Workshop: Fretless Bass für Einsteiger

7. Februar 2018

Der singende Draht!

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Herzlich willkommen bei unserem Amazona Einsteiger Workshop für Fretless Bass! Es erwartet den interessierten Bassisten eine Einführung zu dem faszinierenden Thema der bundlosen Bassinstrumente, die aus einer kleinen Instrumentenkunde und Kaufberatung zum Instrument, dem passenden Verstärker und Effekten sowie Musiktipps und ersten Übungen besteht. Viel Spaß!

Warum eigentlich Fretless?

Weil’s besser klingt! Naja … eher, weil es im Grunde komplett anders klingt als ein Bass mit Bünden. Wenn sich keine Bundstäbchen auf dem Griffbrett befinden, drückt der Finger der linken Hand die Saite direkt auf das Holz des Griffbretts, anstatt auf das metallene Bundstäbchen. Neben dem Material spielt auch eine entscheidende Rolle, dass die Kontaktfläche beim bundlosen Griffbrett deutlich größer – eben eine Kontaktfläche – als beim bundierten Bass ist, wo man eher von einem Kontaktpunkt sprechen müsste. Daraus ergeben sich ein sanfterer Einschwingvorgang (Attack) und ein insgesamt etwas „weicherer“, kontrabassähnlicher Sound im Gegensatz zu dem „härteren“, klavierartigen Klangverhalten eines typischen Bundbasses.

Außerdem kann der entsprechend geübte Bassist mit der linken Hand den bereits klingenden Ton durch Vibrato oder Slidetechniken noch modulieren, was auch für den typischen Fretlesssound mitverantwortlich ist.

Der Ibanez GWB205-NTF, das Signaturemodell von Gary Willis

— Ibanez GWB205-NTF, das Signaturemodell von Gary Willis —

Dieser charakteristische, komplexe Fretlesssound lässt sich trotz zahlreicher missglückter Versuche nicht emulieren oder durch Effektgeräte („Defretter“) simulieren, hierzu benötigt man nach wie vor einen Bassisten samt Fretless Bass!

Das Instrument

Im Grunde genommen gibt es praktisch jede denkbare Bauart und Ausstattung auch in einer Fretlessvariante. Anzahl der Saiten, durchgehender, eingeleimter oder geschraubter Hals, aktiv oder passiv, Einsteigerchinese oder Luxusbass zum Kleinwagenpreis, alles ist erhältlich. Wie so oft entscheidet einzig der persönliche Geschmack in Verbindung mit der Ausstattung des Bankkontos darüber, auf welchen Bass die Wahl dann letztlich fällt.

Das gängigste Modell ist, ähnlich wie beim bundierten Bass, der Jazzbass. Jaco Pastorius (1951-1987) als populärster und einflussreichster Vertreter der Bundlosbassisten spielte ein solches Modell. Bei diesem Instrumentendesign ist die Auswahl mit Abstand am größten!

Preiswerte Alternative: Harley Benton JB-40FL SB

— Preiswerte Alternative:
Harley Benton JB-40FL SB —

Eine kleine Kaufberatung

Dennoch sollte man das eine oder andere – gerade als Einsteiger – beim Kauf beachten. Grundsätzlich ist es kein Fehler, ein Fretlessmodell zu wählen, welches dem eigenen Lieblingsbass möglichst ähnlich ist. Es sollte kein Siebensaiter mit Extralongscale-Mensur und dreifach parametrischer Klangregelung sein, wenn man vom, sagen wir mal, Precisionbass kommt. Idealerweise wählt man dann in einem solchen Fall wiederum einen Precisionbass, dessen Grundsound und vor allem die Halsmaße und das Handling einem schon vertraut sind. Gerade im Anfangstadium der Fretlesskarriere tut man gut daran, möglichst wenige zusätzliche Baustellen zu eröffnen, da man mit der Umstellung auf das Spiel eines bundlosen Instrumentes meist schon mehr als genug gefordert ist!

