Workshop Kompression: Bass & Schlagzeug

28. Oktober 2020

Königsdisziplin BASS Kompression

Nachdem im ersten Teil dieser Serie, der am häufigsten begangene Fehler beim Einsatz von Kompressoren unter die Lupe genommen wurde, beschäftigt sich dieser Teil mit der Anwendung der Kompressoren auf Einzelspuren und als Effektgerät (ja, auch Kompressoren können FXen).
Stellen wir uns vor, wir hätten einen Live-Mitschnitt mit einem Mehrspursystem aufgenommen. Es sind also verschiedene Instrumente auf mehrere Spuren verteilt. Wir haben weiterhin diese Spuren equalized (der Fachmann sagt: entzerrt), siehe Workshop 1, und in etwa die Lautstärkeverhältnisse der verschiedenen Instrumente angepasst. Tja – das klingt sehr ausgeglichen und offen, es fehlt aber irgendwie der richtige Druck oder Punch. Dass man das nicht unbedingt mit einer Summenkompression erreichen kann, haben wir gesehen (Workshop 4). In der Summe sind Kompressoren nur noch dazu da, einem Mix den letzten Schliff zu geben, und nicht um drastische Veränderungen des Dynamikbildes zu erreichen. Stattdessen bearbeitet man die Instrumente jeweils einzeln mit dem Kompressor.

Die Königsdisziplin Bass & Schlagzeug

Die Königsdisziplin einer jeden Kompression ist die Rhythmusgruppe, also Drumset, (E)-Bass und Percussion. Es ist ratsam, hier zu beginnen, weil der Lautstärkeeindruck der anderen Instrumente stark von der Rhythmusgruppe abhängt. Es könnte sonst passieren, dass man z. B. die Gitarre, die Keyboards o. ä. zuerst bearbeitet und dann, nach Kompression des Schlagwerks, plötzlich gar nichts mehr an den Dynamikverhältnissen stimmt.
Nun sind die Arten, wie man ein Schlagzeug komprimieren kann, so vielfältig wie die Geschmäcker. Manche mögen es gerne kraftvoll im Anschlag und wuchtig im Ausklang (z. B. Rock-Schlagzeug), andere wiederum brauchen einen knackigen und frischen Sound (z. B. R&B Schlagzeug). In unserem Beispiel wollen wir uns dem zweiten Idealbild nähern, dabei jedoch noch genug Natürlichkeit beibehalten (im R&B werden ja auch häufig Sample-Drums verwendet). Im Klangbeispiel hören wir einen Ausschnitt aus einer Live-Aufnahme.

Das Schlagzeug und die Percussion bilden zusammen mit dem E-Bass bekanntlich das rhythmische Grundgerüst eines Liedes (gilt natürlich hauptsächlich für Populär-Musik). In dieser Gruppe findet man die gewaltigsten Pegelunterschiede und sie sollte auch deshalb vorrangig bearbeitet werden. Mit der Kompression wollen wir erreichen, dass die Dynamik der Rhythmusgruppe eingeengt wird. Das macht den Sound erstens fetter (will meinen: der Lautstärkeeindruck steigt) und zweitens ist so dynamische Staffelung im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten besser möglich.

Kompression in der Praxis

Das Schlagzeug wurde mit (nur) 4 Mikrofonen abgenommen. 2 Overhead-Mikrofone, einem Snare-Mikrofon und einem Bassdrum-Mikrofon. Zur Auswahl der Art- und Positionierung der Mikrofone wird es einen eigenen Workshop-Teil geben. Die Signale gehen also auf eine Stereospur (2 Overheads) und jeweils 2 Monospuren (Snare, Bassdrum). Damit hat man beim Mixdown ausreichend Kontrolle über den Schlagzeugklang. Die Percussions wurden auf einem Monokanal (besser stereo), der E-Bass ebenfalls auf eine Monospur aufgenommen. Gemäß der Vorgabe wollen wir dem Drumset einen frischen, offenen Sound geben, und knackig soll es klingen.
Für den Knack sind die Snare- und die Bassdrum verantwortlich. Diese werden also durch einen Kompressor geschleift. Kompressoren werden immer in einem Insert benutzt, sei es Track- oder Subgruppen-Insert, niemals jedoch in Aux-Wegen (siehe Workshop 2). Idealerweise hat man den Kompressor in eine Subgruppe eingeschleift. So kann man den Kompressorweg für mehrere Instrumente nutzen. Wie ein Kompressor grundsätzlich arbeitet, wurde bereits im Workshop 4 beschrieben, hier geht es um die Anwendung.

