Blue Box: Roland SH-09 Vintage-Synthesizer

5. Juli 2008

Purer SH-Sound mit nur einem VCO

Der SH-09 wirkt auf den ersten Blick beinahe lächerlich. Gerade mal breiter als ein 19″-Modul, kommt dem Betrachter dieses Gerätes unweigerlich der Gedanke, es handle sich um einen Prototypen für die Spielzeugabteilung, wobei das Roland-Team rund um den SH-09 offensichtlich ein paar Keyboardtasten vergessen zu haben schien.

In punkto Klang ist der Witz aber zu Ende. Da beben die Lautsprecher, und während die Logik des Zuhörers nach wie vor dem kleinen Analogen solche Klangfülle streitig zu machen sucht, ist der Entschluss schon gefallen, dieses Gerät etwas näher zu betrachten.

Geschichtlich gesehen war der Roland SH-09 ein abgespeckter Roland SH-2 und erschien zwei Jahre nach seinem großen Bruder 1980.

Rolands 09-Serie

Der Roland SH-09 stammt aus einer ganzen Serie, die Roland zu Beginn der 80er Jahre auf den Markt brachte. Die Palette der „09er“ umfasste folgende Modelle:

Modell, Beschreibung, Jahr

  • Roland EP-09 Electronic Piano, 61 Tasten, Arpeggiator, Lautsprecher, 1980-83
  • Roland RS-09 Organ/String Machine, 44 Tasten, Chorus, 1979-80
  • Roland SA-09 Saturn 09, Multikeyboard, 44 Tasten, Chorus, 1980-81
  • Roland SH-09 Monophoner Synthesizer, 32 Tasten, CV/GATE-IN/OUT, 1980-82

Haptik und äußeres Erscheinungsbild des Roland SH-09

Mit Ausnahme des Electronic Piano EP-09 sind alle 09er-Modelle im selben schwarzen Gehäusedesign mit Plastikseitenteilen (à la Roland TR-808) und extrem robuster Metalloberfläche ausgeführt. Die 18 Schieberegler des SH-09 entstammen noch dem Roland-Design der späten 70er, sind also im Kern aus Metall und außen mit Plastik umgeben. Zudem sind sie etwas höher und somit angenehmer und exakter zu bedienen als die kürzeren Plastik-Potentiometer der folgenden Juno-60/Jupiter-8-Ära.

Struktur der Klangerzeugung

Der SH-09 ist mit einem VCO, Sub-Osc, Mixer, VCF, ADSR, LFO und den Roland-typischen Spielhilfen ausgestattet.

Nur ein VCO

Die Klangerzeugungssektion verfügt über Noise, Sägezahn, Pulswelle und modulierbare Pulswelle (durch LFO, ENV oder manuell). Mittels des fünfstufigen Oktavwahlschalters bietet der SH-09 – trotz seiner bescheidenen 2 -Oktaven-Klaviatur – ein recht umfangreiches Frequenzspektrum.
Zu seinen berühmten tiefen Bässen trägt aber sicher auch der SUB OSC bei.

plus SUB OSC

Der Sub OSC liefert ein zusätzliches Pulswellen-Signal, das entweder eine oder zwei Oktaven unter dem Signal des VCO liegt. Über den Mixer schließlich kann das Mischungsverhältnis von VCO, SUB OSC und dem an der EXT-Buchse anliegenden Signal stufenlos gemischt werden.

Typischer Roland-Sound durch den Filter

Das Filter des SH-09 entspricht der hohen Roland-Qualität aller SH-Modelle. Als Besonderheit ist es wahlweise durch ENV (+), ENV (-) und dem ENV FOL’R modulierbar. Die Resonanz bringt das Filter ohne weiteres in Eigenschwingung, so dass aggressive Klangformungen kein echtes Problem darstellen (Klangbeispiel 1: sh09_reso)

Schade ist, dass dem SH-09 keine VCF CV-IN-Buchse spendiert wurde. Allerdings ist eine entsprechende Nachrüstung für erfahrene Techniker sicher kein ernstes Problem.

VCA und ADSR entsprechen dem üblichen Standard.

Spielhilfen

Die Spielhilfen sind ebenso sparsam wie nützlich ausgelegt. In dieser Sektion findet sich zunächst der VOLUME-Regler, daneben der POWER-Schalter. Die PORTAMENTO-Funktion wird bei Betätigung des Schiebereglers sofort aktiv. Der BENDER schließlich erlaubt die stufenlose Kontrolle von VCO und/oder VCF.

Anschlüsse

Hier finden sich CV/GATE IN- und OUT-Buchsen, eine OUTPUT und PHONES-Buchse sowie der – sehr schöne und wichtige – Eingang EXT AUDIO IN. Somit kann jedes beliebige Signal in die Filtersektion eingeschleift und dort bearbeitet werden.

