Test: Gibson LP Special Tribute P-90, E-Gitarre

17. März 2020

Die P90-Paula

Gibson LP Special Tribute P-90 E-Gitarre

Gibson LP Special Tribute P-90, E-Gitarre

In freier Wildbahn begegnet uns die aktuelle Gibson Les Paul ja in aller Regel mit zwei Humbuckern, die zum Teil sogar mit Coil-Tapping ausgerüstet sind. Ganz anders geht es jedoch bei der Gibson LP Special Tribute P-90 zu, denn bei diesem Modell werden an Steg- und Halsposition P90-Pickups eingesetzt, was sich als Alternative für die etwas „sanfteren“ Stile, wie etwa Blues und Rock, empfiehlt. Wir haben uns eines der aktuellen 2020er Modelle der Soapbar-Paula mal für einen Test zukommen lassen und wollen schauen, was Gibson uns für ein Angebot unterhalb der magischen 1000-Euro-Grenze macht. Wie sie klingt ist die eine Sache, doch wie sieht es mit der Verarbeitungsqualität aus? Eine echte Gibson „Made in USA“ für diesen schlanken Kurs, was darf oder besser gesagt kann man erwarten?

Gibson LP Special Tribute P-90 – Facts & Features

Zumindest die ausgeprägten Shapings der Decke einer klassischen Les Paul kann man schon mal nicht erwarten, denn der aus einem Stück Mahagoni gefertigte Korpus der Gibson LP Special Tribute P-90 ist flach wie ein Brett auf seiner Vorder- und Rückseite. Aber gut, das war und ist bei einer Special nie anders gewesen, seit sie 1955 als abgespeckte Version des Zugpferdes auf dem Markt erschien. Ein kleines, schwarzes Pickguard bedeckt die kratzgefährdenden Stellen und grenzt an die beiden P90-Pickups an, die aus Gibson-eigener Fertigung stammen und leider durch ihren wackeligen Sitz in der Decke negativ auffallen. Bereits trocken angespielt vibrieren sie bei bestimmten Tönen bzw. Frequenzen freudig mit, mit ein paar kräftigeren Federn unterhalb der Schrauben würde dieses Problem sicherlich nicht auftreten.

Hardware mit deutlichen Schwächen

Ebenfalls nicht von der besten Sorte zeigen sich die vier Regler, mit denen die Lautstärke sowie die Klangfarbe jedes einzelnen Tonabnehmers separat gesteuert werden kann. Sie wackeln spürbar auf ihren Achsen, sind dazu recht zäh in ihrem Drehwiderstand und durch die glatten Oberflächen der aufgesteckten Plastikknöpfe gestaltet sich der Zugriff daher nicht ganz einfach. Auch der Dreiwegeschalter bietet leider kein besseres Bild, hier habe ich persönlich bei Instrumenten, die nur halb so viel kosten, schon deutlich bessere Exemplare gesehen. Wackeln lautet auch hier das Motto, lange gut gehen dürfte das vermutlich nicht, denn schließlich gehört der Pickup-Wahlschalter zweifellos zu den meist genutzten Teilen einer E-Gitarre.

Gibson LP Special Tribute P-90 E-Gitarre Regler

LP Special Tribute P-90 E-Gitarre: Potis für 2x Volume und Tone

Rudimentär ausgestattete Wraparound-Bridge

Ob es nun eine Schwäche ist oder nicht, sollte jeder beim Betrachten der Wraparound-Bridge selber entscheiden. Das hier montierte Modell besitzt nämlich keine Saitenreiter, was im Falle eines Justierens der Oktavreinheit schon eine spannende Sache werden kann. Immerhin sitzen hinter den zwei Bolzen kleine Inbusschrauben, die im Falle des Falles ein rudimentäres Einstellen ermöglichen. Bei unserem Testinstrument wäre eigentlich ein sofortiges Handeln in dieser Beziehung notwendig, denn mit einer sauberen Oktavreinheit kann unsere Gibson LP Special Tribute P-90 nämlich nicht gerade glänzen.

Auch die Mechaniken sind nicht die Besten …

Weiter oben, an der Kopfplatte nämlich, zeigt sich ein weiteres Problem. Die dort verbauten Mechaniken mögen mit ihren kleinen Knöpfen zwar wunderbar zur Optik der Gitarre passen, doch auch hier zeigt sich erneut der Sparkurs, den Gibson seinen günstigen USA-Modellen mit auf den Weg gibt. Die Tuner besitzen nämlich ein enormes Spiel, teilweise tut sich selbst nach einer halben Umdrehung noch gar nichts, bevor die Saite um einen Halbton nach oben bzw. unten springt. Alles wirkt sehr schwammig und unpräzise und macht das Stimmen von daher zu einer echten Geduldsprobe.

Gibson LP Special Tribute P-90 E-Gitarre Tuner

Made in USA … man mag es kaum glauben!

Gibson LP Special Tribute P-90 – Hals und Bundierung

Ich würde ja liebend gerne auch mal etwas Positives über die Gibson LP Special Tribute P-90 berichten, doch leider ist das nicht so einfach, denn beim eingeleimten Mahagonihals begegnen uns die nächsten Schwachpunkte. Da wären zunächst die Bundstäbchen zu nennen, die allesamt scharfe Kanten vom ersten bis zum Bund Nummer 22 aufweisen. Hinzu kommt ein nicht sauber aufgeleimtes Griffbrett aus Palisander, das an beiden Seiten einen spürbaren Übergang besitzt. Die Folgen dieser unsauberen Verarbeitung zeigt sich in einer Saitenlage, die aus Prinzip jegliches Solieren jenseits der Oktavlage nahezu unmöglich macht: Mit rund 4 mm Saitenabstand an Bund Nummer 12 wird da jeglicher Spaß schon im Keim erstickt und man muss schon sehr kräftige Hände haben, um hier ein paar Licks abfeuern zu können.

