Gitarren Workshop: Advanced Blues – Durblues

17. Februar 2018

Advanced Blues, mehr als nur Pentatonik

Blues Workshop – Teil 1

Viele Musiker machen gerne den Fehler, die Improvisation über das 12-taktige Dur-Blues-Schema ausschließlich über die Mollpentatonik abzuwickeln. Das klingt auf Dauer sehr eintönig und lässt den Zuhörer oder die evtl. besser ausgebildeten Mitmusiker schnell ermüden, da diese eventuell durchschaut haben, dass hier in keinster Weise auf die zugrunde liegenden Akkorde eingegangen bzw. deren eigener Klang nicht unterstützt wird. Hier setzt nun unser Amazona Workshop Advanced Blues an und soll euch helfen, deutlich mehr aus dem zwölftaktigen Durblues herauszuholen!

Der Durblues (abgesehen vom Blues in Moll) kann harmonisch betrachtet unter Umständen durchaus komplexe Formen annehmen (komplexer als beispielsweise manche Popmusik) und eröffnet weiterhin die Möglichkeit, zahlreiche optionale Akkorde und entsprechende Improvisationsmöglichkeiten (verminderte Akkorde, alterierte Akkorde, I – VI – II – V Turnaround, Halbtonrückung, Akkordsubstitutionen, IIm-V7 Einschübe etc.) zu integrieren. Um keine unnötige Verwirrung aufkommen zu lassen, wollen wir uns aber zunächst auf die drei standardmäßigen Hauptakkorde beschränken.

In den weiterführenden Episoden (Teil 2, 3 etc.) dieser Amazona Workshopreihe werden wir dann noch tiefer in die Improvisationsmöglichkeiten über den Durblues eindringen, wobei wir uns zunächst um die Skalen (mixolydisch, 8-Tone dominant B-Bop-Scale etc.) kümmern und später durch den kurzzeitigen aber frechen Einsatz der Halbton-Ganzton-Skala (HTGT), Mixolydisch # 11 bzw. der alterierten Skala dann noch ein wenig „hipper“ klingen werden, das ist aber schon bereits die Kür und bereits keine Pflicht mehr. Aber keine Panik, wir beginnen ganz entspannt. Auch ohne umfassendes Theorieverständnis kann man verstehen und hören, um was es geht. Dabei helfen die Klangbeispiele. Let’s get started!

Arpeggien

Ein charakteristisches Merkmal des Durblues ist, dass wir es bei jedem der drei wichtigsten Akkorde mit einem sogenannten Dominantseptakkord zu tun haben, dabei handelt es sich um einen Durakkord mit kleiner Septime (b7). Gerne wird auch die None hinzugefügt, welche einen nochmals bluesigeren Sound generiert.

Ich möchte die Konzepte anhand der im Blues (neben z.B. E-Dur, A-Dur) überaus gerne verwendeten Tonart G erklären. Beginnen wir mit den Akkorden:

G7(9), also unsere Tonika (abgekürzt I 7, der Akkord auf der ersten Stufe mit kleiner Septime b7 und optionaler None 9)

C7(9) ist in der Tonart G unsere Subdominante (IV7), auch mit kleiner Septime und optionaler None.

D7(9) ist unsere Dominante mit kleiner Septime und optionaler None (abgekürzt V7).

Übrigens: Ich verwende für die im deutschsprachigen Raum verwendeten Noten H und B die internationalen Bezeichnungen B und Bb (deutsches H = B und deutsches B = Bb).

Praxis

Eine naheliegende Möglichkeit ist es, jeden der drei Septimakkorde zu arpeggieren. Wir erhalten für G7 die Noten G-B-D-F, für C7 – C-E-G-Bb und für D7 die Noten D-F#-A-C.

Auf dem Griffbrett kann das dann z.B. für G7/9 so aussehen:

G7 III

— Hörbeispiel 1 – G7 Arpeggio am dritten Bund —

Da es sinnvoll ist, ein Arpeggio zumindest auch an einer weiteren Position des Griffbretts abzurufen, hier noch eine zweite Variante:

G7 IX

— Hörbeispiel 2 – G7 Arpeggio am 9. Bund —

Wenn wir unsere beiden Arpeggien nun fünf (Quart höher) bzw. sieben Bünde (Quint höher) höher einsetzen, können wir auch unsere beiden anderen Akkorde, die Subdominante (4. Stufe) und Dominante (5. Stufe) entsprechen arpeggieren und somit den Akkordklang „featuren“. Wir sollten also zunächst diese sechs Arpeggios (in zwei Positionen pro Akkord) beherrschen und in unser Repertoire integrieren.

