Workshop: E-Gitarren-Recording, Teil 3 – der Hall

9. Februar 2018

Vom einem der auszog, den passenden Raum zu finden

Willkommen zum dritten Teil unseres E-Gitarren Recording Workshops auf Amazona! Heute wollen wir uns einem Effekt widmen, der uns unser gesamtes Leben lang begleitet und deshalb meist im Unterbewusstsein wahrgenommen wird, dem Hall oder auch angloamerikanisch als Reverb bezeichnet. Um es gleich vorneweg zu schicken, ein Raumeffekt spielt im Gegensatz zu nahezu allen anderen Effekten ausschließlich mit deiner Psyche. Streng genommen darf man bei der Verwendung externer Hallgeräte gar nicht von einem Effekt im typischen Sinne, sondern muss vielmehr von der „Vortäuschung falscher Tatsachen“ sprechen. Aber alles schön der Reihe nach.

Studio A Principal Studios

— Studio A Principal Studios —

Was macht den Hall bzw. den Raumeindruck so besonders? Kurzfassung: Unser Gehirn kann ohne einen räumlichen Eindruck nicht leben! Durch die Laufzeitenunterschiede des Schalls zwischen unseren Ohren errechnet unser Gehirn eine dreidimensionale Abbildung des Gesehenen und bringt dieses in Einklang. Beraubt man einem normal ausgebildeten Gehirn plötzlich jeglicher Raumeindrücke, so reagiert dieses mit völliger Panik. Der Weltrekord des Aufenthalts in einem Raum, in dem es keinerlei Sinneseindrücke gibt, liegt meines Wissens bei knapp über zwanzig Minuten, danach mussten die Ärzte den Probanden mit Gewalt aus dem Raum entfernen, da er bereits erste Züge von Wahnsinn zeigte.

Dies bedeutet aber auch, dass unser Gehirn sehr fein strukturiert ist, sobald es um räumliche Eindrücke geht. Insbesondere in der Musik lassen sich somit extrem große Unterschiede in einem Klangbild erzeugen, was jedoch sehr stark von dem verwendeten Klangmaterial und vor allem von dem gewünschten Klangeffekt abhängt.

Etwas Geschichte …

In den Anfangstagen, in denen man versuchte, musikalische Ergüsse auf verschiedenen Tonträgern zu konservieren, gab es eigentlich nur eine Aufnahmeform. Man nahm ein Mikrofon, stellte es vor das Orchester und nahm das auf, was das menschliche Gehörn ebenfalls wahrgenommen hätte. Natürlich in mono, was zur Folge hatte, dass man das klangliche Ergebnis zwar über Volksempfänger jeglicher Art problemlos wiedergeben konnte, der räumliche Effekt in Form von Tiefenstaffelung jedoch auf der Strecke blieb.

Eine kleine Mono-Hallfahne schlich sich gegebenenfalls ein, was aber eher lästig war und durch Raumakustik möglichst in ein geordnetes Korsett gezwängt wurde. Komplett schallgedämpft durfte der Raum aber auch nicht sein, da sonst von den hinteren Instrumenten lediglich der Direktschall aufgenommen wurde und man ein völlig unausgewogenes Klangbild erhielt.

Das Ganze bekam deutlich mehr Struktur, als die Stereoaufnahme erfunden wurde. Einige Künstler wie die Beatles nahmen die beiden Kanäle zum Anlass, einzelne Instrumente mit hartem Panning auf nur einen Kanal zu legen, aber die Grundtendenz lag eher in der Absicht, ein „echtes“ Stereobild zu erzeugen. High Fidelity war seiner Zeit nichts anderes, als ein möglichst genaues Abbild einer live spielenden Band/Orchester auf einem Tonträger zu generieren.

Durch die ständige Verbesserung der Effektgeräte gelang es allerdings immer mehr, den Hall als echten Effekt einzusetzen und die Instrumente in einem Kunstraum abzubilden, den es so in der Wirklichkeit nicht gab. Konnte man durch ein Bandecho noch einigermaßen einen kleinen Kellerraum für ein Slapback Delay akustisch abbilden, so musste man zunächst im Hallbereich auf künstliche Raumeffekte zurückgreifen, die zwar eine Hallfahne abbildeten, aber keinen echten Raum erzeugen konnten.

