Test: Tegeler Audio Crème, Crème RC, Stereo EQ Kompressor

4. Juli 2020

Tegelers Bestseller nun auch per Plugin steuerbar

Die klassische Variante mit Kippschaltern und ohne Remote-Control

Vorwort der Redaktion

Vor 4 Jahren haben wir uns erstmals dem Tegeler Audio Manufaktur Crème gewidmet, der Stereo-EQ und Kompressor in einem hochwertigen Gerät vereinte. Soeben erschien mit dem Crème RC eine erweiterte Variante, die sich automatisieren lässt und über Motorpotis verfügt. Da ansonsten beide Versionen nahezu identisch sind, hier nochmals der Test von Axel Ritt aus dem Jahr 2016 und danach eine Ergänzung zur RC-Version von mir.

Viel Spaß beim Lesen
Peter Grandl

Tegeler Audio Manufaktur Crème – ein Bestseller

Es ist mal wieder die Zeit der Grundsatzdiskussionen. Eben noch im trauten Kreis der Familie „O du Fröhliche“ anstimmen und unmittelbar nach Abschluss der Feierlichkeiten sich den harten Fronten im ewigen Kampf analog gegen digital stellen. Was ist passiert? Nun, die deutsche Firma Tegeler Audio Manufaktur mit ihrem Sitz in Berlin hat mit dem Crème ein analoges Produkt in Form eines Stereo-Equalizers im Pultec Stil mit Bus-Kompressor auf den Markt gebracht. Nun ja, was sollte daran so ungewöhnlich sein, wird sich der eine oder andere fragen. Ein Blick in das beigefügte Handbuch offenbart den Einsatzbereich.

Die Mannen um Michael Krusch verweisen explizit darauf, das Produkt im Mix zu verwenden, was zwangsweise zu einer Wandlung des digitalen Signals und seiner Rückführung in die DAW führt. Ja genau, Kompressoren und Filter haben wir doch jede Menge in Plugin-Form vorliegen, warum die aufwändige Signalführung für den Mixdown oder wenigstens einer Subgruppe? Und schon sind wir mitten im Frontenkampf!

Leicht voneinander zu unterscheiden. Der Crème ohne Remote verfügt über Kippschalter.

Konstruktion des Tegeler Audio Crème

Bei dem Tegeler Audio Manufaktur Crème handelt es sich um ein Standard-Rackeinschub von 2 HE, der jedoch aufgrund von vier kleinen Gummifüßen auch als Desktop-Gerät betrieben werden kann. In Sachen Anschlüsse setzt man rückseitig auf Stereo-XLR als Eingangs- und Ausgangsbuchsen. Vorderseitig empfangen uns neben dem Netzschalter und einer gelben Betriebs-LED neun große, allesamt gerasterte Drehregler, drei Minischalter und ein einfaches VU-Meter, das die Reduktion des Ausgangspegels aufgrund der Kompressor-Tätigkeit in dB anzeigt.

Jeweils sechs Frequenzbereiche können als Shelving-Filter im Bass- (20 Hz, 30 Hz, 60 Hz, 100 Hz, 140 Hz, 200 Hz) und Höhenbereich (10 kHz, 12 kHz, 16 kHz, 18 kHz, 20 kHz, 24 kHz) mit jeweils fünf verschiedenen Stufen geboostet werden. Der eingebaute Kompressor verfügt über die Standard-Parameter Threshold, Ratio, Attack, Release und kann über einen Minischalter die Frequenzen unterhalb von 60 Hz oder wahlweise 120 Hz abtrennen.

Eine sinnvolle Schaltung, um die leistungsfressenden Bässe aus dem Komprimierungsprozess herauszuhalten. Sehr schön ist auch die Möglichkeit, den Signalfluss in der Reihenfolge der zu passierenden Komponenten schalten zu können. So entscheidet ein Minischalter, ob das anliegende Signal zuerst den Equalizer und dann den Kompressor passiert oder ob man die Reihenfolge umkehren möchte. Erwartungsgemäß variiert der Klang je nach Preset ganz massiv.

