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7 Tipps für den besten Live-Sound in schwierigen Umgebungen

2. Juni 2019

Egal wo, den besten Live-Sound mischen

7 Tipps für den besten Live-Sound in schwierigen Umgebungen

7 Tipps für den besten Live-Sound in schwierigen Umgebungen

Als Tontechniker hat man es nicht leicht. Die akustischen Verhältnisse sind bei jeder Veranstaltung unterschiedlich, sodass selbst eine und dieselbe Band über dieselbe PA heute komplett anders klingen kann als gestern. Als Techniker ist es unsere Aufgabe, diese akustischen Fluktuationen möglichst gering zu halten. Dieser Workshop gibt 7 Tipps für Tonmischungen in schwierigen Umgebungen.

Akustik – der Teufel in der Musik?

Ob Indoor oder Open Air, die Akustik bestimmt in großem Maße das musikalische Erlebnis. Dass dies bei gleichem Material und gleicher Band durchaus extrem unterschiedlich sein kann, durfte ich selbst erleben. Vor einigen Jahren war ich bei einem Bruce Springsteen & the E Street Band Konzert in der Gelsenkirchener Schalke Arena. Im Vergleich zu anderen Arenen, die gerne für Open Air Konzerte gebucht werden, besitzt diese ein Dach, das geschlossen werden kann. So kann die Arena ganzjährig und auch bei extrem schlechtem Wetter genutzt werden. Leider bedingt diese Konstruktion ein Geflecht aus Stahlverstrebungen, die natürlich den Schall reflektieren. Das Ergebnis ist ein unter Umständen sehr diffuser Klang. Nachdem ich dies bei mehreren Konzerten in der Arena erleben durfte, machte leider das Bruce Springsteen Konzert klanglich keine Ausnahme. Als große Springsteen Fans verließen meine Frau und ich das Stadion und kauften sofort per eBay Karten und Flugtickets für ein weiteres Konzert der Tour einige Tage später in Hamburg. Im dortigen Stadion des Hamburger SV wurde die gleiche PA genutzt. Unsere Plätze waren ähnlich, sodass ein Klangvergleich durchaus möglich war. Vom Klangbrei auf Schalke keine Spur: Kristallklar war das Klangerlebnis und somit auch die Reaktion der Fans und die Spielfreude der Band. Einen ähnlichen Effekt habe ich vor vielen Jahren mit weiteren Bands und Künstlern wie Iron Maiden oder Robbie Williams erlebt. Was in der einen Halle fantastisch funktionierte, war in der nächsten der Untergang. In allen Fällen waren Profis am Werk: Systemtechniker und Tontechniker, die erfahrene Hasen sind und ihre Systeme aus dem „FF“ kennen. Doch was können Bands tun, um ihren Sound besser den örtlichen Gegebenheiten anzupassen, wenn diese sich nicht verändern lassen?

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Kirchen stellen Tontechniker häufig vor große Probleme, insbesondere dann, wenn ein langer Nachhall vorhanden ist

Tipp 1: Viel Direktschall zum Publikum bringen

Der wichtigste Punkt in schwierigen akustischen Umgebungen ist, möglichst viel Direktschall zum Publikum zu bringen. Solange der Pegel des Direktschalls über denen der Raumreflexionen liegt, kann am Mischpult gut mit Fadern und EQs gearbeitet werden. Je mehr Raumanteil den Zuhörer oder Tontechniker erreicht, desto diffuser der Klang. Wie wir das erreichen können, sehen wir in den weiteren Tipps.

Tipp 2: Das Publikum als Absorptionsfläche

Das Publikum selbst stellt eine große und sehr gute Absorptionsfläche dar, die unbedingt genutzt werden sollte. Stellt man Lautsprecher auf ein Stativ, sollten diese möglichst per Schrägsteller angewinkelt werden, um möglichst ihren Schall in Richtung Publikum zu transportieren und nicht in Richtung Rückwand. Für das Publikum hat das den Vorteil, dass es direkt vom Direktschall der Lautsprecher erreicht wird. Als Absorptionsfläche verhindert das Publikum außerdem die Reflexion vom Boden her.

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Das Ausrichten der Topteile auf das Publikum hilft, Reflexionen vom Boden zu verhindern. Transportable Klein-Arrays, wie das hier abgebildete Banana-Array von PL-Audio, vergrößern das Direktschallfeld.

