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Test: Strymon Iridium, Amp-/Verzerrer-Pedal

1. Dezember 2019

Strymons Amp in a Box!

Strymon Iridium

Dass das zu kurz greift – Verzerrer-Pedal, dürfte jedem bewusst sein, der im Vorfeld etwas vom Iridium-Pedal mitbekommen hat. Zum einem liegt es auf der Hand, dass Strymon, wenn sie etwas Neues wagen, damit warten, bis sie wirklich etwas zu sagen haben. Dann sucht sich die amerikanische Firma gerne eine aktuelle Riege und erschafft dann so etwas wie das Referenz-Produkt. Und was hält die letzten Monate den Gitarrenmarkt in Atem? Cab-Simulations. Der Markt ist geflutet mit detailgetreuen IRs, bei denen das Motto lautet: Je realistischer, desto besser, doch bislang schien Quantität eher die leitende Devise zu sein als Qualität. Viele Amp- und Cab-Pedale warten mit unzähligen IRs auf, von denen nicht mal die Hälfte brauchbar sind. Das Iridium soll hierzu ganz klar die Antithese darstellen: Dieser Amp in der Box kommt mit einer Handvoll ausgewählten Modi daher, welche die schiere IR-Masse überflüssig machen sollen. Das Einspeisen ins Interface oder in die P.A. soll hier nicht zur Zitterpartie verkommen. Verlässliche Amp- und Cab-Simulationen mit einem realistischen Spielgefühl, ausgehend von drei, vier Modellen sollen das Iridium zur absoluten Referenz im Prinzip Amp- und Cab-Simulation machen. Keine DAW, keine Custom IRs zum Download, sondern einfach Entwickler-Finesse aus dem Hause Strymon. Die Neugier, will ich ganz ehrlich sein, ist immens. Bislang hat mich kein „Amp-in-a-box“-Abenteuer wirklich überzeugen können. Gelingt das nun Strymon?

Strymon Iridium – Facts and Features

Seinen Amp zu Hause lassen – und stattdessen diese kleine Strymon-Box nutzen – schöne Idee, zweifelsohne. Nun sind Strymon jetzt nicht unbedingt der Name, den man mit  Amp-Modeling assoziiert. Dabei begann die Arbeit an guten Klang-Emulationen bereits bei der Entwicklung des Riverside-Pedals. Die Weiterentwicklung herkömmlicher Drive-Pedale mündete in der Geburt der Matrix Modeling™, Strymons patentierter Modeling-Technologie. Damit einher ging die Entwicklung der für den Iridium angestrebten 24 Bit, 96 kHz, 500 ms Impulse-Responses. Die Verarbeitungstiefe ist also so gut, dass beispielsweise sogar die ungemein schwierige Wechselwirkung von Treble und Gain zufriedenstellend abgebildet werden soll. Ebenso soll es möglich sein, die Akzentuierung der Preamp-Emulation von der des Tube-Amps abzugrenzen.

Strymon Iridium

Hybrid Room Ambience – so benennen Strymon des Weiteren ihren Ansatz, die Myriaden von Reflexionen, die das Raumverhalten in den ersten Millisekunden der Wahrnehmung bestimmen, per IR abzubilden. Das Verhalten und die Streuung der Hallfahne werden wiederum durch Reverb-Algorithmen gesteuert – ein wahrlich hybrider Ansatz also und ein eigenständiger Klangparameter, der im Anschluss an den Amp und der Cabinet weitere Flexibilität ermöglicht. Die Prozessoren, mit denen der Strymon Iridium arbeitet, haben es in sich. Der SHARC ADSP-21375 gibt sich mit einem ARM-Koprozessor die Klinke, die gemeinsam eine auf Hardware- und Pedal-Ebene ungesehene Responsiveness in Echtzeit gewährleisten sollen. Der ARM-Prozessor soll darüber hinaus durch seine USB-Konnektivität in der Lage sein, die IR-Positionen des Iridium mit Custom IRs zu erweitern.

Strymon Iridium

Prinzipiell kommt der Strymon Iridium mit  drei Amps und neun IR Cabinets daher, doch darauf gehen wir später im Detail ein. Wichtig ist, dass der Strymon Iridium mit drei Dimensionen arbeitet: Amp, Cab und Room-Ambience. Letzteres wird mit dem Room-Regler eingependelt. Die Matrix Modeling Technology ist hierbei nicht das einzige, was das Klangverhalten des Iridium formt. Ein A-JFET Preamp-Schaltkreis sorgt ggf. für ein Plus von 20 dB  aus warmem Gain, das im „Frontend“ des Sounds als analoge Komponente des Input der DSP-Amps fungiert und den Drive des Round-, Chime- und Punch-Amp ergänzt.