Da das Arpeggio ja bekanntermaßen als eine Akkordbrechung oder auch „lineare Form“ des Akkordes betrachtet werden kann, spielen wir während dessen Einsatzes automatisch akkordbezogen und unterstützen somit den Klang des Akkordes.

Obwohl unsere Arpeggios erst einmal in den Kopf und in die Finger gelangen müssen, ist es später wichtig, dass wir uns nach eingehendem Studium nicht ausschließlich nur mit Arpeggios aufhalten, sondern auch andere Elemente oder Konzepte benutzen. Hier kann man zeitweise auch durchaus wieder einmal die vertraute Mollpentatonik einsetzen. Eine gesunde Mischung macht den Reiz einer guten Improvisation aus.

Halbvermindertes Arpeggio eine große Terz oberhalb des Grundtons

Interessant klingt es auch, den G7/9 Akkord mit einem Bm7b5 Arpeggio zu untermalen.

Die Bezeichnung m7b5 umschreibt ein Moll Arpeggio (Vierklang) mit verminderter Quint und kleiner Septime (Formel 1 – b3 – b5 – b7). Gelegentlich verwendet man hierfür auch den Terminus „halb vermindert“.

Unser Bm7b5 Arpeggio enthält die Noten B = Grundton (1),  D = die kleine Terz (b3),  F = verminderte Quint (b5) und A = kleine Septime (b7). Bezieht man diese vier Noten auf den Grundton G, so erhalten wir: B = gr. Terz, D = Quinte, F = kleine Septime (b7) und A = None (9). Das Bm7b5 Arpeggio kreiert also über dem Grundton G, ein G7/9 Arpeggio (Sound) ohne Grundton.

Hier die entsprechende Tabulatur, die Klangbeispiele findet ihr unten.

Bm7b5 I

— Hörbeispiel 3 – Bm7b5 Arpeggio über G7/9 —

Hier eine zweite Position:

Bm7b5 VII

— Hörbeispiel 4 – Bm7b5 als Substitution für G7/9 —

Moll – 6 Pentatonik

Da ihr vermutlich die Moll-Pentatonik alle bereits gut kennt, nun ein kleiner Trick, um im Blues akkordbezogen zu spielen, ohne sich vorher erst „wundüben“ zu müssen:

Die allseits bekannte Mollpentatonik setzt sich aus den Bestandteilen 1- b3 – 4 – 5 – b7 (für G-Moll entsprechend G – Bb – C – D – F ) zusammen. Behalten wir alle Töne bei, vermindern aber die kleine Septime (b7) um einen Halbton zur Sechst (6), so erhalten wir die sogenannte „Moll – 6“- Pentatonik. Bei genauerem Hinsehen stellen wir fest, dass eine Gm – 6 Pentatonik (G = 1, Bb = b3, C = 4, D = 5, E = 6 ) die selben Töne wie ein C9 Arpeggio (1 – 3 – 5 – b7 – 9, also C – E – G – Bb – D) beinhaltet.

Konkret angewendet bedeutet dies, wir ändern nur einen Ton eines uns wohlbekannten Patterns und setzten dies in neuem Kontext gewinnbringend ein.

Wir „denken“ also: G-Moll – 6 – Pentatonik über C7/9. Am dritten Bund kann man das Ganze einmal ausprobieren, das kann dann folgendermaßen klingen:

G-Moll 6 Pentatonik

— Hörbeispiel 5 – G-Moll – 6 -Pentatonik als Arpeggio für C9 —

Natürlich kann man durch Verschieben des Patterns (fünf bzw. sieben Bünde höher) wiederum die anderen beiden Akkorde G7/9 und D7/9 umspielen. Checkt es aus!

Nachdem die Ideen und das „Rohmaterial“ dieses Workshops verstanden wurden, sollte man selbstverständlich damit experimentieren und improvisieren, um sinnvolle Licks und Linien zu finden, die dann in das persönliche Spiel integriert werden.

