Blue Box: Roland RS-09 Ensemble-Synthesizer

19. Mai 2018

Klein, kompakt und Multitalent

Mini-Orgel Roland RS-09

Die 70er Jahre waren für Keyboarder eine echte Herausforderung: Um alle angesagten Sounds auf die Bühne zu bringen, musste man gut gefrühstückt haben. Eine Hammond Orgel, ein Rhodes, ein paar Synthesizer – ach ja Strings dürfen auch nicht fehlen – von einem Ort zum anderen zu transportieren, da kommt man schon ordentlich in schwitzen. Ich erinnere mich noch, wie sehr mich als kleiner Junge Fotos von Keyboardern in ihren Equipment-Türmen fasziniert haben. Wenn man schon nicht als Gitarrist die Bühnen rocken kann, dann wenigstens mit Dutzenden von Keyboards und einem Raumschiff-Look mächtig Eindruck machen. Ich muss zugeben, dass mich diese Bilder sehr geprägt haben und heute nur noch ein regelmäßiger „Frühlingsputz“ hilft, um das Studio überhaupt begehbar zu halten. Offensichtlich haben schon damals Keyboard-Hersteller diese Problematik erkannt und der Entwicklungstrend ging – soweit die Technologie es erlaubte – stetig in die Richtung: klein, leicht, kompakt und Multitalent. So zumindest stelle ich mir die Idee bei der Entwicklung des Roland RS-09 vor.

Geschichtliches

In der Tat waren Rolands erste Stringsynthesizer (RS-101 und 202) noch groß und schwer. Der RS-101 kam 1975 auf den Markt. Sein Nachfolger, der RS-202, wurde kurz darauf (1976) ins Rennen geschickt. Sowohl der RS-101 als auch der RS-202 waren vollpolyphon, bestanden aus Preset-Sounds (u.a. auch Brass-Sounds) und verfügten über eine Tastatur, die fünf Oktaven umspannte. Der RS-202 verfügte zusätzlich noch über eine Effektsektion (Chorus). Der RS-202 wurde ca. im Jahre 1979 vom RS-505 abgelöst, der zwar nur noch über 4 Oktaven verfügte, dafür aber mit wesentlich mehr Features aufwarten konnte. Zur selben Zeit brachte Roland auch den Vocoder VP-330 heraus (der ebenfalls über stringartige Sounds verfügt). Neben seinem reichhaltigen Angebot an verschiedenen Synthesizern bot Roland natürlich auch eine Palette von Stage-Orgeln zum Verkauf an, wie zum Beispiel den VK-1 und VK-6.

Der Roland RS-09 wirkt im Vergleich zu seinen Vorgängern wirklich klein (nur 3 ½ Oktaven umfassend). Man sollte sich von der Größe aber nicht täuschen lassen, denn er ist ebenfalls vollpolyphon und vereint in sich sowohl eine String-, Orgel- als auch eine Effektsektion. Der Roland RS-09 war von 1979 bis 1983 auf dem Markt erhältlich. Das ursprüngliche Design des RS-09 war in schwarz/grau gehalten und verfügte über Kippschalter. Später änderte Roland das Design und näherte den RS-09 optisch dem Look einer TR-808 an (gleiche Farbgebung und Knöpfe statt Kippschaltern). Welches Design am Ende schöner ist, bleibt Geschmackssache: Will man eher einen Look, der an alte Roland Synthesizer erinnert (à la SH-2), dann sollte man die alte Version nehmen. Möchte man lieber ein Corporate Design mit seiner TR-808 bilden, dann wäre die zweite Version offensichtlich besser geeignet. Ich persönlich hatte mich für die erste Version entschieden und finde, dass sie – zumindest in meinen Augen – wertiger und nicht so „plastikmäßig“ aussieht.

Die später erschienene reduzierte Version des Roland RS-09 (auch im „TR-808“ Look), der Saturn 09, musste übrigens auf eine Stringsektion verzichten.