Das Strymon Iridium ist ein Stereo-Amp und  besitzt einen Stereo/Mono-TRS-In und zwei Stereo-TRS-Outs, in die der A JFET-Preamp das Signal einspeist bzw. rauswirft. Ausgestattet mit einem Kopfhörereingang lässt sich der Iridium direkt in aller Stille genießen oder eben als Monitor nutzen. Der EXP-Eingang ermöglicht es, unter anderem ein Volume-Pedal direkt in den Stereo-Amp des Iridium einzuspeisen oder die Drive- und Gain-Parameter on the fly zu ändern. Auch möglich, mithilfe des EXP-Eingangs die MIDI-Kapazitäten auszuschöpfen. Ist ein Strymon MIDI-EXP-Kabel zur Hand, können bis zu 300 Presets aufgerufen werden. Die gesamte Hülle des Strymon Iridium besteht aus schwarzem, eloxierten Aluminium, die Dimensionen des Pedals belaufen sich auf 102 x 114 x 44 mm.

Strymon Iridium – Panel, Cabs und Amps

Kommen wir zum Herzstück des Strymon Iridium – den Amps und den Cabinets. Wer auf dem Papier erstmal liest, dass der Iridium nur drei Amps besitzt, könnte fast enttäuscht sein. Doch die Emulationen haben es in sich – mit dem Matrix Modeling™ wird auch das eigensinnige Amp-Verhalten bei starker Belastung emuliert. Schauen wir uns mal im Detail an, worauf die einzelnen Amps bauen.

  • Round Amp: Der Round Amp basiert auf dem Fender Deluxe Reverb. Wer den Amp von Fender mal gespielt hat, weiß, wofür er steht: Klare, ungemein differenzierte Obertöne, ein klarer, heller Tweed mit viel Headroom. Und auch wer den Gain anreißt, wird mit einem der charakteristischsten und beliebtesten Overdrive-Sounds belohnt, die es gibt.  Modelliert ist der Round Amp nach dem Normal-Channel des Fender Deluxe Reverb.
  • Chime Amp: Der britische Modus basiert auf dem Vox AC30TB und seinem Brillant-Channel. Hier kann die Klangfarbe und der Tone mit dem Middle-Regler eingependelt werden. Mit dem Drive-Regler wird das charakteristische Gain-Verhalten des  Vox AC30TB zufriedenstellend abgebildet und ist mit einer zusätzlichen Boost-Spitze ausgestattet, die den Amp-Sound angemessen saturiert.
  • Punch Amp: Dieser Channel basiert auf dem Marshall Plexi Super Lead 1959. Fette Verzerrung und durchschlagendes Midrange werden hier geboten. Wer den Marshall Plexi Super Lead 1959 kennt, weiß, dass der Amp speziell in den High-Gain-Gefilden glänzt. Darauf ist der Punch Amp entsprechend ausgerichtet: treibenden, verzerrten Riffs gerecht zu werden.

Strymon Iridium

Zusammen decken die drei Amps ein ungemein breites Feld ab. Jeder drei Amps wird jeweils mit drei vorgeladenen IR-Cab-Simulationen geliefert. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass das Iridium mit Custom-IRs geladen werden kann und diese Vorauswahl nicht das Ende aller Tage bedeutet. OwnHammer, CabIR und Celestion sind nur ein paar Namen von Herstellern, die ggf. kompatible IRs bereitstellen.  Doch folgende IRs stellt der Strymon Iridium von Werk aus zur Verfügung:

  • Deluxe Reverb 1×12: Vintage Deluxe Fender mit 1978 Fender CTS Keramik-Lautsprecher.
  • Blues Junior 1×12: Blues Junior Cabinet mit Jensen C12N Lautsprecher
  • Vibrolux 2×10: Fender Vibrolux mit Jensen C10 NS Lautsprecher
  • AC30 2×12: AC30/6 2x12er Combo mit 2001 Celestion® T0530 Blue AlNiCo Lautsprechern.
  • Alnico Celestion 1×12: Impuls eines Celestion Blue AlNiCo.
  • Mesa 4×12: Impuls eines Mesa Boogie Halfbacks mit zwei Celestion Black Shadow® MC-90 und zwei ElectroVoice® Black Shadow EVM12-L Lautsprechern.
  • GNR 4×12: Impuls eines 1971 Marshall® 1960B “basketweave” 4×12″ Cabinets mit 1971 Celestion T1221 G12M-25 Lautsprechers.
  • Celestion Vintage 30 2×12: Impuls einer Celestion Vintage 30.
  • Marshall 8×12 Alnico: Impuls eines 1965 Marshall 8×12 Full stack Cab, ausgestattet mit Celestion T652 AlNiCo Lautsprechern.