Ansonsten hält sich der Crème bewusst aus allem, was uns im digitalen Bereich lieb und teuer ist, wie LED-Ketten, Displays und Speicherplätzen komplett heraus und beschränkt sein Einsatzgebiet lieber auf das dezente Signalverwalten im Hintergrund. Über einen feingerasterten Output-Regler schickt man letztendlich das bearbeitete Signal an die nächste Bearbeitungsstufe. Geliefert wird der Crème übrigens einmal mehr in der legendären „Weinkiste“, die sich optisch erfrischend von den üblichen Pappverpackungen unterscheidet.

Der Tegeler Audio Manufaktur Crème in der Praxis

OK, schauen wir uns die Philosophie hinter dem Crème einmal etwas genauer an. Um den Ansatz zu verstehen, müssen wir uns wie so oft ein paar Jahre nach hinten bewegen oder besser gesagt, uns zu den Wurzeln des Mixdowns zurück bewegen. Mitte der Achtziger hatten die Amis wieder mal die Nase vorn in Sachen „fetter Mix“. Es ist nicht überliefert, welcher Tontechniker oder Produzent als erstes auf die Idee kam, einen fertigen Mix noch mal einer separaten Stereosignalbearbeitung zu unterziehen, Fakt war nur, dass die amerikanischen Produktionen seiner Zeit deutlich mehr am 0 dB Level des gerade neu erschienen Massenmediums CD kratzten als europäische Produktionen. Mehr Bässe, mehr Druck, mehr Lautheit. Der Mastering-Prozess war geboren und entwickelte sich rasant zu einem nahezu gleichwertigen Prozessschritt wie die Signalaufnahme an sich.

Um sich nun im Mixdown die spätere Klangformung des Masterings besser vorstellen zu können, pflanzten einige Toningenieure einen Summen-Equalizer und gerne auch einen Kompressor mit in den Signalweg ein, um ihren Mix dahingehend zu optimieren. Man konnte somit im A/B-Vergleich vergleichsweise schnell den Mix abgleichen oder aber bei Bedarf zwei Mixe fertigen, einmal mit Summenbearbeitung, einmal ohne, bevor es ins Mastering-Studio ging.

Ein wirklich edles Teil, der Tegeler Crème RC

Hier teilen sich erneut die Lager. Viele Produktionen überspringen heutzutage den klassischen Mastering-Schritt und lassen diverse Plugins aus dem Bereich Dynamik, Filter und Limiting im Summenkanal in allen Bearbeitungsschritten gleich mitlaufen. Dies funktioniert aber nur bei einer perfekten Einstellung mit reichlich Erfahrung, die nicht nur auf der hauseigenen Abhöre funktioniert, sondern auch allen anderen Lautsprechern vom Küchenradio bis zur HiFi-Anlage genügt. Zudem sorgt jedes Plugin für reichlich Latenz und schmälert die Tightness im Recording-Schritt. Führt man das Signal zurück auf die analoge Ebene und bleibt dort bis zur Abhöre, bleiben diese Probleme außen vor. Zudem verfügen analoge Geräte eher über den „Schmeichlereffekt“, der das Signal weicher und wärmer klingen lässt als ein Plugin, das der CPU alles an Rechenleistung entreißt, was diese noch zu bieten hat.

Der Tegeler Crème RC mit gelb leuchtenden Drucktastern

Natürlich kann man den Tegeler Audio Manufaktur Crème auch als normalen Stereoprozessor im Recording-Schritt benutzen, aber die Frequenzwahl der Shelving-Filter könnte je nach Charakter nicht den gewünschten Effekt bieten. Überhaupt geben einige der gewählten Frequenzen Grund zum Stirnrunzeln. 20 beziehungsweise 30 Hz werden zwar gerne im Handbuch einer Lautsprecherbox aufgeführt, erweisen sich aber meistens in der Musikwiedergabe als leistungsfressende, atmosphärische Schwingungen, die dem Musikgenuss eher abträglich sind. Ebenso kann im Höhenbereich der 20 kHz Regler mit viel gutem Willen noch als Farbe vertreten werden, ob allerdings ein 24 kHz Filter einen Zugewinn für den primären Einsatzbereich des Produktes darstellt, wage ich in Frage zu stellen.