Anschlüsse

Der Roland RS-09 verfügt u.a. über zwei Klinkenausgänge (nutzbar entweder  für ein Mono- oder ein Stereosignal), einen Kopfhörerausgang sowie einen extra Ausgang für die Orgelsektion. Darüber hinaus gibt es einen Audioeingang, um den internen Ensemble-Effekt des RS-09 für externe Signale nutzen zu können (sehr nettes Feature!). Gerade im Stereo-Modus und mit eingeschaltetem Ensemble-Effekt lebt der Sound auf.

Bedienung

Wie man bereits an dem Namen (Organ/Strings) sowie den Anschlüssen ableiten kann, ist der Roland RS-09 in zwei Klangerzeugungsabteilungen (sprich zwei Oszillatoren)  aufgeteilt, die getrennt voneinander an- und ausgeschaltet werden können. Es gibt dabei individuelle und gemeinsame Einstellungsmöglichkeiten.

Die Orgelsektion besteht aus verschiedenen Fußlagen (16′, 8′, 4′ und 2′), die sich stufenlos in der Lautstärke mischen lassen. Der Ensemble-Effekt kann für die Orgelsektion gesondert aktiviert werden. Ein Tone-Schalter erlaubt die Wahl zwischen zwei Einstellungen: Tone I macht einen warmen und weichen Ton, während Tone II einen sehr höhenlastigen und fast kratzigen Orgel-Ton formt. Die Stringsektion bietet die Auswahl zwischen zwei Fußlagen (8′ und 4′), die jeweils ein- oder ausgeschaltet, aber nicht in der Lautstärke beeinflusst werden können. Der Attack der Strings ist stufenlos einstellbar und der Ensemble-Effekt funktioniert getrennt von der Orgelsektion.

Sowohl die Orgel- als auch die Stringsektion können insgesamt im Ton durch einen globalen Tone-Fader beeinflusst werden, der praktisch wie ein analoges Filter agiert. Das Ausklangverhalten beider Klangmodule wird durch den gemeinsamen Release-Fader geregelt. Der Ensemble-Modus verfügt ebenfalls über zwei Einstellungen: Mode I (schneller) und Mode II (langsamer), der wiederum auf Orgel- und Stringsektion Anwendung findet (Orgel und Strings können also nur denselben Typ von Ensemble-Effekt benutzen). Schließlich gibt es noch ein Vibrato (also LFO), mit den selbsterklärenden Einstellungen „delay time“ (Verzögerung), „rate“ (Geschwindigkeit) und „depth“ (Wirktiefe) sowie einen Transpose-Schalter.

Sound

Der reine Orgelsound (alle Fußlagen auf Mittenstellung; ohne Ensemble oder Vibrato, mit dem globalen „Tone-Regler“ auf maximal Stellung) birgt keine Überraschungen in sich, hat aber wie ich finde einen klaren 70er Jahre „Touch“. Ich habe ein paar Orgel-Klangbeispiele aufgenommen:

  • Zuerst Tone I und dann Tone II
  • Zuerst Tone I und dann Tone II jeweils mit Ensemble-Effekt I und dann II (interessant, dass sich der Ensemble-Effekt auch auf den Sound auswirkt)
  • Tone I und dann Tone II mit Ensemble-Effekt I und verzögertem Vibrato

 

Mein ehrliches Fazit: Ich finde den reinen Orgelsound der Roland RS-09 ziemlich langweilig. Ich persönlich würde dann doch lieber eine Hammond schleppen. Es gibt allerdings auch Bekannte von mir, die sagen, dass mit Hilfe von externen Leslie-Simulatoren etc. ein amtlicher Orgel-Sound produziert werden kann. Ich bin davon leider nicht wirklich überzeugt, aber vielleicht spiele ich einfach auch nicht genug Orgel.

Bei der Streicherabteilung geht es auf den ersten Blick auch eher unauffällig zu. Die Streicher für sich alleine klingen in meinen Ohren recht dünn und künstlich. Ich habe ein paar Stringsounds aufgenommen:

  • Fußlage 8′ und dann zusammen mit 4′ und dann mit Ensemble-Effekt I / II sowie leichtem Attack.

 

Man merkt allerdings sofort, wie wichtig die Wirkung des Ensemble-Effekts für den Streichersound ist.