Ein besseres Setting ist ohnehin kaum möglich, denn dafür wurden die Bünde einfach zu sorglos in ihrer Höhe abgerichtet, sodass jeglicher Versuch, hier eine Besserung herbeizuführen, sofort mit einem deutlichen Schnarren sämtlicher Saiten quittiert wird. Also belässt man es besser mit Akkorden und Riffs bis etwa zur Hälfte des Halses oder gibt die Gitarre in den Service, um das Ganze besser noch einmal überarbeiten zu lassen.

Gibson LP Special Tribute P-90 E-Gitarre Back

In der Praxis

Akustischer Grundsound/Handling

So matt der Auftritt der Gibson LP Special Tribute P-90 bisher in Sachen Verarbeitung war, so matt setzt sich das Bild in der Praxis leider fort. Von der immens hohen Saitenlage und den scharfkantigen Bundstäbchen habe ich bereits berichtet, bereits das lässt nur wenig Spielfreude aufkommen. Hinzu kommt ein wenig resonanter Grundsound, der mit den Attributen einer guten Paula nur sehr wenig zu tun hat. Das Sustain ist unterdurchschnittlich geraten, viel besser zeigt sich das Instrument auch im Attack nicht. Alles wirkt träge und spröde, hier darf wirklich um jeden Ton gekämpft werden. Der ist dann auch nicht besonders ergiebig, was den beiden P90-Pickups keine besonders gute Vorlage liefert.

Elektrischer Sound

Die Tonabnehmer können im Crunchsound ein wenig glänzen, bei Cleansounds jedoch offenbaren sie die klanglichen Schwächen der Grundkonstruktion jedoch deutlich. Zudem besitzen die zwei P90 einen enorm hohen Output, sodass es hier gar nicht so einfach ist, einen wirklich sauberen und klaren Cleansound am Amp zu erzeugen. In den Klangbeispielen kann man das gut hören, ich konnte bei meinem Referenz-Amp Orange Micro Dark den Gain-Regler nicht noch weiter absenken, ansonsten wäre gar nichts mehr zu hören gewesen.

Das auftretende Brummen bei stärkerem Overdrive kann man den Pickups nicht anlasten, das ist einfach konstruktionsbedingt auf die Singlecoils zurückzuführen, entsprechend sollte man mit dem Gain-Poti des Amps vorsichtig agieren, um nicht in einem Meer aus Brummen zu ertrinken und um unerwünschte Feedbacks zu vermeiden. Da sich keine Treble-Bleed-Schaltung an Bord der Elektronik befindet, ist bei Zurücknahme der Volume-Regler zudem mit einem deutlichen Einbruch in Sachen Frequenzbild und Dynamik zu rechnen.

Die Klangbeispiele

Für die Klangbeispiele habe ich wieder meinen kleinen Referenz-Amp Orange Micro Dark mit angeschlossener 1×12″ Celestion Vintage 30 Box benutzt. Abgenommen wurde die Fuhre mit einem AKG C3000 Mikrofon, als Effekt wurde ein Catalinbread Echorec sanft eingesetzt. In Logic Audio fand dann nur noch eine Pegelangleichung mittels Summenkompressor statt. Das Einspielen war aus den vielen genannten Gründen kein wirklicher Spaß.

Fazit

Sorry Gibson, aber so nicht. Minderwertige Hardware, schlecht verarbeiteter Hals und Bundierung, eine Saitenlage für Hardcore-Fans und ein Klang, den jede halb so teure China-Epiphone mindestens genau so hinbekommt sind Gründe, vom Kauf der  Gibson LP Special Tribute P-90 abzuraten. Vielleicht hatten wir ja auch nur eines dieser berühmten „Montagsmodelle“ zum Test, insofern sollte sich jeder am besten selbst beim Antesten ein Bild machen. Mir bleibt nur angesichts der Fakten, ein „Ungenügend“ zu vergeben.

Plus

  • brauchbarer Sound für Blues und moderaten Rock
  • Gigbag im Lieferumfang

Minus

  • Klang nicht besonders flexibel
  • unsauber verarbeitete Bünde/Hals/Griffbrett
  • minderwertige Potis, Schalter und Mechaniken
  • Werkseinstellung mit 4 mm Saitenlage in der Oktavlage
  • Testinstrument nicht oktavrein
  • Preis-Leistungs-Verhältnis

Preis

  • 998,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    HanSolo

    Oweia, das hört sich nicht so gut an und noch weniger gefallen mir die Eindrücke, die Stephan beim Testen bekommen hatte. Dabei wollte ich gerade dieses Modell unbedingt mal antesten. Dieser Wunsch ist mir jedoch nach dem Lesen des Tests schnell verflogen.
    Vielleicht könnte man ein gleiches Modell aus dem Haus Epiphone mal testen.
    Danke für den Test, hoffentlich bekommt ihr von Gibson nach so einem Ergebnis keinen „Test Authentic“ Hinweis :-)

  2. Profilbild
    Joerg  

    Au weia, Gibson !
    Wenn man sieht, was man bei anderen Herstellern für das Geld bekommt….

  3. Profilbild
    Healfix  

    Gibson scheint momentan mehr Geld in die Rechtsabteilung als in die Qualitätskontrolle zu stecken. Der Wechsel im Vorstand hat scheinbar keine echte Besserung gebracht.

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