Lined vs Plain

Empfehlenswert ist auch die Anschaffung eines Instrumentes mit sogenanntem „Lined“ Griffbrett, bei dem anstelle der Bundstäbchen ein andersfarbiges Material ins Griffbrett eingelassen wird und so die „Bünde“ immerhin noch sichtbar sind, aber keinen Einfluss auf den Klang haben. So kann man zusätzlich den gegriffenen Ton noch optisch kontrollieren, was gerade anfangs eine echte Hilfe ist.

Auch das Griffbrettmaterial ist wichtig: Da die Bundstäbchen ja wegfallen, ist der klangliche Einfluss noch mal größer, auch sind härtere Holzsorten länger haltbar als weichere. Bei intensivem Spiel hinterlassen die Saiten im Laufe der Zeit längliche Riefen im Griffbrett, was vom (fretlesserfahrenen) Gitarrenbauer wieder behoben werden muss. Optimal ist hier Ebenholz, gefolgt von Palisander und Ahorn. Auch synthetisches Material („Ebonol“) wird in den günstigen Preisklassen gerne eingesetzt, da es in Sachen Haltbarkeit in etwa mit Ebenholz vergleichbar ist.

Verstärkung & FX

Grundsätzlich kann man den Fretlessbass selbstverständlich über den wahrscheinlich bereits vorhandenen Verstärker zu Gehör bringen. Wenn das neue Familienmitglied einen eigenen Verstärker bekommen darf oder ohnehin eine Neuanschaffung ansteht, kann man Folgendes berücksichtigen:

  • Dem Mittenbereich kommt beim Fretless noch mal eine stärkere Bedeutung zu als ohnehin schon. Der Mittenbereich der Vorstufe darf also ruhig fein regelbar sein, gerne auch parametrisch.
  • Oft klingen Preamps mit Vorstufenröhren durch die Möglichkeit, diese leicht in die Sättigung zu fahren, sehr gut.
  • Bewährt haben sich für die typischen Fretlesssounds vor allem 12″ Lautsprecher durch deren prägnante Abbildung des Mittenbereichs. Hochtöner sind, wie grundsätzlich beim Bass Geschmacksache, haben aber vor allem bei Flageolet-Techniken ihre Daseinsberechtigung.

    Auch fretless sehr beliebt: der Stingray, hier das Modell Sterling by Music Man Ray34 Classic Active Modern FL

    — Auch Fretless sehr beliebt: der Stingray, hier das Modell Sterling by Music Man Ray34 Classic Active Modern FL —

Gerne wird der Sound auch mit Effekten angereichert. Besonders beliebt sind hier Chorus, Hall und Kompressor, mit einem Oktaver lassen sich sehr gut auch synthiartige Sounds erzeugen, da die Glissandi (= gezupften Ton in der Tonhöhe durch Hoch- oder runterrutschen auf dem Griffbrett verändern) nicht durch Bundstäbchen beeinträchtigt werden können.

Die Saiten

Auch beim Fretless Bass werden aufgrund ihres obertonreichen Sounds gerne Roundwound-Saiten benutzt. Allerdings schonen diese das Griffbrett nicht besonders, Halfround-Saiten, also mit angeschliffener Umwicklung tun das schon eher und klingen dabei recht ähnlich. Wer es gerne „vintagemäßig“ mag und sein Griffbrett optimal schonen möchte, greift zu Flatwounds.

Personal & Musik 

Als erster Fretless-Bassist der Geschichte gilt der Rolling Stones Bassist Bill Wyman, der Anfang der 1960er Jahre aus schierer Verzweiflung die total heruntergespielten Bünde seines No-Name Basses entfernte und den daraus resultierenden Sound für gut befand. Die frühen Stones Alben wurden mit diesem Bass eingespielt.

Wichtigster Vertreter war und ist der weiter oben bereits erwähnte Jaco Pastorius, der mit seiner Virtuosität und Musikalität auf dem E-Bass neue Maßstäbe setzte. Legendär sind u. a. die Aufnahmen mit Joni Mitchell (Anspieltipps: „The Dry Cleaner From Des Moines“, „Goodbye Pork Pie Hat“) aus den Siebzigern.

Weiter ist Jack Bruce (1943 – 2014) zu nennen, der sich, nachdem das Kapitel „Cream“ beendet war, dem Fretlessbass widmete und in vielen Formationen mit diversen Künstlern mitwirkte (Anspieltipp: Liveaufnahmen mit dem Gitarristen Rory Gallagher).

