Feature: Wo kann ich meine Gitarren online bauen lassen?

20. Oktober 2020

Online Customizing am Beispiel Schecter

Online Customization Shops für Gitarre gibt es einige. Vor allem in den letzten Jahren hat das Angebot hierzu ordentlich zugenommen. Während viele Custom Shops sehr eingeschränkt in ihren Optionen sind, haben wir uns anhand des regulären Schecter Masterworks Shops als Beispiel und einer Schecter Masterworks Banshee Nebula Burst zwecks Qualitätskontrolle angesehen, wo die Vor- und Nachteile liegen und verglichen, was andere Online Custom Shops da leisten.

Die Masterworks Gitarren von Schecter sind in Sachen Custom-Herstellungen eine Bank für sich. Gibt nicht viele Möglichkeiten, hier in Deutschland mal eine in der Hand zu halten, wenn man sich nicht gerade selbst die Mühe macht, eine im Custom-Shop zusammenzustellen. Manchmal hat Thomann welche im Sortiment, aber oftmals muss man sich an Axe Palace oder Reverb wenden – oder eben Musik Meyer, die so gut waren, uns eine Banshee Masterworks zukommen zu lassen. Prinzipiell sind Custom-Gitarren so ein Ding – höchst individualisiert und teuer, ist die Einschätzung der Praktikabilität und der Klangoptionen nicht ganz so angemessen wie bei normalen Serienmodellen.

Dies soll auch ein Versuch sein, die inzwischen unzähligen Optionen der Online Custom Shops anhand des Schecter Masterworks-Beispiels zu hinterfragen. Online Custom Werkstätten gibt es einige – manche sind besser als andere. Wie macht sich der Masterworks-Shop im Vergleich zur Konkurrenz? Und was ist der Unterschied zum Schecter Guitar Configurator? Finden wir es raus.

Schecter Masterworks Configurator Online Customizing Shop

Die Schecter Masterworks erlaubt es euch, eine eigene Masterbuild bis ins letzte Detail zu planen – ein aufwendiges Unterfangen, auf das wir im nächsten Abschnitt eingehen. Der Schecter Guitar Configurator ist so etwas wie der Building Shop für Normalsterbliche: Er bietet aus einer Palette der gängigen Schecter-Modelle eine umfassende Auswahl an, die man beim Custom-Bau als Basis verwenden kann. Basierend auf Fräsung durch CNC Technologie steht im Grunde die Rohversion sämtlicher Schecter-Modelle zur Auswahl: California oder Hollywood Classic, die CET-Doublecuts, sämtliche PT-Telecaster-Modelle, die Solo Singlecuts oder Sun Valleys und Sunset Powerstrats – alles dabei. Ebenso die Sunset– und Traditional-Modelle.

 

Wenn man sich für ein Basismodell entschieden hat, steht einem eine Reihe von weiteren Optionen zur Verfügung: Korpusholz, -farbe, Binding-Farbe, Griffbrett-Holz, Headstock, Hardware-Farbe, Pickup-Sets und Bridge Art. Das ist viel – und im Grunde genommen auch ausreichend. Anhand einer PT Custom zeigt sich, dass beispielsweise die Auswahl an Pickup-Kombinationen durchaus umfassend ausfällt:

Schecter Masterworks Online-Shop – die Optionen

Der Schecter Masterworks Shop ist so etwas wie der große Bruder des Configurators und besitzt viel mehr und detailliertere Optionen zum Zusammenstellen der eigenen Custom Gitarre. Drei große Blöcke gibt es, anhand derer man Präferenzen aussuchen kann: Hardware, Neck und Body.

Die Optionen sind zahlreich – hier wird Customization wörtlich genommen. Die zahlreichen Optionen, die man anwählen kann, treffen auf eine extrem detaillierte und genaue Verarbeitung. Bei meinen ersten Runden mit der Banshee Masterworks lief mir schon mal ordentlich das Wasser im Mund zusammen: herrlich verarbeitet, großartige Optik und Bespielbarkeit. Aber dazu später mehr.