Dies änderte sich schlagartig mit der Erfindung der digitalen Hallgeräte, die aufgrund der potenten Prozessoren erstmals in der Lage waren, einen „echten“ Raum zu simulieren. Erstmals waren Künstler und Produzenten nicht mehr auf die Aufnahme in aufwendig zu betreibenden Räumen angewiesen, sondern konnten ihre Künstler in Räumen platzieren, die im Effektgerät in Echtzeit errechnet wurden.

Logic EnVerb

— Logic EnVerb —

Wir schreiben die Achtziger und erreichen die Hochzeit der 19 Zoll Gigantomanie, in der der Wert eines Studios über die Outboard Racks seitlich neben oder hinter der Konsole definiert wurde. Lexicon war der Inbegriff des Hall-Olymps und setzte mit seinen Modellen 300 und 480 legendäre Duftmarken, die sich in ambitionierten fünfstelligen Kaufbeträgen widerspiegelten.

Zurück in die Zukunft …

Die Gegenwart hingegen sieht völlig anders aus. Mit der Erfindung der DAWs hat sich das moderne Aufnahme- und vor allem Mischverfahren grundlegend geändert. Auch wenn die Highend-Liga der 19″ Boliden klanglich immer noch einen Hauch mehr Offenheit und Headroom im Klang bieten, so ist der Unterschied gerade im Bereich der hoch-komprimierten und -limitierten Produktionen auch mit den besten Ohren nicht mehr wahrzunehmen, was letztendlich auch zum Aussterben des High End Outboards geführt hat.

Um kreativ mit den wichtigsten Hallbereichen zu arbeiten, sollte man sich erst einmal mit den unterschiedlichen Presets vertraut machen. Die meisten Algorithmen unterteilen sich in vier Presets, die mit den Namen Ambience, Plate, Room und Hall bezeichnet werden. Was wollen uns diese Bezeichnungen sagen?

Ambience

Hier kann man nur bedingt von einer Raumsimulation sprechen, da man meistens eher ein „Gefühl“ transportieren möchte. Der Hintergrund liegt in der Tatsache, dass immer ein paar Zentimeter zwischen der Schallquelle und dem Gehör liegen und diese je nach der räumlichen Umgebung im Klang variieren. Eine Close-Mike-Mikrofonaufnahme nimmt den Klang ja direkt am Lautsprecher, Drumskin oder ähnlichem ab. Dort befindet sich aber nicht das Ohr! Der Algorithmus sorgt also dafür, dass der räumliche Eindruck eines Abstands von einigen Zentimetern bis hin zum knapp zwei Metern entsteht. Er macht den räumlichen Klang sozusagen „natürlicher“.

Plate

Hier wird der Plattenhall in der Prä-Prozessor-Ära simuliert. Seiner Zeit wurden riesige Metallplatten frei schwebend aufgehängt, in Schwingung versetzt und dann wieder über Mikrofone oder Tonabnehmer aufgenommen. Der Klang war vergleichsweise höhenreich und sorgte für einen Halleffekt, ohne dass ein echter Raum simuliert wurde. Der Effekt wurde gerne für perkussive Klänge oder auch Bläser eingesetzt.

Room

Der Name ist Programm, jetzt geht es ans Eingemachte. Hier trennt sich auch in Sachen Programmierung und Algorithmen die Spreu vom Weizen. Angefangen bei voll gekachelten Badezimmern, über kleine bis mittelgroße Naturräume bis hin zu akustisch optimierten Aufnahmeräumen. Hier spielt sich der Großteil der im Mix verwendeten Presets ab und hier hört man auch am schnellsten, wer mit schwacher CPU-Power am Start ist und wer den amtlichen Faltungshall am besten getroffen hat. Sollte man noch einen alten 19″ Lexicon Boliden am Start haben, sollte man als Referenz das Preset „Studio 1“ aufrufen. Meines Erachtens immer noch unerreicht, wenn es um eine authentische Aufnahmeraumatmosphäre geht.

Hall

Hier geht es ab einer Sekunde Nachhallzeit aufwärts. Angefangen bei mittelgroßen Bühnen, den dazugehörigen Zuschauerräumen über Werkshallen bis hin zu Kathedralen und Flugzeughangars. Abgesehen von der schweren „80er Jahre heavy Balladen Snare“ werden diese Algorithmen mehr im Effektbereich oder aber der Filmvertonung eingesetzt. Was bedeutet, dass sie im Musikbereich doch stark an Boden eingebüßt haben.