Hmmm, also bei zwei Klangerzeugern jeweils einer eher zurückhaltende Wertung – ist ja nicht so der Brüller? Nein stimmt nicht! Null + null ergibt hier ausnahmsweise mal eine „1“. Gerade die Mischung von beiden Sounds ist hier der Clou. Hier ein paar Klangbeispiele:

  • Beide Klangerzeuger miteinander gemischt – toll, wie es auf einmal anfängt zu schweben!
  • Gleiche Einstellung, aber jetzt noch mit Space-Echo und Hall

Ich muss sagen, mir hat der Roland RS-09 richtig Spaß beim Spielen gemacht – er ist vollpolyphon, also Akkorde greifen ist kein Problem! Gerade für elektronische Musik oder auch düstere Filmmusik kann er gut eingesetzt werden. Man darf allerdings keine warmen Klänge erwarten: Der RS-09 ist in meinen Augen wirklich eher in der elektronischen House- oder in der Psychedelic-Rock-Ecke anzusiedeln. Für mich hat er am Ende dann aber doch nicht 100% gepasst, so dass er beim diesjährigen Frühjahrsputz sich schließlich verabschieden musste. Das heißt aber nicht, dass ich ihn nicht empfehlen kann – der RS-09 ist eine interessante Stringmaschine, der Sounds kreieren kann, die man so nicht von anderen Geräten erhält. Er ist also insgesamt eine gute Ergänzung für das Studio – soweit der Platz es erlaubt.

Nachrüstung

Eine MIDI-Nachrüstung für den Roland RS-09 ist mir nicht bekannt –  regelmäßig höre ich aber sagen, dass MIDI und Stringmaschinen eine schwierige Sache sei. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz warum, aber ich bin da kein Fachmann.

Bekannte Benutzer

Zu bekannten Benutzern dieses Geräts gehören wohl (soweit ich es recherchieren konnte), Jimi Tenor, UB40 und The Cure. In der Tat, gerade durch Extremeinstellungen beim LFO lassen sich psychedelische Sounds, die stark an The Cure erinnern, leicht erstellen.

Gebrauchtpreis

Der Roland RS-09 wird zwischen 350 Euro und 450 Euro gehandelt. Ist also, soweit man ihn denn zu Gesicht bekommt, ein echtes Schnäppchen.

Alternativen

Ich konnte den Roland RS-09 direkt mit einem Korg PE-1000 Polyphonic Ensemble sowie einem Hohner String Melody I vergleichen. Es ist allerdings recht schwierig dabei, einen fairen Vergleich zu ziehen. Die Wärme des Hohner String Melody I ist einmalig und der Roland kommt nicht annähernd in dessen Nähe (auch andere Geräte m. E. nicht). Der Korg PE-1000 verfügt pro Taste über einen Oszillator und kann dadurch natürlich eine Fülle erzeugen, die der Roland nicht schaffen kann. Er klingt im direkten Vergleich daher eher dünn. Allerdings lassen sich mit dem Roland RS-09 durch die Mischung von Orgel und Strings wiederum Sounds kreieren, die weder ein Korg noch ein Hohner zu bieten haben.

Fazit

Bedenkt man den geringen aktuellen Preis, kann ich nur eine Kaufempfehlung für den Roland RS-09 aussprechen, vorausgesetzt natürlich, dass man String-Sounds mag und gerade so einen Sound für seine Musik braucht. Im Übrigen macht der Roland RS-09 optisch auch eine sehr gute Figur.

Plus

  • klein und kompakt
  • insgesamt guter Sound

Minus

  • klingt nicht warm

Preis

  • ca. 400 Euro (Syntacheles-Liste 5/2019)
Klangbeispiele
Forum
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    phil_dr110  

    Ein hübsches, kompaktes Instrument. Für mich ist dieser Sound stets verbunden mit ‚Pornography‘ und ‚Faith‘ von ‚The Cure‘. Einfach liebenswert, diese Melancholie.

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    AMAZONA Archiv

    Moin! Die Liste der prominenten User ist noch ’nen Tacken länger, als da wären: die Simple Minds, King Crimson, Passport, Talk Talk, Wall of Voodoo…

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    AMAZONA Archiv

    Die Kiste klingt an sich sehr dürftig. Aber mit Ensemble und ordentlich Effekten, da erwächst sie vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan. Das gilt auch für den Korg Lambda, der dann plötzlich sehr ungewöhnliche Sounds liefern kann.