In Sachen Body-Shape ist neben der vorliegenden Banshee-Version so ziemlich alles möglich und denkbar: Casket, Devil oder Hellcat-Form mit Neck-Thru-Konstruktion, mit oder ohne Pickguard, schwarzem, cremigem oder gar keinem Binding, Floyd Rose Tremolo, mit Golden Honey Burst vorne und individuellem, High-Resolution-Bild hinten – alles drinnen. Im Vergleich zu vielen anderen Custom-Shops ist die Auswahl wirklich uneingeschränkt, die Kombinationsmöglichkeiten sprengen fast den Rahmen. Und auch in Sachen Pickup-Konfiguration ist jede Konstellation denkbar: HH, HHH, HSH, SSH, SSS, drei P-90er, oder zwei P-90er, kombiniert mit EMG Pickups. Sogar die Position des Output-Jacks kann angewählt werden sowie die Form der Jack Plate.

Weiter geht’s mit dem Hals: Extra Thin, Standard U, Standard V, Thin U – oder konkret nach den eigenen Maßen angefertigt, will heißen: mit eigenen Angaben hinsichtlich Radius, Tiefe und Breite: Alles drinnen. Bei den Top-Inlays gibt es eine umfassende Auswahl, ebenso beim Halsmaterial: Ahorn, kombiniert mit Walnuss, Pau Ferro oder Palisander, Wenge oder White Korina. Auch für das Tailpiece stehen mehrere Optionen zur Verfügung, ebenso für die Locking-Mechanismen: Schaller oder Grover, GoToh oder Sperzel. Aber die meisten Optionen, und das ist erfreulich, gibt es bei den Tonabnehmern: Schecter Monster Tone, Pasadena, San Andreas, Super Rock-Tonabnehmer, DiMarzios, EMG 81s, Duncan Blackouts in Neck und Bridge. Was definitiv schade ist, dass keine Sustainiac-Option zur Wahl steht. Zwar die Duncan SH-4 Humbucker, die auch extrem Sustain-freudig ist, aber der Sustainiac ist eben eine Nummer für sich und dürfte in dieser Liste eigentlich nicht fehlen.

Dass hier, wenn man nicht weiß, was man tut, Chaos möglich ist, liegt auf der Hand. Und das ist vielleicht der unmittelbare Kritikpunkt, der sich bei diesem Online Custom Shops aufdrängt: Die Auswahl ist verlockend, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, ehe man realisiert: man ist auf dem besten Wege, sich zu verrennen.

Man möchte schon bedacht auswählen, welches Tonholz man für die Top-Decke verwendet, ob sich afrikanisches Leichtgewicht-Mahagoni mit Pasadena-Pickups verträgt, ob Muschalahorn am Körper und Wenge am Hals miteinander funktionieren. Ganz auf sich allein gestellt ist man nicht – der Masterwork Shop steht für Rückfragen zur Verfügung und hilft einem, bei der eigenen Custom-Gitarre nicht im Options-Dschungel verloren zu gehen. Ärgerlich lediglich: bei der klassischen Schecter Masterwork Option fehlen jegliche optischen Cues beim Zusammenstellen der Gitarre.

Ein weiterer Faktor bei Customization ist zweifelsohne die Preisfrage – unabhängig vom Schecter Masterworks Shop: So verlockend das Customizing ist – kosteneffizient geht anders. Der Vertriebseinkauf der Materialien und Hölzer ist für die Hersteller viel billiger als für einen selbst – die Gitarrenbauer verdienen also kräftig an solchen Online Customizing-Angeboten. Hinzu kommt: der Prozess des Gitarrenbaus kann eine ungemein erleuchtende Erfahrung sein, die einem verdeutlicht, was nötig ist, um Resonanz und Materialpflege zu gewährleisten. Beim eigentlichen Zusammenbau ist man naturgemäß hier außen vor, und das ist im Grunde schade. Für den Lernprozess und das eigene Gitarrenverständnis eignen sich DIY-Kits einfach viel eher. Unser Mann Johannes Krayer hat ein Harley Benton DIY-Kit erst kürzlich auf Herz und Nieren überprüft und war angenehm überrascht.

