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Interview: Endorphin.es Gründer Andreas Zhukovsky

22. Mai 2021

Schmerzlindernd: Andreas Zhukovskyi im Gespräch

Der Mastermind hinter endorphin.es, Andreas Zhukovskyi in einer Bildmontage von AMAZONA.de

In den letzten beiden Jahren wurden von Endorphin.es viele Eurorack-Module veröffentlicht, erst jüngst waren es das Golden Master Multiband Modul und der Ground Control Sequencer.

Auch sonst präsentiert sich der Eurorack-Hersteller etwas anders als andere Manufakturen, auch weil eine gewisse Julia Bondar die Produkte mit teils „interessanten“ Fotos  präsentiert.

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Ursprünglich aus der Ukraine kommend, haben Andreas Zhukovsky und Julia Bondar (von der wir nur den Künstlernamen kennen), die Marke Endorphin.es in Spanien beheimatet. Sicher spielt da ein wenig Marketing mit, denn bis auf den Firmensitz ist an den Produkten nicht viel spanisch, da auch die Module in der Ukraine gefertigt werden.

Für das online geführte Interview hat man uns leider auch nur ein Foto des Firmengründers zur Verfügung gestellt. Kreatives Chaos in allen Ehren, aber ein paar Bilder mehr hätten es schon sein dürfen.

Steffen Bernhard hat aber trotzdem das Beste für uns draus gemacht.

Viel Spaß beim lesen,

Eure AMAZONa.de-Redaktion

Endorphin_Andreas_Zhukovskyi

Der Mastermind Andreas Zhukovskyi in seinem kreativen Umfeld

Steffen:
Was war der ausschlaggebende Punkt, die Firma Endorphin.es für modulare Hardware zu gründen? Wie fing das denn alles an?

Andreas:
Hi, ich bin Andreas Zhukovsky und ich bin Designer aller Endorphin.es Produkte. Alles begann um das Jahr 2000 in Kiew, in der Ukraine. Es begann mit meinem Interesse für Synthesizer, mit welchen ich mich dann sehr intensiv, vor allem mit dem Ursprung und dem Aufbau, beschäftigt hatte. Um 2009 begann ich mit dem Entwerfen und der Herstellung erster DIY Projekte. Die Länder nach dem Ende der UdSSR hatten nur einen sehr eingeschränkten Zugang zu den entsprechenden elektronischen Instrumenten mit Rang und Namen, was auch die Entwicklung der elektronischen Musikszene entsprechend beeinflusste und verlangsamte. Der Zugang zu Moogs, ARPs oder Rolands, ganz zu schweigen von Buchla oder Serge, war fast unmöglich und unerschwinglich. Ich recherchierte online verfügbares Material, über den Buchla Complex Waveform Generator 259, der mir von einem Freund empfohlen wurde, und simulierte dann alle seine Blöcke und baute sie mit großer Motivation von Grund auf neu auf. Im Prinzip wollte ich nur herausfinden, wie es sich anfühlt, mit modularen Synthesizern zu spielen. Das alles fand in meiner damaligen Küche statt.

Steffen:
Wie hat sich seitdem das Unternehmen entwickelt und wie viele Leute seid ihr nun?

Andreas:
Seitdem ging die Firma einen sehr außergewöhnlichen Weg bis zu dem Punkt, an dem wir heute stehen. Es sind mehr als 10 Personen aus 4 weiteren Ländern beteiligt, die in unterschiedlichen Bereichen arbeiten: Coden, Montage und Entwicklung, Verkauf, Werbung und was man sonst noch so alles unternehmen muss, um bemerkt zu werden.

Steffen:
Ursprünglich war Endorphin.es eine österreichische Firma mit Sitz in Wien. Was ist passiert, da nun der Firmensitz in Barcelona ist?

Andreas:
Während der Prototyping-Phase zum Furthrrrr-Generators bin ich für zwei Jahre nach Wien gezogen, wo ich Moritz Scharf kennengelernt habe. Zu dieser Zeit (2011-2012) verfügte Moritz über ein Doepfer Basissystem A-100 mit einigen Eurorack-Modulen von anderen Herstellern. Als ich Eurorack endlich selber ausprobieren konnte, habe ich beschlossen den Furthrrrr Generator für dieses Format zu bauen. Mir schien das Format für die universelle Verwendbarkeit perfekt geeignet zu sein, da es nicht zu groß und nicht zu klein war. Moritz war die einzige Person, die mich damals unterstützte und wir tauschen Ideen per E-Mails aus. Er beantwortete sie alle. Außerdem half er mir, das Modul mit seinem außergewöhnlichen Design zu versehen, für das Furthurrrr Generator bekannt ist und stellte es Andreas Schneider vor. Nachdem wir einen fertigen Prototypen an Schneidersladen gesendet hatten, erhielten wir sofort weitere Nachfragen. Die ersten 35-40 Module, die ich alle mit meinen eigenen Händen in SMD-Bauweise gelötet hatte, wurden verkauft. Gleichzeitig bot uns Andreas Schneider seinen Vertrieb an und seit mehr als 10 Jahren sind sie [Alex4 GmbH, Muttergesellschaft der Schneidersladen GmbH] unsere sehr guten Geschäftspartner. So erschien der Furthrrrr Generator.