roland td-17

Auch E-Drums wollen komprimiert werden

Die Snare soll also ‘knackig’ klingen. Erreicht wird dieses durch eine Kompression, die erst eingreift, wenn der erste Anschlag der Snare (Knüppel auf das Fell) schon erfolgt ist. So erhält man den Originalpegel nur beim ersten Anschlag, danach wird der Pegel sofort vom Kompressor runtergeregelt. Das hört sich dann in etwa so an, als wie wenn man mit der Zunge schnalzt.

Um dies zu erreichen, müssen wir die Attack-Zeit so lang machen, dass der erste Anschlag gerade durchkommt und die Kompression erst dann einsetzt. Es gibt zwar kaum Unterschiede in der Länge eines solchen ersten Anschlags (schon mal probiert eine Snare langsam anzuschlagen?), jedoch erhebliche Unterschiede bei Kompressoren verschiedener Hersteller. Die Spannweite der Attack-Zeit ist ein wesentliches Qualitätsmerkmal von Kompressoren. Je teurer, desto kürzer kann diese eingestellt werden. Aber wir wollen hier gar nicht eine so kurze Attack-Zeit einstellen.
Als Threshold nimmt man eine Anfangseinstellung von -10 dB, als Ratio empfiehlt sich zunächst eine 4:1 Einstellung. Diese Werte sind als Richtwerte gedacht. Sinnvolle Bereiche sind hier 8:1 bis 2:1 für die Ratio und -30 dB bis -5 dB für den Threshold. Hier entscheidet der persönliche Geschmack. Da der Kompressor das Signal ja eigentlich nur begrenzt, wird die Snare zunächst leiser.

Dazu gibt es bei Kompressoren den Gain-Regler, mit dem das Ausgangssignal wieder angehoben werden kann. Und höre da! Die Snare hat sofort mehr Punch und Durchsetzungsvermögen. Im Klangbeispiel wurde das an einer gesampelten Snare durchgeführt.

Möchte man den ersten Anschlag noch prägnanter gestalten, regelt man die Ratio höher als 4:1, z. B. 6:1. Dadurch wird der Snare-Klang nach dem ersten Anschlag noch stärker komprimiert. Nun handelt es sich aber bei dem Beispiel um eine Live-Aufnahme. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei der Snare-Abnahme immer auch andere Komponenten des Schlagzeugs mit auf den Kanal kommen. Hier insbesondere die HiHat, die der Snaredrum räumlich am nächsten ist. Wie laut die unerwünschten Geräusche auf dem Snare-Kanal sind, hängt in erster Linie von der Position und der Art des benutzten Mikrofons ab. Die meisten Kompressoren verfügen deswegen über eine Gate-Funktion. Diese bewirkt, dass unterhalb eines bestimmten Threshold-Pegels das Signal ausgeblendet wird.