Wem es um die persönliche Identität geht – Customization geht da auch weitaus billiger. Gängige Ideen sind:

  • Pickguards können getauscht werden und können einiges hermachen.
  • Tuning Pegs haben meistens einen universellen Fit (bis auf Fender zb.) und eignen sich gut hierfür
  • Verzierungen für den Headstock
  • Truss Rod Cover eignen sich ebenfalls hervorragend für die individuelle Anpassung – sie sind verhältnismäßig billig und leicht anzubringen
  • Individuelle Poti-Variationen eignen sich ebenfalls

Der Vorteil ist nichtsdestotrotz: Der Schecter Masterworks Shop ist ein echter Customization Shop, nicht wie viele andere Online Shops, die unter Customization verstehen, ein paar Iterationen ihrer gängigen Modelle zu vertreiben und es einem im Grunde genommen nur überlassen, das passende Finish auszusuchen – der Configurator eingeschlossen. Klar ist aber: man sollte defintiv wissen, was man hier tut.

Schecter Masterworks Online-Shop – die Banshee Nebula Burst

Nicht ganz einfach (oder gar sinnig) über eine Gitarre zu schreiben, die nach individuellen Vorstellungen zusammengebaut worden ist, die nicht eigenen entspricht – aber bei der Kombination der Hölzer, Hardware und Pickups sind hier auch keine waghalsigen Experimente eingegangen worden – es handelt sich um eine fantastische Masterbuild, die problemlos in Serie gehen könnte.

Der Solidbody der Schecter Masterworks Banshee Nebula Burst ist aus südamerikanischem Mahagoni, dessen Ahorn-Decke mit einem glossierten Finish aufgelegt ist – eine absolute Pracht. Das Nebula Burst Finish erstrahlt in schwelenden Farben auf dieser Doublecut-Form, die für die Banshee-Serie typisch ist. Umrundet ist das Ganze mit einem sorgfältig und perfekt aufgetragenen, cremefarbenen Binding, das sowohl das Griffbrett als auch den abgeschrägten Headstock umschließt und mit schwarzen Acryl-Dots belegt ist. Keine Neckthrough-Konstruktion, keine herkömmliche Neckplate und auch kein lackierter Hals. Der wiederum ist fünfteilig, besteht aus einem Ahorn-Fundament, das mit Walnuss durchsetzt und vor dem Headstock mit einem dunklen Kohlestoff-Sattel ausgestattet ist. Das Neck-Finish ist Satin – geschmeidig und ungemein gut anzufassen – man mag die Gitarre zunächst kaum aus der Hand legen. Vor die Details wollen näher betrachtet werden – beispielsweise die Off-set Arizona Jade/Brass Ring Inlays. Der Korpus der Gitarre ist in feinster String-Thru-Manier konstruiert, die dazu gehörige Bridge keine Schaller und auch kein Floyd Rose, sondern eine fixierte Custom-Bridge. Ausgestattet ist die Gitarre darüber hinaus mit Locking High-ratio-Mechaniken.

25,5 Jescar Bünde, die bespielt werden wollen, über ein Palisandergriffbrett – in der Hinsicht ist diese Masterbuild fast schon gewöhnlich, möchte man sagen. Auch bei der Wahl der Humbucker wurde keine Dreifach-Option gewählt, sondern auf beiden Positionen die gleichen Humbucker – die, und da bin ich ehrlich, nicht ganz sicher zuzuordnen sind. Vom Klang her scheint es sich um Seymour Duncans zu handeln, aller Wahrscheinlichkeit nach um die Custom Apocalypse Pickups, die recht nahe an den SH-Pickups sind.