    Ich hoffe sehr, dass Uli Behringer sich des RS-09 mal annehmen wird. Besonders würde ich mich aber über so fantastische Klassiker, wie Roland RS-505 und Korg PE-1000 freuen. Und natürlich das Farfisa Syntorchestra, das mit dem richtigen Hall geradezu transzendieren lässt.

    Ich habe den Hohner String Melody II, und an diese Göttermaschine kommt so leicht kein anderer Stringer heran. Vielleicht eine Solina MK I und RS-505, wobei Letzterer eine aussergewöhnlich fette Bass Sektion besitzt, die alleine schon süchtig macht.

    Man sollte vermehrt wieder Streichersynthies auf den Markt bringen. Aber Effekte nicht vergessen!

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      Numitron  AHU

      Behringer macht anscheinend den vp 330 clone. Kann mir schwer vorstellen, dass er dann noch eine string machine macht.

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        AMAZONA Archiv

        Der RS-505 kann im Streicher-Bereich wesentlich mehr als der VP-330, bzw. folgende Klon VC340. Der ist da sogar eine Granate!
        Behringer belässt es nicht bei einem Streicher. Es soll auch ein Solina String Ensemble folgen. Dazu hat sich Uli bereits eine gebrauchte Solina gekauft, um sie für einen Klon zu studieren.
        Leider hat er ein MK 3 erwischt, die wesentlicher schlechter klingt als MK 1 oder MK 2. Ich hoffe, dass es letztendlich eine MK 1 wird, sonst wird sich die Solina bestimmt schlecht verkaufen.

        Ich denke, dass viel davon abhängt, wie sich die Stringers absetzen lassen. Ansonsten bin ich zuversichtlich, dass noch eine Menge anderer Streicher erscheinen werden.
        Es hatte ja auch kaum einer damit gerechnet, dass die alten Analogen als Klone so begehrt sein würden, dass das Uli-Werk kaum mit der Produktion nachkommt.

        Daher hoffe ich sehr, dass die alten Schätze geklont werden. Frei nach Ulis Motto:
        „Und das war erst der Anfang!

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    Viertelnote  AHU

    ich nehme da lieber meinen Korg DELTA, soundmäßig nicht unbedingt vergleichbar,
    aber er ist einfach flexibler.
    Ist der Ensemble-Effekt beim RS-09 der gleiche wie beim Jupiter-4 ? Zumindest dürften
    es ähnliche Schaltungen sein.
    der Gebrauchtpreis ist aber die Schmerzgrenze, dafür kann er einfach zu wenig.
    Optisch sieht er nicht schlecht aus.

    liebe Grüße

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    wrywindfall  

    Ich habe diverse Stringensembles (Solina, Farfisa Synt- und Stringorchestra, Elka Rhapsody 610, Yamaha SK-20, Roland VP-330, Elektronika EM-04, EM-25, EM-26, Solton Programmer 24, TOM 1501) und muss auch zugeben, der RS-09 klingt dagegen eher übersichtlich. Aber zusammen mit meinem SH-09 kommt da schon was nettes raus. Und wer mag die großen und schweren Kisten auf die Bühne nehmen?

    Und wenn alle Stränge reißen: Noch ein paar schöne Effekte dahinter (analoger Chorus, Flanger und Phaser) und dann geht mit dem RS-09 absolut die Sonne auf!

  6. Profilbild
    fritz808  

    trocken bielleicht nicht so interessant, aber mit den richtigen pedalen im verbund, einfach genial. der eingebaute chorus klingt genial, rauscht aber leider auch böse vor sich hin, selbst dann wenn kein nutzsignal anliegt. für die weitere efektkette empfehle ich zwischen rs09 und efektkette ein noisegate. da die attacks des rs09 nicht besonders knackig sind (muss bei einer string-orgel auch nicht sein), tut es auch ein billiges gate wie z.b. das microgate von alesis. das kostet ca. 40€ – aber vorsicht – undbedingt beim kauf auf ein mitgeliefertes netzteil achten, da alesis seinerzeit miniklinkenstecker für die netztteile verwendet hat.

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