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Test: sE Electronics Rupert Neve RNR1, aktives Bändchenmikrofon

Das Bändchen des Meisters

21. März 2022
sE Electronics RNR1

sE Electronics Rupert Neve RNR1

Das sE Electronics RNR1 Bändchenmikrofon wurde schon vor einigen Jahren vorgestellt, aber es hat bis heute nichts an seiner Aktualität eingebüsst. Bändchenmikrofon erfreuen sich seit dem Einzug der digitalen Aufnahmetechnik ja einer ungebremsten Renaissance. Kein Wunder, begeistert dieser Mikrofontype doch durch seine hohe Natürlichkeit und präzise Tranisentenwiedergabe. Da beim sE RNR1 Bändchenmikrofon ein gewisser Rupert Neve seine Finger mit im Spiel hatte, will ich es in diesem Test etwas genauer unter die Lupe nehmen.

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Über Rupert Neve wurde schon viel geschrieben, auch bei AMAZONA.de kommt kaum ein Testbericht ohne Huldigung dieser Technik-Legende aus. Egal ob Mikrofonvorverstärker, EQs oder Kompressoren – das Erbe von Rupert Neve, seine Ideen und Schaltungen beeinflussen uns heute wie eh und je und haben großen Einfluss auf unsere Arbeitsweise. Es ist dem Mikrofonhersteller sE Electronics zu verdanken, dass der Nachwelt auch Mikrofone erhalten sind, die auf Schaltungskonzpten des umtriebigen Engländers basieren. Mit dem sE RNT wurde ein Großmembranmikrofon vorgestellt, das auf Röhrentechnologie basiert (hier der Test).
Auch ein Kleinmembranmikrofon mit auswechselbarem Kapseln wurde veröffentlicht. Dieses hört auf den Namen RN17 und Rupert Neves Liebe zu Übertragern wird schon bei der Gehäuseform offensichtlich, findet sich doch am Ende des Gehäuses eine voluminöse Aussparung dafür.
Wie bei fast allen Bändchenmikros kommt auch beim RNR1 ein Übertrager zum Einsatz – aber Rupert legt noch einen drauf und verbaut gleich zwei davon im Gehäuse.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Ein roadtauglicher und sehr ansprechend gefertigter Koffer gehört zum Lieferumfang des sE RNR1

Das sE Electronics RNR1 Bändchenmikrofon

Die beiden Übertrager dürften auch ein Grund für das originelle Erscheinungsbild des sE Electronics RNR1 sein. Am unteren Ende, wo die Elektronik ihren Platz findet, ist das Gehäuse dick und rund, während es sich nach oben hin verjüngt. Dort liegt der eigentliche Bändchenmotor. “Das sieht ja aus wie ein Calippo” meinte ein befreundeter Kollege zu mir, als ich das Mikro für den Test im Studio aufbaute. Als Kind der 80er hatte ich natürlich sofort Bilder von Lutscheis im öffentlichen Schwimmbad im Kopf.
Ja, das Design des RNR1 werden manche lieben und andere nicht, aber Bändchenmikrofone gibt es in allen möglichen Formen und Varianten vom kleinen Beyerdynamic hin zum riesigen RCA 44BX. Klar ist auf jeden Fall, sE Electronics und Rupert Neve hier nicht irgendetwas kopiert, sondern von Grund auf ein eigenständiges Mikrofon kreiert haben. Im Zeitalter der Clone-Wars ist das schon mal ein sehr lobenswerter Anspruch.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Das wertvolle Mikrofon wird im Inneren des gepolsterten Koffers abermals von einer Holzschatulle geschützt

Lieferumfang des sE RNR1 Mikrofons

Geliefert wird das Mikrofon in einem beeindruckend großen Paket und einem noch beeindruckenderem Aluminiumkoffer. Das ist schon eine Liga über den sonstigen Köfferchen, die man als Mikrofontester unter die Finger bekommt. Damit kann man zweifelsfrei auf Welttournee gehen. Im Inneren des mit Schaumstoff gepolsterten Koffers befindet sich eine Holzschatulle, in der das sE RNR1 aufbewahrt wird. Aber noch nicht genug: Das Mikrofon wird in der Holzbox nochmals von einer samtigen Tasche geschützt, die sich später im Studioeinsatz als Staub- und Windschutz verwenden lässt. Das ist maximaler Schutz für einen Mikrofontyp, der ja das Image hat, etwas empfindlich zu sein.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

sE macht das Auspacken sichtlich spannend

Neben dem Mikrofon findet auch eine schwarze Spinne, die komplett aus Metall gefertigt wurde, ihren Platz im Case. Diese besitzt im Gewinde einige Ösen, um dem Feststellmechanismus noch ein Quäntchen mehr Sicherheit zu verleihen. Selbst wenn sich die Schraube etwas lockern sollte, behält die Spinne damit ihre Position.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Tatata, das RNR1 in voller Pracht! Mit dem eigenwilligen Design beweisen sE und Rupert Neve viel Mut, neue Wege zu beschreiten.

