precision an, was ja nicht per se schlecht ist, sondern sogar oft bevorzugt wird. Nicht umsonst wird fast jeder Preci auch mit dem Jazz-Halsprofil angeboten.

Passiver Betrieb

An den Amp angeschlossen, kommt ohne Aktivierung der Aktivelektronik zunächst in etwas der erwartete Ton zum Vorschein. Passiv klingt der Sandberg Electra VS4 ganz klar nach Precision – allerdings mit einer deutlich moderneren Note. Die brachiale Wuchtigkeit und Knorzigkeit eines klassischen Erlekorpus fehlt etwas, lässt sich aber erahnen. Der Klang ist dafür etwas klarer und höhenreicher, was sicherlich dem Tonabnehmer geschuldet ist. Dieser verfügt nämlich über eine geringere Wicklungszahl als ein klassischer Splitcoil, was ein klareres Signal bringt. Den Lautstärkeverlust gleicht man mit den fetten Polepieces und starken Magneten aus. Funktioniert, Output-technisch ordnet sich der Electra irgendwo zwischen den üblichen Humbucker- und P-Bässen ein.

Mit dem Passivsound, im Folgenden in zwei Hörbeispielen demonstriert, lässt sich gut arbeiten – allerdings fehlt, für einen P-Bass eigentlich fatal und für einen P mit mehr Höhen erst recht – eine Höhenblende! Insofern hat man genau einen Sound zur Verfügung, den man nur mit Spieltechnik beeinflussen kann. Ob das den Passivmodus zur Notoption degradiert oder ob man mit genau dem Sound klarkommt, muss jeder für sich entscheiden…

Aktiver Betrieb

Mit aktivierter, aber neutral eingestellter Aktivelektronik passiert genau, was passieren soll. Kein Lautstärkesprung, keine großartige Soundänderung, allerdings klaren die Höhen etwas auf. Der Splitcoil überträgt jetzt wirklich gnadenlos und knochentrocken alles, was der Spieler auf dem Griffbrett veranstaltet. Amps und Boxen bügeln da einiges aus, aber ein clean aufgenommenes DI-Signal wie im folgenden Hörbeispiel stellt den Elchtest für die Spieltechnik dar. Man hört wirklich jedes Nebengeräusch und jede Nuance.

Man sagt Precision-Style-Bässen ja ohnehin nach, sehr direkt die Fähigkeiten des Players zu übertragen und das gilt in besonderem Maße für den Electra. Mit Gefühl, Groove und sauberer Technik klingt er grandios, aber selbst kleinste Ungenauigkeiten werden sofort abgestraft. Damit stellt der Sandberg Electra VS4 CR für den fortgeschrittenen Bassisten eventuell sogar ein sehr brauchbares Werkzeug zur Verbesserung der Spieltechnik dar, der eine oder andere Fast-Anfänger aus der „my first Sandberg“-Fraktion – Zielgruppe! – könnte hier aber sein blaues Wunder erleben. Das allerdings ist definitiv keine Kritik am Instrument!

Jedenfalls sind die Direktheit und die Brillanzen des Sandberg Electra VS4 enorm – die Stahlsaiten tun ihr Übriges, dem Instrument würden Nickels mit Sicherheit auch nicht schlecht stehen. Am Verstärker wirkt das Höhenspektrum aber zumindest nicht mehr übertrieben, sofern man keinen Tweeter in der Box hat. Dafür setzt sich der Electra auch im Kontext einer lauten Rockband mit zwei Gitarren sehr schön durch und besticht überhaupt durch einen präsenten und quer über alle Saiten und Bünde ausgewogenen Sound.

Nun lassen sich die Höhen nun mit Einsatz der Aktivelektronik natürlich auch noch etwas zähmen. Mit etwas zurückgerolltem Höhnenregler und noch einem kleinen Boost in den Bässen kommt man auch wieder in den Bereich klassischer Preci-Sounds, fast noch mehr als im Passivmodus. Iron Maiden gefällig?

