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Test: Ibanez RG 550 DY, E-Gitarre

19. November 2019

Grell, greller, Ibanez!

 

Ibanez RG 550 DY E-Gitarre

Es gibt Instrumente, die polarisieren, wobei diese Umschreibung im Fall der zum Test vorliegenden Ibanez RG 550 DY noch weit untertrieben wäre. Nicht einer, der bei der Neon-gelben Lackierung nicht in schiere Verzückung oder schweren Brechreiz verfallen würde. In Zeiten, in denen ernstgemeinter Achtziger-Sound immer noch ein produktionstechnisches NoGo darstellt, hingegen Persiflage Kasperletruppen wie Steel Panther, welche die Attitüden dieser Dekade mit ihrer Playback/Perückenshow durch den Kakao ziehen, respektable Aufmerksamkeit beim Publikum erzielen, erinnert sich die Marketing-Abteilung bei Ibanez ob der goldenen Dekade der Gitarrenhelden. Also dann, der Freundin die Leggings geklaut und ab dafür.

Das Konzept

Die Achtziger sind im Hardrock/Metal-Segment auf dem Vormarsch, ob aber eine schauspielerisch auf Kreisliga-Niveau heraus gekübelte Mötley Crüe Biographie auf Netflix nebst einiger Tribute-Bands eine ähnliche Kopistenarmada lostritt, wie sie z. Zt. im Siebziger-Sound-Lager anzutreffen ist, bleibt abzuwarten. Sucht man hingegen als Gitarrist das nötige Handwerkszeug, lag und liegt man bei der Ibanez RG Serie immer richtig.

Mit der 1987 eingeführten und 1992 als Bauernopfer der Grunge-Modewelle wieder abgesetzten RG 550 verbindet man fast zwangsweise die ganze Welt des High-Gains, Sweepings und Tappings, gilt die RG Serie neben ihren damaligen Weggefährten von Jackson, Charvel oder Kramer als DIE Inkarnation der Powerstrat, eben jene Fusion aus Strat-Korpus-lookalike und einem hochgezüchteten Pickup/Hardware-Arsenal.

Angefangen hat das Ganze ursprünglich vor über 30 Jahren, als damals Ex- und jetzt wieder Van Halen Frontmann David Lee Roth sich für seine Soloband den Zappa Zögling Steve Vai als Gitarristen sicherte, der zusammen mit Billy Sheehan am Bass und Greg Bissonette am Schlagzeug das wohl heißeste Metal-Trio seiner Zeit darstellte. Allein der Gitarren/Bass-Parallellauf auf dem Titel „Shyboy“ dürfte unzählige Gitarrenjünger zu winselnden Übungs-Nerds transformiert haben.

Ibanez RG 550 DY E-Gitarre

Ibanez erkannte als erster die Zeichen der Zeit und ließ Steve Vai freie Hand in der Zusammenstellung seines Trauminstrumentes. Dieser war schon seit Jahren auf der verzweifelten Suche nach einem Hybrid-Modell, das die Vorzüge von Stratocaster und Les Paul möglichst intensiv in einem Modell vereint, musste aber stets selber zu Säge, Leim und Stemmeisen greifen, um die von ihm bevorzugte Stratocaster-Form zu mehr Druck mittels Humbuckern und Floyd-Rose-Vibrato zu pimpen.

Heraus kam die Basis der RG-Serie, die in mannigfaltigen Ausführungen neben Vai-spezifischem Kasperletheater wie zum Beispiel dem Monkey-Grip, auch gemäßigtere Varianten für den breiten Geschmack im Lager führte. Der Erfolg war daraufhin nicht mehr aufzuhalten. Das Konzept einer windschnittigen Version der Strat, gepaart mit Output-starken Pickups und einem Hals, der seiner Zeit an Schlankheit nicht zu unterbieten war, schlug ein wie eine Bombe und ist bis zum heutigen Tag das umsatzstärkste Pferd im Stall der asiatischen Firma.

Die Konstruktion der Ibanez RG 550 DY

Normalerweise müsste sich an dem Pappkarton (leider liegt dem in Japan gefertigten Instrument kein Koffer oder Softcase bei), in dem die Ibanez RG 550 DY geliefert wird, ein Aufkleber mit der Aufschrift: „Achtung, nur mit aufgesetzter Sonnenbrille öffnen“ befinden. Das grelle Neon-Gelb, sei es auf den Promotion Fotos noch so kräftig abgelichtet, kommt in der Realität noch mal eine deutliche Spur aggressiver daher. Über die Farbbezeichnung „Desert Sun Yellow“ muss man wahrlich schmunzeln, wenn Wüstensand einmal diese Farbe hat, sollte man seinen persönlichen LSD-Konsum hinterfragen.

Sollte bei einer Live-Show einmal die gesamte Bühnenbeleuchtung ausfallen, kein Problem, das Publikum wird dich auf jeden Fall in der gesamten Halle noch orten können. Wie immer gebe ich bzgl. der optischen Farbgebung keinerlei Wertung ab, entweder es gefällt einem oder nicht, aber eins ist sicher, du fällst auf jeden Fall mit diesem Instrument auf. Nebenbei, die Lackierung ist perfekt aufgetragen, Makel im Bezug auf die Verarbeitung sucht man vergeblich.