Die Anschlüsse des Tegeler Crème

Die Handhabung des Crème erweist sich als sehr intuitiv, man kann bei entsprechender Erfahrung eigentlich nichts falsch machen. Ähnlich der Klangregelung bei klassischen Stereoanlagen sorgen Low- und High-Regler für einen wohlklingenden Loudness-Effekt, der nach wie vor von vielen Musikhörern bevorzugt wird. Auch die Handhabung des Kompressors ist vergleichsweise einfach, zumal er deutlich dezenter zu Werke geht als ein standalone Produkt. Schwere Einstellungsfehler wie massives Pumpen lassen sich nur mit Gewalt umsetzen, was zu einer entspannten Arbeitsatmosphäre führt.

Wer nach Inbetriebnahme des Produktes auf den großen Aha-Effekt hofft, wird leider enttäuscht. Vielmehr geht der Crème sehr subtil zu Werke und werkelt dezent im Hintergrund, ohne dass er allzu prätentiös auffallen würde. Erst im Bypass-Mode merkt man, wie sehr man sich bereits an das verdichtete Signal gewöhnt hat und wie vergleichsweise belanglos das ursprüngliche Signal im direkten Vergleich klingt.

Jeder Crème wird mit Zertifikat ausgeliefert.

Die Ergänzungen von Crème zu Crème RC

Wie bereits auch bei der Raumzeitmaschine von mir getestet, lässt sich der Crème RC ganz unkompliziert per Ethernet in die Studioumgebung eingliedern. Nach meiner Erfahrung läuft das sogar deutlich zuverlässiger als die endlosen USB-Netzwerke, die gerne in Tonstudios für Probleme sorgen. Einmal verkabelt, startet man das mitgelieferte Plugin in seiner DAW und hat von da ab ein Total-Recall-fähiges Studiogear, das sich anfühlt, als wäre es ein Plugin, aber eben keines ist.

Das Cream RC Plugin

Die Audiosignale laufen selbstverständlich nicht über Ethernet – das sei nur sicherheitshalber erwähnt ;).

Die Kippschalter wurden genau zum Zwecke der Fernsteuerung nun durch Drucktaster ersetzt und bei den Reglern kommen fast lautlose Motorpotis zu Einsatz. Das Ganze wird grafisch im Plugin unterstützt, so dass im Prinzip kein Bedarf mehr besteht, die Änderungen am Gerät selbst vorzunehmen.

Ebenfalls neu ist neben dem bewährten Auto-Modus am Release-Poti, der „Cream-Modus“. (siehe Abbildung unten)

Der neue CREAM Modus am Créme.

Der Kompressor greift schneller und härter zu. Tegeler erklärt den neuen Modus wie folgt:

„Wir haben den klassischen Auto-Modus überarbeitet, weil Musik sich über Jahrzehnte verändert hat. Für noch ballerndere Bässe und frischere Höhen haben wir unsere Erfahrungen aus der Schwerkraftmaschine genutzt und zusammen mit einigen Berliner Künstlern den Cream-Modus entworfen. Schiebt, drückt und knallt!“

Wir konnten das tatsächlich nachvollziehen und für den ein oder anderen Produzenten, ist diese Ergänzung eine echte Bereicherung.

Und noch ein Hinweis:

Künftig werden übrigens beide Créme-Varianten im Handel erhältlich sein.

Fazit

Einmal mehr mischt die Berliner Tegeler Audio Manufaktur mit dem Crème ein sehr gutes analoges Produkt in den digitalen Signalfluss. Der Stereo-Equalizer mit Bus-Kompressor im Pultec Stil überzeugt mit hochwertigen Komponenten, einfacher Handhabung und einem Hauch Dekadenz. Auch wenn das Produkt primär für die Summenbearbeitung konzipiert wurde, lässt sich der Crème auch traditionell als Stereo-Filter im Aufnahmebereich nutzen.

Die analoge klangliche Auflösung des Signals ist zweifelsohne eine der großen Stärken des Produkts und weiß gegen die Plugin Konkurrenz mit viel Headroom zu überzeugen.