Endorphin.es: Außergewöhnliche Bildsprache im Marketing

Um eine saubere, ordnungsgemäße Produktion zu gewährleisten, kehrte ich nach Kiew in der Ukraine zurück, wo ich Verbindungen zur Montagefabrik hatte. In Kiew traf ich auch Julia Bondar und zusammen gründeten wir offiziell das erste Unternehmen von Endorphin.es & Associates LTD. Dies war der Zeitpunkt, an dem das Unternehmen mit einer gut angepassten Auftragsfertigung weitere Module entwickeln konnte und zu wachsen begann. Das war die Zeit von Shuttle Control, Terminal, Gateway und später dann Cockpit mit Grand Terminal.

Das korrupte ukrainische Recht und die sehr instabile politische Situation machten es einfach unmöglich, mit dem Rest der Welt kreative Geschäfte zu machen. Wir haben uns entschieden, die Heimat zu verlassen, um ein stimulierendes kreatives Umfeld zu finden, in dem wir unsere Leidenschaft weiterentwickeln können. Nach einigem Suchen, entschieden wir uns für Spanien und zogen nach Barcelona. Das war die beste Entscheidung, um als europäisches Unternehmen agieren zu können. So konnten wir den Vertrieb und die Warenlieferungen gut koordinieren. Auch der Service und die Reparatur, die wir selbst durchführen, sind so super zu bewältigen. Seit 2016 hat das Unternehmen zwei Büros gewechselt und befindet sich seit Anfang 2020 im Industriegebiet Poble Nou. Das ist das Kreativ-Viertel von Barcelona, ähnlich wie Kreuzberg in Berlin.

Steffen:
Auch nach über 8 Jahren ist euer erstes Modul, der Furthrrrr Generator, nach wie vor erhältlich. In wieweit war der Release des ersten Produktes ausschlaggebend für die weitere Entwicklung eurer Firma?

Mit dem Furthrrr-Generator hat alles begonnen

Andreas:
Der Furthrrrr Generator spielt in der Tat eine große Rolle bei der Entwicklung unseres Unternehmens. Die Verkäufe brachten ein Budget mit sich, das es uns dementsprechend ermöglichte, in die weitere Entwicklung zu investieren und zu wachsen. Dadurch konnten wir auch an Messen teilnehmen, in die Fertigung investieren, um neue Prototypen zu entwickeln, aber auch das Beschäftigen von weiteren Programmierern und Montage-Leuten wurde uns somit ermöglicht. Und das alles aus eigener Kraft, ohne staatliche- oder EU-Hilfen in Anspruch zu nehmen. Darauf sind wir sehr stolz. Der Furthrrrr Generator ist immer noch auf dem neuesten Stand und die Nachfrage nimmt nicht ab. Er scheint irgendwie ein edler Klassiker geworden zu sein, ähnlich wie es ein Anzug von Tom Ford ist. Durch die Veröffentlichung des Furthrrrr-Generators wurden auch die Standards für die West Coast Synthese und deren Philosophie erhöht. Überhaupt haben all unsere Module ausgereifte Funktionen und CV-Steuerung, die sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene Anwender geeignet sind. Wenn es um Stummschaltung geht, dann ist das klickfrei. Wenn es um Rauschgeneratoren oder digitalen Schwingungen geht, sind diese frei von Aliasing. Wenn es sich um digitale Filter handelt, handelt es sich um Zero-Delay-Filter ohne jegliche Verzögerung. Wir verwenden in unseren Modulen jeweils die derzeit fortschrittlichsten mathematischen Lösungen. Module mit Standardkomponenten zu entwickeln, macht für uns einfach keinen Sinn.

Steffen:
Das konzeptionelle Auftreten von Endorphin.es Geräten und das Erscheinungsbild war schon sehr früh geprägt durch das Flugcrew- und Pilotenimage, welches zum großen Teil bis heute fortgeführt wird. Wie seid Ihr darauf gekommen?