Wir probieren den Sound aus, jagen die Gitarre durch den Revv G20 und nehmen diese über das Sono Audient direkt in der DAW auf. In der Vergangenheit hat sich gezeigt, dass es nicht ganz leicht ist, den Charakter einer Gitarre mit Profiling oder Modeling für sich stehend darzustellen. Der Revv G20 verschafft dem ein bisschen mehr Abhilfe und offenbart den mittenstarken, famos differenzierten Sound der Schecter Banshee Nebula Burst Masterworks:

Schecter Guitar Research Masterworks – Online Custom Shop

Was ist von den ganzen Online Custom Shops also zu halten? Nicht einfach zu beantworten: Besonders weit fortgeschrittene Custom Shops wie der von Halo Guitars machen es wie der Schecter Configurator vor: Hier sind die entsprechenden visuellen Cues zu den Hölzern, den Bridges und Body-Shapes sichtbar. Das vereinfacht die Visualisierung der eigenen Idee um ein Vielfaches. Auch der Fender Mode Guitar Customer funktioniert meines Erachtens gut: Auch hier greifen Visualisierung und eine einfache und übersichtliche Handhabe, mit einer sichtbaren Legende und der Aufteilung in die gebräuchlichen Gitarrentypen für die vorläufige Orientierung – möchte ich eine Jazzmaster, Stratocaster oder Tele bauen?

Auch erwähnenswert ist der Custom-Shop von Aviator Guitars, der die grundsätzliche Orientierung für das Customizing vom Preis abhängig macht, hier aber auch visuelle Cues liefert. Ein weiterer Online-Custom-Shop, der in Pennsylvania, USA, sitzt, ist der von Balaguer Guitars – weiche, ästhetische Gitarren für einen nicht ganz billigen Preis. Davon abzugrenzen ist ganz klar der ESP Custom Shop: wenig bis kaum Optionen für Hardware, Pickups und Korpus. Wird dem Namen ESP nicht so ganz gerecht.

Habt ihr konkrete Erfahrungen mit Online-Custom-Shops von Gitarrenbauern gemacht, die ihr uns ans Herz legen wollt? In den Kommentaren habt ihr hierzu eine Möglichkeit. 

Zum Schluss: Was die Praktikabilität angeht, sollten Schecter schleunigst ihren alten Online-Custom-Shop überarbeiten – wäre großartig und einzigartig, wenn man die enorme Flexibilität des Masterworks Custom Shops mit aussagekräftigen, visuellen Cues versehen könnte. Ein weiteres Beispiel für die Schönheit der Schecter Masterworks Linie:

 

Fazit

Man bleibt dabei – über die Gitarre als solche lässt sich nur Gutes berichten: eine famose bespielbare, klingende Masterbuild der feinsten Sorte. Dieser Artikel nahm dies zum Anlass, sich das Prinzip Online Custom Shop näheranzusehen. Die meisten arbeiten inzwischen mit Visual Cues, nehmen aber gängige Marken-Modelle als Basic und lassen einen die Details planen. Der Masterworks-Shop geht da weiter und lässt einen selbst die Basis bis ins letzte Detail planen – Customizing Extreme, das definitiv das Verständnis eines Gitarrenbauers voraussetzt.

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Armin Bauer  RED 1

    Hi Dimi,

    wenn schon Custom, dann würde ich das vor Ort machen lassen. Wir haben hier doch wirklich tolle Gitarrenbauer.
    Ich hatte vor Ewigkeiten das Glück mir eine 12-Saiten Akustik bei Blazer+Reinhard in Tübingen bauen zu lassen. Holzauswahl wie ich es wollte (nicht das typische Mahagoni, ich wollte Ahorn), Anruf „heute wird dein Hals-Shaping gemacht, komm vorbei, wir passen es individuell an“. Anruf „heute wird deine Decke lasiert, willst du dabei sein?“ Perlmutt Inlay nach meiner Vorlage…
    Dazu ein paar Kosteneinsparungen, kein Binding am Griffbrett und am Korpus Kunststoff statt Holz, fertig ist ein bezahlbares, absolutes Unikat für´s Leben.

    Grüße Armin

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