Mit der Crème RC-Version gibt es nun auch eine Variante, die sich per Plugin von der DAW aus steuern lässt und damit echtes Total-Recall anbietet.

Plus

  • Klang
  • Verarbeitung
  • Komponenten
  • Konzeption
  • Total Recall durch ein Plugin (nur Crème RC)

Preis

  • Tegeler Audio Manufaktur Crème: 1.698,- Euro
  • Tegeler Audio Manufaktur Crème RC ca. 2.000,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    MidiDino  AHU

    Ich meine, es war die Tegeler Audio Manufaktur, von der ich meine wichtigste Lektion in Bezug aufs Komprimieren lernte: Ein Klang, den man nicht entwickeln lässt, ist nicht zu komprimieren.
    Zur selben Zeit waren übrigens Producer online dabei, die Güte von Kompressoren nach der Kürze der einstellbaren Attacks zu beurteilen; Musik, so mein Verdacht, war diesen scheißegal.
    Falls ich mich dazu durchringen könnte, eine analoge Nachbehandlung zu erwägen, käme mit Sicherheit Tegeler in Betracht. Danke für den Hinweis.

    • Profilbild
      Ted Raven  AHU

      MidiDino: „Zur selben Zeit waren übrigens Producer online dabei, die Güte von Kompressoren nach der Kürze der einstellbaren Attacks zu beurteilen; Musik, so mein Verdacht, war diesen scheißegal.“
      Das passt, Ernst Horn sagte zur selben Zeit „Heute wird alles totkomprimiert“.

  2. Profilbild
    GEM-D  

    Die Tegler Geräte scheinen ein guter Kompromiss zwischen guter Qualität und noch einigermaßen erschwinglichem Preis zu sein… Ich kenne bisher allerdings auch nur die Audio-Beispiele aus dem Netz.
    Ich hatte eigentlich immer die Kombi EQP1 und VTC für Mastering im Auge… Wäre das hier eine gute Alternative?

  3. Profilbild
    joegedicke  

    Ich habe mir den Creme mal zum Testen kommen lassen und bin sehr positiv angetan von dem Gerät. Der Equalizer packt sehr elegant zu und gibt dem ganzen Mix einen sehr schönen Glanz in den Höhen und der Bassbereich wird auch hervorragend abgerundet. Selbst Mixe, bei denen ich eigentlich vorher zufrieden war wurden mit dem Creme dann doch noch mal besser. Es wird mit dem fein und schnell zupackenden Kompressor auch Alles noch einmal wunderbar zusammengeschweisst. Ich habe vorher mit hochwertigen PlugIns gearbeitet, werde mir jetzt aber wohl den Creme gönnen müssen. Ich kann nur jedem, der aufnimmt, mal empfehlen, sich das Gerät zum Testen kommen zu lassen!

  4. Profilbild
    AMAZONA Archiv

    Der Hersteller ist mir durchaus sympathisch: Innovativ, die Preise sind ok und die Recall Lösung mit Motorpotis ist der definitiv Königsweg für Analogtechnik.

    Aaaaber: Der Klang des „Créme“ gefällt mir leider überhaupt nicht. Das Teil trägt viel zu Dick auf. Die Kompression wirkt eher rumpelig als subtil und der EQ hat eine etwas zum künstlichen tendierende Höhenstruktur.
    Auch scheint die Räumlichkeit nach der Bearbeitung flacher zu werden.

    Klingt irgendwie so wie das Frontplattendesign aussieht. Ich würde das unbearbeitete Signal vorziehen. Nicht die Sahne in meinem Kaffee, sorry.

  5. Profilbild
    undertheecho  

    Ich hatte den Creme auch schon hier. Einsatzgebiet sollte eine Erweiterung meiner bestehenden Kette für den Mixbuss sein. Das hat leider nicht geklappt wie ich mir das vorgestellt habe. Das Kompressionsverhalten war einfach nicht meins. Es hat mich zu viel Zeit gekostet den Kompressor mit dem Track zum grooven zu bekommen. Das ist schon beim API 2500 eine Kunst. Das soll aber die Freude am Creme nicht mindern. Vielleicht passt er ja in eine andere Kette;)

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