Man sollte also den Threshold des Gates soweit anheben, dass hauptsächlich nur noch die Snare auf dem Kanal zu hören ist. Nicht alle Kompressoren verfügen zusätzlich noch einen Ratio-Regler im Gate-Modul. Damit wird dann zusätzlich bestimmt, wie viel natürliche Ausschwingzeit dem Signal gelassen werden soll. Hohe Ratios greifen drastisch in die Ausschwingzeit ein, nachdem der Threshold erreicht wurde, niedrigere Ratios geben dem Signal (bzw. dem Instrument) mehr Zeit zum Ausklingen (natürlich haben die anderen Geräusche wie HiHat dann auch mehr Zeit). Möchte man den natürlichen Nachklang eines Instrumentes erhalten, empfiehlt sich also eine Ratio nahe 1:1. In unserem Beispiel wählen wir den goldenen Mittelweg – damit erhalten wir den natürlichen Klang der Snare weitgehend und unterdrücken zugleich die meisten Störgeräusche. Es gibt allerdings noch einige Tricks, alle Störgeräusche zu eliminieren und die Snare trotzdem natürlich klingen zu lassen, dazu mehr in einem der nächsten Workshops.

Entsprechend geht man mit dem Kanal für die Bassdrum vor. Hier kommt es jedoch hauptsächlich auf die tiefen und unteren Mittenfrequenzen an. Man sollte darauf achten, die Bassdrum nicht zu bassig werden zu lassen. Auch ist man gut beraten, den Nachklang nicht zu lang einzustellen. Bei diesen Frequenzen ist nämlich mit der stärksten Interaktion von Drumset und E-Bass zu rechnen. Das Zusammenspiel von Bassdrum und E-Bass ist von entscheidender Wichtigkeit für die Transparenz des Mixes. Es ist wichtig, dem E-Bass genug Raum im Frequenzspektrum zu lassen, damit der tieffrequente Bereich nicht zumatscht. Das würde akzentuierte Grooves im Keim ersticken. In Kürze mehr zum E-Bass. Um die Schlagzeug-Kompression abzuschließen, sollen hier die Overheads des Drumsets in aller Kürze behandelt werden. Viel braucht man darüber auch nicht zu sagen, denn das Overhead-Signal wird am besten nicht mit einem Kompressor bearbeitet. Es sind höchstens Ratio-Einstellungen von 2:1 und Threshold-Pegel von -5 dB zu empfehlen und ein Gate sollte vermieden werden. Warum? Die Overheads geben den natürlichsten Anteil des Schlagzeugklangs wieder. Wird hier zu stark komprimiert, klingt das Schlagzeug schnell pappig und unnatürlich (was einen nicht daran hindern sollte, das einmal auszuprobieren). Zu achten ist im Zusammenspiel mit dem Snare- und dem Bassdrum-Kanal, dass das Verhältnis der Becken zur Lautstärke der Snare stimmt! Die Becken dürfen nicht zu laut sein. Damit hat man eine recht optimale Abnahme des Schlagzeugs, in welcher der natürliche Stereoklang erhalten bleibt, die aber aufgrund der Kompression von Snare- und Bassdrum knackig klingt.

Dem Minimoog-Bass die Zügel anlegen

Meister der dunklen Kompression: Bass

Wenden wir uns jetzt dem E-Bass zu. Zum E-Bass und Kompression ist Folgendes zu sagen: Je dynamischer ein E-Bass, desto mehr Kompression ist von Nöten, um dem Gesamtmix einen klaren und ruhigen Charakter zu verleihen. Allzu ungleichmäßige Pegel machen das Klangbild unruhig und unausgeglichen.

Also: Bass durch den Kompressor und erstmal bei einer Kompressions-Ratio von 10:1 und einem Threshold von -20 dB anfangen. Da gerade auch unvorhergesehene Pegelspitzen abgefangen werden sollen, wählt man hier eine kürzere Attack-Zeit als bei der Einstellung für die Snare. Die Release-Zeit sollte nicht zu groß eingestellt werden, um eine ausgeglichenere Kompression zu erreichen, die nach einer Pegelspitze den nachfolgenden Teil schnell wieder auf die eingestellte Pegelgrenze hebt. 25 ms sollten ein guter Richtwert sein. Vergleicht man das Klangbeispiel (Beispiel_- Bass kmpr+.mp3) mit E-Bass Kompression mit dem vorherigen (ohne E-Bass Kompression), so fällt sofort auf, dass der Bass kraftvoller und tragender wirkt. Er hält so die Rhythmusgruppe zusammen.