Strymon Iridium

Wie gesagt, sämtliche Impulse-Responses arbeiten mit 24 Bit und 96 kHz während einer Response-Time von 500 ms. Das Bedienpanel des Iridium, das per Kippschalter zwischen den Amps und den IRs auswählen lässt, besteht im Grunde aus einem Dreiband-EQ (Middle, Treble, Bass) sowie einem Drive-Knob, der es ermöglicht, alles in Sachen Gain rauszukitzeln, was die Amps hergeben. Room ermöglicht es, die Breite des Raumes einzupendeln, in dem sich das Klangverhalten von Amp und Cabinet einspielen und Level kümmert sich um den allgemeinen Output des Signals. Doch wie hört sich das Ganze in der Praxis an? Das finden wir jetzt heraus.

Strymon Iridium – in der Praxis

Strymon Iridium

Ich speise den Strymon Iridium direkt in den Direct-In meiner Scarlett Focusrite ein – das Iridium über Amps abzunehmen, dürfte nicht dem (primären) Sinn und Zweck dieses Pedals entsprechen. Ein paar Minuten sind gespielt und die Zweifel sind wie weggewischt: Ernsthaft, hier stellt sich – zumindest für mich persönlich – das erste Mal ein echtes „Amp in a box“- Gefühl ein. Die Dynamik und Glaubwürdigkeit der Amp-Simulationen ist bestechend. Speziell der Chime wird seinem britischen Charakter auf besonders authentische Weise gerecht, besitzt jene ggf. höhenlastige Brillanz, die den Vox so auszeichnet. Man hat das Gefühl, es mit einem atmenden, auf Raumverhältnisse reagierenden Amp zu tun zu haben. Der Plexi-Charakter des Punch ist ebenfalls über alle Zweifel erhaben. Der Marshall Plexi ist in seinem Charakter so einzigartig und mit (durchaus gewollten) klanglichen Artefakten belegt, dass sich meiner Meinung nach hier oft die Spreu vom Weizen trennt, wenn es um Amp-Simulationen geht. Der einzige Plexi-Amp, der mir ähnlich gut in Erinnerung geblieben ist, stammt von Kemper – wer jetzt sagt: klingt irgendwie muffig, den kann man nur darauf hinweisen, dass das dem Grundcharakter des Marshall Plexi entspricht.

Bemerkenswert, was für ein Klangverhalten sich vor allem im Zusammenspiel mit dem Room-Regler offenbart. Hier hilft tatsächlich nur probieren über studieren: Die einzelnen Cabs öffnen sich mithilfe des Room-Reglers regelrecht, man hat tatsächlich das Gefühl, dass die Mikros sich von der Cab wegbewegen und den ganzen Raum im Klangverhalten mitnehmen. Auch das High-Gain des Punch lässt mich eine ganze Weile nicht locker: Mit dem Room-Regler auf Anschlag hat man das Gefühl, eine massive Wand loszutreten und selbst der charakteristische Mid-Scoop ist trotz des überschaubaren EQs glaubhaft und einfach einzustellen. Erwartungsgemäß harmoniert der Fender-Twang ganz hervorragend mit dem Round- und auch dem Chime-Amp. Um wirkliche Unterschiede herauszuarbeiten, müsste hier ein authentischer Amp-Vergleich durchgeführt werden. Um trotzdem aber den Vergleich mit anderen Pedalen zu wagen, werden wir den Strymon Iridium demnächst weiterführend und getrennt mit dem Line 6 HX Stomp vergleichen.

 

Fazit

Wäre da nicht der Preis, wäre ein Best Buy drin gewesen. Klar, auf den Umfang des Pedals hinzuweisen und zu sagen: Ist ein bisschen wenig für über 400,-, ist eher mühselig, da klar ist, dass beispielsweise Erweiterungen mit Custom IRs möglich sind. Die Klangqualität ist dennoch über alle Zweifel erhaben. Dies ist eine der wenigen Stompboxen, die den Ausdruck „Amp in a box“ wirklich verdienen. Die klangliche Finesse, auf der Strymon hingearbeitet haben, lässt die Konkurrenz im Staub zurück: Der Round, Chime und Punch sind absolute Extraklasse und die Interaktion zwischen den Cabs und dem Room-Regler schlichtweg atemberaubend.

Plus

  • Klangqualität
  • Dynamik
  • authentisch

Minus

  • Preis

Preis

  • 429,- Euro
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