Vergleich moderner Les Pauls – Hagstrom vs. Epiphone

25. Oktober 2020

Schulze gegen Schultze - moderne Klassiker

Schulze und Schultze, die beiden irgendwie putzigen, leicht zerstreuten und immer misstrauischen Detektive aus den Kult-Comics um Reporter Tim und seinen Hund Struppi. Was genau haben die mit einem Vergleich moderner Les Pauls zu tun? Nun, Schulze und Schultze sind sich vordergründig einig, verfolgen das gleiche Ziel und sind nur im Detail voneinander zu unterscheiden. Der eine ist minimal dicker bei grundsätzlich gleicher Figur. Und in den Verfilmungen haben sie eine sehr ähnliche Stimme. Also ich finde, die beiden geben gute Paten für unseren Vergleichstest ab. Einen Klassiker wie die Les Paul muss man nicht neu erfinden, aber ein Facelift ist nach nunmehr fast 70 Jahren mehr als überfällig. Während die Firma Epiphone sich nach wie vor auf exakte Kopien der legendären Rockgitarre verlässt und nur minimale Veränderungen gegenüber dem Vorbild zulässt, kann ein Hersteller wie Hagstrom schon etwas progressiver mit dem Erbe umgehen. Schauen und hören wir uns die beiden mal im direkten Vergleich an.

Vergleich moderner Les Pauls

Der Vergleich moderner Les Pauls – Hagstrom vs. Epiphone

Der Vergleich moderner Les Pauls – let’s go

Also die Mutter aller Rockgitarren können sie beide nicht verleugnen. Das klassische Design der Les Paul wird bei beiden Probandinnen mehr als deutlich kopiert. Es fällt jedoch auf, dass die Hagstrom Ultra Max etwas schlanker wirkt. Legt man beide Gitarren übereinander, zeigt sich, dass die Form des Korpus bei der Hagstrom etwas nach hinten verlagert wurde. Der Cutaway fällt deutlich großzügiger aus und der Bauch beginnt einen guten Zentimeter hinter dem der Epiphone, erreicht aber schlussendlich trotzdem deren Körperquerschnitt. Erstaunlich, dass so minimale Facelifts so viel zum Spielgefühl beitragen können. Ob positiv oder negativ, klären wir später, erst einmal notieren wir pflichtbewusst die Fakten. Das Gewicht teilt man sich halbschwesterlich, beide bringen exakt 3,69 kg an die Strippe der Kofferwaage. Da die Epiphone über einen deutlich dickeren Korpus von 5 cm (Außenkante) gegenüber der Hagstrom (4,1 cm) und eine deutlich stärker gewölbte Decke verfügt, muss das Gewicht irgendwo eingespart worden sein. Hierfür gibt es zwei mögliche Gründe: Zum einen hat die Hagstrom Ultra Max eine deutlich längere Mensur von 648 mm gegenüber den klassischen 629 mm der Modern Les Paul und es fällt hier schon mal erheblich mehr Material an, zum anderen verfügt die Modern Les Paul von Epiphone über  einen sogenannten „Modern weight relief Korpus“. Was genau das bedeutet, sagt der Hersteller nicht, aber im Test des Modells habe ich schon vermutet, dass unter der gewölbten Decke aus Riegelahorn Kammern in den Korpus gefräst wurden. Um den Begriff „Modern“ in der Modellbezeichnung zu rechtfertigen, hat sich Epiphone zusätzlich des Hals-Korpus-Übergangs angenommen und spendiert der chinesischen Schönheit eine Ausfräsung, die man sonst bei einer Les Paul eher nicht bemerkt. 22 Jumbo Bünde sind beiden Ladies zueigen, sie ruhen jeweils auf einem dunklen Griffbrett, das aus Ebenholz (Epiphone) bzw. Resinator (Hagstrom) besteht: Resinator ist eine Materialmischung, die zu 2 gleichen Teilen aus Holz und aus einer nicht näher bezeichneten Kunststoffmischung besteht. Sieht aus wie Ebenholz, fühlt sich an wie Holz und soll die Schwachpunkte eines Ebenholzgriffbrettes, wie ausgeprägte Hot- und Deadspots, eliminieren. Die Rückseiten beider Gitarren sind lackiert. Doch während Epiphone hier auf klassischen Lack zurückgreift, der im Zweifel, je nach Handschweißintensität, auch mal kleben kann, verwendet Hagstrom hier ein mattes, deckend schwarzes Finish, über dessen genaue Zusammensetzung man sich ausschweigt. Auf jeden Fall fühlt es sich nach kurzer Eingewöhnung an, als hätte man diese Gitarre schon Jahrzehnte in der Hand. Handschweiß dürfte kein Problem darstellen. Das „Slim-D-Profil“ der Hagstrom kontert die Epiphone mit einem asymmetrischen Halsprofil, das sich ebenfalls anfühlt wie 20 Jahre Bühne. Sehr schön, Mädels!