Andreas:
Einige Dinge geschehen auch unbewusst. Alle Flugmaschinen, Flugzeuge, Raketen usw. sind mit den neuesten und bestmöglichen Technologien ausgestattet, deshalb transportieren wir das in unsere Module und unser Erscheinungsbild, weil wir glauben, dass es den Musikern gefällt.

Steffen:
Der Eurorack-Markt ist meinem Gefühl nach in den letzten 4 Jahren stark gewachsen. Seht ihr das auch so? Wenn ja, habt ihr dafür eine Erklärung?

Andreas:
In den letzten 10 Jahren, in denen wir in dieser Branche sind, haben wir immer eine Tendenz zu langsamem Wachstum beobachtet. Das schnelle Wachstum in den letzten Jahren könnte auf mehr breitere Öffentlichkeit in Form von Testberichten in Magazinen, auf YouTube und eine bessere künstlerische musikalische Umsetzung innerhalb der Eurorack-Szene zurückzuführen sein. Das Eurorack-Format ist weitaus günstiger, kompakter und flexibler handhabbarer als andere modulare Synth-Formate und es wurden immer innovativere Möglichkeiten eingebaut. Das 2006 veröffentlichte Buchla-System 200e war seiner Zeit mit den Funktionen (Presets, Touch-Bedienung, digitale Generatoren und die Stimmenarchitektur) weit voraus, aber heute im Jahr 2021 hat das Eurorack-Format ein ziemlich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und bietet frische Ideen allen Musikern weltweit. Da liegt es auf der Hand, dass man das nicht bestreiten kann. Darüber hinaus wurde der Einstieg ins Eurorack jetzt einfacher: Eine große Anzahl an Racks nebst der DIY Fraktion und ultradünne Flight-Cases sind kommerziell viel erschwinglicher geworden.

Hier ein fast komplette Übersicht der Endorphin.es Module

Steffen:
Ich finde, der Zugang zu modularem Equipment hat sich in den letzten Jahren vereinfacht und das etwas elitäre und nerdige Image dieser Produktgattung (Buchla einmal ausgenommen) hat sich ebenso gewandelt. Wie seht ihr das? Wie ist eure Meinung dazu und wohin wird die Reise gehen?

Andreas:
Nun, es wurde einfacher, Equipment zu bekommen, da mehr Geschäfte die Sachen auf Lager haben. Ein sofortiger Kauf mit der Kreditkarte und mit Lieferung am nächsten Tag macht das möglich. Noch vor 5-10 Jahren musste man in der Regel monatelang warten oder beim Hersteller direkt auf der Warteliste stehen. Das bringt die Globalisierung mit sich.

Steffen:
Mein Einstieg mit Endorphin.es Modulen war erst spät mit dem BLCK NOIR. Ich fand das Modul einfach klasse, konnte aber überhaupt nicht damit leben, dass es so gerauscht hat. Deswegen habe ich es wieder verkauft. Lasst uns über dieses Problem reden. Bei anderen Modulen hattet ihr das gleiche Problem. Durch was kam das? Fehler im Schaltplan, schlechte Wahl bei Bauteilen oder konzeptionelle Schwierigkeiten?

Andreas:
Das Black Noir-Rauschen war nie ein Versehen oder ein Fehler. Es hat genau das charmante Rauschen, das es haben sollte und viele Anwender sind der Meinung, dass es auch so sein sollte, da es auf die Soundästhetik der 80er-Jahre Klänge ausgerichtet war.

Steffen:
So kann man das natürlich auch ausdrücken, aber am Ende bleibt Rauschen einfach Rauschen.

Andreas:
Roland-Drums aus den 70ern verwendeten Induktoren in ihren Klangerzeugern, was natürlich zu Brummen führte. Roland löste dies mit eingebauten Noise Gates. Wir haben nun eine ähnliche Lösung in der Black Noir Firmware eingebaut. Das Problem der heutigen elektronischen Musik ist, dass sich die Leute gegenseitig kopieren und denken, dass TR-909 Sounds essentiell für einen guten Techno-Track sind. Eine Erfolgsformel sozusagen, was die Musik aber gesichtslos und austauschbar macht. Wir hatten einige Probleme mit Rauschen bei den Milky Way und Sqawk Dirty To Me Modulen.