Der typische Roland SH-Sound

Kommen wir zum Sound des SH-09. Kleine Synthesizer bieten den Vorteil, dass aufgrund ihrer sparsamen Ausstattung der Spieler relativ schnell musikalische Ideen umsetzen kann. Das trifft gerade beim SH-09 voll und ganz zu. Seine Stärken liegen dabei eindeutig im Bassbereich. Mit modulierter Pulswelle und dem SUB OSC ergeben sich brachiale Sounds, die der kleinen Kiste nie anzusehen wären (Klangbeispiel 2: sh09_puls_mod). Das Filter arbeitet sehr solide und ist wunderbar flexibel – von weich bis aggressiv. Natürlich kann es zusätzlich mit dem Bender gesteuert und somit kreative Soli (rechts spielen, links das Filter auf und zu) mit dem SH-09 sehr schnell umgesetzt werden


Überzeugende Bässe sind aber nicht das einzige Gericht auf der Speisekarte. Solo- und Leadsounds, sogar weiche Streicherklänge (mit Vibrato) bekommen Sie geliefert. Die RANDOM-Funktion des LFO erlaubt außerdem die typischen S/H-Filter-Modulationssounds bei etwas erhöhter Resonanz. Und mit NOISE können Wind, Snaredrum, Hi-Hats oder andere Effektklänge schnell erzeugt werden.

So stellt sich also die Frage, wofür der SH-09 nun prädestiniert ist: als Bass-Synthesizer, das steht fest. Sollten Sie statt dessen auf der Suche nach einem Allrounder sein, der neben starken Bässen auch gute Effektklänge liefern kann, dann wären da u.a. Sequential Pro-One und ARP Odyssey zu nennen.

Der Roland SH-09 on YouTube

Fazit

Rolands SH-09 ist rundum überzeugend. Wer schon einen Jupiter-8, Minimoog oder sonstigen Klassiker sein eigen nennt, für den ist dieser kleine Synthesizer sicher entbehrlich. Für diejenigen aber, die zu ihren digitalen Racks oder virtuell-analogen Klangerzeugern einen „echten“ Synthesizer suchen, der wenig Platz wegnimmt und doch das gewisse „Etwas“ an analoger Wärme und perkussiver Schärfe ins Spiel bringt, für diejenigen ist der SH-09 sicher interessant. Einerseits sind die Sounds – wenngleich nicht unglaublich vielfältig – so doch extrem durchsetzungsfähig. Zum anderen haben Sie hier ein Gerät von qualitativ hochwertiger Bauweise – was ja leider nicht von allen Analogen behauptet werden darf.

Der SH-09 ist somit allen wärmstens zu empfehlen, die auf der Suche nach „good-sound-but-no-problem“ sind.

Plus

  • hochwertige Verarbeitung
  • sehr gute Bass-Sounds
  • einfache Bedienung

Minus

  • kein VCF CV-IN
Klangbeispiele
Forum
  1. Profilbild
    der jim  RED

    Hach ja, der gute SH09. Warum habe ich bloß meinen seinerzeit verkauft? *grübel*
    Mir ist besonders der sehr lebendige (weil etwas instabile?) Oszillator im Gedächnis geblieben. Allerdings war bei meinem Modell das Filter nicht so bissig. Differenzen von Gerät zu Gerät sind ja bei den alten Rolands leider eher Regel als Ausnahme, siehe TB und 808. Aber SH09 und 808 nebeneinander, das sieht schon richtig schick aus ;)

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    AMAZONA Archiv

    Nicht ganz klar kommt im Text heraus, dass der External In mit einem Envelope Follower versehen ist, so kann man recht genial z.B. Drumloops verwursten…

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    AMAZONA Archiv

    Ich mag eigentlich diese einfachen Synths jener Zeit, habe mich allerdings damals zu Yamahas CS 5 entschieden, der mir auch heute noch sehr gut gefällt. Wie von Theo gesagt, man hat sehr schnell ein Ergebnis, für einen Livesynth ideal, und dort wird dann auch nicht die Modulation der LFO Geschwindigkeit durch die Tastatur gefragt, sondern eher die drastischen Eingriffe

  4. Avatar
    AMAZONA Archiv

    Zitat: ". Die 18 Schieberegler des SH-09 entstammen noch dem Roland-Design der späten 70er, sind also im Kern aus Metall und außen mit Plastik umgeben. Zudem sind sie etwas höher und somit angenehmer und exakter zu bedienen als die kürzeren Plastik-Potentiometer der folgenden Juno-60/Jupiter-8-Ära."

    Mir kommen die Schieberegler beim SH-09 exakt gleich vor wie bei Juno-60 und Jupiter-8. Ich hab noch nicht nachgesehen, aber sind das tatsächlich andere? Oder ist eher Juno106 und JP6 gemeint?

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