Kompression von weiterem Schlagwerk

Zu der Percussion. Diese sollte nicht sehr stark komprimiert werden, da sie sehr schnell an Natürlichkeit verlieren und pappig klingen. In unserem Beispiel ist der Einsatz eines Gates sinnvoll, da die Percussion während der Aufnahme unmittelbar neben dem Drumset stand. Hierbei ist aber unbedingt darauf zu achten, dass das Gate möglichst den natürlichen Ausklang der Percussion nicht abschneidet. Durch das gaten der Percussion wird der Mix knackiger, man hört die Pausen exakter. Allerdings geht auch die räumliche Information, die über das Percussion-Mikrofon eingefangen wurde, zum Teil verloren. Der Unterschied ist in den beiden Klangbeispielen gut zu hören.

Die Rhythmusgruppe steht. Heureka!

Noch mehr Rhythmisches?

Jetzt lechzt nur noch die Gitarre nach Kompression. Das wird besonders wichtig, wenn diese direkt ins Pult eingespielt worden wäre, also nicht mit einem Mikrofon am Verstärker abgenommen wurde. Die Kompression trägt dann dazu bei, einen wärmeren Gitarrenklang zu erzeugen. Stellt man die Kompression für die Gitarre so ein, wie das schon beim E-Bass beschrieben wurde, hat das den Vorteil, dass Rhythmus- und Solopassagen der Gitarre in den Pegeln näher zusammenrücken. Das hat den Vorteil, dass man als Mischer nicht ständig auf der Hut sein muss, um die Lautstärke entsprechend runter- (Rhythmus) oder hochzufahren (Solo). Jedoch sollte eine Gitarre nicht allzu brutal komprimiert werden, da sie ein eher filigranes Instrument sein kann, und gerade clean gespielt, viele Nuancen des Gitarristen verloren gehen können.

Kompression und Effekte

Kompressoren als FX-Geräte? Klar! Die meisten Prozesse bieten einen Sidechain-Eingang. Das bedeutet, man kann dem Kompressor ein Side-Signal zuführen, und dieses triggert (löst aus) den eigentlichen Kompressionsvorgang. Der Auslöser für den Kompressor ist also nicht mehr ein bestimmter Pegel des eigentlichen Signals, sondern das extern zugeführte Sidechain-Signal. Im Beispiel wurde zu der Aufnahme eine zusätzliche Spur mit einem Flächenklang eingespielt. Danach wurde das schon vorhandene E-Piano auf den Sidechain-Kanal des Kompressors gegeben. Aha! Der Flächenklang ist jetzt nur noch zu hören, wenn der Kompressor des Flächenklangs durch das E-Piano getriggert wird, es begleitet jetzt quasi den E-Piano-Klang. Das Klangbeispiel gibt Aufschluss.

Man kann natürlich auch ein Signal zum Triggern nehmen, das nicht aus der Originalaufnahme stammt. Im Sequencer-Betrieb ist es z.B. auch denkbar, eine ähnliche Fläche durch ein 16tel- oder 8tel-Noten Pattern zu gaten. Das gibt dann den typischen Rave-Flächensound.

Zu guter Letzt

… ist es ratsam, den Gesamtmix noch einmal zu komprimieren, wie das im ersten Kompressions-Workshop besprochen wurde. Durch dieses Limiten kann der Lautheitseindruck noch einmal gesteigert werden. Wie man komprimiert und was, ist letztendlich Geschmacksache. Die hier aufgeführten Einstellung sollen eine erste Anleitung sein und zum Experimentieren anregen. Wichtig ist nur, dass man die Funktionsweise begriffen hat und dieses Wissen dann seinem Geschmack nach anwenden kann.

Klangbeispiele
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