Das passierte, weil wir maximale Funktionen in einem kompakten Format anbieten wollten. Einige der Codezeilen freuten sich nicht über eine so enge Platzierung und verursachten einige Probleme. Während der Beta-Testphase war es nicht möglich, einzelne Module allein im Rack zu testen. Ein problematisches Rauschen ist in den meisten Fällen störender und wäre entdeckt worden, das kann aber auch vom verwendeten Netzteil abhängig sein. Daher wurde das in dieser Phase leider überhört. Solche Probleme passieren einem Unternehmen eben auch mal, wenn man versucht, so viel Nutzen und Funktionen in ein Modul zu bauen. Beads von Mutable Instruments wurde vor Kurzem auch mit so einer ähnlichen Situation konfrontiert und konnte das aber auch beseitigen. Als wir das Problem entdeckten, haben wir es sofort behoben, auch den Austausch von Mainboards für jeden Kunden, der uns an support@endorphin.es geschrieben hat, haben wir übernommen. Wie es oft so ist, liest man z.B. in Kommentaren von MuffWigglers (Anmerkung der Redaktion: jetzt ModWigglers) meistens nur die schlechten Kritiken und nicht die guten. Zufriedene Nutzer schreiben weniger bis gar nichts.

Ganz aktuell im Programm, das „Golden Master“ Modul

Steffen:
Dem kann ich nicht zustimmen. Wir haben hier auf AMAZONA.de sehr viel Kommentare mit Lob für gute Produkte, aber natürlich auch Kritik wenn Produkte fehlerhaft sind.  Nun gut, dieses Problem habt ihr nun weitestgehend mit Updates beheben können. Gab es auch Hardwarere-Visionen? Wie sehr hat euch das beschäftigt? Hat euch das viel Kraft oder sogar auch noch viel Geld gekostet?

Andreas:
Korrekturen sowie zusätzliche Funktionen oder zusätzliche Features kosten immer Geld und werden von uns für alle Module kostenlos geliefert. Natürlich kostet die Zeit, die die Programmierer benötigen, um den Code zu schreiben oder oft sogar vollständig neu zu schreiben, Geld. Firmware-Updates verbessern die Funktionen Leistung und Benutzerfreundlichkeit stetig weiter. Der Mehrwertdienst von Endorphin.es Produkten ist, dass wir unsere Produkte immer weiter verbessern und Updates unseren geschätzten Kunden anbieten. Wir haben auch einen erstklassigen technischen Service, weil unser Ruf eine hohe Priorität hat und wir eine langfristige Beziehung zu unseren Kunden pflegen möchten.

Steffen:
Dreadbox, Behringer und andere Hersteller erobern sich das Gebiet der Low-Budget-Module, die besonders für Einsteiger interessant sind. Die Preise eurer neuen Modulserien sind auch etwas nach unten gerutscht. Wollt ihr in Zukunft auch das untere Preissegment bedienen?

Andreas:
Endorphin.es war nie eine Marke für die Masse, einfach weil wir die fortschrittlichste Technologie und einen starken Klangcharakter bieten. Wir sind gegen einen dauerhaften Konsum in Folge von Obsolenszenz und unsere Produkte sind für ein langes Leben designt und hergestellt. Nicht nur in Bezug auf die Lebensdauer, sondern auch in Bezug auf die vielfältigen Funktionen. Manch andere Low-Budget-Module werden ähnlich eines Kit-Objektives bei Systemkameras auf die gleiche Weise ersetzt werden. Dennoch haben wir relativ wenige 6HP Module zu einem erschwinglichen Preis auf den Markt gebracht, die aber immer noch mit umfangreichen Funktionen ausgestattet sind und zwar für diejenigen, die auch tiefer in die Module eintauchen wollen. Zudem freuen wir uns sehr, dass auch Neueinsteiger mit den übersichtlichen Funktionen einen einfachen Zugang zum Lernen finden. Dies bedeutet, dass mehr Menschen in die modulare Welt einsteigen und in Zukunft die Module der Marke Endorphin.es erleben möchten.

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Steffen:
Die 6HP Module haben sehr viele Funktionen auf engem Raum, die auch sehr innovativ sind, bei denen die Lernkurve doch recht hoch ist. Wie erarbeitet ihr euch die Ideen für solche Module? Wie ist der Prozess von der ersten Idee zum ersten Prototypen oder sind das im Prinzip Module, die ihr euch selbst wünscht, aber sonst nirgends bekommen könnt? Wie entsteht so ein Modulkonzept bei euch?

