Test: Walrus Audio Ages, Verzerrer-Pedal

21. Juni 2020

Das Mammut rollt an!

Walrus Audio gehören zu den bekanntesten amerikanischen Boutique-Schmieden – das starke Slö konnte uns mit seinen Reverb-Fähigkeiten zuletzt definitiv überzeugen. Nun hat die sympathische Firma aus den USA ein neues Pedal vorgelegt: das Ages, ein fünfstufiger Overdrive mit ordentlich Rumms und ein paar ungewöhnlichen Features. Fünf Gain-Stufen in einem kleinen Stompbox-Gehäuse – die letzte Firma, die das zuletzt überzeugend hinbekommen hat, waren JHS, aber Walrus Audio ist so einiges zuzutrauen. Auch wenn die Firma in der Vergangenheit ein paar Fauxpas ablieferte (das Bellwether ist das überambitionierteste Delay-Missgeschick überhaupt meines Erachtens), hat sie dazugelernt und mit dem Julia und zuletzt auch mit dem MAKO D1 großartige Arbeiten abgeliefert. Schauen wir uns das mal im Detail an.

Walrus Audio Ages, Overdrive Pedal – Facts & Panel

Also – fünf verschiedene, distinkte Gain-Modi unter einer Haube beim Walrus Audio Ages. Ob das was taugt, wird der Praxisteil dokumentieren. Doch schauen wir uns zunächst das Gerät als solches an: Tote, leblose Augen eines heranrasenden Mammuts mit mehreren Rüsseln – das Artwork ist Walrus Audio-typisch eine Nummer für sich. Wir haben es auch mit den Stompbox-typischen Maßen 66 x 120 x 58 mm zu tun sowie mit ansonsten recht übersichtlichen Features: Das Pedal wird über 9 V Netzteil mit Strom versorgt (nicht im Lieferumfang vorhanden – qu’elle suprise!), sollte wenn möglich mit 100 mA betrieben werden und besitzt die Anschlüsse auf der Stirnseite: reguläre 6,3 mm Monoklinken für Input und Output. Die Verarbeitungsqualität ist absolut top – wie die meisten Walrus Audio Pedale ist auch das Walrus Audio Ages stabil verbaut und besitzt Schrauben an den Plates für eine bombensichere Befestigung am Pedalboard.

Das Panel des Walrus Audio Ages besitzt sechs Regler auf zwei Reihen. Die Parameter, die hier abgedeckt werden, lauten wie folgt:

  • Volume setzt die Lautstärke des Outputs fest – das Ages kann laut sein und saturiert in seinen Sound in den höheren Regionen trotzdem angemessen.
  • Dry lässt – und das ist für ein Verzerrer-Pedal eher ungewöhnlich – das Verhältnis von dry Signal und Zerr-Sound zueinander einstellen – so lässt sich ein ordentlicher Punch einpendeln, was bei vielen Overdrive-Pedalen nicht geht.
  • Gain ist für das Ausmaß an Verzerrung, das man in den fünf Stufen einstellen möchte.
  • Bass fungiert als Low-Frequency-Boost oder -Cut, um beispielsweise dünnere Singlecoil-Sounds zu verstärken.
  • Treb ist für die höheren Frequenzen – wer diese verstärken und im Klangbild prominenter machen oder sie zurückdrehen will, kann das an diesem EQ-Regler tun.
  • Mode Switch lässt einen zwischen den fünf Gain-Versionen schalten.

Auffällig ist natürlich, dass der mittlere Platzhalter der EQs fehlt – der Umgang mit den Mitten, der bei vielen Tubescreamern und Overdrive-Pedalen zentral ist, dürfte hier beim Walrus Audio Ages vor allem durch den Charakter der einzelnen Modi abgedeckt sein. Schauen wir uns die einmal an.

Walrus Audio Ages Gain Pedal – die Gain Stages

Der Mode-Switch des Walrus Audio Ages ermöglicht euch also, zwischen den fünf „Gesichtern“ des Ages hin- und herzuschalten. Zwei Größen werden hier verändert: Der interne Gain-Charakter sowie das Clipping. Das hat zur Folge, dass auch die Regler anders reagieren und manche Modi beispielsweise lauter ausfallen als die anderen. Also – was machen die Modi?

  • Mode 1: Ein Low-Gain-Modus in bester Crunch-Manier mit sanftem Silizium-Clipping, versehen mit einem angemessenen Kompressor
  • Mode 2: Eine etwas bissigere Low-Gain-Variante mit LED-Clipping
  • Mode 3: Der erste High-Gain-Modus – sehr saturiert, sehr tight, mit sanftem Silizium-Clipping
  • Mode 4: High-Gain mit LED-Clipping, saturierter, aber mit ordentlichem Punch
  • Mode 5: High-Gain mit hartem Silizium-Clipping – sehr geeignet für Riffing und akzentuiertes Spiel

Also: Zwei Low-Gain- und drei High-Gain-Sounds, mit harten und sanftem Silizium- oder LED-Clipping. Der Mix-Regler ist zusätzlich ein Garant für Flexibilität im Sound. Insgesamt also eine umfangreiche Angelegenheit, bei der im Grund nur ein Anschluss für ein Expression-Pedal vermisst wird. KMA Machines haben es vorgemacht, dass auch Verzerrer-Pedale von einem solchen Anschluss profitieren können. Nichtsdestotrotz: Entscheidend ist die Praxis. Wie klingt das Walrus Audio Ages?