Vergleich moderner Les Pauls

Auch Epiphone kann Innovation, wenn auch im deutlich gemäßigteren Rahmen

Bezüglich der Holzauswahl bleibt zu bemerken, dass beide Korpusse aus Mahagoni bestehen, genauso wie der jeweils standesgemäß eingeleimte Hals. Auch hier gibt es seitens der Hagstrom im Vergleich moderner Les Pauls, eine Innovation zu vermelden: Um ein dünnes, modernes und trotzdem stabiles Halsprofil zu ermöglichen, wird hier eine sogenannte H-Expander Trussrod verwendet. Die Website des Herstellers gibt die Auskunft, dass es sich dabei um eine äußerst stabile, H-förmige Alu-Trussrod handelt, die neben der Stabilität des Halses auch zum Sustain beitragen soll. Um die Schwingung der einzelnen Saiten noch zu beflügeln und eine Interferenz zwischen den einzelnen Saiten zu verhindern, verfügt die Hagstrom über eine eigens entwickelte Brücke, die sechs einzelne Saitenaufnahmen in Blockform bietet, während bei der Epiphone, ganz traditionell, ein einteiliges Stopbar Tailpiece Verwendung findet.

Vergleich moderner Les Pauls

Hagstrom Innovation No.1: Die Brücke besteht aus 6 einzelnen Blöcken

 

Vergleich moderner Les Pauls

Hagstrom Innovation No.2: Die H-Expander Trussrod

Beiden Gitarren gemeinsam ist eine Decke aus Riegelahorn, beide perfekt verarbeitet, einschließlich des Bindings, das bei der Ultra Max aus Perloid besteht und somit deutlich edler wirkt. zudem umläuft das Binding auch die Kopfplatte und setzt durch seine zwei- bzw. dreistreifige Variation optisch noch einen drauf. Hier verhält sich die Modern Les Paul der Gibson-Tochter eher wieder konservativ und kommt mit klassischem, einteiligen Kunststoff-Binding. Auf das kleine Schlagbrett, das die Optik der Les Paul seit 70 Jahren prägt, wird bei Hagstrom verzichtet. Preislich nehmen sich die Halbschwestern nicht viel, beide liegen etwa in der gleichen Preiskategorie. Die Epiphone ist einen Hauch teurer, wobei je nach Ausführung schon ein Preisunterschied von 100,- Euro zu bemerken ist.

Schein und Sein: Die Elektronik im Vergleich

Bei beiden Instrumenten, die hier im Vergleich moderner Les Pauls antreten, sind natürlich 2 Humbucker verbaut. Sowohl Hagstrom als auch Epiphone produzieren ihre Aggregate selbst. Der 3-Weg-Schalter zur Anwahl der Pickups befindet sich bei der Epiphone dort, wo man ihn vermutet. Die Hagstrom geht hier wieder einen eigenen Weg und setzt ihn nach hinten, noch hinter die Brücke. Nach anfänglicher Skepsis hat sich diese Änderung dem Original gegenüber, soviel sei schon mal verraten, als echtes Plus entpuppt. Ist man nämlich in der härten Musik unterwegs und/oder neigt man zum Indie-Geschrammel, kann man tatsächlich mit der klassischen Position ins Gehege kommen und den Toggle versehentlich verstellen. Bezüglich der Regler-Anordnung ist bei Epiphone natürlich keine Überraschung zu erwarten, wohl aber in deren Funktion. Die Modern Les Paul, deren Einzeltest ihr hier noch mal nachlesen könnt, verfügt über 3 Pull-Potis, die jeweils einem Humbucker zugeordnet einen Coil-Split ermöglichen und, als Goodie on top, einen Phase-Switch auslösen können. So vielseitig zeigt sich die Hagstrom Ultra Max nicht, hier werkelt je Pickup zwar ebenfalls ein Volume-Regler, jedoch verfügt sie nur über einen Tone-Regler, der als Push-Poti hier den Coil-Split für beide Tonabnehmer gleichzeitig übernimmt. Im Test zeigt sich aber, dass dies die deutlich praxisorientiertere Variante ist, denn der Split-Sound beider Pickups in Kombination ist bei beiden Gitarren ein Highlight. Bei der Epiphone müssen hierzu aber zwei Potis gezogen werden, die zudem mit schwitzigen Fingern gern mal dort bleiben, wo sie sind. Die Knöpfe der Hagstrom sind deutlich griffiger und das Pull-Poti lässt sich wesentlich leichter aktivieren.

Hagstrom Design

Die Hagstrom Ultra Max verfügt über weniger Regelmöglichkeiten als die Halbschwester, trumpft aber mit Art-Deco Design und deutlich besserem Handling gegenüber der Epiphone

Doch nun wird’s Zeit für den akustischen Shootout!