Weiterhin beachtlich, welchen Anschlag-Knack der Sandberg Electra VS4 selbst unter Zurücknahme der Höhen noch abliefert. Generell scheint der Höhenregler nicht besonders stark zu cutten, wie man auch im folgenden Beispiel mit ganz zugedrehten Höhen und leicht geboostetem Bass hört. Gerade bei dem Part mit Left-Hand-Muting am Ende tritt der Anschlag noch ordentlich nach vorne und es klingt keineswegs nach „unter Wasser.“ Bug or feature?

Gut klingen tut es, aber ein wenig mehr Dämpfung könnte dem einen oder anderen doch fehlen. Palm Mute und mit Daumen geht auch, aber die James-Jamerson-Fans würden hier selbst mit Flatwounds wahrscheinlich nicht 100% glücklich, der Sandberg Electra VS4 kann seine moderne Note nie ganz verbergen. Für hin und wieder mal oldschool R’n’B zocken reicht’s aber schon.

Seine Abstammung vom Preci aber auch nicht immer – neutral eingestellt und geslappt klingt er sehr schön griffig, aber keineswegs wie ein Jazz, ein wenig P-Knorz schwingt da noch mit:

Mit Boost in Höhen und Bässen geht dann aber trotzdem die Luzi ab, wenn man in Richtung fetterer moderner Slapsounds gehen will. So was kann ein klassischer Precision so definitiv nicht!

Überhaupt ist die Aktivelektronik sehr gut abgestimmt – auch extreme Einstellungen klingen noch gut, tatsächlich boostet das Ding gar nicht so stark, ist dafür aber sehr gut dosierbar. Ich erwähnte, dass der Sandberg Electra VS4 vielleicht nicht das optimale Gerät für die Oldschool-P-Fraktion ist, aber für etwas moderner ausgerichtete Anwender dürfte er ein sehr flexibles Arbeitsgerät darstellen und das mit nur einem Tonabnehmer! Möchte man, weg vom üblichen P-Bass Anwendungsfall des klassischen alten Heavy Metal, zum Beispiel mit dem Pick einen Doublebass begleiten, möge man doch einfach Höhen und Bässe voll boosten – keine falsche Scheu, klingt so:

Voll aufgedrehte Höhen rauschen auch noch nicht mal, begünstigen aber natürlich die Übertragung von Nebengeräuschen und der Sandberg Electra VS4 ist sowieso schon die Nebengeräusch-Hölle … wenn man aber damit klarkommt, wird man zum Beispiel für Akkordspiel mit fantastischer Auflösung und brillanten Höhen belohnt. Zusätzlich dazu liefert die Kombination aus fetter Bridge, erhöhtem Anpressdruck am Sattel durch erweiterten Saitenniederhalter und der bombenfesten Halsverschraubung sehr gutes Sustain. Das klingt ebenfalls absolut nicht mehr Preci-ähnlich!

Fazit

Wenn man die Frage „was will man mehr“ beim Sandberg Electra VS4 beantworten müsste, wäre die einzige akzeptable Antwort „ein Preci.“ Der Electra ist einfach kein solcher, sondern eine moderne Neuinterpretation des Klassikers und damit eigentlich auch genau das, was man von Sandberg erwartet. Der klassische Precision-Sound schaut hin und wieder mal um die Ecke, hält sich aber meist leicht im Hintergrund und macht Platz für modernere Töne. Löst man sich etwas von dem Klangideal, das die Optik des Sandberg Electra VS4 vielleicht zuerst nahelegt, bekommt man hier aber ein sehr flexibles, gut und vor allem extrem klar klingendes Arbeitsgerät.

Konzept stimmig, Verarbeitung perfekt, exzellent bespielbar. Bleibt bei einem Preis von lediglich 729,- Euro etwas anderes als ein „sehr gut“? Nein. Wer nach einem klassischen Preci sucht, ist hier falsch, jeder andere sollte den Electra mal anspielen – gerade auch Fans von Jazz Bass oder Music Man, man wird überrascht sein!

Plus

  • sauber verarbeitet
  • hochwertige Konstruktion
  • gut abgestimmte Aktivelektronik
  • Sound
  • Bespielbarkeit

Minus

  • kein Gigbag im Lieferumfang
  • keine passive Höhenblende
  • Intonation von Werk nicht ganz perfekt eingestellt

Preis

  • Ladenpreis: 729,- Euro
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