Workshop: 13 Tipps zum Einmessen der PA

24. Februar 2019

Den optimalen Bühnensound erreichen

Workshop: 13 Tipps zum Einmessen der PA

Das Equipment ist gekauft, die PA fertig verkabelt, der Soundcheck kann beginnen. Doch schon nach den ersten Tönen klingt alles so ganz anders und ungewohnt. Der Bass dröhnt, die Höhen klirren und die Mitten klingen irgendwie topfig. Was ist aus dem Sound geworden, den man im Vorführraum des Mega Stores noch so bewundert hat? War es etwa eine Fehlentscheidung, so viel Geld in diese PA zu investieren? Wäre die Alternative doch die bessere Wahl gewesen? Was hat sich verändert? Die Antwort ist einfach: Der Raum, in dem die PA nun steht. Gut, dass wir mittels Equalizer in der Summe oder am System-EQ noch Eingriffsmöglichkeiten haben, mag man nun denken. Dass dies nicht immer eine gute Idee ist, zeigt dieser Workshop zum Thema Einmessen. Doch immer der Reihe nach: Es geht um das Thema akustische Messung. Man kann den eigenen Ohren trauen oder die subjektive Wahrnehmung durch einige harte Fakten ergänzen und ein Messsystem einsetzen. Dieses ist glücklicherweise heutzutage günstig und mit wenig Aufwand realisierbar. Natürlich wird man selten bei einem Kneipen-Gig seine Messstation auspacken. Anders sieht es aus, wenn man häufig in größeren Sälen unterwegs ist oder zum ersten Mal in einem noch unbekannten Raum spielt. Auch das Heimstudio freut sich über die eine oder andere akustische Maßnahme, die durch Messergebnisse untermauert wird. Der Workshop gibt einige Tipps zum Aufbau eines kleinen Messystems und soll Einsteiger ermutigen, sich mit der Materie „Einmessen“ näher zu befassen.

Vorüberlegungen: RTA versus FFT

Auch wenn es früher oft so gemacht wurde, gilt: Ein RTA (= Real Time Analyzer) und ein Terz-EQ eignen sich nur bedingt für das Einmessen einer PA. Das hat vor allem folgenden Grund: Ein RTA kann nicht zwischen Direktsignal und Reflexion unterscheiden. In dem von ihm angezeigten Frequenzgang, der per Wiedergabe von Rosa Rauschen als Messsignal mit einem Messmikrofon ermittelt wird, sind Direktsignal und Reflexionen des Raumes überlagert enthalten und lassen sich nicht voneinander trennen. Der Terz-Abstand der Bänder ist dabei sehr ungenau und erfasst Erhöhungen oder Senken in zwischen den Terz-Bändern liegenden Bereichen nicht oder nur unscharf. Durch FFT gewonnene Messergebnisse sind erheblich genauer und ermöglichen es, Aussagen über Raumresonanzen getrennt vom Direktsignal zu treffen. Raumresonanzen werden zeitlich getrennt vom Direktsignal in der Impulsantwort dargestellt und können durch das Verschieben des Zeitfensters, das für die Ermittlung der Frequenzdarstellung angelegt wird, herausgerechnet werden. Digitale parametrische Equalizer eignen sich gut dazu, Problemfrequenzen gezielt zu bearbeiten, da sie exakt auf die Problemfrequenz gestimmt werden können und die Breite der Bearbeitung einstellbar ist. FFT-Messungen sind heute schon mit kostenlosen Tools zum Einmessen möglich und benötigen nicht viel mehr als einen Laptop, ein Messmikrofon und ggf. ein Audio-Interface. Der Terz-EQ ist prima, wenn die Problemfrequenz exakt auf einem der Terzbänder liegt. Doch diesen Gefallen tut sie uns selten. Und noch schlimmer: Die Problemzonen sind selten genau eine Terz breit. Parametrische EQs, vorzugsweise in digitaler Form, helfen hier weiter. Einen interessanten Artikel von „Mess-Papst“ Dr. Ing. Anselm Goertz mit anschaulichen Beispielen zur jüngst auch hier bei Amazona aufgekeimten Diskussion zum Thema GEQ vs. PEQ findet sich hier.