Der direkte Vergleich moderner Les Pauls

Aufgrund der Vielzahl der möglichen Sounds bitte ich um Verständnis, dass ich immer mehrere Pickup-Kombinationen in einem Klangbeispiel anbiete. Ich beginne mit einem cleanen Sound aus dem Kemper, Effekte gibt’s bis auf ein wenig Raumsimulation wie üblich nicht. Die Epiphone startet mit ihren drei Humbucker-Sounds vom Hals-Pickup, über Mittelstellung, zum Steg-Pickup. Die Hagstrom tut es ihr gleich. Die Epiphone klingt ausgewogen, der Hals-Pickup macht einen guten Job, die Bässe sind nicht zu aufdringlich. Die Hagstrom klingt am Hals etwas basslastiger und in den Höhen verhaltener, ohne jedoch in Matsch abzugleiten. Die Zwischenposition bestätigt das Bild, wobei die Hagstrom hier offener klingt. Beim Umschalten auf die Bridge-Position hat die Hagstrom jetzt die Nase etwas vorn, der Sound wird nicht zu spitz, wirkt runder. Die Tonabnehmer der Ultra Max komprimieren mehr, das bemerkt man vor allem in der Stegposition.

Hören wir uns die Sounds der gesplitteten Humbucker an. Gleicher Sound am Kemper, übrigens ein Bogner XTC Profile von Guido Bungenstock. Hier zeigt sich die Epiphone deutlich spitzer im Sound, die Hagstrom behält ihren warmen, ausgewogenen Klang. Vor allem die Zwischenposition weiß bei beiden Gitarren zu gefallen, wobei mir auch hier die Hagstrom etwas praxisgerechter, funkiger und wärmer erscheint. Der gesplittete Steg-Humbucker allein ist bei der Epiphone ebenfalls ganz klar schwächer auf der Brust, wobei man hier bei der Hagstrom schon aufpassen muss, dass man nicht in ungewollter Verzerrung mündet. Dynamischer spielbar ist letztere auf jeden Fall deutlich.

Wenden wir uns einem angezerrten Sound zu. Zunächst ist wieder die Epiphone am Start, zuerst die gesplitteten Humbucker, dann die Humbucker im normalen Modus. Die Epiphone zeigt hier erste Schwächen, die Tonabnehmer sind im so wichtigen Crunch-Bereich eher blass und charakterlos. Die Pickups der Hagstrom dagegen sind klar dynamischer, haben mehr Wucht und die Gitarre ist durchsetzungsfähiger. die einzelnen Töne kommen bei der Hagstrom klarer ans Ohr, die Trennung der Saiten ist wesentlicher sauberer.

Nach allem, was die Probandinnen bisher so leisten, freue ich mich auf einen brachialen Zerrsound. Zum Einsatz kommt das Profile eines Soldano Hot Rod. Ich spiele wieder ein bisschen mit den Möglichkeiten der Gitarren, der Sound bleibt gleich. Im direkten Vergleich muss auch hier die Epiphone wieder einstecken. Die Hagstrom klingt erwachsener, druckvoller, punchiger. Der Bassbereich ist definierter und das Verhältnis zu Mitten und Höhen ist einfach besser abgestimmt. Aber im Vergleich zum angezerrten Sound macht die Epiphone hier wieder Boden gut und stimmt mich etwas milder.

Letzter Halt: Highgainhausen, Ortsteil Solingen. Das Profile hört auf den Namen Engl Steve Morse und darf jetzt auch ein bisschen Delay mitbringen. Die Hagstrom ist in meinen Ohren auch hier wieder deutlich überlegen, auch wenn der Sound der Epiphone nur im direkten Vergleich schwächer ist und für sich genommen definitiv auch Qualitäten hat.

Fazit

Es gibt tatsächlich einen klaren Sieger: Die Hagstrom Ultra Max überzeugt durch einen in dieser Preisklasse sensationellen Sound, sowohl im Humbucker- als auch im Split-Coil-Betrieb, egal ob Clean, angezerrt oder High-Gain. Das Handling der Schwedin ist der chinesischen Halbschwester ebenfalls haushoch überlegen, in Sachen Ergonomie, Finish der Halsrückseite und Bedienbarkeit des Pull-Potis fiele meine Wahl auf die Hagstrom. Wer auf die klassische Optik Wert legt und sich trotzdem gegenüber einer Les Paul etwas mehr Vielseitigkeit wünscht, wird in der Epiphone Modern Les Paul sein Ziel finden. Eine deutlich modernisierte Les Paul und wesentlich mehr Gitarre fürs Geld gibt’s bei der Hagstrom Ultra Max.

Plus

  • Hagstrom Ergonomie
  • Hagstrom Sound
  • Hagstrom Verarbeitung
  • Hagstrom Finish Rückseite
  • Hagstrom Innovation
  • Hagstrom Preis
  • Epiphone Klassische Optik modern umgesetzt
  • Epiphone Cleane und Highgain Sounds
  • Epiphone Etwas mehr Schaltungsvielfalt
  • Epiphone Preis

Minus

  • Epiphone angezerrte Sounds
  • Epiphone Handling der Pull-Potis

Preis

  • Hagstrom Ultra Max 585,- bis 609,- Euro je nach Ausführung
  • Epiphone Les Paul Modern 622,- Euro bis 685,- Euro je nach Ausführung
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Dalai Galama  

    Ich finde solche Vergleichstests ebenfalls Klasse. Das klassische Paula-Konzept dürfte ja nahezu jedem (E-)Gitarristen geläufig sein, da öffnet so eine Gegenüberstellung ganz neue Perspektiven.

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