Bis heute aktiv ist der Waliser italienischer Abstammung Pino Palladino. Charakteristisch sein Music Man Fretless auf dem Paul Young Album „No Parlez“ (Anspieltipp: „Come Back And Stay“, „Wherever I Lay My Hat“). Oktaver, Chorus und Kompressor sind gut erkennbare Bestandteile seines Sounds.

Weitere bedeutende Fretless-Spezialisten ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Jimmy Haslip – The Yellowjackets

Steve Bailey – Freelancer, u.a. Jethro Tull, Dizzy Gilespie

Percy Jones – Brand X

Les Claypool – Primus

Marcus Miller – Freelancer, u.a. Miles Davis

Sting – The Police

Gary Willis – Tribal Tech, Freelancer

Tony Levin – Freelancer, King Crimson, Peter Gabriel

Auch den anderen Klassiker gibt es fretless : Fender SQ VM Precision Fretless

— Auch den anderen Klassiker gibt es Fretless: Fender SQ VM Precision Fretless —

Weitere Anspieltipps

Pink Floyd – Hey You (gespielt von David Gilmour!)

Peter Gabriel – Sledgehammer

Paul Simon – Graceland Album

Pearl Jam – Oceans

Sting – Englishman In New York

Don Henley – The Boys Of Summer

Primus – Tommy The Cat

Chris De Burgh – Lady In Red

Edi Brickell & New Bohemians – What I am

Spieltechnik: rechte Hand

Dieses Thema ist schnell erledigt – es ändert sich nichts! In der Regel wird mit dem Wechselschlag der rechten Hand gezupft. Aber es darf auch geslappt, getappt oder mit dem Plektrum gespielt werden, wobei gerade beim Thema Slapping die Meinungen stark auseinandergehen … Da gibt es durchaus den ein oder anderen, für den das ein absolutes NO-GO ist.

Zupft man mehr Richtung Halsende, bekommt man einen sich langsam aufbauenden, holzigen und sanften Ton, will man rhythmisch prägnant Akzente setzen, muss man mehr in Richtung Brücke spielen.

Spieltechnik: linke Hand

Hier geht es klar ans Eingemachte: Die Intonation, sprich das haargenaue Greifen der Töne, ist hier die große Herausforderung. Es gilt: Knapp vorbei ist auch daneben! Auch wenn man nur leicht daneben liegt, klingt es grausam …

Zunächst ist es wichtig zu verstehen, dass wir beim Fretless den Ton genau auf der Stelle finden, wo sonst das Bundstäbchen sitzt und dementsprechend auch dort gegriffen werden muss. Beim bundierten Instrument wird der Ton ja bekanntlich knapp vor dem Bundstäbchen gegriffen!

Beim Fretless wird direkt auf den "Bund" gegriffen

— Beim Fretless wird direkt auf den „Bund“ gegriffen —

Har der Bass Bünde, wird knapp vor dem Bund gegriffen!

— Hat der Bass Bünde, dann wird knapp vor dem Bund gegriffen! —

Von motorischen und mentalen Ebenen

Auch sollte man wissen, dass Intonation quasi auf zwei Ebenen erlernt werden muss: auf der motorischen und der mentalen Ebene.

Die motorische Ebene bedeutet, dass die Finger und die Muskulatur die richtige Stelle auf dem Griffbrett durch ständiges Wiederholen immer besser und genauer kennenlernen und man irgendwann (und der Tag wird kommen …) diese Stelle automatisch ohne groß darüber nachzudenken trifft. Auf der mentalen Ebene „hört“ man den Ton, den man gleich spielen wird bereits vorher in seinem „inneren Ohr“ und kann dann, falls man daneben liegt, noch korrigieren. Hilfreich ist es auch, die zu spielenden Töne mitzusingen (selbstverständlich nicht in der Öffentlichkeit …).