Tipp 1: Der Begriff Einmessen

Zunächst einmal müssen wir reden! Immer wieder liest man im Internet davon, dass Veranstaltungstechniker den Raum eingemessen haben. Hier liegt eine sprachliche Unschärfe vor, die schon häufig zu Missverständnissen geführt hat. Einmessen in der Veranstaltungstechnik meint das Messen des Verhaltens der PA im jeweiligen Raum und, wenn möglich, die Anpassung an den Raum. Die Akustik am Veranstaltungsort ist in der Regel fix und kann von uns nur in Maßen verändert werden. Vielleicht ein wenig Bühnenmolton als Backdrop, aber viel mehr geht meistens nicht. Wir müssen also mit den akustischen Gegebenheiten vor Ort leben. Anders sieht es im professionellen Studioumfeld aus, in dem es schon eher die Möglichkeit gibt, die Regie durch bauliche Maßnahmen so zu gestalten, dass der Raum sich nicht negativ auf die Hörsituation auswirkt. Die Raumakustik verändert jedoch den Klang gravierend, sodass selbst ein in der Theorie linear arbeitender Lautsprecher nicht mehr am Hörplatz linear klingt. Da wir nur mit der PA arbeiten können, passen wir diese der Raumakustik so an, dass das Endergebnis das bestmögliche ist, das wir erreichen können.

Tipp 2: Linear ist nicht gleich linear

Ein Frequenzgang, der im Übertragungsbereich innerhalb eines geringen Toleranzschlauchs liegt, wird als linear bezeichnet. Dabei ist zu beachten, dass ein vom Hersteller übermittelter Frequenzgang, der wie mit dem Lineal gezogen aussieht, selten die Realität widerspiegelt. Jedes Messsystem erlaubt Glättungen und es macht einen Unterschied, ob ein Frequenzdiagramm eine Auflösung von 1/3, 1/6, 1/12, 1/24, 1/48 Oktave oder gar keine Glättung aufweist. Was bei 1/3 Oktave glatt ist, sieht ohne Glättung oder bei 1/48 Oktave wild aus. Wichtig ist, welche Toleranz der Hersteller angelegt hat. Während einige einen engen Toleranzschlauch von ± 3 Dezibel anlegen, sind andere großzügiger und betrachten einen Bereich von ± 5 Dezibel als angemessen. Ohne Angaben zu Glättung und Toleranz ist ein Frequenzdiagramm vom Hersteller wertlos. Auch für die eigenen Messungen ist dieses Erkenntnis relevant. Es kann für das Einmessen nicht schaden, seine PA im Vorfeld mit einfachen Mitteln einer Frequenzgangmessung zu unterziehen. Das geht sehr gut im (Teil-)Freifeld, zum Beispiel im eigenen Garten, weit weg von Begrenzungsflächen, die den Schall zurückwerfen können und somit die Messung verfälschen. Auch wenn eine solche Messung nicht mit einer Messung im Messraum verglichen werden kann, ist sie in der Regel sehr aussagekräftig und hilft uns später, unsere Messungen am Veranstaltungsort entsprechend zu beurteilen. Für unsere Beurteilung am Veranstaltungsort ist wichtig zu wissen, dass ein linearer Frequenzgang wie man ihn so oft vom Hersteller präsentiert bekommt, utopisch ist. Das Messergebnis wird schockierend aussehen, weil durch Reflexionen massive Anhebungen und Einbrüche im Frequenzgang entstehen, an manchen Orten vielleicht sogar ein Kammfilter-Frequenzgang. Wir müssen also schauen, was dem Raum geschuldet ist und was nicht, und können dann entscheiden, ob wir per EQ Hand anlegen oder eher nicht. Und, soviel sei jetzt schon gesagt, oft heißt es: eher nicht.

Einmessen_Frequenzgang_ungeglättet

Ungeglätteter Frequenzgang eines Lautsprechers im Raum

Einmessen_Frequenzgang_Terz

Frequenzgang mit 1/3 Oktavglättung

Einmessen_Frequenzgang_Halbton

Frequenzgang mit 1/12 Oktavglättung

Tipp 3: Funktionsweise des Gehörs kennen

Spätestens seit 1933 und Fletcher-Munson und den späteren Arbeiten aus 1958 von Robinson-Dadson weiß man, dass unser Gehör hinsichtlich der Lautstärke nicht linear arbeitet. Trotz gleichem Schallpegel ändert sich das Lautstärkeempfinden über den Hörbereich. So wird ein Sinuston bei 100 Hertz bei gleichem Schalldruckpegel erheblich leiser empfunden als ein Sinuston bei 1 Kilohertz oder gar 4 Kilohertz. Für das Einmessen/Einstellen unserer PA bedeutet diese Erkenntnis, dass für ein lineares Lautstärkeempfinden die Subwoofer höhere Pegel produzieren müssen als die Mitten/Hochton-Systeme. Festgeschrieben wurden diese Erkenntnisse in ISO 226 (2003) als Kurven zur gehörrichtigen Lautstärke. Es gilt also, die PA nicht nur nach technischen Gesichtspunkten zu entzerren, sondern insbesondere gehörrichtig zu arbeiten, sprich die Eigenarten des menschlichen Gehörs beim Einmessen zu berücksichtigen.

Einmessen_ISO226_Sengpielaudio

ISO 226: Equal-loudness Curves, Quelle: sengpielaudio.com

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