Logic PlatimunVerb

— Logic PlatimunVerb —

Und jetzt?

OK, wie gehe ich am besten an die mannigfaltige Auswahl der Parameter heran? Zunächst einmal, nahezu alle Raumeffekte sind etwas für den Mixdown. Es sei denn, man liebt den Hallspiralensound seines Gitarrencombos und möchten diesen unbedingt mit aufnehmen. Alle anderen Rauminformationen werden erst im Mix hinzugefügt oder hinzugemischt. Wer in einem akustisch hochwertigen Raum aufnimmt, kann den Raumhall gerne auf separate Spuren aufnehmen und später hinzumischen, wobei der Fokus auf dem Wort „später“ liegt. Merke, was einmal an Hall auf dem Originalsignal liegt, lässt sich so gut wie gar nicht mehr aus dem Signal entfernen.

Ich empfehle, sich vorher hinzusetzen und ein klares Bild zu umreißen, wie die Band, Projekt, Künstler klingen sollen. Durch die gezielte Verwendung von Halleffekten kann man nicht nur die Simulation einer Liveaufnahme generieren oder aber die Band in nahezu jedem noch so abgedrehten Raum spielen lassen, man kann auch je nach Farbe und Intensität des Halls eine Dekade generieren, in der die Aufnahme entstanden sein soll.

HOFA IQ VERB

— HOFA IQ Verb —

Dabei ist es sehr wichtig, ob die Band als Einheit definiert wird oder aber jedes Instrument separat bearbeitet werden soll. Nehmen wir an, man möchte ein möglichst natürliches Bild einer live spielenden Band simulieren. Hier stellst du dir den typischen Aufbau einer Band vor und platzierst diese entsprechend ihrer Aufstellung auch im Hall-Algorithmus. Man benutzt nur ein Preset und erzeugt somit den natürlichsten Klang. Einfach ausgedrückt – die Qualität des Hallgeräts/Algorithmus entscheidet über die Qualität des Sounds.

Was aber, wenn du die Instrumente separat behandelst und die Gitarre aus dem Klangbild mittels eines Raums herausgelöst werden soll? Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Nehmen wir die typische Rhythmusgitarre. Ich persönlich finde eine völlig trockene Gitarre recht langweilig. Zwar hört man so alle Details (und auch alle Unsauberkeiten) am intensivsten, aber der Sound entspricht keinem natürlichen Klangverhalten. Wie gesagt, dein Ohr klebt am Lautsprecher. Ein Hauch von Ambience kann hier Wunder wirken. Am besten gerade so, dass man sie NICHT direkt wahrnimmt. Bei der Dopplung schön rechts/links im Raum verteilt und man hat ein organisches Klangbild.

Für die Sologitarre kann es gerne mal ein paar Nummern größer ausfallen. Gerade getragene Melodielinien blühen im Algorithmus „Hall“ richtig auf, aber Vorsicht, ersäuft das Instrument im Raum, erreicht man genau das Gegenteil von Fokussierung. Hat man ein sehr dichtes Klangbild, kann man auch wahlweise ein Delay für eine Tiefenstaffelung einsetzen, das zwar auch Größe schafft, aber aufgrund der geringeren Signaldichte die anderen Instrumente nicht zukleistert.

Logic Space Designer

Logic Space Designer

Zu guter Letzt noch ein Wort zum Mastering. Auch wenn sich der Wahn zum „0-DB-extrem-Gezappel“ glücklicherweise etwas gelegt hat, so sollte man immer im Auge behalten‚ dass bei offenem Material, das mit wenigen Instrumenten auskommt, bei entsprechendem Kompressor und Limiter Einsatz die Rauminformation nochmals deutlich nach vorne rückt. Was im normalen Mix noch als dezenter Nachhall vertreten ist, kann nach dem Mastern schnell in einer massiven Hallfahne enden. Hier gilt es maßzuhalten und ggf. ein rudimentäres Mastering-Setup zu installieren, das ein ungefähres Endprodukt simulieren kann. Wir wünschen viel Spaß beim Ausprobieren!

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