Wie bereits erwähnt, hat Ibanez vom ursprünglichen Stratocaster Design das Grund-Shaping übernommen, inklusive der Bauchfräsung, respektive Armauflage. Hinzugekommen ist jedoch eine abgeschrägte Variante an der Halsverschraubung, die in Zusammenarbeit mit einem erweiterten Shaping und weit greifenden Cutaways den Fokus auf maximalen Spielkomfort legt.

Ibanez RG 550 DY

In Sachen Holzwahl orientiert man sich ebenfalls an den Vorlieben von Herrn Vai, der in Sachen Korpusholz dem in seiner Grundtendenz eher weicher ausgelegten Linde huldigt. Der 5-streifige Hals besteht einmal mehr primär aus Ahorn (3 Streifen), die aus Stabilitätsgründen mit 2 dünnen Streifen Walnuss gesperrt wurden. Um den sehr schlanken Hals, der im „Super Wizard“ Profil ausgeführt wurde, vor dem berüchtigten Schädelbasisbruch zu bewahren, verwendet Ibanez eine dezente Verdickung am Übergang zur Kopfplatte.

Abgesehen vom Finish ist das gesamte Erscheinungsbild der Ibanez RG 550 DY eher dezent gehalten. Einfache Dot-Inlays auf dem Ahorn-Griffbrett und ein durchgehendes Schwarz im Hardware-Bereich sorgen für einen Gegenpol in Sachen Optik. Die Tuner kommen von Gotoh und sind aufgrund der abgewinkelten Kopfplatte nicht gestaggert.

Anscheinend ist das Patent auf das Floyd Rose Vibratosystem mittlerweile ausgelaufen, da der jahrelang aufgeprägte „Under Licence …“ Schriftzug nicht mehr auf dem Messerkantensystem zu sehen ist. Stattdessen wird das Vibrato System, das immer noch u. a. auch von Ibanez fälschlicherweise als Tremolosystem bezeichnet wird, nunmehr als Edge-Tremolo deklariert.

In Sachen Pickups setzt Ibanez auf einen hauseigenen V7 am Hals, einen S1 in der Mitte und einen V8 am Steg. Angeblich sollen die Pickups in den USA entwickelt worden sein, inwieweit dies von Haus- und Hoflieferant DiMarzio übernommen wurde, lies sich leider nicht in Erfahrung bringen. Der Fünf-Wege-Schalter ermöglicht die immer wieder gerne genommene Hals seriell – Hals einspulig plus mittleren PU – Mitte alleine – Steg einspulig plus mittleren PU – Steg seriell Schaltung.

In der Praxis

Auch wenn der Großteil aller Leser wahrscheinlich mit der Arbeitsweise eines Free-Floating-Vibratosystems vertraut sein werden, hier noch einmal kurz die Besonderheiten dieses Systems, das mit vielen Pros und ebenso vielen Contras versehen ist. Ein Vibratosystem, das nach dem Messerkantenprinzip arbeitet, versucht die Reibung, die bei der Tonhöhenänderung der Saite, sprich die Spannung der Saite entsteht, zu minimieren, indem es alle beweglichen Teile während des Vibrierens auf die beiden Kanten an den Einschlaghülsen reduziert. Dies ist auch der Grund, warum die Saiten mittels eines Klemmsattels fixiert werden. Die Reibung im Sattel soll nicht stattfinden und bei einer Dive-Bomb sollen die Saiten ihren Rückweg auf das Griffbrett finden, ohne sich im Sattel zu verhaken. Die Tonhöhenänderung kann nach unten und nach oben ausgeführt werden und ermöglichte dem Musiker bis dato ungeahnte Ausdrucksmöglichkeiten in seinem Spiel. So viel zu den Pros.

Ibanez RG 550 DY

Auf der anderen Seite gibt es primär 3 Punkte, die unter dem Free-Floating-System leiden. Zum einen ist es der Vorgang des Stimmens. Aufgrund des Klemmsattels kann man die Saiten nur über die Finetuner der Brücke nachstimmen, was aber immer eine Interaktion mit den anderen Saiten bedeutet, sprich, der Stimmvorgang dauert um ein Vielfaches länger und das Einstellen des Instruments auf eine andere Saitenstärke kann Stunden dauern.

Zum anderen bilden die Federn der Federkammer bei hartem Anschlag eine Art Hallspirale, da sie immer nachschwingen. Abhilfe schafft entsprechender Schaumstoff, wobei man jedoch darauf achten sollte, dass sich nichts verklemmt. Zu guter Letzt gilt es beim Bending darauf zu achten, dass der Weg der gezogenen Saite deutlich länger ist als bei einer Gitarre mit einer fest gestellten Brücke, sprich, man muss seinen Spielstil ändern oder aber man erledigt alle Vibratos mit dem Vibratosystem.