Wesen und Essenz des Dur-Blues

Wie wichtig die Verwendung des Wechsels von der kleinen (b3) und großen Terz (3) von G ist, kann man am letzten Beispiel unseres heutigen Workshops verdeutlichen. Reduziert man die „Improvisation“ über den Durblues in G-Dur auf nur lediglich drei Noten (Bb, B und C), wird sofort hörbar, worum es im Dur-Blues geht. Beim Tonikaakkord sollte man in der Regel die große Terz B (der Tonika) benutzen. Diese kann auch gerne über Bendings, Hammer-ons oder auch Slides erfolgen und via die kleine Terz „angefahren“ werden, weil das den typischen bluesigen Effekt erzeugt. Bei der Subdominate sollte gerne die Note Bb (Septime der Subdominante C7/9),) die sich gleichfalls in der G-Moll-6 – Pentatonik befindet, eingesetzt werden, um dann beim erneuten Wechsel zu G7 wieder zum B zurückzukehren, da dieses den Akkordklang unterstützt usw. Hört es euch an, dann wird alles sofort deutlich, auch wenn ihr die Theorie dahinter noch nicht vollständig verstehen solltet.

12-Takter_G

— Hörbeispiel 6 – Auf die Essenz reduzierter Blues —

In jedem Fall zu vermeiden ist das Verwenden der Note B über die Subdominante C7/9, welche einfach nur miserabel klingt (das B funktioniert unseren C7/9 zu einem Cmaj 7/ 9 Akkord um, und das klingt überhaupt nicht nach Blues). Während der Übungsphase wird dieses Missgeschick jedoch gelegentlich auftreten, später jedoch dann sicher verschwinden.

Zum Schluss noch eine persönliche Einschätzung meinerseits

Da ich viele Jahre mit der renommierten Frankfurt City Blues Band europaweit live und im Studio unterwegs war, hatte ich natürlich auch Gelegenheit, mit vielen Bluesgitarristen zu sprechen. Leider habe ich auch immer mal wieder selbst ernannte „Bluesexperten“ getroffen, die einfach zu faul waren, sich mit weiterführenden Dingen jenseits der Mollpentatonik zu befassen. Tut man das, missachtet man z.B. die Tatsache, dass z.B. der Tonikaakkord (Dur 7) eine große Terz fordert, welche innerhalb der Mollpentatonik gar nicht existiert. Man spielt also folglich mit der Mollpentatonik eigenen kleinen Terz (b3) stets am Akkord vorbei, hat aber womöglich nur nicht den musikalischen Horizont, dies zu erkennen und somit abzustellen. Zugegebenermaßen kann auch die kleine Terz aufgrund ihrer Reibung mit der großen Terz des Akkordes zeitweise sehr reizvoll sein, aber dauerhaft eingesetzt hinterlässt sie dem musikalisch gebildeten Zuhörer den Eindruck, dass es dem Interpreten an gewissem musikalischen Verständnis mangelt bzw. hier nicht gerade mit „Know How“ zu Werke gegangen wird.

Wenn man dann dazu noch sinngemäße Aussagen wie „ich fühle den Blues, ich muss nichts über Theorie wissen“ hört, wird schnell augenscheinlich, dass es diesen „Kandidaten“ an Respekt vor dem Blues mangelt und hier überwiegend Selbstüberschätzung, Faulheit und eine gewisse Ignoranz vorherrschen und somit auch leider ein mittleres oder gar hohes musikalisches Niveau niemals erreicht wird. Unsere Amazona Workshop Serie „Guitar Skills: Advanced Blues“ soll helfen, es besser zu machen!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    Perplex

    Hallo Johannes,
    das sind schöne alternative Ansätze.
    Was spricht denn gegen die E-moll Pentatonik über die G-dur Tonika mit Lick Endings auf B (H)? Quasi als G6/9 ?
    Gruß Jo

  2. Profilbild
    cccccc

    Hallo Johannes,
    Seite 3 Noten+Tabs sehen bei mir merkwürdig aus?
    Oder ist das eine didaktische „Finte“….

    • Profilbild
      Johannes Krayer  RED

      Hallo ccccc,
      gut beobachtet, da hast Du Recht, es sind mir im Notensystem Fehler unterlaufen, Shit happens. Das mp3 ist die Referenz, die auch bis auf zwei Noten mit der Tabulatur übereinstimmt. Also auf Seite 3 lieber die Noten ignorieren und nach Tabulatur spielen. Danke für den Hinweis!
      Gruß,
      Johannes

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