Andreas:
Die grundlegende Idee für die 6HP Modullinie war es, Auszüge aus den weit komplexeren und teureren Modulen, wie z. B. der im Shuttle System, auszugliedern. Das Milky Way und das Sqwk Dirty Modul waren der Effektblock und das Filter vom Grand Terminal, das wir seit 2016 anbieten. Viele der Effektalgorithmen und schwierige mathematische und digitale Zero-Delay Filter haben eine langjährige Entwicklungsarbeit hinter sich. Das Modul Airstreamer ist ein Hüllkurvengenerator, der ebenfalls vom Terminal/Grand Terminal stammt. Der Code wurde jedoch von zwei Programmierern auf einem neuen leistungsstarken Prozessor von Grund auf neu geschrieben, um das Aliasing erheblich zu reduzieren. Godspeed + ist eine abgespeckte Version des Furthrrrr-Generators , welches sogar dem Autotuner vom Autopilot Modul, einen zusätzlichen Rauschgenerator und einen diskreten Suboszillator bereitstellt. Ich finde, das ist eine clevere Idee, denn mit diesen Ergänzungen bekommt das Godspeed + mit West-Coast Attitüde die VCO-ähnlichen Funktionen des SH-101, um einfachere Stimmen erzeugen zu können. Das Modul Running Order wurde zu einem kleinen Zero-Jitter-Subsequencer, der mit euklidischen Modi und sogar mit Wahrscheinlichkeit und Ratchening „gewürzt“ ist. Wir hatten alle diese Technologien und das komplexe mathematische Wissen, deren Entwicklung Jahre dauerte, deswegen haben wir uns entschlossen, das zu konzentrieren und in kleineren Modulen anzubieten, da wir eine Tendenz zur Verkleinerung der Module beobachteten und somit diese Lücke schließen wollten. Die meisten Kunden haben gar nicht erkannt, woher diese Modulideen kommen. Sie wurden als neue Module wahrgenommen, ohne dabei die bestehenden größeren Module zu kennen. Das ist aber in Ordnung, denn man kann heutzutage nicht immer alles erfassen, weil es so viele Informationen um uns herum gibt, solche Einzelheiten entgehen einem dann schon mal.

Steffen:
Bleiben wir noch bei den 6HP Modulen: Bei näherer Betrachtung der Platinen fällt einem schon auf, dass dort High-Tech auf kleinstem Raum verbaut ist. Mit Updates werden aus 48 kHz plötzlich 96 kHz Module? Wie ist so was möglich? Das ist doch hohe Kunst?

Andreas:
Mit dem 96 kHz Update für das Squawk Dirty To Me Modul (während der ersten Lockdowns im Jahr 2020) war es keine große Sache, da der gleiche Prozessor im Grand Terminal die Effekte ausführte. Durch das Verkleinern und Wegfallen so mancher Funktion konnte zusätzliche CPU-Leistung freigelegt werden und damit konnten wir die doppelte Abtastrate einbauen. Wir haben viele solcher Projekte laufen, ich arbeite mit bis zu 4 Programmierern an solchen Dingen. Gelegentlich bringt ein Programmierer neue Ideen in bereits implementierte Produkte ein und wenn das nicht schwierig ist, setzen wir das um. Daraus sind zum Beispiel die zwei schaltbaren Bänke für die Grand Terminal FX-Engine entstanden. Das bringt eine neue Sicht auf ein bereits hergestelltes Modul.

Steffen:
Ihr entwickelt doch bestimmt gerade neue Module. Wenn ja, kann man schon etwas Ungefähres dazu sagen?

Andreas:
Zunächst arbeiten wir gerade hart daran, alle im Ground Control Sequencer versprochenen Funktionen fertigzustellen und nachzureichen. Dies ist das derzeit schwierigste Projekt, an dem wir arbeiten und sein Codierungsende ist noch nicht einmal sichtbar. Aber es geht sehr weit und wir hoffen, bald mit der Implementierung der CV-Inputs beginnen zu können. Da Julia bisher mit dem Arturia Beatstep Pro gearbeitet hat, half ich ihr, ihr gesamtes Live-Programm in den Ground Control-Sequencer zu übertragen. Dadurch konnten wir gezielt tiefergehende Fehler finden und beheben, die wir ansonsten wahrscheinlich mit den „normalen“ Tests nicht entdeckt hätten. Ground Control wird zu einem allumfassenden und schnell zu bedienenden Sequencer mit eigener Philosophie und alternativen tieferen Bedienfunktionen werden, der jedoch recht einfach zu bedienen ist. Unsere Inspiration für dieses Modul war, eine Workstation fürs Sequencing zu bauen.

Endorphin.es Company

Steffen:
Einen Wunsch hätte ich zur Freeze-Funktion des Milky Way Modules: Der Regelbereich ist mir zu weit gefasst, meist gefällt mir der Regelbereich um 12 Uhr. Kann man die Kurve nicht etwas mehr auf dem Makro-Granular-Bereich konzentrieren, den Loop also verkleinern?