P.S. Dass man auf einem Messerkantensystem keine 013 Saiten in Standard-Tuning aufzieht, versteht sich von selbst, aber auch ich musste dies schmerzhaft feststellen, als bei einer Jackson Gitarre von mir die beiden Einschlaghülsen aufgrund der extrem hohen Saitenspannung aus dem Korpusholz herausgebrochen waren.

Spieltechnisch hingegen bekommt man von der Ibanez RG 550 DY alles, was man sich von einer Powerstrat wünscht. Aufgrund des moderaten Gewichtes von etwas über 3 kg kann sich so ziemlich jeder Musiker das Instrument umhängen, ohne das Gefühl eines Bundeswehr-Marschgepäcks zu erfahren. Ebenso werden wohl 90 % aller Gitarristen schon bei den ersten Akkorden oder Leads sich auf dem Instrument heimisch fühlen. Das viele hunderttausendfach erprobte Konzept lässt nur sehr marginalen Spielraum für persönliche Handhabungs-Kritikpunkte, zu oft wurde das Instrument im Bezug auf seine Massentauglichkeit optimiert.

Der leider viel zu häufig und bis zur Belanglosigkeit benutzte Terminus „spielt sich fast von selbst“ findet bei diesem Instrument tatsächlich einen guten Nährboden. Der breite und zugleich schlanke Hals mit einem Durchmesser von 430 mm und einer Dicke von 17 – 19 mm avancierte seit Einführung des Modells zu einem DER Merkmale der RG-Serie und bietet wahrlich einen vergleichsweise geringen Widerstand, von dem insbesondere moderne Spieltechniken profitieren. Wann immer man die Alternate-Picking-Pfade verlässt und der Ergonomie den Vorzug gegenüber dem einzelnen Anschlag gibt, kann sich die Ibanez RG 550 DY in ihren Paradedisziplinen erst so richtig in Szene setzen.

Tappings, Sweeps, Glides, Hammer-ons und Pull-offs gleiten in willkommener Leichtigkeit über das Griffbrett und erleichtern so manchen Part, der im Land der halben Baseball-Schläger mitunter unter Mühen und Tränen hart erkämpft werden muss. Klanglich findet die Kombination Hölzer/Pickups eine gelungene Mischung, die sich insbesondere durch große Allrounder-Fähigkeiten einen Platz in der Menge ergattert hat. Wichtige Markenzeichen aus den beiden großen Gitarrenwelten Strat/Les Paul wurden adaptiert und mit einer ordentlichen Portion Eigenständigkeit in das Lager der Powerstrats überführt.

Ibanez RG 550 DY Switching System

Ibanez RG 550 DY Switching System

Fazit

Mit der Ibanez RG 550 DY orientiert sich Japans Aushängeschild in Sachen Gitarrenfertigung an der Dekade der großen Gitarrenhelden. In einer optisch polarisierenden Erscheinung schafft es das Unternehmen aufgrund des über Dekaden gereiften Modells, jene Punkte zu optimieren, welche die RG Serie ausmachen.

Die Verarbeitung des Instrumentes befindet sich auf hohem Niveau, Detaillösungen wurden effektiv umgesetzt. Nicht umsonst entwickelte sich die RG Serie auch bei der direkten oder indirekten Konkurrenz zum Leitfaden für Allround-Gitarren, die bei ergonomischer Linienführung ein Maximum an klanglicher Flexibilität zu offenbaren weiß.

Plus

  • Klang
  • Variabilität
  • Preis/Leistung
  • Verarbeitung
  • Bespielbarkeit

Preis

  • 895,- Euro
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Hein Bloed  

    Die Walnussstreifen, die den Hals „verstärken“ sollen, sperren den Hals nicht ab, dazu müssten sie im 90 Grad Winkel zum Ahorn verleimt sein. Das ist hier garantiert nicht der Fall und ich würde sogar sagen, dass die Konstruktion den Hals eher schwächt als eine direkte Verleimung der Ahornblöcke oder bei Einsatz eines ein-/zweiteiligen Halses. Es dürfte sich um simple Streifen aus Furnier handeln.
    Die Streifen dürften rein optische Gründe haben.

  2. Profilbild
    Jörg Hoffmann  RED

    Hey Axel, ein sehr schön geschriebener Text – man merkt, dass das Dein liebster Spielplatz ist. Besonders bei „Vai-spezifischem Kasperletheater“ musste ich lachen. Danke!

    Ach ja: Wann merken die Marketingleute bei Ibanez eigentlich, dass RGRT621DPB keine (!!!) sinnhafte Bezeichnung für eine Gitarre ist? Aus diesem Grund hat man vor ganz langer Zeit schon einen Unterschied zwischen Modellbezeichnung und SKU (Teilenummer) gemacht.

    • Profilbild
      Axel Ritt  RED

      Hi Jörg, danke für das Lob.

      Ich kann die Buchhaltung bei Ibanez ja durchaus verstehen, aber Rock’n’Roll sieht anders aus …

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