Wann immer es sich anbietet, sollte man zur Kontrolle Leersaiten einsetzen, da deren Intonation ja immer stimmt. So kommen wir zur ersten Übung, bei der wir zunächst eine Leersaite spielen und dann auf dem siebten Bund der nächst höheren Saite die zugehörige Oktave. Die Leersaite sollte mitschwingen, um die Intonation zu überprüfen.

Übung 1 fd

Bei der zweiten Übung kommt die Quinte dazu – die leere A-Saite wird gespielt, dazu kommt dann auf dem zweiten Bund der D-Saite die Quinte und auf dem zweiten Bund der G-Saite die Oktave hinzu.

Übung 2 fd

Entsprechend rhythmisiert ergibt das eine lustige Son-Montuno-Bassfigur … (Übung 3). Hier wechseln wir den Fingersatz vom zweiten auf den siebten Bund und wieder zurück. Der Klang sollte trotz der verschiedenen Lagen möglichst homogen sein.

Übung 3 fd

Es empfiehlt sich, Riffs und Melodien, die man sehr gut kennt, auf dem Fretless zu üben, da man dabei schiefe Töne leicht bemerkt. Die vierte Übung basiert auf einem bekannten Kinderlied (sorry dafür, aber das ist vom Uhrheberrecht her gesehen einfach safe …). Zur Kontrolle zupfen wir die Leersaite und beginnen auf der nächst höheren Saite im siebten Bund mit der Melodie, die auf der Dur-Tonleiter basiert.

Übung 4 fd

Die Hörbeispiele wurden mit dem Vintage V74MRJP Fretless eingespielt, dafür vielen Dank an Frank Fügner von der Firma Musik Wein! Sofern Backingtracks vorhanden sind, laufen diese noch ein paar Minuten ohne Bass weiter, sodass man sie als Playalongs nutzen kann. Wir wünschen viel Spaß beim Üben!

Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    kakagoo

    Hi Christian,
    ich fand Deine Story echt spannend, zumal ich einen „Paul McCartney-Bass“ mit Bünden sowie einen Kontrabass (logo ohne Bünde ;-) besitze ).
    Ich denke nach Deinem Bericht darüber nach, mir einen Fretless zuzulegen.
    (So ein Kontrabass ist ja auch ziemlich unhandlich…)

    Jedoch ist mir etwas irritierend an Deinem Bericht aufgestossen:

    „Die vierte Übung basiert auf einem bekannten Kinderlied (sorry dafür, aber das ist vom Uhrheberrecht her gesehen einfach safe …)“

    Ich habe eine ganze Reihe von Uhren,
    und behalte mir durchaus das Recht vor,
    sie zu heben!

    …Zumal ich so gar keinen Bezug zur Urzeit habe.

    Liebe Grüße und
    STAY TUNED!

    Joachim
    (Musiker, Germanist und Klugscheisser ;-)). )

  2. Profilbild
    TZTH  

    Mick Karn wäre noch zu als Fretless Bassist zu erwähnen. Er hat glaub ich nie was anderes als fretless gespielt. Sein Spiel/Stil ist imho noch deutlicher als bei den gennanten Namen rauszuhören und sehr charakteristisch. Japan: Tin Drum (1981) wäre ein guter Anspieltipp.

  3. Profilbild
    Zetahelix  

    Sehr schöner Bericht, da bekommt man doch glatt Lust, die Technik selbst mal zu lernen. Als Gitarrist wohl gemerkt ;)

  4. Profilbild
    calvato  

    als alter fretless-bassist darf ich kurz noch etwas hinzufügen: wichtig ist meiner meinung nach, dass man beim fretless viel näher am ton/sound ist als beim bundbass. da spielt auch die rechte hand eine große rolle WIE man anschlägt, auch wenn sich natürlich generell nix ändert. und bei der greifhand ist der sound einfach „flüssig“, er kann jederzeit verändert werden weil man ja ständig kontrolle über den ton hat. und das ist & bleibt das A & O des fretless-spielens, der auf jeden fall in der workshop „fretless für fortgeschrittene“ einfliessen sollte…. ich kenne dutzende bassisten, auch profis, die jahrelang fretless zu spielen glauben, aber in wrklichkeit einfach nur einen fretless sauber intonieren ohne auch nur im ansatz verstanden zu haben, worum es dabei eigentlich geht :D

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