Andreas:
Wir werden versuchen, die Kurve zu korrigieren, da wir eine Liste zusätzlicher Funktionen haben, die wir hinzufügen möchten. Dies geht jedoch nicht sofort, da dies den Rest der laufenden Projekte beeinflussen würde. Manchmal brauchen selbst große Unternehmen Jahre, um die offensichtlichsten Probleme zu beheben. Ich bin stolz darauf, dass wir flexibler sind und dies schneller tun können. Mit der Freeze-Funktion ist das aber nicht so einfach. Der Crossfade-Punkt in der Mittelposition dient der Überblendung für den umgedrehten Sound und dem fortlaufenden Sound. Wenn man jetzt den Freezer wie bei einem Plattenspieler nutzen will, muss das Modul die Vergangenheit und die Zukunft kennen. Da man die Zukunft aber noch nicht so einfach kennen kann, müssten wir den Buffer in zwei Teile aufteilen. Einer spielt vorwärts und einer spielt rückwärts, was eine doppelte Speichernutzung mit sich bringt (die bereits eh schon runtergesampelt ist). Viele DSP-Lösungen gaukeln manchmal solche Dinge vor. Wir werden jedoch versuchen, das korrekt umzusetzen.

Steffen:
Cool fände ich auch, wenn man sich selbst die Effektprogramme zusammenstellen könnte, z. B. indem man mit einem Editor die einzelnen Programmcodes per Audio selbst zusammenschneidet und dann als Update ins Modul schickt.

Andreas:
Alles ist möglich – die Frage ist nur, ob das wirklich nötig ist? Im Moment haben wir eine Reihe von einzigartigen, großartig klingenden 16 Audioeffekten, aufgeteilt in zwei Bänken. Wir sehen derzeit keine Notwendigkeit für individuelle Bestückung der Effektbänke, da andere Projekte weitaus höhere Priorität haben.

Steffen:
Ja, das stimmt schon, so richtig benötigen würde man das nicht. Es ist auch klar, dass meistens an was Neuem gearbeitet wird. Welche Module von Endorphin.es würdet ihr einem Neueinsteiger für ein kleines Setup empfehlen? Und welche Tipps sind eurer Meinung nach wichtig für Anfänger?

Andreas:
Unsere Empfehlung ist es, einfache Module mit zielgerichteten Funktionen auszuwählen. Wenn das Modul zu viele Möglichkeiten hat, ja vielleicht sogar eine offene Architektur hat (oder noch schlimmer, wenn man selbst Algorithmen verändern kann), ist es eher ein Spielzeug für Nerds als ein Produkt, um damit Musik zu machen. Unsere Unternehmensphilosophie basiert auf Musikalität und das kann man auch sehen bzw. hören, wenn man unsere Accounts in den sozialen Netzwerken anschaut. Ebenso natürlich auf unserem YouTube Kanal oder eben auch bei Julia Bondar auf der Website.

Endorphine.es Aushängeschild Julia Bondar

Steffen:
Ich habe noch einige spezielle Fragen an Julia Bondar, wenn es gestattet ist! Du bist die musikalische und auch plakative Galeonsfigur, die die Marke Endorphin.es nach vorne trägt. Wie kam das zustande und welche Rolle spielst du innerhalb von Endorphin.es?

Julia: 
Danke, dass du fragst. Ich wurde fast zu Beginn der Herstellung von Furthrrrr-Generatoren Teil des Unternehmens und war eigentlich gar nicht von mir überzeugt. Ich hatte nicht vor, meine echt schlechten Jams im Modularbereich überhaupt zu zeigen. Der musikalische Anspruch an mich selbst war viel zu hoch, also hatte ich nur privat damit Spaß. Aus diesem Grund habe ich mich darauf konzentriert, Andreas bei der Verwaltung von Produktions-, Montage- und Organisationsaufgaben zu unterstützen, die das Unternehmen benötigt.

Steffen:
Hast du vor deiner Zeit mit Endorphin.es schon Musik produziert?

Julia:
Nein, ich habe es nie gewagt, mich musikalisch zu betätigen. Ich hatte überhaupt keine Erfahrung, generell was Instrumente jeglicher Art betrifft. Ich habe alles durch die Interaktion mit modularen Synthesizern gelernt und das BeatStep Pro hat mir den Einstieg und die Möglichkeit gegeben, Sequenzen zu gestalten und zu verbinden. Deswegen glaube ich, dass neue Technologien Türen für solche nicht trainierte Musiker wie mich öffnen können. Zusätzlich hat die Interaktion mit dem Modularsystem mir einen Weg gezeigt, einfach anders Musik zu produzieren und das hat mich gelehrt, mir weniger Druck zu machen. Vorher war ich eher zu perfektionistisch.