Das Mikrofon selbst ist sehr gut verarbeitet. Lackierung und Beschriftung wurden sauber ausgeführt, auch die Metallgitter sind präzise eingesetzt. Keine scharfen Kanten oder andere Fauxpas, die einem den Spaß verderben könnten. Überrascht bin ich vom relativ hohen Gewicht, das dem Mikro aber auch eine hohe Wertigkeit verleiht. Rund 850 g sind nicht von schlechten Eltern, die beiden Übertrager machen sich hier also schon bemerkbar.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Die Aufhängung ist sauber lackiert und bis auf die Gummis komplett aus Metall gefertigt

Technische Daten des RNR1

Eine Besonderheit des RNR1 ist seine aktive Elektronik. Für Bändchenmikrofone sonst eher untypisch, benötigt das sE RNR1 48 Volt Phantomspeisung für den Betrieb. Dadurch wird das sonst sehr schwache Ausgangssignal des Bändchenmotors auf das Niveau eines Großmembran-Kondensatormikrofons angehoben. Mit einer Empfindlichkeit von 25 mV/Pa hat das RNR1 einen kräftigen Output und stellt keine sonderlichen Ansprüche an die Gain-Reserven des nachgeschalteten Preamps. Die Ausgangsimpedanz liegt bei 200 Ohm, einem weit verbreitetem Wert, mit dem jeder moderne Preamp klarkommen wird, ohne den Klang zu verfärben.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Das RNR1 ist ein Bändchenmikrofon mit aktiver Elektronik und benötigt 48 Volt Phantomspeisung – dadurch hat es einen enorm hohen Output!

Das Bändchen selbst ist rund mm lang und besteht aus 2,5 µm dünner Aluminiumfolie. Es wurde von Hand eingesetzt und “getunt”, als Magnetmaterial wurde Neodym verwendet. Den Frequenzgang gibt sE mit 20 – 20 kHz an, wobei die Kurve nach oben hin abfällt. Die Richtcharakteristik ist eine reine Acht, Schall der seitlich auf das Mikrofon trifft (90 und 270 Grad) wird nahezu vollständig ausgelöscht. Das RNR1 ist sehr übersteuerungsfest, der Grenzschalldruck, vorbildlich gemessen mit 0,5 % THD bei 1 kHz, liegt bei 137 dB. Tatsächlich sind es in der Praxis starke Luftstöße oder Pusten, was dem Bändchen gefährlich werden kann. Laute Klänge stecken Bändchen für gewöhnlich sehr gut weg. Ich selbst benutze beispielsweise auch Bändchenmikros vor der Bass-Drum, man sollte das Mikrofon nur nicht vor dem Kick-Out-Loch positionieren.

sE Electronics Rupert Neve RNR1 Bändchenmikrofon

Feines Detail: vergoldete XLR Stecker sind ein Garant für Langlebigkeit

Das Eigenrauschen gibt sE mit 17 dB (A) an, was in der Praxis zu keinerlei Problemen führen sollte. Hervorheben will ich an dieser Stelle, dass SE sehr viele und auch realistische Daten klingende anbietet – manch anderer Mikrofonhersteller könnte sich heutzutage eine Scheibe davon abschneiden.

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Das sE RNR1 im Tonstudio-Einsatz

Bei meinen ersten Studioaufnahmen mit dem sE RNR1 überrascht mich die hohe Empfindlichkeit und der enorme Output. Althergebrachte Regeln, wie etwa, dass man Bändchenmikros am besten an lauten Drums, aufgedrehten Gitarrenamps oder Bläsern einsetzen soll, werden von sE und Rupert Neve damit erst einmal auf den Kopf gestellt. Es ist Umdenken angesagt: Für zarte Töne, fein eingespielte Akustikgitarre, Sprache und Gesang eignet sich dieses Bändchen wunderbar. Eben dort, wo man früher vielleicht nicht zu einem Bändchen gegriffen hätte, spielt das RNR1 seine Trümpfe aus. Aber auch laute Klangquellen sind für das RNR1 überhaupt kein Problem. Am Gitarrenverstärker und an den Drums weiß das RNR1 durch seinen offenen Klang und die Betonung der Mitten absolut zu überzeugen. Man sollte im Einsatz nur darauf achten, einen Preamp zu verwenden, der ein Pad besitzt, beziehungsweise sich im Bereich zwischen 0 dB und +30 dB fein regeln lässt. In Kombination mit einem API 512c beispielsweise, der in der Minimalposition schon mit +34 dB verstärkt, könnte das Signal bei lauten Quellen die Wandler übersteuern.

