Test: SPL Iron, Röhren Mastering Kompressor

23. Mai 2016

Das Beste vom Besten!

Kinders, was ist nicht schon alles über den Untergang des klassischen 19-Zoll Equipment geschrieben worden. Dank einer inflationären Flut von Plug-ins, zusätzlich mit einer potenzierten Anzahl von Presets versehen, sahen bereits einige Zeitgenossen die totale Abstinenz jeglicher Hardware in nahezu allen Tonstudios dieser Welt. CPU-Leistung gegen analoge Erfahrung, warum die Arbeitsweise eines Gerätes verstehen, wenn das Preset so nahe liegt. Bis hinauf in die Ebenen der letzten High-End-Studios hallte der Abgesang und die Demontage der 19-Zoll Racks war bereits in vollem Gange. Doch es gibt durchaus noch Gegenwind, der SPL Iron im Test.

SPL Iron

SPL Iron

Aber da gibt es ja noch die Gegenbewegung. Warum muss ich jetzt an Asterix denken? „Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien? Nein, ein kleines Dorf … usw.“ Im Audiobereich heißt das Dorf Niederkrüchten und der Hinkelstein, mit dem gerade um sich geworfen wird, nennt sich SPL Iron. Dabei handelt es sich um einen Mastering Röhren Kompressor, bei dem der Begriff „Hinkelstein“ durchaus wörtlich zu nehmen ist. Vier Höheneinheiten, elf Kilogramm Gewicht, ein Produktname wie aus der Metal-Szene und ein Frontpanel, das sich auch im Steuermodul von Raumschiff Enterprise gut machen würde. Das alles flößt dem ambitionierten Nutzer mehr als nur Respekt ein.

Ach ja, der Bolide schlägt mit einem Ladenpreis von 4.290,- Euro zu Buche, auch das verschafft Respekt! Noch Fragen? Dann auf in die Top-Liga der alten Schule, dem klassischen High-End Segment.

SPL Iron Front

SPL Iron Front

Konstruktion

Primär wurde der SPL Iron als Mastering Kompressor ausgelegt, was ihn allerdings nicht davon abhält, auch als 2-facher Single Kompressor oder aber in einer Subgruppe seine Qualitäten an den Mann zu bringen. Der von Firmengründer Wolfgang Neumann entwickelte Röhren-Kompressor nennt den legendären Fairchild 670 als Vorbild für seine Entstehung, allerdings will dieser lediglich als Inspiration verstanden werden. Um es vorweg zu nehmen, einmal mehr hat SPL ein erfolgreiches Konzept weiterentwickelt und optimiert. So arbeiten beispielsweise zwei Röhren pro Kanal im Signalweg, die zusätzlich mittels einer dreifachen Bias-Regelung die Klangcharakteristik beeinflussen.

Zudem kann man über den als „Rectifier“ bezeichneten Regler verschiedene Gleichrichterschaltungen zur Erzeugung der Bias-Regelvorspannung aktivieren, die zwischen reinem Germanium, Silizium oder LED-Kennlinie umschalten. Erwartungsgemäß arbeitet SPL auch beim Iron mit der eigens entwickelten 120 Volt Technik, die ein Plus an Headroom im Bearbeitungsprozess garantiert.

Ähnlich wie auch bei anderen Schlachtschiffen aus der SPL Fertigung, zum Beispiel dem Passeq, fährt SPL auch beim Iron alles auf, was man sich an exquisitem Inhalt vorstellen kann. Beste Komponenten, die teilweise sogar als Sonderanfertigung geliefert werden, geben sich die Klinke in die Hand. Angefangen bei Mu-Metall-Eisen-Übertragern des Herstellers Lundahl, über VU-Meter, die mit einer speziellen Ballistik ausgestattet wurden, bis hin zu sehr wertigen Big Blue Potentiometern von ALPS. Lieferbar ist das Produkt neben dem klassischen Outfit in schwarz auch in einem kräftigen Rot.

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Bedienelemente

Auch wenn es schon unzählige Male dokumentiert wurde, das Glätten der dynamischen Spitzen zählt zu der Königsklasse der Signalbearbeitung. Kein anderer Prozessor ist so schwer zu bedienen wie ein analoger Kompressor, kein anderes Tool kann so viel Klanggewinn generieren und im gleichen Atemzug so viel Schaden anrichten. Um die Bedienung so übersichtlich wie möglich zu gestalten, wurde der SPL Iron in allen Bedienelementen optisch sehr großzügig dimensioniert.

Um es vorneweg zu schicken, einen Ratio-Regler sucht man bei einem Röhrenkompressor vergeblich. Vielmehr hängt der Grad der Kompression vom Threshold Grad und dem Eingangspegel ab, wobei die Kompression bei höherem Pegel und niedrigem Threshold zunimmt. Nicht zuletzt aus diesem Grund gelten Kompressoren dieser Bauweise als besonders „musikalisch“ in ihrem Klang.

Zurück zu den Bedienelementen: Blickfang sind die beiden riesigen Threshold-Regler, die über eine 41-fache Rasterung verfügen. Unterhalb dieses Reglers liegen linksseitig der Eingangs-, rechtsseitig der Ausgangsregler, wobei mittels eines Kippschalters die Funktion in Standby, Verstärkung oder Dämpfung des Pegels umgeschaltet werden kann. Die Attack- und Release-Regler wurden mit einer sechsfach Raster ausgerüstet und befinden sich linksseitig bzw. oberhalb des Threshold-Reglers. Gespiegelt hierzu befindet sich ein Sidechain EQ-Schalter, der bei Bedarf in vier voreingestellte Frequenzkurven eingreift und der oben beschriebene Rectifier, einem der Highlights des SPL Iron. Wahlweise kann der Sidechain auch von einer externen Klangquelle angesteuert werden.