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Steffen:
Frauen sind in der DJ Welt schon lange angekommen, aber wie sieht es im modularen Live-Sektor damit aus? Ich war ganz erstaunt, dass z. B. bei Instagram sehr viele Frauen gänzlich fast noch organischer mit den Modulen umgehen als die männlichen Musiker. Ist ein Modularsystem im Grunde ein perfekteres Instrument für Frauen als für Männer?

Julia: 
Ich denke, Frauen sind sensibler. Wenn sie die Musik hören, hören sie mit offenem Herzen und offener Seele. Der Mann analysiert eher und fragt sich, wie diese Musik entstanden ist. Ich finde diesen Unterschied echt sehr nervig! So betrachtet, frage ich nicht mal das Genie Andreas nach den Details der Module, denn ich muss nicht jedes noch so kleine Detail und wie das alles zusammenhängt, darüber wissen. Wenn ich also Musik damit mache, würde mich dieses große Wissen nur ablenken. Also nehme ich einfach ein neues Modul und patche es direkt, um zu schauen, was man damit machen kann. Männer hingegen befassen sich schon im Vorfeld mit den Möglichkeiten und müssen alles planen. Auch im Kundensupport fällt mir auf, dass Männer oft eine Verbesserung an Modulen vorschlagen und wir dann dabei feststellen, dass es entweder versäumt wurde, die vorhandenen Funktionen auszuprobieren oder auch unnötige Funktionen vorgeschlagen werden.  Frauen sind meist mit dem zufrieden und nehmen ein Instrument als gegeben hin, ohne es unnötig zu zerpflücken.

Steffen:
Wie bist du überhaupt zu dem modularen Zeug gekommen?

Julia: 
Ich hatte im Prinzip Angst vor Modularsystemen, weil die Musik, die ich von anderen hörte, mir eher schrecklich vorkam und mich nicht inspirierte. Die Sound-Demos, die wir dann von anderen Künstlern für unsere Module gemacht haben, waren nie zufriedenstellend genug. Unsere Klangexperimente bei uns in der Küche waren da besser. Darum haben wir beschlossen, das selbst in die Hand zu nehmen und unsere Module aus der ursprünglichen Sichtweise vorzustellen. Tatsächlich hat das dazu geführt, dass der Absatz von Modulen nach oben ging, als ich anfing, in dem Bereich aktiver zu werden. So hat sich das nach und nach entwickelt und so bin ich überhaupt mit modularen Systemen in Berührung gekommen.

Steffen:
Wenn ich noch mal den Vergleich zwischen Djane und Modular-Frau ziehen darf, hätte ich noch mal eine Frage: Wirst du vom Publikum eher wie eine Außerirdische behandelt, also mit viel Respekt, oder wie kommen die Leute nach dem Set auf dich zu? Denn verstehen tut ja keiner was du da mit dem Kasten vor dir machst. Erzähl doch mal.

Julia: 
Erstens lebe ich in Spanien, wo jede zweite Person ein DJ ist. Das Publikum hier erkennt sowieso den Unterschied zwischen Live-Musikern und DJ meistens nicht, ganz speziell in den Clubs, in denen ich am liebsten auftrete. Manchmal frage ich mich, warum das Publikum sich darum kümmern sollte? Ich performe Dance-Music in den Clubs, um Menschen dazu zu bringen, der Realität zu entkommen. Die Leute sollten die Musik und den Tanz genießen. Ich höre viel Kritik von meinen Kollegen, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen, dass meine Musik zu einfach oder zu minimal sei, aber wenn ich höre, wie die Leute in bestimmten Momenten reagieren, ist dies für mich das beste Kompliment und es interessiert mich relativ wenig, was andere Snobs denken. Ich bin sehr dankbar, dass mich die modulare Community unterstützt, aber ich bin trotzdem sehr stolz darauf, dass mehr als 60 % meiner Zuhörer eigenständige Fans sind, die im Laufe der Jahre zu mir gefunden haben. Sie hören mit ihrem Herzen zu. Musik sollte nicht analysiert, sondern gefühlt werden.

Steffen:
Vielen Dank an euch beide für die offenen Antworten. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg mit der Firma und viel Glück und Spaß im privaten Bereich.

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Forum
  1. Profilbild
    pol/tox  

    Interessant mal die Geschichte von endorphin.es zu hören. Ich habe lange geglaubt, das wäre ein österreichischer Hersteller.