Tipp 3: Delay Line aufbauen

Delay Lines sind längst nicht nur etwas für Profis und große Konzerte, sie eignen sich auch hervorragend für Auftritte kleinerer Acts in schwierigen Räumen. Alles was zur Einrichtung einer Delay Line benötigt wird, sind einige kleine Lautsprecher (gerne Aktivboxen), Stative und ein Kabelweg zu einem freien Bus am Mischpult, der mit einem Delay zur Laufzeitkorrektur versehen ist. Damit kein störendes Echo zwischen Haupt-PA und Delay Line hörbar wird, werden die zusätzlichen Lautsprecher im Raum mittels eines Delays um die Laufzeit des Schalls zwischen Haupt-PA und Delay Line verzögert. Der Schall aus beiden Lautsprechern trifft also beim Hörer wieder gleichzeitig ein. Damit die Ortung vorne bei der Bühne bleibt, dürfen bis zu 30 Millisekunden dem errechneten Delay aufgeschlagen werden. Im Gegenzug können die Delay Line Lautsprecher sogar etwas lauter gefahren werden, ohne dass die Ortung zu ihnen springt (Haas-Effekt, Gesetz der ersten Wellenfront). Delay Lines helfen enorm dabei, in schwierigen Räumen genügend Direktschall zum Publikum zu transportieren und die Sprachverständlichkeit und Klarheit des Mixes zu erhöhen. Durch den Einsatz von mehr Lautsprechern im Raum lässt sich zudem die Gesamtlautstärke senken, was den Raum weniger stark anregt und somit am Ende den Gesamt-Sound verbessert.

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Delay Lines können helfen, den Direktschallanteil an Positionen im Raum, an denen sonst der Diffusschall dominiert, zu erhöhen

Tipp 4: Dual Mono statt Stereo

In sehr großen Räumen oder Open Air ist es nahezu unmöglich, einen guten Stereomix zu fahren. Der Grund liegt in der Position des Publikums zu den Lautsprechern und der unter Umständen hohen Entfernung zwischen dem rechten und linken Lautsprecher und dem sich daraus ergebenden Stereo-Dreieck. Je mehr Menschen sich außerhalb des Stereo-Dreiecks befinden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie bestimmte Elemente des Mixes nicht oder nur schlecht hören können. Ich habe das bei einem Konzert der schwedischen Band Roxette vor einigen Jahren in der Essener Grugahalle leider selbst erleben müssen: Der Tontechniker hat die Gitarren im Stereomix weit auseinander gezogen. Der Effekt war, dass beim Gitarrensolo ein Gitarrist auf unserer Seite kaum zu hören war, während auf der anderen Seite die Rhythmusgitarre fehlte. Bewegte man sich allerdings innerhalb des Stereo-Dreiecks, an dessen Spitze der FoH-Platz stand, war alles prima. Außerhalb hingegen waren die extremen Stereo-Effekte und weit auseinander gezogenen Instrumente eher ein gravierender Nachteil für die Hörer. Aus diesem Grund ist es oft ratsam, auf ausgedehnte Stereo-Pannings zu verzichten oder gar die Lautsprecher als Dual Mono-System zu nutzen. Viele Stereo-Effekte, die auf der Studio-Abhöre zuhause noch gut klingen, sorgen später ohnehin nur für einen verwaschenen Mix.

Tipp 5: Center Lautsprecher und Front-Fill

Die vorderen Bereiche der Bühne werden häufig nur unzureichend von den seitlichen Lautsprechern erreicht. Damit auch hier eine hohe Sprachverständlichkeit gegeben ist und die Musik nicht nur vom diffusen Sound der Verstärker und Monitore auf der Bühne dominiert wird, bieten sich Front-Fills an. Das sind Lautsprecher, die vorne auf die Bühnenkante gelegt werden und die ersten Reihen mit mehr Direktschall versorgen.

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Front-Fills versorgen Bereiche direkt vor der Bühne mit genügend Direktschall

In sehr großen Räumen, in denen es auf eine gute Trennung von Sprache und Musik ankommt, sind Center-Lautsprecher eine große Hilfe. Führen sie zum Beispiel ausschließlich Sprache und Gesang, lässt sich die Sprachverständlichkeit stark erhöhen. Leider ist es dafür notwendig, Traversen einzusetzen, an den denen der Center-Lautsprecher geflogen wird, da man in der Mitte der Bühne schlecht ein Stativ aufstellen kann.