Damit aber noch nicht genug der Besonderheiten. Mittig angeordnet befinden sich zwei Presets, die bei Bedarf mittels eines Minischalters aktiviert werden können. In der Stellung „Airbase“ erfährt das Signal aufgrund der Anhebung von Bässen und Höhen einen Hauch Loudness im Klang, in der Stellung Tape Roll-Off wird das Klangverhalten alter Bandmaschinen in Form der leichten Absenkung der Bässe und einer stärkeren Höhenabsenkung imitiert. Als sehr praxisnahes I-Tüpfelchen weiß der SPL zudem noch mit der Auto-Bypass-Schaltung zu überzeugen. Um der Ermüdung des Gehörs vorzubeugen und stets eine objektive Beurteilung des Signals zu gewährleisten, kann man das Deaktivieren der Klangbearbeitung einer Automatik überlassen. Mittels eines mittig angeordneten Drehreglers kann man das Zeitfenster zwischen kurz (Linksanschlag) und lang (Rechtsanschlag) wählen.

Abschließend bleibt noch der Link-Schalter zu erwähnen, der den linken Kanal nicht nur wie zumeist üblich in den Zeitparametern Attack und Release zusammen verwaltet, sondern bis auf den Input- und Output-Regler alle Bedienelemente koppelt.

SPL Iron Rueckseite

SPL Iron Rückseite

Praxis

Oje, das wird wieder ein Test, der vor Superlative nur so strotzt. Angefangen bei einem Nebengeräuschpegel, der messtechnisch in einem Diagramm noch zu erfassen ist, in der Praxis jedoch unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegt. Geht man aber an den eigentlichen Klang, gestaltet es sich wahrlich schwer, dem generierten Sound eine passende Beschreibung zukommen zu lassen. Schon in den ersten Bearbeitungsschritten besticht der SPL Iron mit einer sehr weichen und unaufdringlichen Bearbeitung, die umgehend einen Suchtcharakter auslöst. Je nach Rectifer Einstellung in Kombination mit den Tube-Bias-Schaltern kann man in der Tat alle Klangeffekte generieren, wegen denen sich gerade das archaische Bauteil in Form einer Röhre hartnäckig in der höheren Leistungsklasse hält.

Je nach Rectifier-Schaltung rücken entweder die Impulsspitzen in den Vordergrund, während in der nächsten Stellung plötzlich der Raumanteil deutlich mehr an Volumen gewinnt. Auch die mit dem Bias-Schalter erzeugte Sättigung wirkt sich je nach Kombination mit dem Recitifier-Regler dramatisch auf den letztendlichen Klang aus. Dabei bleibt die Musikalität im Gesamtklang stets erhalten. Das angelieferte Signal wird dermaßen rund verdichtet, wie man es sonst kaum geboten bekommt. Wer es sich jetzt mal richtig dreckig geben will, wirft nach einer ausgiebigen Session mit dem SPL Iron noch mal ein DAW Kompressor Plug-in in die Runde und vergleicht die Klänge. Ihr werdet euren Ohren nicht trauen.

SPL Iron im Studio

SPL Iron im Studio

Fazit

Mit dem SPL Iron hat das Team um Wolfgang Neumann einen Röhrenkompressor auf den Markt gebracht, der seines Gleichen sucht und nicht findet! Alles, was man an Superlativen in einem Test für ein Gerät dieser Bauart schreiben kann, trifft auf dieses Gerät zu.

Angefangen bei hervorragenden Messwerten, über brillante Detaillösungen, weiter mit einer unerreichten Flexibilität bis hin zu einem einzigartigen Klang, der jeden Zweifler überzeugen wird. SPL ist wahrlich ein Meisterwerk mit diesem Produkt gelungen.

Ja, das Produkt hat seinen Preis, aber bei Entwicklung UND kompletter Fertigung in Deutschland, gepaart mit diesen Ausnahmewerten erscheint ein Ladenpreis jenseits der 4.000,- Euro Marke als fairer Gegenwert für diesen einzigartigen Klang.

Zur Zeit weltweit das Beste, was ein Röhrenkompressor zu bieten hat!

Plus

  • Klang
  • Konzeption
  • Bauteile
  • Verarbeitung
  • Ausstattung

Preis

  • Ladenpreis: 4.290,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Auf diesen Testbericht warte ich seit einiger Zeit. Klasse!

    • Profilbild
      AMAZONA Archiv

      Eine Frage habe ich, die allerdings weder etwas mit technischen Details, noch den Spezifikationen zu tun hat. Ich habe mittlerweile von mehreren Personen gehört, dass beim schwarzen Modell die Oberfläche um den Treshold Regler etwas empfindlich für Kratzer ist. Kannst Du das bestätigen?

  2. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Ichh freue mich, dass Tegler und SPL weiterhin analoge Geräte konzipieren, die Maßstäbe setzen können, auch und besonders für ein digitales Equipment – aber sie richten sich an Studiobetreiber, nicht an einen Musikanten wie mich. Das Verhalten der Geräte schärft allerdings die Sinne, bei allen, die zuhören können und wollen. Danke für den Test dieses Mastering-Kompressors.

  3. Profilbild
    customstudio  

    Also ich finde das die Audiobeispiele gegenüber dem Original zu Tode komprimiert sind.
    Das Original klingt besser als das bearbeitete.

    • Profilbild
      Thomaz

      Ich sitze momentan zwar nur vor durchschnittlichen Multimedia-Lautsprechern, aber eine Klangverbesserung gegenüber dem Original kann ich auch absolut nicht feststellen, eher im Gegenteil…

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