    Danke für’s Interview!

  2. Profilbild
    swellkoerper  AHU

    Auch bei mir hat das Interview manche Wissenslücke geschlossen. Dennoch muss ich sagen, dass mich das Interview verärgert zurückgelassen hat. Irgendwie wurde hier aneinander vorbei geredet. Für Andreas war das wohl ein Marketing-Termin wo Marketing-Phrasen gedroschen werden, das kann man noch verstehen. Nicht verstehen kann ich, wie der Interviewer auf die komische Idee kam, seine persönlichen Support-Anliegen und Featurewünsche hier unterzubringen. Ich meine eine leicht genervte Note von Andreas zu vernehmen, als er diese Fragen dann auch ultimativ abgeklemmt hat. Julia konnte sich einen Seitenhieb auch nicht verkneifen. Warum man ihr noch so eine Gender-Diskussion aufdrücken musste, ist mir schleierhaft. Dieses Interview fühlt sich einfach nur falsch an, sorry.

    • Profilbild
      [P]-HEAD (S.Bernhardt)  RED

      Hey Schwellkorper,
      ich kann Deine Kritik absolut nachvollziehen, und gehe darauf ein. Führe mal ein schriftliches Interview wenn bei keinem der Parteien die Muttersprache eben nicht englisch ist. Dann wird das ganze mehrfach übersetzt und sinngemäß Korrektur gelesen. Das erklärt wohl das „aneinander vorbei reden“. Aber ich kann mir eben nichts aus den Fingern saugen. Wenn er eben so antwortet, dann muss ich das so auch schreiben. Wenn dabei Phrasen des Marketings rumkommen, sind mir hier die Hände gebunden. Dann muss ich und der Gesprächspartner (und auch die Leser) eben damit leben. Zu den Fragen: Ich mache vorher ja keine Umfrage, was die Leser gerne wissen möchte. Das waren eben meine Fragen, und das hat mich interessiert. Ausserdem kann man auch Rückschlüsse auf gewisse Dinge ziehen, auch wenn einem die Frage nicht interessiert. Wieso Gender-Diskussion? Die Frage kam mir eben, bzw. sie liegt auf der Hand. Wenn ich (Penishead :-) live mit meinem Zeug rumstehe staunen alle wie irre, und wissen nicht was das alles zu bedeuten hat (Eurorack). Ich weiß ja nicht wieviele Frauen Du kennst, die mit Eurorack zu tun haben? Ich wollte einfach wissen wie die Leute darauf reagieren. Ich habe die Antwort nicht als negativ empfunden, auch nimmt mir Julia das nicht übel. Ich stehe ja in Kontakt mit Ihr. Also, das scheint nur Deine Eindruck zu sein. Und das ist ja ok!

      • Profilbild
        swellkoerper  AHU

        Danke für Deine Antwort. Für mich beginnt eine Genderdiskussion da, wo man die reine Sachebene verlässt und beginnt Unterschiede zwischen den Geschlechtern herauszuarbeiten. Ich verstehe halt nicht, was das mit Gear, Musik und den Umgang damit zu tun haben soll, aber das mag wie Du richtig sagst, nur meine Befindlichkeit sein. Grüsse.

  3. Profilbild
    Green Dino  AHU

    Das hier im letzten Absatz fand ich übrigens ganz toll:

    „Manchmal frage ich mich, warum das Publikum sich darum kümmern sollte? Ich performe Dance-Music in den Clubs, um Menschen dazu zu bringen, der Realität zu entkommen. Die Leute sollten die Musik und den Tanz genießen. Ich höre viel Kritik von meinen Kollegen, die sich mit elektronischer Musik beschäftigen, dass meine Musik zu einfach oder zu minimal sei, aber wenn ich höre, wie die Leute in bestimmten Momenten reagieren, ist dies für mich das beste Kompliment und es interessiert mich relativ wenig, was andere Snobs denken.“

  4. Profilbild
    Lensman  

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie Hersteller die Fehler in ihren Produkten schönreden. BLCK NOIUR hat einfach gerauscht wie die Hölle.. aber klar, laut Hersteller ist das natürlich 80s-Charme!!!

    • Profilbild
      [P]-HEAD (S.Bernhardt)  RED

      Danke, das Du das so sagst, denn das war wirklich ein riesen Problem, welches hoch und runter in den Foren diskutiert wurde. Was haben die Leute versucht, das zu beheben und haben Unmengen an verschiedenen Netzteilen und Racks ausprobiert. Ich finde auch, das er dazu hätte stehen können. Aber was soll´s! Ist im Prinzip Schnee von gestern.

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