sE_Electronics_RNR1

Ein Hochpassfilter ist mit an Bord, welches das Signal unter 100 Hz leicht absenkt

Einen eingebauten Pad-Schalter am Mikrofon hätte ich als sehr nützlich empfunden. Verbaut wurde ein Hochpassfilter, das recht milde in das Signal eingreift. Viel muss er auch nicht machen, denn der Bassbereich des RNR1 ist tendenziell sehr ausgewogen und tendiert eher in Richtung eines Royer 121 anstatt eines, untenrum dick auftragenden, Coles 4038. Sehr gut gefällt mir die Abbildung der hohen Frequenzen, die das Signal sehr räumlich klingen lassen. Die klangliche Auflösung ist beim RNR1 generell sehr hoch, Transienten werden spritzig und dynamisch abgebildet, es entsteht ein hoher Realismus frei nach dem Motto „so klingt das in echt“.

SE Electronics RNR1

SE Electronics RNR1

Kundenbewertung:
(4)

Ein anderes aktives Bändchen, das ich für den Vergleich hinzugezogen habe, das Rode NTR, schneidet im Test klanglich deutlich matter und eindimensionaler ab. Vielen Dank an den Studioverleih Echoschall an dieser Stelle, der uns für den Bericht das Coles 4038, Melodium 42B und das Rode NTR zur Verfügung gestellt hat.

Hier hört ihr ein Klangbeispiel an der Akustikgitarre im Abstand von 50 cm:

Das sE RNR1 und das Melodium 42B bilden die Akustikgitarre – in diesem Fall eine kleine 3/4 Westerngitarre sehr authentisch ab.

sE Electronics RNR1 Melodium42B

Das RNR1 dürfte das längste Bändchenmikrofon auf dem Markt sein – hier der Vergleich zum Rode NTR und dem Melodium 42B von Echoschall

Hier noch ein Beispiel, diesmal etwas spritziger angeschlagen, ebenfalls mit 50 cm Entfernung:

Für die Aufnahmen am Schlagzeug hat sich der wunderbare Achim Färber, selbst bekennender Bändchen-Fan, bereiterklärt, eine kurze Sequenz einzuspielen. Vielen Dank Achim! Hier hört ihr das RNR1 im Vergleich zum Melodium. Beide Mikros wurden auf einer Höhe von 1,5 m vor dem Set positioniert:

sE RNR1 Melodium 42B

Beide Mikros liefern am Schlagzeug erstklassige Ergebnisse

Gemessen am Melodium 42B, einem der besten Bändchenmikros, das ich kenne, macht das RNR1 eine sehr gute Figur und spielt sich im Handumdrehen in die Oberliga der Bändchen-Gattung. Hier gibt es für mich kein „besser“ oder „schlechter“ – nur „anders“.

Zum Abschluss noch eine Sprachaufnahme mit dem obligatorischen Bienchen. (Immerhin kommt der Frühling und in diesem Kinderreim wimmelt es gerade so von B- und S-Lauten.) Der Abstand zu den Mikros betrug 20 cm. Das Rode NTR ersetze ich in diesem Fall durch das Coles 4038:

Auffallend finde ich hier, wie weich das RNR1 mit scharfen S-Lauten umgeht. Sie treten deutlich in den Hintergrund, ohne dass die Stimme an sich matt klingen würde. Auch der Nahbesprechungseffekt, der beim Coles 4038 deutlich auftritt, ist beim sE RNR1 ausgeglichener.

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Fazit

Es ist eine sehr gelungene Vorstellung, die sE Electronics und Rupert Neve mit dem RNR1 abliefert. Selten hört man ein so offenes, transparentes Klangbild bei einem Bändchenmikrofon. Mit seinem eigenständigen Design wird es Individualisten ansprechen, aber auch alte Studiohasen sollten dem RNR1 mal eine Chance geben. Aufnahmen mit einem sehr hoher Natürlichkeit und Plastizität sind damit möglich, dank der aktiven Elektronik und des hohen Outputs ist Rauschen kein Thema und das Mikro stellt keine besonderen Ansprüche an den Vorverstärker. Für Freunde einer realistischen Abbildung der aufgenommenen Schallquelle ist das RNR1 eine absolute Empfehlung wert. Auch Sprach- und Gesangsaufnahmen profitieren von der weichen Abbildung scharfer S-Laute. Aufgrund der gebotenen Qualität und der Tatsache, dass das Bändchen in der klanglichen Oberliga spielt, geht der Preis völlig in Ordnung.

Plus

  • Transparenz
  • Natürlichkeit
  • vielseitig einsetzbar
  • geringes Rauschen
  • enorm hoher Output (eignet sich auch für leise Quellen)
  • weiche Abbildung scharfer S-Laute

Minus

  • Pad-Schalter wäre hilfreich

Preis

  • 1.599,- Euro
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