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Center-Lautsprecher lassen sich gezielt mit Mono-Signalen beschicken, zum Beispiel Sprache und Gesang

Tipp 6: Arrangement und Mix aufräumen

Ein volles Arrangement, das auf der CD super funktioniert, lässt in akustisch sehr aktiven, sprich halligen Räumen ein wahres Inferno über den Hörer hereinbrechen. Hier ist Ausdünnen angesagt, sowohl im Arrangement als auch im Mix. Welche Frequenzbereiche benötigt das Instrument wirklich? Welche werden durch andere Instrumente maskiert? Ein schneller Sweep mit dem Highpass- und Lowpass-Filter fördert oft Erstaunliches zutage. Obwohl der Frequenzbereich der Instrumente so stark beschnitten wird, setzen sie sich trotzdem im Mix gut durch und es fehlt nichts. Der Mix wird aufgeräumter und alle Signale sind deutlicher zu orten. Wenn es den Musikern möglich ist, können diese schon auf der Bühne damit beginnen, indem sie das Arrangement leicht ändern. Der Keyboarder muss nicht am Piano die Basstöne mit Oktavgriffen doppeln, wenn der E-Bass diese schon spielt. Dünnere Keyboardflächen, weniger Hall- und Delay-Effekte bei Gitarren und Keyboards und keine ausgedehnten Becken-Orgien bei den Drums verhelfen so manchem Mix in akustisch sehr aktiven und halligen Räumen zu mehr Durchsetzungskraft.

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: In manchen Räumen hilft nur noch ein sparsames Arrangement und die Konzentration auf das Wesentliche

Tipps für Tonmischungen

Tipps für Tonmischungen: Säulenlautsprecher können dabei helfen, das Direktschallfeld für einen begrenzten Frequenzbereich leicht zu erweitern, da sie ähnlich einem Line-Array arbeiten

Tipp 7: Bass und Open Air – die Dimensionierung macht’s

Man kennt es von großen Konzerten: Die erste Reihe vor der Bühne besteht ausschließlich aus Subwoofern. Manchmal sind sie auch unter der Bühne versteckt. In der Tat benötigt eine Open Air Veranstaltung viel Bass, um einen ähnlichen Effekt wie in geschlossenen Räumen zu erzielen. Auch die Größe der Subwoofer spielt eine Rolle. Wer erwartet, mit 12 oder 15 Zoll Membranen in kleinen Gehäusen ein Bassgewitter zu verursachen, liegt falsch. 18 Zoll Membranen sind Pflicht, wenn es um tiefe Bässe beim Open Air Gig geht. Je nach Musikrichtung darf das Verhältnis High/Mid-Lautsprecher zu Subwoofern gerne 2:1 oder 3:1 betragen, um einen ausgewogenen Klang zu erreichen. Nun werden die wenigsten Leser riesige Open Air Flächen beschallen oder mit großen Line Arrays und Bass Arrays hantieren. Doch selbst bei kleineren Freiluftkonzerten bringen zusätzliche Subwoofer viel. In sehr großen Räumen verhält sich das ähnlich. Die Bässe sind dabei am besten in der Mitte vor der Bühne aufgehoben statt links oder rechts, um Auslöschungen zu vermeiden, eine gleichmäßige Bassverteilung zu gewährleisten und hohe Reichweiten zu erzielen. Oft sieht man dazu die „Zahnlücken“-Aufstellung. Die Lücken zwischen den Bässen definieren sich anhand der oberen Trennfrequenz des Subwoofers. Dabei gilt generell: Je tiefer die Grenzfrequenz, desto größer der Abstand zwischen den Subwoofern. Es gibt auf der Internetseite von Jobst-Audio ein kleines Tool zur Berechnung der Abstände. Hier der Link.

Die Tipps zeigen uns bereits einige Dinge, die wir tun können, um auch in schwierigen akustischen Situationen Herr der Lage zu werden. Ein weiteres Hilfsmittel bietet uns die Messtechnik. Es ist nicht verkehrt, anhand einer FFT-Messung Problemstellen zu ermitteln, um dann später besser einordnen zu können, welche Maßnahmen sinnvoll sind und helfen und welche eher nicht. So kann bereits ein einfaches Wasserfall-Diagramm der FFT-Messung aufzeigen, welche Frequenzen im Raum besonders stark nachschwingen. Besonders im Bassbereich kann es dramatisch werden, sollten solche Frequenzen angeregt werden. Dreht man in diesen Bereichen dann noch versehentlich etwas mit dem EQ rein, bekommt man gravierende Probleme. Auch Frequenzen mit starkem Rückkopplungspotential lassen sich schon vorher ausmachen, Sweet Spots im Raum finden und so weiter.

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    mdesign  

    spannend, unterhaltsam geschrieben, dabei kompakt und vor allem kompetent. so wünsche ich mir workshop-beiträge. chapeau!

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