Walrus Audio Ages Distortion Pedal – in der Praxis

Wir nutzen den Yamaha THR30 III und füttern ihn in den Two Notes C.A.B. M, um eine greifbare Grundlage für die Overdrive-Sounds des Walrus Audio Ages zu gewährleisten. Der Reihe nach nutzen wir die einzelnen Modi – wie reagiert der Walrus Audio auf das Volume-Poti? Kann er bei Singlecoils was reißen? Sind die Modi redundant?

Zunächst versuchen wir uns an sämtliche Modi bzw. Stufen des Walrus Audio Ages. Wir pendeln den Gain-Regler auf 12 Uhr ein, nehmen ein bisschen den Treble zurück und verstärken ein bisschen die Bässe, dann werden die einzelnen Modi auf dieser Einstellung demonstriert.

Grundsätzlich ist der Sound ungemein saturiert, hochdynamisch und natürlich – das gefällt schon mal enorm. Die Frage nach der Redundanz stellt sich bei fünf Modi natürlich – auf der genannten Einstellung ist nur auffällig, dass sich Stufe 1 und Stufe 2 tatsächlich sehr ähneln, auch wenn Modus 2 durchaus offener ist. Speziell das saturierte LED-Clipping in Modus 4 klingt ungemein weich und trotzdem punchy – es zeichnet sich die Vermutung ab, dass das Walrus Audio Ages ungemein flexibel sein dürfte. Eine Vermutung, die sich mit jeder voranschreitenden Minute zunehmend bestätigt.

Als nächstes nehmen wir jede einzelne Gain-Stufe des Walrus Audio Ages und fahren das gesamte Gain-Spektrum in jedem einzelnen Modus, während Bass und Treble nach wie vor unangetastet bleiben.

Speziell die erste Stufe mit ihrem symmetrischen Silizium-Clipping hat es mir persönlich angetan. Das kratzt schon an High-Gain-Gefilde, muss man sagen. Den offensten Overdrive erzeugt meines Erachtens Stufe 3 – auch hier weich, offen mit einem ungemein schönen und schlagkräftigem Punch. Das bissigere  LED-Clipping steht – meines persönlichen Erachtens nach – dem Ages nicht so gut wie das Silizium-Clipping in Mode 1, 3 und 5, aber das ist eine pure Geschmacksfrage. Fakt ist: Sämtliche Stufen klingen reich, fett und transparent. Man hätte sich gewünscht, dass der Ages beim Bass-Regler ein bisschen mehr die Möglichkeit gibt, das Low-End zu boosten, aber ansonsten erfüllen die zwei EQ-Regler ihren Zweck. Vermisst man den Mid-EQ? Nicht wirklich – wenn man sich im Bandgefüge bemerkbar machen will, ist dies hervorragend über den Treble-Regler möglich und zusätzlich durch das bissige LED-Clipping.

Widmen wir uns dem Volume-Poti der Gitarre: Kann der Ages hier eine natürliche Öffnung des Sounds gewährleisten? Kann er. Die Dynamik im Spiel wird hervorragend wiedergegeben, die Ausreißer jenseits der 12-Uhr-Marke sowieso, doch auch davor behält der Ages eine starke Grunddynamik und Transparenz.

Darüber hinaus kombinieren wir für eine kurze Aufnahme drei Modi des Ages und erzielen so eine reichhaltige Landschaft aus Verzerrungen. Es ist durchaus denkbar, das Ages als nützliches Recording-Tool oder Gain-Rack zu betrachten – das Pedal kann viel und ist universell so gut einsetzbar, dass ich fast ein bisschen beschämt zu meinem Chase Bliss Audio Brothers schielen muss, der fast das Doppelt gekostet hat.

Durch den Coil-Splitter meiner Schecter versuchen wir nun zu testen, ob der Ages mit Singlecoil-Charakter zurechtkommt. Wir legen ein bisschen Hall drauf und kitzeln ein bisschen was raus – tatsächlich tut sich der Ages auch hier dem Sound ungemein gut. Je länger man sich mit dem Walrus Audio Ages beschäftigt, desto mehr stellt man fest, dass seine Flexibilität beachtlich ist. Die Anschlagsdynamiken des Singlecoils werden hervorragend zum Ausdruck gebracht – vor allem beide Low-Gain-Modi stehen der Responsivität der Singlecoils gut zu Gesicht. Die High-Gain-Modi nehmen etwas vom höhenlastigen Coil-Charakter heraus und geben dem Sound einen Humbucker-typischen Druck. Für Spieler einer Telecaster oder Strat ein Garant für die „Verfettung“ des Sounds – ein weiterer Pluspunkt für dieses hochflexible Gerät.

 

Fazit

Chapeau, Walrus Audio – da kommt man um ein Best Buy nicht herum. Obwohl grundsätzlich arm an Features, ist diese Menge an guten, brauchbaren und vor allem hochdynamischen Overdrive-Sounds für den Preis absolut ungeschlagen. Das Ages könnte der beste Freund deines Röhrenamps werden, denn vor allem das LED-Clipping kann mächtig was lostreten. Fakt ist: Überflüssig ist hier nichts, jeder Sound hat seine Berechtigung. Fehlende Umschaltmöglichkeiten machen das nicht unbedingt praktikabel, aber im Ages steckt für diesen Preis fast schon unverschämt viel drin. Mein Anwärter für Overdrive-Pedal des Jahres.

Plus

  • Five-Gain-Stages
  • gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

Minus

  • keine Umschaltmöglichkeiten der Sounds

Preis

  • 209,- Euro
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    …hat einen sehr angenehmen Tone der Verzerrer, auch die Soundbeispiele sind da sehr nach meinem Geschmack…reagiert gut auf die Pickings…

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